Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

auf der Grundlage des Textes die Entwicklungen von 1806 bis zum Sommer 1848 erläutern (16 Punkte) und die politische Position des Autors charakterisieren (12 Punkte), (28 Punkte)

3.

die Darlegungen des Autors beurteilen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Ernst von Bülow-Cummerow: Rede auf der Generalversammlung zur Wahrung der Interessen der Grundbesitzer und zur Förderung des Wohlstandes aller Volksklassen. Berlin, 18. August 1848. In: Neue Preußische Zeitung, 1. Jg., Beilage zur Nr. 44 (20. August), S. 3.

(Rechtschreibung und Grammatik wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Ernst von Bülow-Cummerow (1775 – 1851): preußischer Gutsbesitzer und Politiker. Wegen dessen schwacher Konstitution wurde der hier vorgelegte Text auf der Versammlung von Hans Hugo von Kleist-Retzow, einem Mitbegründer der Neuen Preußischen Zeitung, vorgetragen.

Neue Preußische Zeitung: von 1848 bis 1939 erschienene überregionale Zeitung in Preußen. Wegen des auf der Titelseite abgebildeten Eisernen Kreuzes wurde sie auch Kreuzzeitung genannt.

[...]

Meine Herren! Durch die Gewalt der Zeit und den Strom der Geister ist in wenigen Monaten ganz Mittel-Europa bis auf seine innersten Grundfesten erschüttert, und die entfesselten Leidenschaften haben Zustände herbeigeführt, welche so mächtig in die staatlichen, socialen und materiellen Verhältnisse der Bevölkerung unseres Welttheils eingreifen, daß kein menschlicher Scharfsinn den Ausgang der gegenwärtigen Krisis zu ergründen vermag, oder zu bestimmen: welche Völker in ihr untergehen, welche aus ihr neu hervorgehen werden; doch ersparen Sie es mir, auf die chaotischen Zustände einzugehen, welche uns umgeben, unsere eigenen sind schon geeignet, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Vor Allem muß ich auf die Gefahr aufmerksam machen sich über die Größe und Nähe des Uebels, welches uns droht, täuschen zu wollen; oder über den Umfang der Schwierigkeiten, welche uns umgeben; denn die Kraft, die wir anwenden, um sie zu überwinden, muß danach abgemessen werden.

Obgleich einer verehrten Versammlung die Zustände, in welchen sich das Land befindet, und die Ursachen, die diese herbeigeführt haben, wohl bekannt sind, so muß ich doch um die Erlaubniß bitten, einige Worte drüber fallenzulassen.

Im Jahre 1806, durch Verhältnisse gedrängt, begann der vorige König, von Stein und Hardenberg unterstützt, die Umwandlung der Verfassung und der inneren Zustände des Reiches, aus welchen Institutionen hervorgegangen sind, die uns auch jetzt noch bedeutende Anhaltspunkte gewähren. Der Krieg von 1813 hinderte die Vollendung des begonnenen Werkes. Als demnächst durch die Begeisterung des preußischen Volkes und die innige Verbindung zwischen dem Könige und diesem die Selbständigkeit Preußens hergestellt war, unterließ man, den begonnenen Bau zu vollenden, er blieb ein Stückwerk, die rückschreitende Bewegung, die jetzt folgte, (die Nichterfüllung der Königlichen Verheißungen) erzeugte eine um so größere Mißstimmung, weil die absolute Gewalt des Königs in der Wirklichkeit auf eine riesenhafte Verwaltung übergegangen war, die sich nichts weniger als geeignet zeigte, die vielfachen Mängel in der Gesetzgebung und Verwaltung abzustellen.

Bis zum Antritt der Regierung des jetzigen Monarchen hatte sich nun der Polizei-Staat förmlich systematisirt, und namentlich durch die Censur dahin gewirkt, jede politische Ausbildung im Volke zu verhindern. Bis zum Jahre 1840 ward dieses System mit großer Consequenz verfolgt. Seit dem Antritt der Regierung des jetzigen Königs fühlte man jedoch, daß es nicht länger zu halten sei, wählte aber den allerverkehrtesten Weg, den der halben, oft wieder zurückgenommenen Zugeständnisse. Dieser konnte daher auch nur dahin führen: Alles aufzuregen, ohne wieder zu beschwichtigen. Die radikale Parthei gewann dadurch an Stärke, und die Regierung verlor an Kraft, ihr blieb im ganzen Lande keine Parthei, auf die sie sich stützen konnte, nichts war daher erklärlicher, als daß sie demnächst bei dem ersten Stoß zusammenbrach.

Da alle politischen Fragen unserer Berathung so viel wie möglich fernbleiben müssen, so lassen Sie uns darüber fortgehen, welcher Antheil an der Revolution, „denn diese ist nicht abzuleugnen“ 1 dem moralischen Eindrucke der eingetretenen politischen Bewegung auf König und Volk, welcher dem Straßenkampfe in Berlin zuzuschreiben ist.

Faktisch steht es fest, und ich bitte dieses wohl zu bemerken:

1) daß die eigentliche Gewalt auf Seiten der Regierung blieb, diese sie aber nicht anders, als in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung, und zwar der von Berlin, anzuwenden wagte;

2) daß der König gleich nach den März-Tagen sich unter dem Einfluß der einzigen Partei der Radikalen, die sich damals schon gebildet hatte, befand; und daß diese von der französischen und polnischen Propaganda geleitet, die Volksherrschaft im ausgedehntesten Maße beabsichtigte;

3) daß infolge davon dem preußischen Volke politische Rechte eingeräumt sind, welche zu üben, die dazu berufene Masse noch nichts weniger als reif war;

4) daß bei der gänzlichen Unklarheit der untersten Volksklassen darüber, zu welchem politischen Akt sie berufen wären, sich die Meinung verbreitete, es sei auf Theilung des Eigenthums, auf Befreiung von allen Abgaben und auf Erhöhung des Arbeitslohns abgesehen, diese daher zur Nationalversammlung oft nur Personen wählten, welche ihren kommunistischen Ansichten zu schmeicheln verstanden hatten;

5) daß in Folge davon die besitzende Masse von der Wahl so gut wie ausgeschlossen geblieben ist; endlich steht es

6) faktisch fest, daß die Rathgeber der Krone, welchen die Aufgabe geworden war, sich über die Verfassung mit den Vertretern des Volkes zu einigen, zum Theil auf die communistischen Ideen der radikalen Partei eingegangen sind und, statt das Eigenthum durch ein Staats-Grundgesetz zu schützen, es den Angriffen Preis geben zu wollen scheinen.

Meine Herren!

Es bedarf wohl keiner Ausführung, daß die Sicherheit des Eigenthums und die Heiligkeit der Verträge die Säulen eines jeden Staatenverbandes sind und bleiben müssen, und daß nicht allein die etwa direkt Betheiligten, sondern alle, die einen freien, geordneten Staatsverband verlangen, ein gleiches Interesse haben, den Rechtsboden zu wahren und sich jedem Plünderungs-System entgegenzustellen. Daher ergeht auch meine Aufforderung an alle diejenigen, welche im ganzen Umfange des Reichs die konstitutionelle Monarchie (auf die [sic!] Basis der Verheißungen, welche der Monarch in seinem Erlaß vom 18. und 22. März in Aussicht gestellt hat), wünschen, mit aller Kraft dahin zu wirken, daß das neue Gebäude nicht schon in seinem Entstehen untergraben und durch Angriffe auf das Eigenthum aus einer politischen Revolution eine sociale gemacht werde, die mit einer Theilung des Vermögens endigt. [...]

Meine Herren!

Die Versammlung, an die ich die Ehre habe, diese Worte zu richten, hat sich gebildet, theils aus Deputirten einer großen Anzahl von Vereinen, welche zur Vertheidigung des Eigenthums und zur Aufrechterhaltung der bestehenden Verträge entstanden sind, theils aus Männern aus allen Ständen und Provinzen, die sich diesen in gleicher Absicht anschließen wollen.

Zur Erreichung des vorgesetzten Zweckes scheint es mir aber durchaus nothwendig, daß die Versammlung beschließe, einen großen Ausschuß von etwa 50 Personen zu wählen, der in Berlin verbleibt, sich fortwährend mit Abwehr aller der Maßregeln welche Eingriffe in das Eigenthum besorgen lassen, wie mit Prüfung der Gegenstände beschäftigt, welche zur Förderung der materiellen Wohlfahrth aller Klassen des Volkes führen, und zu bestimmen, daß vorläufig in diesem Ausschuß das interimistische Central-Comité, welchem ich die Ehre habe vorzustehen, aufgeht.

Ich schlage Ihnen ferner vor, mit Organisation von Kreisvereinen im ganzen Umfange der Monarchie fortzufahren und zwischen dem Ausschuß und diesen Vereinen eine ununterbrochene Wechsel-Wirkung eintreten zu lassen.

Ich beantrage ferner, daß Sie diesem Ausschuß die Vollmacht ertheilen, in allen solchen Fällen, wo Gefahr im Verzuge liegt, im Namen des ganzen Vereins energisch einschreiten zu können.

[...]

1 Die Herkunft dieses Zitats ist unklar.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die Quelle analysieren,

Lösung: Umfassende und kriteriengeleitete Textanalyse der Rede von Ernst von Bülow-Cummerow vom 18. August 1848.

2. auf der Grundlage des Textes die Entwicklungen von 1806 bis zum Sommer 1848 erläutern (16 Punkte) und die politische Position des Autors charakterisieren (12 Punkte),

Lösung: Historische Erläuterung der Entwicklungen 1806–1848 im Kontext der preußischen und deutschen Geschichte sowie systematische Charakterisierung der gemäßigt-konservativen Haltung des Autors.

3. die Darlegungen des Autors beurteilen.

Lösung: Differenziertes Sach- und Werturteil über die Stichhaltigkeit, Zeitgebundenheit und politischen Grenzen der Thesen Bülow-Cummerows.

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