Aufgabe HT 4 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022
Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 4)
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. [26 Punkte]
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, wie der deutsche Nationalstaat entstand (12 Punkte), und untersuchen Sie die im Text angesprochenen Verbindungen zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg (vgl. Z. 18 f.) (16 Punkte). [28 Punkte]
3.
Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. [26 Punkte]
Materialgrundlage
Peter Graf Kielmansegg: Hätte es eine Alternative zur deutschen Nationalstaatsgründung von 1871 gegeben? In: Neue Zürcher Zeitung (online-Ausgabe), 9. Januar 2021. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original. Die im Text auffällige Schreibweise Doppel-s statt „ß“ ist auf das Fehlen des „ß“ im Schweizerdeutsch zurückzuführen.)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Peter Graf Kielmansegg (*1937) ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er lehrte an den Universitäten Köln und Mannheim.
Neue Zürcher Zeitung (NZZ): Eine seit 1780 in Zürich erscheinende schweizerische Tageszeitung mit überregionaler Bedeutung im deutschsprachigen Raum, die v. a. auf den Bereichen der Wirtschafts- und Auslandsberichterstattung beruht.
Hätte es eine Alternative zur deutschen Nationalstaatsgründung von 1871 gegeben?
Das deutsche Kaiserreich wurde von seinen Nachbarn als bedrohlich empfunden. Und tatsächlich hat sich seine Politik für den Kontinent mittelfristig als verhängnisvoll erwiesen.
Unter den grossen west- und mitteleuropäischen Nationalstaaten war Deutschland der letzte, der die Bühne der Geschichte betrat, Jahrhunderte nach Frankreich, England, Spanien,
5 ein Jahrzehnt nach dem ebenfalls verspäteten Italien. Sein Auftritt war nicht eigentlich überraschend, die Revolution von 1848 hatte das Thema mit Nachdruck auf die politische Agenda gesetzt, aber doch von irritierender Plötzlichkeit. Und er war jenseits der Grenzen Deutschlands unwillkommen.
Keine der älteren etablierten Grossmächte hat das neue Deutsche Reich freudig begrüsst.
10 Benjamin Disraeli 1, zu dieser Zeit Führer der konservativen Opposition im britischen Parlament, sprach in einer Unterhaus-Debatte wenige Wochen nach der Kaiserkrönung von Versailles aus, was viele europäische Beobachter empfanden. Die Reichsgründung – «the German revolution» in der Diktion Disraelis – habe das europäische Gleichgewicht von Grund auf zerstört.
15 War das so? Grundsätzlicher gefragt: Was hat dieses epochale Ereignis für die europäische Geschichte bedeutet? Oder zugespitzt: Was haben die Reichsgründung und die europäischen Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander zu tun? Man gerät mit solchen Fragen, die weite geschichtliche Bögen schlagen, leicht in reine Spekulation. Aber zumindest über die Zusammenhänge zwischen 1871 und 1914 lässt sich ernsthaft diskutieren.
20 Und vom Ersten Weltkrieg und seinem Ausgang führt ein ziemlich gerader Weg zum Aufstieg Hitlers und damit in den Zweiten Weltkrieg.
Preussen revolutioniert das System
Die Pentarchie des 19. Jahrhunderts, wie sie aus dem Wiener Kongress hervorgegangen war, gilt zu Recht als ein erstaunlich stabiles Mächtesystem: die beiden Flügelmächte von Welt-
25 rang England und Russland, Frankreich, das den gescheiterten Versuch Napoleons, sich ganz Europa zu unterwerfen, dank der Mässigung der Sieger erstaunlich unversehrt überstanden hatte, und in der Mitte des Kontinents die beiden deutschen Rivalen, die Habsburgermonarchie und Preussen, die schwächste, kleinste unter den grossen Mächten, zudem ohne geschlossenes Territorium.
30 Überraschenderweise war es dieses Preussen, das, von Bismarck geführt, die Pentarchie revolutionierte. Die Kriege der 1850er Jahre – der Krimkrieg, in dem die Weltmächte England und Russland aufeinandergestossen waren, und der italienische Einigungskrieg, den Österreich, seit 1815 in Besitz der Lombardei und Venetiens, und das unruhige, ehrgeizige Frankreich Napoleons III. gegeneinander ausgefochten hatten – hatten das europäische Mächte-
35 system zwar schon erschüttert, aber die Gewichte noch nicht grundlegend verschoben. Das tat erst Bismarck, als er nach den drei Einigungskriegen von 1864, 1866 und 1870/71 das Deutsche Reich aus der Taufe hob.
An die Stelle des kleinen Preussen trat nun das grosse Preussen-Deutschland, Frankreich wie Österreich-Ungarn an militärischer Stärke und wirtschaftlicher Kraft deutlich überlegen –
40 Russland bleibt seines unermesslichen Raumes und seiner riesigen Bevölkerungszahl wegen immer ein Sonderfall. [...]
Aber war damit das europäische Gleichgewicht wirklich zerstört? Was war überhaupt das europäische Gleichgewicht? Und weshalb war es bewahrenswert? Sieht man ein Mächtesystem im Gleichgewicht, wenn es keinen Hegemonen gibt, sondern [sich] eine Mehrzahl von
45 Mächten in wechselnden Verbindungen einander ohne kriegerische Konflikte die Waage hält, so ist festzustellen: Auch die neue Pentarchie war von dieser Art. Deutschland wurde durch die nationalstaatliche Einigung keineswegs zur kontinentalen Hegemonialmacht. Aber von nun an war die Befürchtung in der Welt, dass es so kommen könne.
Und vor allem: Die neue Pentarchie war kriegsgeneigter und kriegsgefährdeter als die alte.
50 Sie war es, weil die neue Grossmacht der europäischen Mitte für ihre Nachbarn bedrohlich war und sich zugleich selbst als bedroht wahrnehmen musste. Bedroht war die Macht der Mitte, weil sie, von zwei Grossmächten unmittelbar flankiert, deren eine, Frankreich, ihr unversöhnlich gegenüberstand, als einzige europäische Grossmacht immer mit einem Zwei-Fronten-Krieg rechnen musste. Bedrohlich, jedenfalls für Frankreich, war die neue Gross-
55 macht Deutschland, weil sie eben der Mittellage wegen jedem der beiden Nachbarn militärisch überlegen sein musste und wollte, ganz unabhängig von der besonderen preussischen Militärtradition, die zusätzlich irritierte.
Das mitteleuropäische Bündnis Deutschlands mit Österreich-Ungarn, das nach 1871 zu einer Konstante der neuen Pentarchie wurde, brachte eine zusätzliche starke Spannung ins System.
60 Denn Österreich-Ungarn stiess auf dem Balkan mit Russland zusammen. Und damit wurde auch der andere Nachbar zum potenziellen, schliesslich zum wirklichen Gegner Deutschlands.
Bismarck wusste, dass er mit der Reichsgründung bis an die Grenze gegangen war; dass die europäischen Mächte seinen Coup – denn das war die Reichsgründung – dauerhaft nur hin-
65 nehmen würden, wenn das Deutsche Reich sich verlässlich als eine dem Frieden verpflichtete Status-quo-Macht erweisen würde. Seine Politik nach 1871 war auf diese Einsicht gegründet. Mit seiner England herausfordernden Flottenrüstung in den anderthalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, aber auch seinen kolonialen Ambitionen brach das wilhelminische Deutschland aus dieser Selbstbeschränkung aus.
70 Das erwies sich als verhängnisvoll, weil England die Macht war, die die spannungsgeladene kontinentale Machtkonstellation durch seine Neutralität hätte in einer wenn auch nicht harmonischen, so doch jedenfalls nichtkriegerischen Balance halten können. Dass das nachbismarcksche Deutsche Reich die Bedingungen dieser Möglichkeit nicht achtete, hat zum Absturz der zweiten Pentarchie in den grossen Krieg wesentlich beigetragen. [...]
75 Wenn 1914 etwas mit 1871 zu tun hat, wie es diese Überlegungen nahelegen, dann drängt sich die Frage auf: Gab es Alternativen zur kriegerischen Nationalstaatsgründung von 1871? [...]
Wenn es eine Alternative zur Reichsgründung von 1871 gab, dann lag sie nicht in einer ganz anderen Antwort auf die offene deutsche Frage. Sie hätte in einem anderen Weg zum
80 Ziel gelegen: in einer Nationalstaatsgründung ohne Krieg gegen Frankreich und ohne Annexionen, langsamer, behutsamer, schonender also. [...]
Danach dann, davon war schon die Rede, hätte die Alternative in einer anderen Politik des deutschen Nationalstaates gelegen, einer Politik, deren oberstes Ziel es hätte sein müssen, Europa mit seiner Existenz zu versöhnen. Für den Rückblick nach 150 Jahren ist das offen-
85 sichtlich. Aber die Zeitgenossen hätten es auch schon wissen können.
1 Benjamin Disraeli: britischer Premierminister (1868 und 1874–1880).
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug.
Lösung: Umfassende und strukturierte Analyse der historischen Darstellung nach formalen Kriterien (Autor, Textsorte, Entstehungszeit, Adressat, Anlass, Thema) sowie Wiedergabe des Gedankengangs und der zentralen Argumentationsschritte.
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, wie der deutsche Nationalstaat entstand (12 Punkte), und untersuchen Sie die im Text angesprochenen Verbindungen zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg (vgl. Z. 18 f.) (16 Punkte).
Lösung: Ausführliche Erläuterung des Weges zur Reichsgründung (Vormärz, 1848, Einigungskriege) sowie differenzierte Untersuchung der Kontinuitäten und Brüche zwischen 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914.
3. Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors.
Lösung: Differenzierte historische Beurteilung der Thesen Kielmanseggs zu Alternativen der Reichsgründung und der Kontinuitätslinie 1871–1914 auf der Grundlage gewichteter Kriterien.
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