Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2021
Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Teilschritte bearbeiten:
1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2. anhand des Textes die relevanten historischen Hintergründe erläutern (14 Punkte) und die Position des Autors zur historischen Bedeutung der Revolution von 1848 charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
3. die Haltung des Autors zur Revolution beurteilen. (26 Punkte)
Materialgrundlage:
• Unbekannter Autor: Ein Gedenktag. In: Volks-Zeitung. Organ für Jedermann aus dem Volke, Nr. 65, Berlin, 18. März 1890, S. 1.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Die Volks-Zeitung – Organ für Jedermann aus dem Volke: eine sozialdemokratische Tageszeitung im Kaiserreich.
Der Artikel erschien zum ersten Mal am 18. März 1889 zum 41. Jahrestag der Märzereignisse. Daraufhin wurde die Zeitung für mehrere Wochen auf Grundlage der Sozialistengesetze verboten. Genau ein Jahr später druckte die Volks-Zeitung den Artikel erneut ab.
Ein Gedenktag.
Am 18. März dieses Jahres vollenden sich einundvierzig Jahre, seitdem der preußische Staat in die Reihe der modernen Kulturstaaten getreten ist. Dieser Tag ist der wichtigste Gedenktag unserer neueren Geschichte, der wichtigste und – der am wenigsten gefeierte. Die Todten des 18. März schlummern vergessen in einem verborgenen Winkel des Friedrichshains 1: auf ihren
5 Gräbern wuchert Unkraut und nur an ihrem Todestage pflegen die Pickelhauben in schwerer Menge aus den Hecken aufzutauchen, um die kleine Schaar der allezeit Getreuen zu überwachen, die denn doch noch am 18. März den Weg der Pietät zu finden weiß.
Es wäre eine sehr oberflächliche Auffassung der Geschichte, wenn man den Kämpfern des 18. März das Verdienst, Preußen in die Reihe der modernen Kulturstaaten geführt zu haben,
10 in dem Sinne zubilligen wollte, als hätten sie diesen Entschluss aus freiem Antriebe gefasst, als seien sie eines beliebigen Tages mit den Waffen in der Hand auf die Straße hinabgestiegen, um eine Verfassung zu erkämpfen. Diese Auffassung wäre nur der Gegenpol jener kindlichen Vorstellung, nach welcher Fürsten, Diplomaten und Generale die Geschichte machen. Nein, Preußen musste erst innerlich reif sein für die Erfüllung seiner Geschicke; es musste die
15 politisch-sozialen Voraussetzungen eines Verfassungsstaates besitzen, ehe es ein solcher Staat werden konnte. Erst dann konnte das Volk verlangen, daß ihm sein Recht werde, erst dann musste es pflichtgemäß das Recht, das ihm hartnäckig verweigert wurde, mit eigener Hand nehmen.
Jene Voraussetzungen waren nun freilich schon seit dem Anfange dieses Jahrhunderts erfüllt
20 und die großen Staatsmänner der nach-jenaischen Epoche 2, ein Stein, ein Hardenberg, ein Schön 3, hatten gebieterisch verfassungsmäßiges Recht für das Volk verlangt. Auch hatte König Friedrich Wilhelm III., als ihm das Volk unter unermesslichen Opfern von Gut und Blut Krone und Thron rettete, den Erlass einer Verfassung versprochen. Allein nach der Beseitigung der Gefahr wurde das Königswort vergessen, wurden die furchtbarsten Verfolgungen über die
25 deutsche Jugend verhängt, welche das Idealbild der Freiheit in ihrem Herzen bewahrte. Das Volk ist immer geduldig und großmütig, ja geduldig und großmütig bis zur sentimentalen Schwäche. Es wartete schweigend, so lange der alte König lebte; es hoffte, daß der Thronfolger die gebieterische Notwendigkeit der Zeit, die gerechten Forderungen der Nation erfüllen werde. Groß war die Enttäuschung, als Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg, und, statt
30 sein Gesicht voll der Zukunft zuzuwenden, völlig in mittelalterliche Schatten und Schemen versank. Aber wieder erwies sich das Volk als geduldig und großmütig; es wartete noch volle acht Jahre und trug schweigend ein Joch, das ihm jede Stunde die Schultern wunder rieb. Erst als jede Hoffnung geschwunden war und als ringsum in Europa die faulen Gase einer dreißigjährigen Reaktionszeit explodirten, da brachen die Kämpfer des 18. März entschlossen und
35 schnell den eigensinnigen Menschenwillen, der sich der gebieterischen Notwenigkeit der geschichtlichen Entwickelung widersetzte.
Diese geschichtliche Notwendigkeit erkannt und für ihre Erfüllung bereitwillig das Leben daran gesetzt zu haben, ist der wahre Ruhm der Märzkämpfer, und es ist der höchste Ruhm, den staubgeborene Menschen erreichen können. Als das Volk seine gefallenen Brüder nach
40 dem Schlosshofe trug, und der gebrochene König auf dem Balkon erschien, um die Leichen zu grüßen, deren klaffende Wunden eine stumme und doch so beredte Klage gegen ihn führten, da schlug die letzte Stunde der absoluten Monarchie und fortan war Preußen ein moderner Staat. Dies ist die geschichtliche Bedeutung der Märztage von 1848, und mit welcher Gewalt und List immer die Feinde des Volks die Bedeutung dieser Tage wegzufälschen, wegzuleug-
45 nen, wegzuschweigen und wegzuvernichten gesucht haben, es wird ihnen nimmermehr gelingen. Der 18. März wächst um so mächtiger in die Zukunft hinein, je mehr von dem reichen Erbe, das er der Nation hinterließ, im Laufe der Jahrzehnte durch Lug und Trug und nicht zuletzt auch durch die großmütige Vertrauensseligkeit des Volkes selbst verlottert und verloren worden ist.
50 Und wie an dem Tage selbst, so hat auch an dem Andenken seiner Kämpfer der Zahn der Verläumdung genagt. […] Weder unter den rekognoszirten 4 200 Todten, noch unter den 700 Gefangenen befand sich auch nur eine kriminell bestrafte Persönlichkeit […]; so ist es sonnenklar, daß der 18. März von 1848 dem ehrlichen und treuen Volke gehört und ihm allein. Auch nicht der leiseste Makel haftet an seinen Kämpfern. Hofprediger, Professoren, Kommerzien-
55 räte waren freilich nicht unter ihnen vertreten, aber umso reichlicher alle arbeitenden Schichten der Nation.
Ständen sie heute auf, die Todten des Friedrichshains, bitterste Empfindung würde sich in ihren Herzen regen, wenn sie sähen, wie wenig von dem, was sie in die Hand des Volkes legten, in dieser Hand geblieben ist. Sie schlafen aber den traumlosen Schlaf des Todes, und das
60 Gefühl der tiefsten Beschämung bleibt allein den Lebenden. Wie viele es empfinden, wir wissen es nicht, aber das wissen wir: es ist eine von Tage zu Tage wachsende Schaar. Und im Namen dieser Tapferen und Treuen grüßen wir heute die Kämpfer des 18. März, die lebenden, wie die todten, mit dankbarem Gruße.
1 Friedrichshain: gemeint ist hier der Friedhof für die Gefallenen der Revolution von 1848.
2 nach-jenaisch: die Zeit nach den Niederlagen der preußischen Armee gegen die napoleonischen Heere bei Jena und Auerstedt 1806.
3 Theodor von Schön (1773 – 1856) war wie Stein und Hardenberg ein preußischer Reformer und arbeitete insbesondere mit Stein zusammen.
4 rekognoszirt (rekognoszieren), hier: identifiziert, namentlich bekannt
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)
Lösung: Analyse der Quelle hinsichtlich formaler Aspekte, Thema, Intention sowie Inhalt und Gedankengang.
2. anhand des Textes die relevanten historischen Hintergründe erläutern (14 Punkte) und die Position des Autors zur historischen Bedeutung der Revolution von 1848 charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
Lösung: Erläuterung der historischen Hintergründe (Vormärz, Revolution 1848, Kaiserreich) und Charakterisierung der Sicht des Autors.
3. die Haltung des Autors zur Revolution beurteilen. (26 Punkte)
Lösung: Differenzierte Beurteilung der Sicht des Autors unter Abwägung von Zustimmungs- und Relativierungsaspekten.
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