Aufgabe 3 (GE GK NT 3) · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2023
Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die geschichtlichen Bezüge zum Kalten Krieg und zur deutschen Wiedervereinigung (14 Punkte) und charakterisieren Sie das in diesem Redeauszug erkennbare Selbst- und Fremdbild (14 Punkte). (28 Punkte)
3.
Nehmen Sie Stellung zu den Äußerungen des Redners. (26 Punkte)
Materialgrundlage:
Michael R. Pompeo: Die Lehren aus 1989: Freiheit und unsere Zukunft. Rede am 8. November 2019 bei der Körber-Stiftung in Berlin.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Michael R. Pompeo (*1963): von 2018 bis 2021 amerikanischer Außenminister unter Präsident Donald Trump.
Körber-Stiftung: eine gemeinnützige Stiftung, die politische und soziale Projekte unterstützt. Die Stiftung hatte für den November 2019 hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der deutschen und internationalen Politik zum „Global Leaders Dialogue“ nach Berlin eingeladen. Die Rede Pompeos wurde im Livestream übertragen und ist auf öffentlichen Videoportalen abrufbar.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
1 [...] Gemeinsam haben wir den Kalten Krieg gewonnen: Deutschland, die Vereinigten Staaten
2 und alle unsere Verbündeten und Partner. Deshalb bin ich so erfreut und glücklich, hier zu
3 sein. Deshalb bin ich so stolz, heute hier nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem einst
4 die Mauer stand, ihren Niedergang vor 30 Jahren zu feiern. Man muss auch mal eine Ehren-
5 runde drehen. Wir sind oft in den Herausforderungen des Alltags gefangen und vergessen, was
6 wir Großartiges erreicht haben, als wir Milliarden von Menschen aus schrecklichen Bedin-
7 gungen befreiten, und dass wir das zusammen erreicht haben.
[...]
9 Ich weiß, dass viele von Ihnen im Publikum – egal, auf welcher Seite der Mauer Sie aufge-
10 wachsen sind –, die Schrecken der Deutschen Demokratischen Republik nicht vergessen
11 werden.
12 Als die Vopo 1961 begann, die Straßen mit Presslufthämmern aufzubrechen, legte sie die
13 Grundsteine der Grausamkeit.
14 Auf diesen Grundsteinen wurde eine Mauer errichtet, die sich über eine Länge von 43 Kilo-
15 metern durch die ganze Stadt schlängelte und ein ganzes Volk teilte. Die Mauer war auch
16 nicht dazu da, den Westen auszuschließen. Sie war dazu da, die Ostdeutschen einzuschließen.
17 So gingen autoritäre Regime damals vor. Und so gehen sie auch heute noch vor. Sie zwingen
18 Menschen gegen ihren Willen dazu, auf die Fähigkeit zu verzichten, sich selbst versorgen zu
19 können und sich von dem Regime abhängig zu machen.
20 Präsident Reagan hielt den Kommunismus für eine „Krankheit“ und bezeichnete ihn als
21 „Irrsinn“. Er hatte so recht. Wir sollten niemals vergessen, wie viele Millionen Menschen
22 im 19. Jahrhundert wegen des Kommunismus gelitten und ihr Leben gelassen haben.
23 Die Trostlosigkeit Ostdeutschlands wurde mir deutlich, als ich hier stationiert war. Ich konnte
24 sie, wenn auch nur aus der Entfernung – allerdings aus nur einer geringen – über die Grenze
25 hinweg sehen. Ich war jung, ich war Anfang 20, aber ich wusste: Was ist das für ein Land,
26 das seine Bevölkerung mit Mauern und Stacheldraht und Maschinengewehren von der Flucht
27 abhalten muss – und die Stasi braucht, um sie zum Schweigen zu bringen? Gestern hatte ich
28 Gelegenheit, noch einmal die Orte zu besuchen, an denen ich mit Anfang 20 bereits patrouil-
29 lierte. Ich sah die Werkzeuge des Terrors aus der Perspektive der anderen Seite. Ich war noch
30 nie auf der anderen Seite der Grenze gewesen. Ich hatte Mödlareuth 1 immer nur von einer
31 Seite aus gesehen. Gestern habe ich es dann von der anderen Seite gesehen.
32 Und trotz dieser ganzen staatlichen Macht, trotz der autoritären Regierung, konnte die DDR
33 den Willen der Menschen nicht brechen. Die Deutschen erhielten sich auch unter diesem
34 autoritären Regime ihre unerschütterliche Hoffnung auf Freiheit und eine bessere Zukunft.
35 Zahllose Ostdeutsche – darunter sehr viele Berliner, vielleicht sogar Verwandte von einigen,
36 die heute hier sitzen –, wagten die gefährliche Flucht über den Todesstreifen und die Mauer.
37 Und einige kamen bei dem Versuch zu fliehen ums Leben. Heute weht die amerikanische
38 Flagge stolz an unserer Botschaft hier in Berlin, die auf dem ehemaligen Todesstreifen errich-
39 tet wurde.
[...]
41 Wir wussten, dass ein System, das vor seiner eigenen Bevölkerung Angst hatte, im Grunde
42 keinen Bestand haben konnte. Ich bin auch heute voll und ganz dieser Meinung. Wir wussten
43 einfach nicht, wann es zusammenbrechen würde. Weder der junge Leutnant noch der Präsi-
44 dent der Vereinigten Staaten noch der deutsche Bundeskanzler wussten, wann der Augenblick
45 kommen würde, aber wir wussten, dass es absolut unabdingbar war, dafür zu kämpfen. Ich
46 glaube, daraus können wir wirklich etwas lernen. Darin liegt eine Lehre für alle, die meinen,
47 autoritären Regimen sei es bestimmt, ewig zu bestehen. Ist es aber nicht.
48 1989 sagte Erich Honecker am Tag bevor George H. W. Bush seinen Amtseid ablegte, die
49 Mauer werde „noch 50 und auch noch 100 Jahre“ stehen. Ich hatte Deutschland gerade ver-
50 lassen. Ich wurde Anfang Oktober 1989 an meinen nächsten Posten versetzt. Ich hatte keine
51 Ahnung, was ich um nur wenige Wochen verpassen würde. Der Mut der Deutschen brachte
52 die Mauer 294 Tage später zu Fall. Mein Besuch der Nikolaikirche gestern Abend in Leipzig
53 war deshalb besonders ergreifend.
54 Der deutsche Triumph inspirierte andere, die Ketten des Sowjetreiches ebenfalls zu durch-
55 trennen und ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Zukunft zu sichern.
56 Hier sind wir nun also, 30 Jahre später. Wir feiern einen monumentalen Sieg des natürlichen,
57 menschlichen Strebens nach Freiheit, einen Sieg für diese großartige Stadt Berlin, für Deutsch-
58 land, für die Deutschen, aber auch für den Westen – für uns alle. [...]
1 Mödlareuth: ein Dorf zu einem Teil in Bayern und zum anderen Teil in Thüringen liegendes Dorf. Es stellte als »Little Berlin« eines der bekanntesten Symbole der deutschen Teilung, später dann der Wiedervereinigung dar, denn zwischen 1949 und 1990 verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch das Dorf.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)
Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben des Erwartungshorizonts.
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die geschichtlichen Bezüge zum Kalten Krieg und zur deutschen Wiedervereinigung (14 Punkte) und charakterisieren Sie das in diesem Redeauszug erkennbare Selbst- und Fremdbild (14 Punkte). (28 Punkte)
Lösung: Historische Erläuterung und Charakterisierung des Selbst- und Fremdbildes.
3. Nehmen Sie Stellung zu den Äußerungen des Redners. (26 Punkte)
Lösung: Differenzierte und thesenorientierte Stellungnahme.
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