Abitur NRW Geschichte 2023 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Aufgabe 1 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung: Aufgabe 1

Interpretieren Sie die folgende Quelle, indem Sie diese Teilaufgaben bearbeiten:

Materialgrundlage

Hans Modrow: Eröffnungsrede auf dem außerordentlichen Parteitag der SED am 8. Dezember 1989 in Berlin. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Redner: Hans Modrow (1928–2023) war stellvertretender Parteivorsitzender der SED, Vorsitzender des Ministerrates vom 13. November 1989 bis 12. April 1990 und führte in dieser Zeit die Regierungsgeschäfte der DDR. Die SED löste sich auf dem außerordentlichen Parteitag im Dezember 1989 auf und formierte sich als SED-PDS (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus) neu.

1 Liebe Genossinnen und Genossen! Wenn ich zur Lage im Land sprechen soll, dann ist es

zuerst natürlich auch das Wort für und an unsere Partei. Zu diesem außerordentlichen Partei-

tag sind aus allen Teilen unserer Republik die gewählten Delegierten zusammengekommen.

Wir wurden gewählt nach kritischer Auseinandersetzung und oft langem, offenem Meinungs-

5 streit. Dieser nicht selten schmerzliche Prozeß war Beginn der Abrechnung mit Vergangenem,

das nicht vergessen werden kann und nicht vergessen werden darf.

Mit dieser Wahl der Parteitagsdelegierten wurde zugleich eine Hoffnung, ja ein Wille deut-

lich: Laßt uns diese Partei, die sich auf Karl Marx und Friedrich Engels, Wilhelm Liebknecht

und August Bebel, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Ernst Thälmann und Rudolf Breit-

10 scheid, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl beruft, laßt diese Partei nicht zerbrechen, nicht

untergehen, sondern macht sie sauber und stark, (Beifall) macht sie sauber, damit jeder Genosse

jedem Bürger gerade in die Augen blicken kann, macht sie stark, damit sie dem gesellschaft-

lichen Fortschritt in unserem Lande dienen kann – und das bedeutet für mich, dem Volk zu

dienen. [...]

15 Unsere erste Aufgabe wird darin bestehen, dieses Land zu bewahren, und dem sollten, ja

müssen wir alles andere unterordnen. Es geht darum, unserem Land die Existenz, den Frieden

zu bewahren, und beides ist bedroht, wie sich in diesen Tagen zeigt.

Die erste Frage gilt also der Lage, dem inneren Zustand unserer Republik, für die sich die

meisten unter uns so viele Jahre eingesetzt haben und die jetzt nach Heilung schreit.

20 Erstens ist es notwendig und möglich, überall für Ordnung, Gesetz und Recht zu sorgen. Dafür

hat die Regierung in diesen Tagen eine Reihe von Maßnahmen getroffen. Das gilt auch für die

Sicherung von Beweisen für Rechtsbruch, Amtsmißbrauch und Korruption unter der früheren

sogenannten Partei- und Staatsführung.

[...]

25 Außenpolitisch bläst diesem Staat der Wind nicht ins Gesicht, und zwar so lange nicht, wie

wir, alle ehrlichen Bürger, gemeinsam für innenpolitische Stabilisierung, für menschlichen

Anstand sorgen und insbesondere für wirtschaftliche Stabilität, aus der allein wirtschaftlicher

Aufschwung erwachsen kann. Die sozialistischen Partner erwarten von uns – und damit sind

alle Kräfte gemeint, die eine erneuerte sozialistische Gesellschaft zu tragen bereit sind – eine

30 Stabilisierung dieses Staates in voller Souveränität, also keinen Ausverkauf an die BRD.

Unsere Verbündeten sagen ebenso wie meine Regierung, daß eine Vereinigung der beiden

deutschen Staaten zu einem Staat nicht auf der Tagesordnung steht. (Beifall)

Und von „Wiedervereinigung“ sollte man richtiger Weise überhaupt nicht reden, weil das

Wort „wieder“ ein Anachronismus ist und berechtigte Bedenken, ja Ängste vor großdeut-

35 schem Chauvinismus weckt. Unsere Verbündeten, an erster Stelle die Sowjetunion, ebenso

aber die unmittelbaren Nachbarländer und alle anderen Partnerstaaten, setzen auf eine souve-

räne sozialistische Deutsche Demokratische Republik, die außenpolitisch eine Voraussetzung

für politische Stabilität in Europa ist. (Beifall)

[...]

40 Ich darf hier hinzufügen, daß die erklärten Interessen anderer Staaten, beispielsweise Frank-

reichs und Großbritanniens ebenfalls auf die Existenz zweier deutscher Staaten gerichtet sind.

Beim Treffen mit Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat meines Wissens auch Präsident

Bush bekräftigt, dass die USA an den bestehenden Grenzen, am Bestehen zweier deutscher

Staaten, an den Realitäten der Nachkriegszeit festhalten und – wenn ich das richtig interpre-

45 tiere – nicht die Absicht haben, die Ereignisse in der DDR in Richtung Wiedervereinigung zu

forcieren. (Beifall)

[...]

Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl diesen Gedanken aufgegriffen und mit dem Hinweis

auf konföderative Schritte ausgebaut hat, so ist dies, meine ich, maßvoller Ansatz für bevor-

50 stehende Erörterungen, wobei die DDR vor allem an dem interessiert ist, was man für 1990

und das folgende Jahr konkret einleiten könnte, um erst einmal die Kooperation auszubauen.

[...]

Als Staat im Zentrum Europas, auch als sozialistischer Staat haben wir nur eine Chance, wenn

wir uns in den Weg zur Überwindung der Teilung Europas einordnen. In den langen Jahren

55 der Konfrontation hatte die DDR eine stabilisierende Funktion als ein bedeutender Faktor des

europäischen Friedens. Heute stehen wir am Beginn einer neuen Ära, entwickelt sich ein ande-

res Europa. In ihm gibt es keinen Platz mehr für Sperriegel, in ihm hat die DDR einen Platz

nur als solider Baustein eines gemeinsamen europäischen Hauses, in dem souveräne Staaten

unterschiedlicher politischer und sozialer Ordnungen gleichberechtigt, freizügig, ja auch groß-

60 zügig und tolerant zusammenwirken. Nur eine neue DDR paßt in dieses Europa, denn es soll

in der Perspektive ein entmilitarisiertes, demokratisches, humanistisches und ökologisch ver-

nünftig gestaltetes Europa werden. (Beifall)

[...]

1.

Analysieren Sie die Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den historischen Zusammenhang des Jahres 1989 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie Modrow die DDR sieht (14 Punkte). [28 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Position des Redners. [26 Punkte]

Hinweis zur Gesamtbewertung: 80 Punkte entfallen auf die inhaltliche Leistung der drei Teilaufgaben, 20 Punkte auf die Darstellungsleistung (Strukturierung, Fachsprache, Belege, sprachliche Richtigkeit).

Aufgabe 2 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2023 · Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte durchführen:

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle historisch kontextualisieren (12 Punkte) und die Aussage der Bildelemente erläutern (16 Punkte), (28 Punkte)

3.

die Position des Zeichners beurteilen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Wilhelm Wolpe: Le mur américain. In: Une semaine dans le monde. La vie politique, littéraire, économique et sociale. 04.10.1947, S. 1.

Hinweise zum Zeichner und zum Material:

Der in Deutschland geborene Zeichner Wilhelm Wolpe (Künstlername: Woop, 1904 – 1958) engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs in der französischen Résistance und lebte auch nach dem Krieg in Frankreich.

Une semaine dans le monde war eine wöchentliche Beilage zur überregionalen französischen Tageszeitung Le Monde und wurde von 1946 bis 1948 publiziert.

Der amerikanische Kongress musste im Rahmen seines Budgetrechts seine Zustimmung zum Marshallplan geben. Nach den Kongresswahlen des Jahres 1946 hatten die Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern des US-Kongresses. Der Republikaner Arthur H. Vandenberg war als Senatspräsident einer der höchsten Repräsentanten des Kongresses. Zudem war er auch Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten. Er kooperierte mit der Truman-Administration und stellte die parteiübergreifende Zustimmung zum Marshallplan sicher.

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung

Abiturprüfung 2023 · Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung 3: Analyse und Erörterung einer historischen Darstellung

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worauf der deutsche Nationalstaat von 1871 beruhte (16 Punkte), und charakterisieren Sie die Perspektive Richters auf das Kaiserreich (12 Punkte). (28 Punkte)

3. Beurteilen Sie Richters Sicht. (26 Punkte)

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage:

Hedwig Richter: Warum sich eine Beschäftigung mit der Reichsgründung heute lohnt

In: Aus Politik und Zeitgeschichte – 150 Jahre Reichsgründung (Themenheft), Jg. 71/2021, H. 1–2, S. 25–29.

Hinweise zur Autorin: Hedwig Richter lehrt als Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

1 Am Anfang war die Verfassung. Denn das Kaiserreich begann nicht am 18. Januar 1871, nicht

mit Waffenklirren und Männerjubel im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, nicht mit der

Proklamation des Kaisers. Das Reich begann ruhig, ordnungs- und rechtmäßig; über Nacht

war es da. Die Verfassung, eine Revision der Konstitution des Norddeutschen Bundes von

5 1867, trat am 1. Januar 1871 in Kraft, und mit ihr setzte das „Deutsche Reich“ ein.

Deutschlands Verfasstheit erwies sich damit als denkbar unspektakulär. Das Reich hatte die

in Europa übliche Staatsform einer konstitutionellen Monarchie. Das heißt, der Monarch war

institutionell eingehegt. Für die meisten Zeitgenossen war die Begründung durch eine Ver-

fassung inzwischen selbstverständlich – diese Selbstverständlichkeit aber war neu und steht

10 für einen Modernisierungs- und auch einen gewissen Demokratisierungsprozess. Noch der

Vorgänger des neuen Kaisers auf dem preußischen Thron, König Friedrich Wilhelm IV., hatte

eine Verfassung für Teufelszeug erklärt und sich erst mit der Revolution von 1848/49 zur

preußischen Konstitution drängen lassen.

Auch sonst bot das Kaiserreich progressives Potenzial und war damit Teil des internationa-

15 len Aufbruchs, der Massenpolitisierung und der Demokratisierung – das ist die These dieses

Textes.

[...]

Als Träger der Souveränität und oberstes Organ war ein von den 25 Mitgliedstaaten bestückter

sogenannter Bundesrat vorgesehen, der die Macht der Fürsten garantieren sollte. Der Bundes-

20 rat konnte Gesetze einbringen, und er musste den Gesetzen zustimmen. An seiner Spitze fun-

gierte als Staatsoberhaupt das sogenannte Bundespräsidium, das der Kaiser innehatte und das

zuständig für die Außenpolitik sowie Krieg und Frieden war.

Und doch war dieses Bild von einer Fürstenaristokratie, in der nicht Bürger partizipierten,

sondern treue Untertanen wohnten, Propaganda – ganz ähnlich wie das strahlende Wimmel-

25 bild der „Kaiserproklamation“ von Anton von Werner: eine fürstliche Männerversammlung

mit bunten Uniformen und Pickelhauben, die das Hoch auf „Seine Majestät den Kaiser“ rief.

Kaum einer der Anwesenden am 18. Januar 1871 erinnerte sich später an Jubel und Freude.

Der Akt gestaltete sich kühl und nüchtern, in „prunklosester Weise und außerordentlicher

Kürze“.

30 Die Verfassung aber, die das Kaiserreich begründete, war von einem recht demokratisch ge-

wählten Parlament, dem Reichstag des Norddeutschen Bundes, beraten und verabschiedet

worden: Die Grundlage des Staates war also ein Effekt der Volkssouveränität. Und auch da-

mit war das Kaiserreich ein gewöhnlicher Staat. Denn die Reichsgründung gehört in die Jahre

eines weltweiten partizipativen Aufbruchs, in dem Politik und mit ihr der Staat zu einer Ange-

35 legenheit der Massen wurde. Das deutsche Parlament bestätigte 1871 das 1866 im Norddeut-

schen Bund institutionalisierte allgemeine und gleiche Männerwahlrecht. Die Verfassung

nahm damit Bezug auf den bisherigen Höhepunkt der deutschen Demokratiegeschichte: die

Paulskirchenverfassung. [...]

Im politischen Leben Deutschlands entwickelte sich das Parlament zur entscheidenden Insti-

40 tution. Das war so von Bismarck nicht intendiert gewesen, aber die kompromissfreudige Ver-

fassung ließ es zu. Sie gab dem Reichstag das Budgetrecht und das Gesetzesinitiativrecht, und

jedes Gesetz musste im Parlament verabschiedet werden. Die Abgeordneten ließen sich in

hochkompetitiven Wahlkämpfen küren. Die Parlamentssitzungen waren öffentlich, und in

langen Auszügen druckten die Zeitungen die Reden ab. Die Regierung allerdings wurde nicht

45 vom Parlament bestätigt, doch auch das war kein deutsches Alleinstellungsmerkmal.

Zu den Staaten, die dem Deutschen Reich angehörten, zählten im Übrigen drei Republiken:

Hamburg, Bremen und Lübeck. Viele deutsche Länder wie Württemberg, Baden oder Bayern

besaßen alte Verfassungs- und Parlamentstraditionen, die einen wichtigen Bestandteil ihrer

kollektiven Identitäten bildeten.

50 So oder so: Das Deutsche Reich war ein Nationalstaat und gründete damit auf dem Volk. Das

ist entscheidend für eine Interpretation des Kaiserreichs, denn historisch gesehen gehören

Nation und Demokratie eng zusammen. [...] Nach dem Ende des Ständestaats und nach der

Individualisierung in der Moderne bot – vereinfacht gesagt – der Nationalstaat eine neue men-

tale Heimat und eine ganz eigene Würde. Die nationale Idee gab jedermann die Dignität, ein

55 Deutscher (oder Franzose oder Italiener) zu sein, egal, ob Adliger oder Bauer. Vor der Nation

war jeder gleich. Es lässt sich kaum überschätzen, wie wichtig das Konzept der Nation für

Vorstellungen von Gleichheit war. Die Gleichheitsidee ermöglichte das allgemeine Männer-

wahlrecht, aber auch den Sozialstaat, der sich zusammen mit dem Nationalismus und der Mas-

senpolitisierung entfaltete. Nation pflanzte Gleichheit in die Politik. All das galt wie selbst-

60 verständlich nur für Männer, denn auf sie waren Nation, wehrhafte Bürgerschaft, der Parla-

mentarismus mit öffentlicher Rede, die ganze „Gleichheit“ primär zugeschnitten.

Die Gründung des Nationalstaats erwies sich daher als wesentlich für die Demokratisierungs-

prozesse.

[...]

1 hochkompetitiv: von starkem Wettbewerb geprägt

1.

2.

3.

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