Abitur NRW Geschichte 2023 · LK · Nachtermin
Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Aufgabe GE LK NT 1 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenart: Interpretation sprachlicher oder nichtsprachlicher historischer Quellen
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die folgende Quelle, indem Sie
1.
die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2.
die Quelle in den Zusammenhang der Tätigkeit der Nationalversammlung von 1848/49 einordnen (14 Punkte) und Dahlmanns Haltung zur Nationalbewegung charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
zu den Darlegungen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)
[Hinweis: Die Darstellungsleistung wird mit zusätzlichen 20 Punkten bewertet. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte]
Materialgrundlage:
Friedrich Christoph Dahlmann: Rede in der Nationalversammlung, 22. Januar 1849. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor:
Friedrich Christoph Dahlmann (1785 – 1860): deutscher Historiker und liberaler Politiker. Dahlmann wurde 1837 als einer der sogenannten „Göttinger Sieben“ Opfer politischer Repression im Königreich Hannover. 1848 wurde er in die Nationalversammlung gewählt und nahm dort eine führende Rolle als Referent des Verfassungsausschusses ein.
Göttinger Sieben: 1837 hob der König von Hannover die erst 1833 erlassene liberale Verfassung wieder auf. Gegen diesen Akt protestierten sieben Professoren der Universität Göttingen. Auf Befehl des Königs wurden diese sieben Professoren von der Universität entfernt, drei von ihnen, darunter Friedrich Dahlmann, mussten das Königreich Hannover zudem verlassen. Dahlmann fand 1840 Aufnahme im Königreich Preußen, wo er von Friedrich Wilhelm IV. persönlich empfangen und teilweise wieder rehabilitiert wurde.
[...]
Sie haben durch Ihre letzte Abstimmung 1 ein Reichsoberhaupt genehmigt, welches genommen wird aus der Zahl der in Deutschland regierenden Fürsten, und haben damit zuvörderst der Einheit ihre billige Ehre gegeben, demnächst aber auch anerkannt, daß diese Einheit mit einer gewissen Machtausstattung versehen sein müsse, welche sie zur Herrschaft hinzubringt.
5 Das war ein wichtiger Schritt zum Heile. Denn in der Einheit Deutschland’s ist die Zukunft Deutschland’s enthalten. Meine Herren! Ich weiß gar wohl, daß ich in Deutschland verschrien bin als ein arger Unitarier, als entschlossener Einheitsmann. Darf ich Ihnen sagen, wie ich Das geworden bin? Ganz gewiß nicht aus Theorien der Schule, die man mir vielleicht sonst zutrauen möchte. – Ich bin Das geworden, was ich in dieser Hinsicht bin,
10 durch eine Kette bitterer vaterländischer Erfahrungen in einem langen Leben. (Stimmen auf der Rechten: Hört!) [...] Als ich ein Knabe war, fing jene bonapartische Siegesperiode an. [...] Das war keine leichte Zeit für einen jungen vaterlandslosen und doch deutschen Mann, der doch einige Kraft in sich fühlte, seinen ersten Anker in der menschlichen Gesellschaft auszuwerfen in dieser Periode des allgemeinen Mißmuthes, des allgemeinen Verstummens,
15 der allgemeinen dumpfen Bekümmerniß. Hierauf endlich jener Rettungsstrahl, jener Anfang der Erhebung in den Jahren 1812 und 1813. Wie sehr wünschte jeder Jüngling, wie sehr wünschte auch ich, mein Blut daran wagen zu dürfen, daß Deutschland befreit würde! [...] Nun die Zeit, die darauf folgte, die Zeit der schrecklichen Enttäuschung aller wahren Vaterlandsfreunde! Ich will sie nicht erneuern, die Schmerzen, will nicht kommen auf die schles-
20 wig-holstein’sche Sache, der ich so lange mein Dasein gewidmet; ich will nicht der hanno-ver’schen Sache erwähnen, die mir so tief in das Herz gedrungen ist. Aber glauben Sie, meine Herren, daß der Mann, der Das alles erlebt, der so viele Erfahrungen unseres vaterländischen Lebens durchgemacht hat, daß der weiß, wie tief die Uebel in Deutschland wurzeln, weiß, was zu heilen ist, und daß wir die rechte Zeit der Heilung nicht dürfen vorübergehen lassen.
25 (Bewegung. Bravo auf der Rechten und dem rechten Centrum.) Aus diesen schweren Lebens-jahren habe ich die Erfahrung geschöpft, daß wir vor allen Dingen einer einheitlichen Gewalt bedürfen, einer Einheit, der das Ganze des Vaterlandes Eins und Alles ist. Alles, was ich früher in Deutschland erblickte, alle jenen sogenannten kleinen Ganzen, die waren nur dazu da, um das große deutsche Ganze gründlich todtzuschlagen. Uns thut ein Herrscherhaus noth,
30 welches gänzlich sich unserem Deutschland widmet, gänzlich in Deutschland lebt und in nichts Anderem. Ein solches Herrscherhaus kann Oesterreich uns nicht sein, es kann es nicht, denn es hängen diesem Oesterreich, bei all seinem verdienten Ruhme, zu viele außerdeutsche Sorgen an. Oesterreich krankt an seiner Stärke ebenso sehr, wie andere Staaten an ihrer Schwäche. Die schwersten Sorgen Oesterreich’s werden erst dann beginnen, wenn es den langen
35 Lauf seiner Siege vollendet hat. Oesterreich kann uns, wie die Dinge gegenwärtig stehen, nicht vollständig angehören, es kann es nicht. Jene von Ihnen beschlossene Unterhandlung mit Oesterreich, sie kann ein Großes leisten, denn ein Großes ist schon enthalten in der glimpf-lichen Verständigung zweier so nah verwandter Mächte miteinander; aber ich bezweifle, daß sie zu einem praktischen Ziele wird führen können in einer langen Dauer der Zeiten. An den
40 Hohenzollern Preußens können wir ein solches Herrscherhaus nicht nur haben, sondern mit dem schlechtesten und dem besten Willen kann es kein Sterblicher dahin bringen, daß wir es nicht an ihm hätten. Es ist gar keine Zukunft für Deutschland möglich ohne Preußen. Hier kommt es also durchaus nicht darauf an, eine Wahl zu treffen, sondern lediglich, uns dieses Hauses von Anfang an dergestalt zu versichern (Gelächter auf der Linken; Stimmen auf
45 der Rechten: Ruhe!), daß wir die Gewißheit haben, es widme sich gänzlich dem deutschen Vaterlande, alle seine Kraft und Sorge, nicht bloß als Nebengeschäft. Das ist aber keineswegs so leicht, wie Viele unter uns glauben wollen. Nicht wenige und einflußreiche und in ihrer Art auch hochverdiente Männer in Preußen sind der Meinung, daß Preußen durchaus nicht wohlthue, seine sichere Größe, seinen festen Bestand an eine unsichere deutsche Zukunft
50 zu geben; viele solcher Männer sind der Meinung, Deutschland als Ganzes sei einmal dem politischen Elende geweiht, es sei einmal, wie ein alter Dichter sagt, „unglückselig von Natur“ 2, Preußen dürfe das Opfer seines sichern Daseins nicht für eine ungewisse deutsche Zukunft bringen. [...] Ich will meine Meinung unbekümmert sagen, wie übel sie auch von verschie-denen Seiten aufgenommen werde. Ihr dämpfet das Feuer der Anarchie in Deutschland nicht,
55 ihr dämpft dieses zerstörende Feuer weder in den kleinen Staaten, noch in den mittleren, noch in den großen endlich und in den größten der rein deutschen Staaten als nur auf einem Wege, nur auf dem Wege, daß Ihr eine kraftvolle Einheit einsetzet, und durch diese Einheit die Bahn für die deutsche Volkskraft eröffnete, die zur Macht führt. Die Bahn der Macht ist die ein-zige, die den gährenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird, der sich bisher selbst
60 nicht erkannt hat. Denn es ist nicht bloß die Freiheit, die er meint, es ist zur größeren Hälfte die Macht, die ihm bisher versagte, nach der es ihn gelüstet. Deutschland muß als solches endlich in die Reihe der politischen Großmächte eintreten. Das kann nur durch Preußen geschehen, und weder Preußen kann ohne Deutschland, noch Deutschland ohne Preußen genesen. [...] Meine Herren! Ich verdamme Niemandes (Bravo auf der Rechten)
65 Abstimmung, allein, was mich persönlich angeht, ich würde glauben, gebrochen zu haben mit Allem, was mir vaterländisch theuer und heilig ist, gebrochen zu haben mit meinem Vater-lande, wenn ich anders meine Stimme abgäbe, als für die Einheit Deutschland’s (Beifall auf der Rechten), für die erbliche Krone meines deutschen Vaterlandes. (Bravo auf der Rechten, Zischen auf der Linken) So bin ich gesonnen und werde so gesonnen bleiben, und bis an mein
70 Ende den Glauben festhalten, daß eine unbegreifliche Barmherzigkeit des Himmels uns viel-geprüften Deutschen endlich die Rettungsbahn eröffnet hat, die wir einschlagen müssen, wenn wir das Heil unseres Vaterlandes finden wollen. (Lebhaftes Bravo und Beifallklatschen auf der Rechten; Zischen auf der Linken)
1 In der Sitzung vom 19. Januar 1849 hatte die Nationalversammlung den folgenden Vorschlag für § 1 der Reichsverfas-sung mit 258 gegen 211 Stimmen angenommen: „Die Würde des Reichsoberhaupts wird einem der regierenden deut-schen Fürsten übertragen“. Die Sitzung vom 22. Januar diente auf Antrag der Linken unter anderem der Diskussion über diesen Beschluss.
2 Die Herkunft dieses Zitats ließ sich nicht ermitteln.
1.
2.
3.
Aufgabe GE LK NT 2 · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung: GE LK NT 2
Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte durchführen:
1.
Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)
2.
ordnen Sie sie in den historischen Zusammenhang ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Strategie, mit der sich Hindenburg verteidigt (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
nehmen Sie zu den Darlegungen Hindenburgs Stellung. (26 Punkte)
Zusätzlich werden für die Darstellungsleistung 20 Punkte vergeben.
Materialgrundlage:
Paul von Hindenburg: Erklärung in der öffentlichen Verhandlung des 2. Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, 18. November 1919.
(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Material: Aufgrund des Vorwurfs, Deutschland trage allein die Kriegsschuld, wurden mehrere Parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt, die eine Beteiligung der Alliierten am Ausbruch des Ersten Weltkrieges nachweisen sollten. Im zweiten Untersuchungsausschuss, vor den Vertreter der damaligen Regierung und der Obersten Heeresleitung geladen wurden, war die Ablehnung der Friedensangebote während der laufenden Kriegshandlungen Verhandlungsgegenstand. Hindenburgs Erklärung, die von Medien und Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgt wurde, fand in einem festlich geschmückten Saal statt. Der Generalfeldmarschall erschien in Paradeuniform und wurde von den Anwesenden im Stehen empfangen.
Quelle: Paul von Hindenburg (18. November 1919)
[...]
Ich gebe nur historische Daten, halte es aber für unbedingt notwendig, dass ich sie in kurzem Abriß den Herren ins Gedächtnis rufe.
Als wir in die Oberste Heeresleitung traten, war der Weltkrieg zwei Jahre im Fluß. Die Ereignisse nach dem 29. August 1916¹ lassen sich nicht losgelöst von diesem Datum denken.
5 Der Krieg, der 1914 zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn einerseits und Rußland, Frankreich und Serbien, bald darauf England, Belgien und Japan andererseits begonnen hatte, hat an Ausdehnung zugenommen. 1915 griff Italien, 1916 Rumänien an der Seite unserer Gegner in den Kampf ein. Der Krieg hatte kein Beispiel mehr in der Geschichte. Die Räume dehnten sich ins Gigantische, die Truppenmassen erreichten ungeahnte Stärken, die
10 Technik gewann eine vorherrschende Bedeutung. Krieg und Weltwirtschaft griffen ineinander über wie nie zuvor. Das zahlenmäßige Verhältnis der Streitkräfte an Maschinen, Munition und wirtschaftlichen Hilfsmitteln war für uns, und zwar von Anfang an, so ungünstig wie möglich. Niemals wog der Wert der Imponderabilien des Krieges, der moralischen Qualität der Truppen, der Anforderungen an die zentrale und lokale Führung so schwer, niemals end-
15 lich war die Leistung der Minderheit² so ungeheuer wie in diesem Kriege. Diesem Grundcharakter des Krieges hatte die Oberste Heeresleitung Rechnung zu tragen; auf ihm ruhte unsere unablässige Arbeit. Getragen von der Liebe zum Vaterlande, kannten wir nur ein Ziel: das Deutsche Reich und das deutsche Volk, soweit Menschenkraft und militärische Mittel es vermochten, vor Schaden zu bewahren und es militärischerseits einem guten Frieden ent-
20 gegenzuführen. Um diese gewaltige Aufgabe unter den schwierigsten Verhältnissen durchzuführen, mussten wir den unerschütterlichen Willen zum Siege haben. Dieser Wille zum Siege aber war unlöslich gebunden an den Glauben an unser gutes Recht. Dabei waren wir uns bewußt, daß wir in dem ungleichen Kampfe unterliegen mussten, wenn nicht die gesamte Kraft der Heimat für den Sieg auf dem Schlachtfelde eingestellt wurde und die moralischen
25 Kräfte des Heeres nicht dauernd aus der Heimat erneuert wurden. Der Wille zum Siege erschien uns natürlich nicht als eine Frage persönlicher Entschlossenheit, sondern als Ausfluß des Volkswillens. Hätten wir den Willen zum Siege nicht gehabt oder hätten wir ihn nicht beim Volke als selbstverständlich angesehen, so hätten wir das schwere Amt nicht übernommen. Ein General, der seinem Lande nicht den Sieg erstreiten will, darf kein Kommando
30 übernehmen oder doch nur mit dem gleichzeitigen Auftrag, zu kapitulieren. Solchen Auftrag haben wir nicht erhalten. Wir hätten bei solchem Auftrag auch die Übernahme der Obersten Heeresleitung abgelehnt.
Der deutsche Generalstab ist in den Lehren des großen Kriegsphilosophen Clausewitz³ erzogen. Wir sehen demgemäß den Krieg immer nur als Fortsetzung der Politik mit anderen
35 Mitteln an, nämlich mit militärischen. Unsere Friedenspolitik hatte versagt. Wir wollten keinen Krieg und bekamen doch den größten –
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
schwersten und unerbittlichsten, den die Geschichte je gesehen. Woran das gelegen hat, möge diese entscheiden. Ich weiß nur das eine mit absoluter Gewissheit: das deutsche Volk
40 wollte den Krieg nicht, der deutsche Kaiser wollte ihn nicht, die Regierung wollte ihn nicht, der Generalstab erst recht nicht, denn er kannte besser als sonst jemand unsere unendlich schwierige Lage in einem Kriege gegen die Entente. Daß die militärischen Zentralbehörden sich auf die Möglichkeit eines etwa unvermeidlichen Krieges vorbereiteten, war gewiß doch nur ihre Pflicht gegenüber dem Volke. Dazu waren sie da, und ebenso waren sie verpflichtet,
45 im Falle der Unvermeidlichkeit eines Krieges und im Kriege selbst alle günstigen Chancen auszunutzen.
Wir faßten es als unsere vornehmste Aufgabe auf, den Krieg mit den militärischen Mitteln so schnell wie möglich und so günstig wie möglich zu beenden, um der Reichsleitung, sobald es irgend ging, es zu ermöglichen, die Geschicke des Landes wieder mit den normalen,
50 friedlichen Mitteln der Politik zu bestimmen. Diese Auffassung ist natürlich; sie war maßgebend für die Führung des Krieges und bedarf keiner Erörterung. Im Weltkriege kam die Erkenntnis hinzu, die uns nicht eine Stunde verlassen hat, daß das Übergewicht der Feinde an lebendem und totem Kriegsmaterial groß war, daß die Verluste an allen Werten ein solch beispielloses Ausmaß gewinnen mußten, auch bei relativ günstigem Kriegsausgange, daß
55 diese Schwächung einem unglücklichen Kriegsausgang gleichkam. Wenn schon die Liebe zum Vaterlande und zum Volke uns zwang, den Krieg möglichst schnell zu beenden, so wurde dieser Zwang durch den oben angegebenen Grund noch verstärkt.
Wir wußten, was wir vom Heere, der oberen und niederen Führung, nicht zuletzt von dem Mann im feldgrauen Rock zu fordern hatten, und was sie alle geleistet haben. Aber trotz der
60 ungeheuren Ansprüche an Truppen und Führung, trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes konnten wir den ungleichen Kampf zu einem günstigen Ende führen, wenn die geschlossene und einheitliche Zusammenwirkung von Heer und Heimat eingetreten wäre. Darin hatten wir das Mittel zum Siege der deutschen Sache gesehen, den zu erreichen wir den festen Willen hatten.
65 Doch was geschah nun? Während sich beim Feinde trotz seiner Überlegenheit an lebendem und totem Material alle Parteien, alle Schichten der Bevölkerung in dem Willen zum Siege immer fester zusammenschlossen, und zwar um so mehr, je schwieriger ihre Lage wurde,
machten sich bei uns, wo dieser Zusammenschluß bei unserer Unterlegenheit viel notwendiger war, Parteiinteressen breit, – –
70 [Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
– und diese Umstände führten sehr bald zu einer Spaltung und Lockerung des Siegeswillens.
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
Die Geschichte wird über das, was ich hier nicht weiter ausführen darf, das endgültige
75 Urteil sprechen. Damals hofften wir noch, daß der Wille zum Sieg alles andere beherrschen würde. Als wir unser Amt übernahmen, stellten wir bei der Reichsleitung eine Reihe von Anträgen, die den Zweck hatten, alle nationalen Kräfte zur schnellen und günstigen Kriegsentscheidung zusammenzufassen; sie zeigten der Reichsleitung zugleich ihre riesengroßen Aufgaben. Was aber schließlich, zum Teil wieder durch Einwirkung der Parteien, aus
80 unseren Anträgen geworden ist, ist bekannt. Ich wollte kraftvolle und freudige Mitarbeit, und bekam Versagen und Schwäche.
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
Die Sorge, ob die Heimat fest genug bliebe, bis der Krieg gewonnen sei, hat uns von diesem Augenblicke an nie mehr verlassen. Wir erhoben noch oft unsere warnende Stimme bei
85 der Reichsregierung. In dieser Zeit setzte die heimliche planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer als Fortsetzung ähnlicher Erscheinungen im Frieden ein. Die Wirkungen dieser Bestrebungen waren der Obersten Heeresleitung während des letzten Kriegsjahres nicht verborgen geblieben. Die braven Truppen, die sich von der revolutionären Zermürbung freihielten, hatten unter dem pflichtwidrigen Verhalten der revolutionären Kameraden schwer
90 zu leiden; sie mußten die ganze Last des Kampfes tragen.
(Glocke des Vorsitzenden. – Unruhe und Zurufe)
Die Absichten der Führung konnten nicht mehr zur Ausführung gebracht werden. Unsere wiederholten Anträge auf strenge Zucht und strenge Gesetzgebung wurden nicht erfüllt. So mußten unsere Operationen mißlingen, es mußte der Zusammenbruch kommen; die Revo-
95 lution bildete nur den Schlußstein.
(Unruhe und Zurufe.)
[...]
¹ Übernahme der Obersten Heeresleitung durch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg.
² Gemeint sind hier die Mittelmächte.
³ Carl von Clausewitz (1780 – 1831) war ein preußischer Generalmajor und Militärtheoretiker, dessen Hauptwerk „Vom Kriege“ großen Einfluss auf das Kriegswesen hatte.
1.
2.
3.
Aufgabe GE LK NT 3 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabe GE LK NT 3
Aufgabenstellung:
Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug. (26 Punkte)
Erläutern Sie, wie Kohl die deutschland- und außenpolitische Situation des Jahres 1989 darstellt (14 Punkte), und erläutern Sie die im Text genannten politischen Weichenstellungen Adenauers (14 Punkte). (28 Punkte)
Beurteilen Sie Kohls Argumentation. (26 Punkte)
Materialgrundlage: Helmut Kohl: Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung. Meine Erinnerungen, München 2009, S. 9–11.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
Textgrundlage: Helmut Kohl (2009)
1 [...] Zum historischen Bewusstsein gehört auch die Erkenntnis: Mit dem Mauerfall war die Ein-
heit noch nicht erreicht. Im Gegenteil, noch nichts war entschieden am 9. November 1989.
Eine Tür hatte sich einen Spalt breit geöffnet, das ist wahr, aber entschieden war noch nichts
an diesem Tag des Mauerfalls. Die Wiedervereinigung unseres Landes war vielmehr ein poli-
5 tischer Machtkampf um die europäische Statik und die Sicherheitsinteressen in Ost wie West.
Sie war bis zuletzt ein Balanceakt im Spannungsfeld des Kalten Krieges.
Ich zitiere für die Situation, in der ich mich damals wiederfand, gerne Otto von Bismarck,
denn es gibt kein besseres Bild: Wenn der Mantel Gottes durch die Geschichte wehe, müsse
man zuspringen und ihn festhalten. Dafür müssen drei Voraussetzungen gegeben sein: Erstens
10 muss man einen Blick dafür haben, dass es den Mantel Gottes gibt. Zweitens muss man ihn
spüren, den historischen Moment, und drittens muss man springen und ihn festhalten (wollen).
Dazu gehört nicht nur Mut. Es bedarf vielmehr einer Paarung von Mut und Klugheit. [...]
Politik braucht Gespür für das Machbare, auch für das dem anderen Zumutbare. Dies galt
in besonderer Weise für die deutsche Frage, und hier erst recht in der Zeit nach dem Mauer-
15 fall. Der politische Einigungsprozess war in höchstem Maße sensibel, denn wir Deutschen
waren ja nicht allein auf der Welt. In dem Moment, als die Einheit greifbar nahe schien, wäre
es für die Sache der Deutschen in hohem Maße schädlich gewesen, der deutschen Einheit das
Wort zu reden oder etwa deutschnationale Reden zu führen. Innerlich war ich, zumal nach
dem Fall der Mauer, auf dem Weg der Einheit schon viel weiter, als ich aussprechen durfte.
20 Ein besonders eindringliches Beispiel dafür ist mein Zehn-Punkte-Programm, das ich zwei-
einhalb Wochen nach dem Mauerfall, am 28. November 1989, im Deutschen Bundestag im
Alleingang, das heißt ohne jede innen- und außenpolitische Abstimmung, vorgelegt habe. Als
Ziel nannte ich in Punkt zehn die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands
beim Namen, verzichtete allerdings bewusst auf eine zeitliche Festlegung. Mit dem in zehn
25 Punkte gekleideten Fahrplan habe ich die Initiative auf dem Weg zur deutschen Einheit über-
nommen und die Richtung unzweideutig vorgegeben. Es war damals das Äußerste, das ich
wagen durfte. Die Reaktionen verdeutlichten dies einmal mehr.
Ein anderes Beispiel für die gebotene Vorsicht ist meine Rede in Dresden wiederum drei
Wochen später, am 19. Dezember 1989. Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland
30 waren angereist. Auch hier, vor der gesamten Weltöffentlichkeit, die auf uns schaute, durfte
es nicht mein Thema sein, in der Frage der Einheit die Stimmung anzuheizen, auch wenn die
Menschen offenkundig auf eine klare Antwort von mir warteten. Und das machte die Rede,
die ich gewissermaßen aus dem Stegreif hielt, so schwierig. Ich musste den rund 100 000 Men-
schen in einer aufgeheizten Stimmung ein Wort der Treue und der Besonnenheit sagen. Ich
35 durfte zugleich aber keine Formulierung wählen, die im Ausland auch nur den geringsten
Anlass gegeben hätte, zu glauben, dass wir Deutschen einen unverständlichen Alleingang
unternehmen würden.
Auf die Wiedervereinigung unseres Landes hatte ich immer hingearbeitet. Es entsprach mei-
ner tiefsten Überzeugung, dass wir die deutsche Frage offenhalten mussten, bis der Moment
40 kommen würde. Ich habe mich dabei immer in der Kontinuität Konrad Adenauers gesehen.
Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hat die entscheidenden Weichen in
der deutschen Frage gestellt. Von Beginn an hatte Adenauer einen klaren Kompass. Er wollte
Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in die Gemeinschaft der freien Völker zu-
rückführen, er wollte ein freies und geeintes Europa mit einem freien und geeinten Deutsch-
45 land. Er stand klar auf der Seite des freiheitlichen Westens, er war kein Wanderer zwischen
West und Ost. Die Integration der Bundesrepublik in den freien Westen und die Bindung an
die USA standen für ihn eindeutig vor der deutschen Wiedervereinigung, die er gleichwohl
immer fest im Blick hatte.
So rief Konrad Adenauer am 5. Mai 1955, dem Tag, an dem die Westmächte die Bundes-
50 republik für souverän erklärten, an dem die Bundesrepublik der Westeuropäischen Union bei-
trat und an dem sie in die Nato aufgenommen wurde, den Landsleuten in der DDR zu: »Ihr
gehört zu uns, wir gehören zu Euch. Ihr könnt Euch immer auf uns verlassen, denn gemein-
sam mit der freien Welt werden wir nicht rasten und nicht ruhen, bis auch Ihr die Menschen-
rechte wiedererlangt habt und mit uns friedlich vereint im gleichen Staate seid.« Beharrlich
55 hielt er auch am Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik für Deutschland fest.
Was heute manchem wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, war in den insgesamt labi-
len Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in höchstem Maße unsicher. Der Schuman-Plan von
1950 als Grundstein der heutigen Europäischen Union, der Deutschlandvertrag von 1952 mit
der Aufhebung des Besatzungsstatuts und zugleich der Verpflichtung der Westmächte auf ein
60 wiedervereinigtes Deutschland, der Beitritt der Bundesrepublik zur Nato im Mai 1955, um
nur einige wenige Punkte zu nennen – all dies trägt Adenauers Handschrift. Adenauer war
sich sicher, dass die Attraktivität des Westens und der Freiheit irgendwann zur deutschen Wie-
dervereinigung führen müsste. Und er war immer auch klug genug, dies nicht um den Preis
der Neutralität erreichen zu wollen.
65 [...] Aus meiner Sicht hatten Adenauers Überzeugungen nie an Aktualität verloren: Eine Wie-
dervereinigung ohne feste Einbettung in die westlichen Bündnisse hätte unser Land in die
Neutralität geführt. Die Folge wäre letztlich ein unfreies Deutschland im Machtbereich der
Sowjetunion gewesen. Der Mauerfall am 9. November 1989 und die deutsche Wiedervereini-
gung am 3. Oktober 1990 sind daher nicht zuletzt die beeindruckende, späte Bestätigung von
70 Adenauers konsequentem Kurs der Westbindung mit Wiedervereinigungsvorbehalt, an dem
wir über Jahre festgehalten hatten.
Wahr ist auch, dass das Festhalten an der deutschen Frage immer schwieriger wurde, weil
der Zeitgeist immer stärker dagegen stand. [...]
Weil ich einer der wenigen war, die noch an die deutsche Einheit glaubten, stand ich in
75 dem Ruf des »Hardliners«. Mit meinem Amtsantritt als Bundeskanzler 1982 schürten meine
innenpolitischen Gegner sogleich Ängste vor einer vermeintlichen »neuen Eiszeit« zwischen
Ost und West, die mit mir als Regierungschef anbrechen sollte. Meine Gegner sollten sich
irren, das Gegenteil war der Fall: Unter meiner politischen Führung wurden ganz wesentliche
Weichenstellungen auf dem Weg zur Einheit vorgenommen. Ich trieb den europäischen Inte-
80 grationsprozess im Tandem mit Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand voran. Ich
bemühte mich um ganz konkrete Erleichterungen für die Menschen in der DDR, ich versuchte,
keinen Anlass für Spannungen zwischen Ost und West zu geben, signalisierte auch der Sow-
jetunion Gesprächsbereitschaft, bot Möglichkeiten der Zusammenarbeit an und hielt doch an
meinen deutschlandpolitischen Grundpositionen fest.
Teilaufgabe 1
1. Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug. [26 Punkte]
Teilaufgabe 2
2. Erläutern Sie, wie Kohl die deutschland- und außenpolitische Situation des Jahres 1989 darstellt (14 Punkte), und erläutern Sie die im Text genannten politischen Weichenstellungen Adenauers (14 Punkte). [28 Punkte]
Teilaufgabe 3
3. Beurteilen Sie Kohls Argumentation. [26 Punkte]
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · 15 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus und Erster Weltkrieg · 15 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · 15 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · 12 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · 10 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · 7 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen 2023
GK · Haupttermin (2023) · GK · Haupttermin · bilingual Englisch (2023) · GK · Haupttermin · bilingual Französisch (2023) · GK · Nachtermin (2023) · GK · Nachtermin · bilingual Englisch (2023) · LK · Haupttermin (2023)