Aufgabe 1 (GE LK NT 1) · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2021

Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabe 1 (GE LK NT 1)

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie die Quelle analysieren, [26 Punkte]

die Quelle historisch kontextualisieren (16 Punkte) und Biedermanns politische Position charakterisieren (12 Punkte), [28 Punkte]

Biedermanns Einschätzung der Rolle Preußens und seine Zukunftsvorstellungen beurteilen. [26 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben. Insgesamt sind 100 Punkte erreichbar.

Materialgrundlage:

Karl Biedermann: Die Fortschritte des nationalen Prinzips in Deutschland. In: Ders. (Hrsg.): Deutsche Monatsschrift für Litteratur und öffentliches Leben, Bd. 1 (Januar 1842), S. 1 – 17.

(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Karl Biedermann (1812 – 1901) war ein deutscher Philosoph und Politiker. In den 1840er Jahren gab er mehrere politische Zeitschriften heraus, die ihn in Konflikt mit den Zensurbehörden brachten. Er selbst verlor in den 1840er und 1850er Jahren wegen politischer Äußerungen und Publikationen mehrfach seine berufliche Stellung und verbüßte eine Zuchthausstrafe. 1848 war er Mitglied des Vorparlaments und wurde als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt. 1849 gehörte er der Kaiserdeputation an.

Deutsche Monatsschrift für Litteratur und öffentliches Leben, von Karl Biedermann 1842 bis 1845 in Leipzig herausgegebene Zeitschrift, die sich mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen beschäftigte.

Die Fortschritte des nationalen Prinzips in Deutschland

1 Indem wir unsern Blick, bevor wir ihn in die einzelnen Verhältnisse unsres Nationallebens versenken, zuerst auf dem Ganzen ruhen lassen, begegnen wir einer Thatsache, welche wohl geeignet ist, uns mit Freude und Stolz zu erfüllen. Diese Thatsache ist das wiedererwachte Nationalbewußtsein der Deutschen, das wiedergewonnene Band der innern Einheit für die

5 bisher nur äußerlich verbundenen deutschen Stämme.

[...]

7 Eine lange trübe Zeit der Schmach, der Schwäche, der Zerstückelung liegt hinter uns, eine Zeit, deren Andenken um so schwerer auf uns lastet, als wir jetzt endlich klar erkennen, wie thöricht die Freude war, die wir selbst über diese Vereinzelung der deutschen Staaten, über

10 diese politische Ohnmacht Deutschlands empfanden; mit wie unverständigem Hochmuthe wir auf die politischen und materiellen Verbesserungen anderer Nationen herabsahen, stolz im Gefühle vermeintlicher geistiger Ueberlegenheit; wie kindisch kurzsichtig wir jeden Versuch abwiesen, uns aus diesem trägen Wahne aufzuschütteln und zum Wettlaufe mit unsern Nachbarn anzuspornen.

15 [...]

Anklagen wollen wir aber Niemand wegen des Geschehenen, weder einzelne Völker, noch einzelne Fürsten, sondern jene Schuld als eine gemeinsame, als eine Schuld unsrer gesammten Nationalentwicklung tragen und bekennen, denn das war sie in der That. Gewiß ist es als ein höchst beklagenswerthes Ereigniß anzusehen, daß deutsche Fürsten sich dem fremden Unter-

20 drücker anschließen und gegen ihre eignen Brüder kämpfen konnten; aber dies Ereigniß hätte nie stattgefunden, wäre nicht die Einheit Deutschlands schon lange vorher verloren gegangen, wären nicht alle die kleinern deutschen Staaten, durch das abgeschlossene und selbstständige Heraustreten Preußens und Oestreichs aus dem Gesammtverbande, auf eine solche Politik der Vereinzelung, auf ein solches macht- und ruhmloses Dasein verwiesen gewesen. [...]

25 Doch war dies 1 mehr die Stimmung der Kabinette als die der Völker. Diese huldigten vielmehr in rückhaltlosem Enthusiasmus dem erhebenden Beispiele Preußens, an dessen Sieg sich für sie die Ehre des deutschen Namens und – die Sache der Freiheit knüpfte, und hätte damals Preußen, diese Sympathien benutzend, sich an die Spitze eines deutschen Völkerbundes gestellt, gegründet auf dasselbe System des Fortschritts, durch welches schon die innere

30 Regeneration des preußischen Staates so glücklich bewerkstelligt worden war, wer weiß, ob nicht ein solcher Versuch gelungen und Deutschland schon damals zu einer Einheit gelangt wäre, welcher es erst jetzt, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, auf einem andern Wege entgegenstrebt.

1 Gemeint sind zuvor erläuterte antipreußische Stimmungen in den kleineren deutschen Staaten.

33 Es kam anders. Preußen und Oestreich, durch bedeutende Gebietsvergrößerungen in ihrer

35 Macht befestigt und erweitert, nahmen ihre frühere Stellung als europäische Großmächte wieder ein; die Staaten zweiten und dritten Ranges wurden von neuem zu einer politischen Unthätigkeit und Ohnmacht verdammt. Die hierdurch wieder auflebende Spannung zwischen Preußen und dem übrigen Deutschland erhielt aber auch noch von einer andern Seite her bedenkliche Nahrung. Die durch die französische Revolution erweckten, durch die gewaltigen

40 Aufregungen des heiligen Kriegs verstärkten und ermuthigten Freiheitsideen lebten in einem großen Theile des deutschen Volkes fort und erzeugten mannigfache Wünsche und Versuche einer allgemeinen Regeneration des deutschen Staats- und Nationallebens. Die preußische Regierung schien anfangs nicht abgeneigt, diesen Wünschen durch zeitgemäße Zugeständnisse entgegenzukommen; allein ängstlich gemacht durch den Ungestüm, womit die liberale

45 Partei ihre Anforderungen erhob, und durch einzelne Beispiele von gefährlichem Mißbrauch jener Freiheit in andern Staaten, hielt sie sich für verpflichtet, jedem weitern Vordringen der liberalen Ideen mit Ernst entgegenzutreten und die Integrität des monarchischen Prinzips, in welchem sie die einzige Schutzwehr für die Sicherheit und Stärke der deutschen Nationalität, gegenüber dem Auslande, zu erblicken glaubte, mit größter Strenge aufrecht zu erhalten.

50 [...]

Hierdurch war der Grund zu einer neuen Spaltung der deutschen Nation gegeben, die, indem sie sich durch die alte Eifersucht der kleinern und besonders der süddeutschen Staaten gegen Preußen verstärkte, einen höchst bedenklichen Charakter annahm. Die liberale Partei gab Preußen schuld, daß es die gemeinsame Sache Deutschlands und der Freiheit an Rußland ver-

55 rathe, und preußischerseits ward den Liberalen ihre Hinneigung zu Frankreich zum Vorwurfe gemacht.

Diese Spannung und Erbitterung erreichte ihren höchsten Grad in und nach dem verhängnißvollen Jahre 1830, und wäre es damals nicht den vereinten Anstrengungen der Kabinette gelungen, den allgemeinen Frieden zu erhalten, so hätten wir leicht eine Wiederholung der

60 frühern Ereignisse und den abermaligen Abfall eines großen Theils von Deutschland zu der Sache Frankreichs erleben können. So sehr überwog damals die Gleichheit der politischen Prinzipien den Gegensatz der Nationalitäten.

Preußen sah dies wohl ein und ergriff deshalb die Initiative zu einer neuen Vereinigung der so getrennten deutschen Stämme, zu einer Vereinigung, bei welcher sich ebensowohl die

65 Regierungen als die Völker betheiligt und befriedigt finden mußten; es gründete den deutschen Zollverein. Der Zollverein drängte die politischen Parteikämpfe in den Hintergrund durch die großen nationellen [sic!] Fragen, die er ins Leben rief; er bezeichnete den Weg zur Verschmelzung der Interessen Preußens mit denen des übrigen Deutschlands, ohne Aufopferung der einen oder der andern.

70 [...]

Die Bedingungen sind somit gegeben, um die Einheit, Macht und Untheilbarkeit der deutschen Nation dauernd zu begründen; der Punkt ist gefunden, in welchem die verschiedenen Theile Deutschlands, in welchem Regierungen und Völker sich begegnen; die Schranken beginnen zu fallen, welche bisher die kleineren deutschen Staaten von dem großen preußi-

75 schen, den Süden von dem Norden, die constitutionellen Gemeinwesen von der absoluten Monarchie trennten. Der Gang der Ereignisse hat uns mit wunderbarer Gewalt in diese Bahn fortgerissen, und fast überraschend, wie mit einem Zauberschlag hervorgerufen, tritt uns ein deutscher Gemeingeist, ein deutsches Nationalleben entgegen, kräftig, bewußt, und selbst dem Auslande, das uns eben noch verspottete, Achtung gebietend. [...]

80 Eine reiche Zukunft liegt vor uns aufgeschlossen; sorgen wir dafür, daß sie uns nicht entgehe! der erste Schritt auf der neuen Bahn ist gethan, die Richtung ist bezeichnet; haben wir Acht auf jeden folgenden Schritt! heften wir das Auge unverwandten Blicks auf das hohe Ziel, welches uns entgegenleuchtet! Es ist ein großes, ein erhabenes Wort, das Wort: Nationalität; suchen wir es recht zu verstehen und recht zu gebrauchen! Die Kraft dieses Wortes ruht auf

85 zwei mächtigen Säulen; sie heißen: Einheit und Fortschritt. Eine Nation ohne Einheit, ohne einen festen Zusammenhalt im Innern und eine starke Widerstandsfähigkeit nach Außen, ist Nichts als eine kraftlose Masse von Elementen, von der jeder Nachbar ein Stück abreißt, die jeder kühne Abentheurer nach seinen Zwecken gestaltet und benutzt. Deshalb hinweg mit dem kosmopolitischen Liberalismus, der nur von einer Propaganda der Freiheit, von einer

90 Gemeinde der politisch Gleichgesinnten träumt, aber darüber die näheren Bedürfnisse und Verhältnisse des Nationallebens vernachlässigt; der nicht eher für das Vaterland wirken und kämpfen möchte, als bis alle seine Forderungen erfüllt wären; der gern dem Nationalfeinde die Hand böte, wenn er Hoffnung hätte, durch diesen das zu erreichen, was ihm allein des Strebens werth erscheint. Die Zeiten dieses Liberalismus sind, dem Himmel sei Dank! in

95 Deutschland vorüber und werden hoffentlich niemals wiederkehren. Wir haben einsehen gelernt, daß das keine wahre politische Freiheit ist, welche nicht zugleich und vor allen Dingen das Vaterland, die Nation groß, einig und frei macht; wir haben die Täuschungen der französischen Freiheitssympathien in ihrer ganzen Gefährlichkeit und Heimtücke erkannt.

[...]

1.

2.

3.

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die vorgelegte Quelle.

Lösung: Erwartet wird eine aufgabenbezogene Analyse der Quelle: - Formalia: Karl Biedermann (politischer Publizist) als Verfasser; politisch interessierte Öffentlichkeit als Adressat; Quellengattung: politische Denkschrift / Zeitschriftenaufsatz; Januar 1842; Erschienen in der von ihm herausgegebenen „Deutschen Monatsschrift für Litteratur und öffentliches Leben“. - Thema: Der Stand der Bemühungen um die Herstellung einer deutschen Einheit und die Rolle Preußens sowie des Zollvereins. - Intention: Werbung für die Vereinigung Deutschlands zu einem Nationalstaat unter Führung Preußens auf der Basis wirtschaftlicher und reformerischer Fortschritte in deutlicher Abgrenzung zu radikal-kosmopolitischen Freiheitsideen. - Gedankengang und Inhalt: Feststellung eines neu erwachten Nationalbewusstseins; historischer Rückblick auf die Zeit vor 1815 (Schwäche, Zersplitterung, Enttäuschung nach den Befreiungskriegen); Spaltung der Nation nach dem Wiener Kongress durch preußisch-österreichischen Dualismus und restaurative Unterdrückung liberaler Bestrebungen; Kursänderung Preußens durch den Zollverein als Integrationsklammer; Schlussfolgerung: Notwendigkeit von Einheit und Fortschritt, Ablehnung des revolutionären/französisch geprägten Liberalismus.

2. Ordnen Sie die Quelle historisch in ihren Kontext ein und charakterisieren Sie Biedermanns politische Position.

Lösung: Historischer Kontext: - Entstehung des deutschen Nationalismus in den antinapoleonischen Befreiungskriegen; Mobilisierung der studentischen Jugend (Wartburgfest 1817). - Wiener Kongress 1814/15: Restauration, Fürstensouveränität, Gründung des Deutschen Bundes; Nichterfüllung von Verfassungsversprechen. - Repression: Karlsbader Beschlüsse 1819 nach der Ermordung Kotzebues; Wiener Schlussakte 1820; Biedermeierzeit. - Aufschwung des Liberalismus: Julirevolution 1830 in Frankreich; Hambacher Fest 1832; Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 unter preußischer Führung als wirtschaftliche Integration; Rheinkrise 1840 als nationaler Katalysator. Politischer Standort Biedermanns: - Gemäßigter Liberalismus mit stark nationalistischer Ausrichtung (Priorität der nationalen Einheit vor individuellen Freiheitsrechten). - Vorsichtige Distanzierung von der Reaktionspolitik bei gleichzeitiger strikter Ablehnung radikaler, revolutionärer oder kosmopolitischer Strömungen („französische Freiheitssympathien“). - Befürwortung einer kleindeutschen Einigung unter preußischer Führung („Fortschritt“ durch Reformen und Zollverein).

3. Beurteilen Sie, wie Biedermann die Rolle Preußens bewertet und welche Zukunftsvorstellungen er entwirft.

Lösung: Beurteilung (Sach- und Werturteil): - Zustimmende Aspekte: Zutreffende Einschätzung des preußisch-österreichischen Dualismus; richtungsweisende Erkenntnis der Integrationskraft des Deutschen Zollvereins für die spätere kleindeutsche Reichsgründung; Realismus bezüglich der Zurückhaltung Österreichs. - Relativierende/Kritische Aspekte: Einseitige Bevorzugung der nationalen Macht gegenüber parlamentarischer Partizipation und Bürgerrechten; Verharmlosung oder Ausblendung der tatsächlichen repressiven Haltung Preußens im Vormärz; problematisches, chauvinistisches Feindbild gegenüber Frankreich; Überhöhung der „Einheit von oben“ unter Vernachlässigung demokratischer Mitbestimmung. - Fazit: Biedermann erweist sich prognostisch als Vorbote des kleindeutschen Einigungsprozesses (wie er sich 1866/71 vollzog), unterschätzt jedoch die ungelöste Konfrontation zwischen monarchischem Obrigkeitsstaat und demokratischen Bürgerrechten.

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