Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2023
Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 · Geschichte, Grundkurs
Aufgabenstellung 3: Analyse und Erörterung einer historischen Darstellung
Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worauf der deutsche Nationalstaat von 1871 beruhte (16 Punkte), und charakterisieren Sie die Perspektive Richters auf das Kaiserreich (12 Punkte). (28 Punkte)
3. Beurteilen Sie Richters Sicht. (26 Punkte)
Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage:
Hedwig Richter: Warum sich eine Beschäftigung mit der Reichsgründung heute lohnt
In: Aus Politik und Zeitgeschichte – 150 Jahre Reichsgründung (Themenheft), Jg. 71/2021, H. 1–2, S. 25–29.
Hinweise zur Autorin: Hedwig Richter lehrt als Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.
1 Am Anfang war die Verfassung. Denn das Kaiserreich begann nicht am 18. Januar 1871, nicht
mit Waffenklirren und Männerjubel im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, nicht mit der
Proklamation des Kaisers. Das Reich begann ruhig, ordnungs- und rechtmäßig; über Nacht
war es da. Die Verfassung, eine Revision der Konstitution des Norddeutschen Bundes von
5 1867, trat am 1. Januar 1871 in Kraft, und mit ihr setzte das „Deutsche Reich“ ein.
Deutschlands Verfasstheit erwies sich damit als denkbar unspektakulär. Das Reich hatte die
in Europa übliche Staatsform einer konstitutionellen Monarchie. Das heißt, der Monarch war
institutionell eingehegt. Für die meisten Zeitgenossen war die Begründung durch eine Ver-
fassung inzwischen selbstverständlich – diese Selbstverständlichkeit aber war neu und steht
10 für einen Modernisierungs- und auch einen gewissen Demokratisierungsprozess. Noch der
Vorgänger des neuen Kaisers auf dem preußischen Thron, König Friedrich Wilhelm IV., hatte
eine Verfassung für Teufelszeug erklärt und sich erst mit der Revolution von 1848/49 zur
preußischen Konstitution drängen lassen.
Auch sonst bot das Kaiserreich progressives Potenzial und war damit Teil des internationa-
15 len Aufbruchs, der Massenpolitisierung und der Demokratisierung – das ist die These dieses
Textes.
[...]
Als Träger der Souveränität und oberstes Organ war ein von den 25 Mitgliedstaaten bestückter
sogenannter Bundesrat vorgesehen, der die Macht der Fürsten garantieren sollte. Der Bundes-
20 rat konnte Gesetze einbringen, und er musste den Gesetzen zustimmen. An seiner Spitze fun-
gierte als Staatsoberhaupt das sogenannte Bundespräsidium, das der Kaiser innehatte und das
zuständig für die Außenpolitik sowie Krieg und Frieden war.
Und doch war dieses Bild von einer Fürstenaristokratie, in der nicht Bürger partizipierten,
sondern treue Untertanen wohnten, Propaganda – ganz ähnlich wie das strahlende Wimmel-
25 bild der „Kaiserproklamation“ von Anton von Werner: eine fürstliche Männerversammlung
mit bunten Uniformen und Pickelhauben, die das Hoch auf „Seine Majestät den Kaiser“ rief.
Kaum einer der Anwesenden am 18. Januar 1871 erinnerte sich später an Jubel und Freude.
Der Akt gestaltete sich kühl und nüchtern, in „prunklosester Weise und außerordentlicher
Kürze“.
30 Die Verfassung aber, die das Kaiserreich begründete, war von einem recht demokratisch ge-
wählten Parlament, dem Reichstag des Norddeutschen Bundes, beraten und verabschiedet
worden: Die Grundlage des Staates war also ein Effekt der Volkssouveränität. Und auch da-
mit war das Kaiserreich ein gewöhnlicher Staat. Denn die Reichsgründung gehört in die Jahre
eines weltweiten partizipativen Aufbruchs, in dem Politik und mit ihr der Staat zu einer Ange-
35 legenheit der Massen wurde. Das deutsche Parlament bestätigte 1871 das 1866 im Norddeut-
schen Bund institutionalisierte allgemeine und gleiche Männerwahlrecht. Die Verfassung
nahm damit Bezug auf den bisherigen Höhepunkt der deutschen Demokratiegeschichte: die
Paulskirchenverfassung. [...]
Im politischen Leben Deutschlands entwickelte sich das Parlament zur entscheidenden Insti-
40 tution. Das war so von Bismarck nicht intendiert gewesen, aber die kompromissfreudige Ver-
fassung ließ es zu. Sie gab dem Reichstag das Budgetrecht und das Gesetzesinitiativrecht, und
jedes Gesetz musste im Parlament verabschiedet werden. Die Abgeordneten ließen sich in
hochkompetitiven Wahlkämpfen küren. Die Parlamentssitzungen waren öffentlich, und in
langen Auszügen druckten die Zeitungen die Reden ab. Die Regierung allerdings wurde nicht
45 vom Parlament bestätigt, doch auch das war kein deutsches Alleinstellungsmerkmal.
Zu den Staaten, die dem Deutschen Reich angehörten, zählten im Übrigen drei Republiken:
Hamburg, Bremen und Lübeck. Viele deutsche Länder wie Württemberg, Baden oder Bayern
besaßen alte Verfassungs- und Parlamentstraditionen, die einen wichtigen Bestandteil ihrer
kollektiven Identitäten bildeten.
50 So oder so: Das Deutsche Reich war ein Nationalstaat und gründete damit auf dem Volk. Das
ist entscheidend für eine Interpretation des Kaiserreichs, denn historisch gesehen gehören
Nation und Demokratie eng zusammen. [...] Nach dem Ende des Ständestaats und nach der
Individualisierung in der Moderne bot – vereinfacht gesagt – der Nationalstaat eine neue men-
tale Heimat und eine ganz eigene Würde. Die nationale Idee gab jedermann die Dignität, ein
55 Deutscher (oder Franzose oder Italiener) zu sein, egal, ob Adliger oder Bauer. Vor der Nation
war jeder gleich. Es lässt sich kaum überschätzen, wie wichtig das Konzept der Nation für
Vorstellungen von Gleichheit war. Die Gleichheitsidee ermöglichte das allgemeine Männer-
wahlrecht, aber auch den Sozialstaat, der sich zusammen mit dem Nationalismus und der Mas-
senpolitisierung entfaltete. Nation pflanzte Gleichheit in die Politik. All das galt wie selbst-
60 verständlich nur für Männer, denn auf sie waren Nation, wehrhafte Bürgerschaft, der Parla-
mentarismus mit öffentlicher Rede, die ganze „Gleichheit“ primär zugeschnitten.
Die Gründung des Nationalstaats erwies sich daher als wesentlich für die Demokratisierungs-
prozesse.
[...]
1 hochkompetitiv: von starkem Wettbewerb geprägt
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den Text.
Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben des Kriterienkatalogs (Teilaufgabe 1).
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worauf der deutsche Nationalstaat von 1871 beruhte (16 Punkte), und charakterisieren Sie die Perspektive Richters auf das Kaiserreich (12 Punkte).
Lösung: Historische Erläuterung der Grundlagen des Nationalstaats von 1871 und fundierte Charakterisierung der Position Richters (Teilaufgabe 2).
3. Beurteilen Sie Richters Sicht.
Lösung: Differenziertes, kriterienorientiertes Sach- bzw. Werturteil zu Richters Interpretation des Kaiserreichs (Teilaufgabe 3).
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
Aufgabe HT 3 · GK · Haupttermin · bilingual Französisch 2023 ›
Mehr Aufgaben zu Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung
- Aufgabe HT 3 · GK · Haupttermin · bilingual Französisch 2023
- Aufgabe GE LK NT 1 · LK · Nachtermin 2023
- Aufgabe 3 · GK · Haupttermin 2022
- Aufgabe HT 4 · LK · Haupttermin 2022
- Aufgabe 1 · LK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 1 · GK · Haupttermin 2021
- Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · bilingual Französisch 2021
- Aufgabe 4 · LK · Haupttermin 2021
- Aufgabe 1 (GE LK NT 1) · LK · Nachtermin 2021