Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2023

Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung: Aufgabe 1

Interpretieren Sie die folgende Quelle, indem Sie diese Teilaufgaben bearbeiten:

Materialgrundlage

Hans Modrow: Eröffnungsrede auf dem außerordentlichen Parteitag der SED am 8. Dezember 1989 in Berlin. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Redner: Hans Modrow (1928–2023) war stellvertretender Parteivorsitzender der SED, Vorsitzender des Ministerrates vom 13. November 1989 bis 12. April 1990 und führte in dieser Zeit die Regierungsgeschäfte der DDR. Die SED löste sich auf dem außerordentlichen Parteitag im Dezember 1989 auf und formierte sich als SED-PDS (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus) neu.

1 Liebe Genossinnen und Genossen! Wenn ich zur Lage im Land sprechen soll, dann ist es

zuerst natürlich auch das Wort für und an unsere Partei. Zu diesem außerordentlichen Partei-

tag sind aus allen Teilen unserer Republik die gewählten Delegierten zusammengekommen.

Wir wurden gewählt nach kritischer Auseinandersetzung und oft langem, offenem Meinungs-

5 streit. Dieser nicht selten schmerzliche Prozeß war Beginn der Abrechnung mit Vergangenem,

das nicht vergessen werden kann und nicht vergessen werden darf.

Mit dieser Wahl der Parteitagsdelegierten wurde zugleich eine Hoffnung, ja ein Wille deut-

lich: Laßt uns diese Partei, die sich auf Karl Marx und Friedrich Engels, Wilhelm Liebknecht

und August Bebel, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Ernst Thälmann und Rudolf Breit-

10 scheid, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl beruft, laßt diese Partei nicht zerbrechen, nicht

untergehen, sondern macht sie sauber und stark, (Beifall) macht sie sauber, damit jeder Genosse

jedem Bürger gerade in die Augen blicken kann, macht sie stark, damit sie dem gesellschaft-

lichen Fortschritt in unserem Lande dienen kann – und das bedeutet für mich, dem Volk zu

dienen. [...]

15 Unsere erste Aufgabe wird darin bestehen, dieses Land zu bewahren, und dem sollten, ja

müssen wir alles andere unterordnen. Es geht darum, unserem Land die Existenz, den Frieden

zu bewahren, und beides ist bedroht, wie sich in diesen Tagen zeigt.

Die erste Frage gilt also der Lage, dem inneren Zustand unserer Republik, für die sich die

meisten unter uns so viele Jahre eingesetzt haben und die jetzt nach Heilung schreit.

20 Erstens ist es notwendig und möglich, überall für Ordnung, Gesetz und Recht zu sorgen. Dafür

hat die Regierung in diesen Tagen eine Reihe von Maßnahmen getroffen. Das gilt auch für die

Sicherung von Beweisen für Rechtsbruch, Amtsmißbrauch und Korruption unter der früheren

sogenannten Partei- und Staatsführung.

[...]

25 Außenpolitisch bläst diesem Staat der Wind nicht ins Gesicht, und zwar so lange nicht, wie

wir, alle ehrlichen Bürger, gemeinsam für innenpolitische Stabilisierung, für menschlichen

Anstand sorgen und insbesondere für wirtschaftliche Stabilität, aus der allein wirtschaftlicher

Aufschwung erwachsen kann. Die sozialistischen Partner erwarten von uns – und damit sind

alle Kräfte gemeint, die eine erneuerte sozialistische Gesellschaft zu tragen bereit sind – eine

30 Stabilisierung dieses Staates in voller Souveränität, also keinen Ausverkauf an die BRD.

Unsere Verbündeten sagen ebenso wie meine Regierung, daß eine Vereinigung der beiden

deutschen Staaten zu einem Staat nicht auf der Tagesordnung steht. (Beifall)

Und von „Wiedervereinigung“ sollte man richtiger Weise überhaupt nicht reden, weil das

Wort „wieder“ ein Anachronismus ist und berechtigte Bedenken, ja Ängste vor großdeut-

35 schem Chauvinismus weckt. Unsere Verbündeten, an erster Stelle die Sowjetunion, ebenso

aber die unmittelbaren Nachbarländer und alle anderen Partnerstaaten, setzen auf eine souve-

räne sozialistische Deutsche Demokratische Republik, die außenpolitisch eine Voraussetzung

für politische Stabilität in Europa ist. (Beifall)

[...]

40 Ich darf hier hinzufügen, daß die erklärten Interessen anderer Staaten, beispielsweise Frank-

reichs und Großbritanniens ebenfalls auf die Existenz zweier deutscher Staaten gerichtet sind.

Beim Treffen mit Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat meines Wissens auch Präsident

Bush bekräftigt, dass die USA an den bestehenden Grenzen, am Bestehen zweier deutscher

Staaten, an den Realitäten der Nachkriegszeit festhalten und – wenn ich das richtig interpre-

45 tiere – nicht die Absicht haben, die Ereignisse in der DDR in Richtung Wiedervereinigung zu

forcieren. (Beifall)

[...]

Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl diesen Gedanken aufgegriffen und mit dem Hinweis

auf konföderative Schritte ausgebaut hat, so ist dies, meine ich, maßvoller Ansatz für bevor-

50 stehende Erörterungen, wobei die DDR vor allem an dem interessiert ist, was man für 1990

und das folgende Jahr konkret einleiten könnte, um erst einmal die Kooperation auszubauen.

[...]

Als Staat im Zentrum Europas, auch als sozialistischer Staat haben wir nur eine Chance, wenn

wir uns in den Weg zur Überwindung der Teilung Europas einordnen. In den langen Jahren

55 der Konfrontation hatte die DDR eine stabilisierende Funktion als ein bedeutender Faktor des

europäischen Friedens. Heute stehen wir am Beginn einer neuen Ära, entwickelt sich ein ande-

res Europa. In ihm gibt es keinen Platz mehr für Sperriegel, in ihm hat die DDR einen Platz

nur als solider Baustein eines gemeinsamen europäischen Hauses, in dem souveräne Staaten

unterschiedlicher politischer und sozialer Ordnungen gleichberechtigt, freizügig, ja auch groß-

60 zügig und tolerant zusammenwirken. Nur eine neue DDR paßt in dieses Europa, denn es soll

in der Perspektive ein entmilitarisiertes, demokratisches, humanistisches und ökologisch ver-

nünftig gestaltetes Europa werden. (Beifall)

[...]

1.

Analysieren Sie die Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den historischen Zusammenhang des Jahres 1989 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie Modrow die DDR sieht (14 Punkte). [28 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Position des Redners. [26 Punkte]

Hinweis zur Gesamtbewertung: 80 Punkte entfallen auf die inhaltliche Leistung der drei Teilaufgaben, 20 Punkte auf die Darstellungsleistung (Strukturierung, Fachsprache, Belege, sprachliche Richtigkeit).

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Sie analysieren die Quelle. (26 Punkte)

Lösung: Analyse der Rede von Hans Modrow hinsichtlich formaler Kriterien (Redner, Adressaten, Quellengattung, Datum, Ort, Thema, Intention) sowie Wiedergabe von Inhalt und Gedankengang.

2. Sie ordnen die Quelle in den historischen Zusammenhang des Jahres 1989 ein (14 Punkte)

Lösung: Einordnung der Quelle in den historischen Kontext des Jahres 1989.

2. [...] und Sie charakterisieren, wie Modrow die DDR sieht (14 Punkte)

Lösung: Charakterisierung von Modrows Sicht auf die DDR hinsichtlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

3. Sie beurteilen die Position des Redners. (26 Punkte)

Lösung: Differenziertes historisches Urteil zur Haltung und den Vorstellungen Hans Modrows.

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