Aufgabe GE LK NT 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2023

Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenart: Interpretation sprachlicher oder nichtsprachlicher historischer Quellen

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die folgende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den Zusammenhang der Tätigkeit der Nationalversammlung von 1848/49 einordnen (14 Punkte) und Dahlmanns Haltung zur Nationalbewegung charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu den Darlegungen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)

[Hinweis: Die Darstellungsleistung wird mit zusätzlichen 20 Punkten bewertet. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte]

Materialgrundlage:

Friedrich Christoph Dahlmann: Rede in der Nationalversammlung, 22. Januar 1849. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor:

Friedrich Christoph Dahlmann (1785 – 1860): deutscher Historiker und liberaler Politiker. Dahlmann wurde 1837 als einer der sogenannten „Göttinger Sieben“ Opfer politischer Repression im Königreich Hannover. 1848 wurde er in die Nationalversammlung gewählt und nahm dort eine führende Rolle als Referent des Verfassungsausschusses ein.

Göttinger Sieben: 1837 hob der König von Hannover die erst 1833 erlassene liberale Verfassung wieder auf. Gegen diesen Akt protestierten sieben Professoren der Universität Göttingen. Auf Befehl des Königs wurden diese sieben Professoren von der Universität entfernt, drei von ihnen, darunter Friedrich Dahlmann, mussten das Königreich Hannover zudem verlassen. Dahlmann fand 1840 Aufnahme im Königreich Preußen, wo er von Friedrich Wilhelm IV. persönlich empfangen und teilweise wieder rehabilitiert wurde.

[...]

Sie haben durch Ihre letzte Abstimmung 1 ein Reichsoberhaupt genehmigt, welches genommen wird aus der Zahl der in Deutschland regierenden Fürsten, und haben damit zuvörderst der Einheit ihre billige Ehre gegeben, demnächst aber auch anerkannt, daß diese Einheit mit einer gewissen Machtausstattung versehen sein müsse, welche sie zur Herrschaft hinzubringt.

5 Das war ein wichtiger Schritt zum Heile. Denn in der Einheit Deutschland’s ist die Zukunft Deutschland’s enthalten. Meine Herren! Ich weiß gar wohl, daß ich in Deutschland verschrien bin als ein arger Unitarier, als entschlossener Einheitsmann. Darf ich Ihnen sagen, wie ich Das geworden bin? Ganz gewiß nicht aus Theorien der Schule, die man mir vielleicht sonst zutrauen möchte. – Ich bin Das geworden, was ich in dieser Hinsicht bin,

10 durch eine Kette bitterer vaterländischer Erfahrungen in einem langen Leben. (Stimmen auf der Rechten: Hört!) [...] Als ich ein Knabe war, fing jene bonapartische Siegesperiode an. [...] Das war keine leichte Zeit für einen jungen vaterlandslosen und doch deutschen Mann, der doch einige Kraft in sich fühlte, seinen ersten Anker in der menschlichen Gesellschaft auszuwerfen in dieser Periode des allgemeinen Mißmuthes, des allgemeinen Verstummens,

15 der allgemeinen dumpfen Bekümmerniß. Hierauf endlich jener Rettungsstrahl, jener Anfang der Erhebung in den Jahren 1812 und 1813. Wie sehr wünschte jeder Jüngling, wie sehr wünschte auch ich, mein Blut daran wagen zu dürfen, daß Deutschland befreit würde! [...] Nun die Zeit, die darauf folgte, die Zeit der schrecklichen Enttäuschung aller wahren Vaterlandsfreunde! Ich will sie nicht erneuern, die Schmerzen, will nicht kommen auf die schles-

20 wig-holstein’sche Sache, der ich so lange mein Dasein gewidmet; ich will nicht der hanno-ver’schen Sache erwähnen, die mir so tief in das Herz gedrungen ist. Aber glauben Sie, meine Herren, daß der Mann, der Das alles erlebt, der so viele Erfahrungen unseres vaterländischen Lebens durchgemacht hat, daß der weiß, wie tief die Uebel in Deutschland wurzeln, weiß, was zu heilen ist, und daß wir die rechte Zeit der Heilung nicht dürfen vorübergehen lassen.

25 (Bewegung. Bravo auf der Rechten und dem rechten Centrum.) Aus diesen schweren Lebens-jahren habe ich die Erfahrung geschöpft, daß wir vor allen Dingen einer einheitlichen Gewalt bedürfen, einer Einheit, der das Ganze des Vaterlandes Eins und Alles ist. Alles, was ich früher in Deutschland erblickte, alle jenen sogenannten kleinen Ganzen, die waren nur dazu da, um das große deutsche Ganze gründlich todtzuschlagen. Uns thut ein Herrscherhaus noth,

30 welches gänzlich sich unserem Deutschland widmet, gänzlich in Deutschland lebt und in nichts Anderem. Ein solches Herrscherhaus kann Oesterreich uns nicht sein, es kann es nicht, denn es hängen diesem Oesterreich, bei all seinem verdienten Ruhme, zu viele außerdeutsche Sorgen an. Oesterreich krankt an seiner Stärke ebenso sehr, wie andere Staaten an ihrer Schwäche. Die schwersten Sorgen Oesterreich’s werden erst dann beginnen, wenn es den langen

35 Lauf seiner Siege vollendet hat. Oesterreich kann uns, wie die Dinge gegenwärtig stehen, nicht vollständig angehören, es kann es nicht. Jene von Ihnen beschlossene Unterhandlung mit Oesterreich, sie kann ein Großes leisten, denn ein Großes ist schon enthalten in der glimpf-lichen Verständigung zweier so nah verwandter Mächte miteinander; aber ich bezweifle, daß sie zu einem praktischen Ziele wird führen können in einer langen Dauer der Zeiten. An den

40 Hohenzollern Preußens können wir ein solches Herrscherhaus nicht nur haben, sondern mit dem schlechtesten und dem besten Willen kann es kein Sterblicher dahin bringen, daß wir es nicht an ihm hätten. Es ist gar keine Zukunft für Deutschland möglich ohne Preußen. Hier kommt es also durchaus nicht darauf an, eine Wahl zu treffen, sondern lediglich, uns dieses Hauses von Anfang an dergestalt zu versichern (Gelächter auf der Linken; Stimmen auf

45 der Rechten: Ruhe!), daß wir die Gewißheit haben, es widme sich gänzlich dem deutschen Vaterlande, alle seine Kraft und Sorge, nicht bloß als Nebengeschäft. Das ist aber keineswegs so leicht, wie Viele unter uns glauben wollen. Nicht wenige und einflußreiche und in ihrer Art auch hochverdiente Männer in Preußen sind der Meinung, daß Preußen durchaus nicht wohlthue, seine sichere Größe, seinen festen Bestand an eine unsichere deutsche Zukunft

50 zu geben; viele solcher Männer sind der Meinung, Deutschland als Ganzes sei einmal dem politischen Elende geweiht, es sei einmal, wie ein alter Dichter sagt, „unglückselig von Natur“ 2, Preußen dürfe das Opfer seines sichern Daseins nicht für eine ungewisse deutsche Zukunft bringen. [...] Ich will meine Meinung unbekümmert sagen, wie übel sie auch von verschie-denen Seiten aufgenommen werde. Ihr dämpfet das Feuer der Anarchie in Deutschland nicht,

55 ihr dämpft dieses zerstörende Feuer weder in den kleinen Staaten, noch in den mittleren, noch in den großen endlich und in den größten der rein deutschen Staaten als nur auf einem Wege, nur auf dem Wege, daß Ihr eine kraftvolle Einheit einsetzet, und durch diese Einheit die Bahn für die deutsche Volkskraft eröffnete, die zur Macht führt. Die Bahn der Macht ist die ein-zige, die den gährenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird, der sich bisher selbst

60 nicht erkannt hat. Denn es ist nicht bloß die Freiheit, die er meint, es ist zur größeren Hälfte die Macht, die ihm bisher versagte, nach der es ihn gelüstet. Deutschland muß als solches endlich in die Reihe der politischen Großmächte eintreten. Das kann nur durch Preußen geschehen, und weder Preußen kann ohne Deutschland, noch Deutschland ohne Preußen genesen. [...] Meine Herren! Ich verdamme Niemandes (Bravo auf der Rechten)

65 Abstimmung, allein, was mich persönlich angeht, ich würde glauben, gebrochen zu haben mit Allem, was mir vaterländisch theuer und heilig ist, gebrochen zu haben mit meinem Vater-lande, wenn ich anders meine Stimme abgäbe, als für die Einheit Deutschland’s (Beifall auf der Rechten), für die erbliche Krone meines deutschen Vaterlandes. (Bravo auf der Rechten, Zischen auf der Linken) So bin ich gesonnen und werde so gesonnen bleiben, und bis an mein

70 Ende den Glauben festhalten, daß eine unbegreifliche Barmherzigkeit des Himmels uns viel-geprüften Deutschen endlich die Rettungsbahn eröffnet hat, die wir einschlagen müssen, wenn wir das Heil unseres Vaterlandes finden wollen. (Lebhaftes Bravo und Beifallklatschen auf der Rechten; Zischen auf der Linken)

1 In der Sitzung vom 19. Januar 1849 hatte die Nationalversammlung den folgenden Vorschlag für § 1 der Reichsverfas-sung mit 258 gegen 211 Stimmen angenommen: „Die Würde des Reichsoberhaupts wird einem der regierenden deut-schen Fürsten übertragen“. Die Sitzung vom 22. Januar diente auf Antrag der Linken unter anderem der Diskussion über diesen Beschluss.

2 Die Herkunft dieses Zitats ließ sich nicht ermitteln.

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe GE LK NT 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Individuelle Erarbeitung der Quellenanalyse (formale Merkmale, Inhalt und Gedankengang).

2. die Quelle in den Zusammenhang der Tätigkeit der Nationalversammlung von 1848/49 einordnen (14 Punkte) und Dahlmanns Haltung zur Nationalbewegung charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Individuelle Einordnung in den historischen Kontext der Paulskirche und Charakterisierung von Dahlmanns Konzeption der Nationalbewegung.

3. zu den Darlegungen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)

Lösung: Individuelle, differenzierte Urteilsbildung und Stellungnahme zu den Thesen Dahlmanns.

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