Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2022
Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte bearbeiten:
1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2. die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die politische Position des Redners charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
3. zu den vom Redner vertretenen Positionen Stellung nehmen. (26 Punkte)
Materialgrundlage
Philipp Jakob Siebenpfeiffer: Zwei gerichtliche Vertheidigungsreden. Bern 1834, S. 10 – 14.
Hinweise zum Autor/Material:
Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789 – 1845) wurde als einer der Organisatoren und Redner des Hambacher Festes verhaftet und in Landau 1833 vor Gericht gestellt, zunächst von dem Geschworenengericht überraschend freigesprochen, dann aber wegen Beamtenbeleidigung in einem zweiten Prozess ohne Geschworene zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er konnte in die Schweiz entkommen. An dem Prozess nahmen trotz der abschreckenden Präsenz zahlreicher Soldaten hunderte Zuschauer teil. Die „Verteidigungsreden“ wurden später als Broschüre gedruckt und als Flugblätter tausendfach verteilt. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus Siebenpfeiffers erster Rede.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
1 Was mich betrifft, ich bin Republikaner von ganzer Seele; nicht blos der Theorie nach, son-
dern ich halte die Repräsentativ-Republik für die einzige Staatsform, die einem größern Volk,
das seine Würde fühlt, geziemt, für die alleinige, die heute möglich. Sie allein kann freies
Denken, freies Handeln geben, somit den Zweck der Völkerbewegung 1 erfüllen. Ein mündi-
5 ges Volk unter einer Monarchie dünkt mir 2 ein Herkules am Spinnrocken 3, woran der eigne
Wahn es bindet. Außerdem kenn’ ich nur zwei Staatsformen: absolute Monarchie nämlich,
für jugendliche Völker etwa, welche das Schwert in der Hand einen Wohnsitz, ein Dasein
erkämpfen wollen, oder für versunkene Völker, die der Peitsche bedürfen, um nicht in Fäulnis
überzugehn; sodann eine Aristokratie, wo eine Klasse herrscht, das übrige Volk aber Heloten,
10 Sklaven sind. Die konstitutionelle Monarchie, welche Republik und Fürstlichkeit vereinen
soll, ist mir praktisch ein Unding. Nur ein Wille kann Staaten regieren; jene stellt aber einen
zweifachen auf: den Willen des Monarchen und den Willen des Volkes. So entsteht ein Dop-
pelprinzip, das sich selbst feindselig bekämpft. Alle Gewalt strebt, wie man weiß, naturgemäß
nach ihrer Erhaltung, Befestigung, Erweiterung: ist die Regierung stark, so wird sie absolut,
15 die Mitwirkung des Volkes wird ein Gaukelspiel 4 sein; ist der Volksrath stark, so geht die
Monarchie in der Republik unter, […] – Die Repräsentativ-Republik aber stellt nur einen Wil-
len auf, den der Gesammtheit. Partheien können entstehen, Bewegungen, Kämpfe mögen
kommen, sollen kommen, denn sie bewahren den Staat vor Fäulnis: aber sie zeigen sich nur
wo wesentliche Gebrechen, wo ernste Interessen verletzt, nicht alle Kräfte zu freiem Spiele
20 gelassen sind; und es besteht ein gesetzliches Organ für jedes solches Interesse, die Gesammt-
heit kann das Gebrechen heilen.
[…] Ungleichheit des Besitzes liegt in der Natur, welche die Menschen mit ungleichen Kräf-
ten und Neigungen ausstattet. […] Soll man aber darum einer andern Staatsordnung das Wort
reden, wo die Gesammtheit nur für etliche 5 Familien keucht und schwitzt; wo die unermeß-
25 liche Mehrheit kaum die Mittel zur Befriedigung der untersten Bedürfnisse des Leibes erüb-
rigt 6, indeß die Minderzahl in Müßiggang, im Uebermuth des Ueberflusses schwelgt; wo
Millionen Menschen ohn’ eigne Scholle 7, ohn’ Obdach; wo die Gefängnisse jährlich erwei-
tert werden müssen, um die Unglücklichen zu fassen, deren gränzenloses Elend sie zu Ver-
gehen zwang um ihren Hunger zu stillen; wo Mütter und Kinder in die Strafanstalten kom-
30 men, um mit ihren Vätern ein thränenvolles Stückchen Schwarzbrod zu theilen? Nein, eine
solche Staatseinrichtung ist naturwidrig, ist gottlos! Darum will ich eine andere, will ich ein
wahres Gemeinwesen, eine Staatsordnung, die Jedem das Seinige sichert, die jene Ruh’ und
Ordnung giebt, welche man vergebens mit Bajonetten und Gesetzesheuchelei, mit Henkerbeil
und Verbannung zu erreichen hofft; eine Staatsordnung will ich, die jene Freiheit und Gesetz-
35 lichkeit verschafft, deren die heutigen Völker bedürfen, und wornach sie ringen werden bis
sie erlangt ist. Auf sie hab’ ich meinen Glauben gesetzt, weil sie die kühnsten Träume der
edelsten Menschen aller Zeiten verwirklicht, weil sie von der Vernunft geboten, von den reins-
ten Patrioten ersehnt, von allen aufgeklärten Bürgern erwartet wird, weil sie die Geburt ist,
welche die Gegenwart im Schooße trägt. Und ich habe den weitern Glauben, daß die Repu-
40 blik, einmal wieder erweckt, nicht abermals untergehn wird: an ihrer Wiege steht nicht nur
eine bluttriefende Stiefmutter, die Monarchie, sondern eine hellsehende Wächterin, welche
die alten und neuern Republiken nicht kannten, die freie Presse, die mit tausend Argusaugen
sie überwacht, damit die Schlangen des Ehrgeizes und der Selbstsucht sich in scheuer Ferne
halten.
45 […] wir wollen nicht geistige Knechtschaft, wir wollen Freiheit des Denkens, Freiheit des
Handelns für Alle. Welche Staatsform, welches Gesetz jeweils einem Volk fromme 8, das be-
stimme dies Volk selbst. […] Die monarchischen Gewalthaber behaupten ihre Systeme mit
Kanonen; Marat und Robespierre wollten Republikaner mit der Guillotine machen; sind die
Einen im Unrecht, warum nicht die Andern? So weit ist man jetzt einig in der denkenden
50 Welt, daß der Mensch religiöse Gewissensfreiheit als ein Recht anspricht; warum wollt ihr
nicht die politische Gewissensfreiheit anerkennen? Nationen sind wie Individuen: jede nach
eigner Weise bilde sich durch freie lichtvolle Verständigung ihren politischen Glauben, denke
sich ihre politische Gottheit, weih’ ihr Altäre! Dies ist’s, was ich Volkshoheit nenne. Ich will
nicht, daß ein einzelner Mensch […] die Geschicke von Millio-
55 nen nach seinen Einfällen bestimme; ich will, daß auch nicht irgend ein Theil der Staatsglie-
der, seien’s die Conservativen Englands oder die Pariser Sanscülotten, herrschen; ich will,
daß keine Parthei die andere, nicht die Minderzahl die Mehrzahl, nicht einmal die Mehrheit
die Minderzahl unterdrücke; ich will, daß die Gesammtheit herrsche, d. h. Geist und Gang
der Regierung regle. Wo eine herrschende Klasse, da ist auch eine dienende. Der herr-
60 schende Gesammtwillen, der freie Ausdruck aller Volksinteressen – dies ist meine Republik.
1 Siebenpfeiffer spricht hier die auch in anderen Ländern aktiven, gegen die Adelsherrschaft gerichteten nationalen Bewegungen an.
2 dünkt mir: erscheint mir wie
3 Herkules am Spinnrocken: Metapher für jemanden, der seine großen Möglichkeiten nicht verwirklichen kann
4 Gaukelspiel, hier: ein Verfahren, welches eine Beteiligung des Volkes nur vorspielt
5 etliche, hier im Sinne von: wenige
6 erübrigt, hier im Sinne von: übrig behält
7 Scholle: Bezeichnung für eigenen oder gepachteten Grundbesitz eines Bauern
8 frommen, veraltet: nützen
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)
Lösung: Ausführliche quellenkritische Einleitung und strukturierte inhaltliche Analyse der Verteidigungsrede.
2. die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die politische Position des Redners charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
Lösung: Historische Kontextualisierung in den Vormärz sowie Charakterisierung von Siebenpfeiffers radikaldemokratischem Standort.
3. zu den vom Redner vertretenen Positionen Stellung nehmen. (26 Punkte)
Lösung: Differenziertes, kriteriengeleitetes Sach- und Werturteil zu Siebenpfeiffers Positionen.
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