Abitur NRW Geschichte 2022 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Aufgabe 1 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte ausführen:

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2. die Quelle in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang der Jahre 1945 bis 1951 einordnen (14 Punkte) und die Positionen Adenauers herausarbeiten (14 Punkte), (28 Punkte)

3. zu Adenauers Aussagen Stellung nehmen. (26 Punkte)

(Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.)

Materialgrundlage:

• Transkript einer Rundfunkansprache des Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Bayerischen Rundfunk und auf Radio Bremen am 9. Mai 1951. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Redner/Material: Adenauer sprach im Rahmen der Reihe „Politik aus erster Hand“, die seit Februar 1951 jede Woche gesendet wurde und in der führende Politiker zu aktuellen Themen Stellung nehmen konnten.

1 [...] Die Bundesregierung hat sich nie der Täuschung hingegeben, dass die Kräfte des

Nationalsozialismus, die Deutschland vor auf den Tag ziemlich genau sechs Jahren an den

Rand des Abgrundes geführt haben, ganz verschwunden seien. Sie ist daher auch durch den

Ausgang der Landtagswahlen in Niedersachsen¹ nicht besonders überrascht. Sie hat mit Sorge

5 und Verantwortungsgefühl beobachtet, dass dort wieder politische Abenteurer das Wort er-

griffen haben, die mit den Propagandatricks einer bankerotten Epoche versuchten, gutgläubi-

gen Menschen ein verfälschtes Bild der Vergangenheit vorzusetzen. Ein Bild der Vergangen-

heit, das zwar den falschen Glanz, aber nicht die Blutopfer zeigt, die dieser Glanz gekostet

hat. Der Bundesrepublik Deutschland ist die schwere Aufgabe zugefallen, die Trümmer zu

10 beseitigen, die der politische Wahnwitz und Grossenwahn [sic!] verursacht hatte. Wir haben

angefangen, die zerstörten Städte wieder aufzubauen, und wir sind bemüht, den Millionen von

Schwerverwundeten, den Vertriebenen und Ausgebombten ein menschenwürdiges Dasein zu

ermöglichen. Wir versuchen die letzten Kriegsgefangenen, die noch heute entgegen allem

Völkerrecht, noch immer fernab der Heimat festgehalten werden, wieder nach Hause zu füh-

15 ren. Es muss einmal deutlich ausgesprochen werden, dass es die schwerste Aufgabe der Bun-

desrepublik ist, mit der Konkursmasse des Dritten Reiches fertig zu werden. [...]

17 Noch ein Wort zu Niedersachsen. Ich erinnere daran, dass in den Jahren von 1930 bis 32

Kommunisten und Nationalsozialisten bei aller ideeller Gegnerschaft zusammengearbeitet

haben, um das Bestehende zu zerstören.

20 Es ist nun einmal in der Innenpolitik so, dass die Sorgen und Bedrängnisse des Alltags den

Wähler veranlassen, seine Stimme denjenigen Parteien zu geben, die ihm am meisten ver-

sprechen. Das deutsche Volk aber sollte sich daran erinnern, dass es mit Versprechungen

sowohl von herrlichen Zeiten als auch von tausendjährigen Reichen immer schlechte Erfah-

rungen gemacht hat. Zugleich sollten wir alle daran denken, dass das Wirtschaftsprogramm

25 der Bundesregierung natürlich unter den Lasten leidet, die uns durch die Vergangenheit auf-

gebürdet worden sind. Der verlorene Krieg und seine Folgen diktieren das Tempo unseres

Wirtschaftslebens und unseres Wiederaufbaues. Die Zerstörung unserer Produktionskraft war

vor sechs Jahren so total, dass niemand zu hoffen gewagt hätte, im Jahr 1951 wieder soweit

zu sein, wie wir dank der Tüchtigkeit des deutschen Volkes, dank auch ausländischer Hilfe

30 sind. Sicher haben wir auf dem langen und beschwerlichen Wege, der seit der Währungs-

reform hinter uns liegt, noch nicht das Ziel erreicht. Aber wir dürfen auch nicht übersehen,

dass wir heute in einer besseren Situation wären, wenn der Kommunismus nicht den Krieg in

Korea vom Zaun gebrochen hätte. Das ist der Hauptgrund für die Mehrzahl der wirtschaftli-

chen Schwierigkeiten, denen wir heute gegenüberstehen. Ich verkenne nicht, dass weite Kreise

35 der Bevölkerung noch immer Not leiden. Ich kann aber mit allem Nachdruck versichern, dass

die Bundesregierung es als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet, durch eine vernünftige Sozial-

politik gerade denjenigen zu helfen, die der Hilfe besonders bedürftig sind. Das wäre der Bun-

desregierung vielfach leichter, wenn sich die Opposition darum bemühen würde, nicht partei-

politisch, sondern im Sinne der deutschen Gesamtinteressen zu denken und zu handeln. Sie

40 sollte sich darüber klar sein, dass die Feinde der Bundesregierung vielfach auch die Feinde

jener demokratischen Parteien sind, die heute glauben, es komme in erster Linie darauf an,

die Position der Bundesregierung zu unterhöhlen.

43 [...] Wir Deutschen vergessen zu leicht, dass es uns immer dann gut gegangen ist, wenn

wir in einem freundschaftlichen Verhältnis zu unseren Nachbarvölkern und zu den anderen

45 Kontinenten gestanden haben. Die Bundesrepublik hat in den letzten Jahren aus dem Nichts

beginnend unermüdlich versucht, die Welt von ihrem guten Willen zur freiheitlichen und

demokratischen Zusammenarbeit zu überzeugen. Der Weg war nicht einfach. Über das Besat-

zungsstatut, die Entsendung der ersten konsularischen Vertreter, bis zur Wiedererrichtung

von Gesandtschaften und Botschaften sind wir allmählich dazu gekommen, in internationa-

50 len Gremien und Organisationen wieder gleichberechtigt unsere Stimme zu erheben. [...]

51 Es ist keine Frage, dass der Radikalismus von rechts und von links die Lage erschwert.

Die Agitation der rechtsradikalen Kräfte würde keine wesentlichen Erfolge erzielen, wenn

die Opposition im Bundestag nicht die Geschäfte des Rechtsradikalismus besorgen würde.

54 Gestern vor zwei Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland durch

55 die Vollversammlung des Parlamentarischen Rates verabschiedet. In seinem Vorwort kommt

der Wunsch zum Ausdruck, dass das deutsche Volk ein gleichberechtigtes Mitglied in einem

vereinten Europa sein und dem Frieden dienen möge. Wir sind heute soweit, dass wir an der

Verwirklichung dieses Zieles entscheidend mitarbeiten. Europa weiss wieder, dass es ohne

Deutschland nicht bestehen kann und sich nicht gegen Asien verteidigen kann. Europa weiss

60 heute wieder, dass es mit der Bundesrepublik Deutschland zusammengehen muss. Deutsch-

land hat es durch seinen Fleiß, seine Tatkraft und Intelligenz erreicht, wieder gleichberech-

tigt in der Reihe der freien Völker des Kontinents mitzubestimmen. Deutschland hat wieder

außenpolitischen Kredit: Das ist genau das, was Deutschland seit 1933 nicht mehr besessen

hat. [...]

¹ Bei der Landtagswahl am 6. Mai 1951 in Niedersachsen erhielten die offen rechtsradikalen Parteien Sozialistische Reichspartei (SRP) und Deutsche Reichspartei Niedersachsen (DRP) zusammen über 13 % der Stimmen und 19 Landtagsmandate. Die SRP war in der Woche vor Adenauers Ansprache allerdings verboten worden.

1.

2.

3.

Aufgabe 2 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Abiturprüfung 2022 · Geschichte, Grundkurs

Aufgabe 2

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

sie in den geschichtlichen Zusammenhang der Jahre 1989/90 einordnen (14 Punkte) und die zentralen Bildelemente erläutern (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

Stellung zur Bildaussage nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Rudolf Schöpper: „Und nun vereint an die Arbeit!“. Westfälische Nachrichten, Münster, 04. Oktober 1990.

Hinweise zum Autor/Material:

Rudolf Schöpper (1922 – 2009) war ein in Westfalen populärer Karikaturist, der das politische Geschehen in Deutschland über mehrere Jahrzehnte begleitete. Die „Westfälischen Nachrichten“ sind eine verbreitete Tageszeitung im Raum Münsterland.

Lothar de Maizière (CDU, geb. 1940) war vom 14. April bis 2. Oktober 1990 letzter Ministerpräsident der DDR (14.04. bis 02.10.1990) und im ersten Kabinett Kohl nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten Minister (03.10. bis 10.12.1990).

Oskar Lafontaine (geb. 1943) war 1990 der Kanzlerkandidat der SPD und warnte vor wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch negativen Folgen einer aus seiner Sicht überstürzten Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Der kleine Rabe auf der Gardinenstange findet sich als ein Wiedererkennungsmerkmal auf nahezu allen Karikaturen Rudolf Schöppers wieder und hat keinen direkten Bezug zu den Inhalten der Karikatur.

Aufgabe 3 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte bearbeiten:

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2. die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die politische Position des Redners charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3. zu den vom Redner vertretenen Positionen Stellung nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage

Philipp Jakob Siebenpfeiffer: Zwei gerichtliche Vertheidigungsreden. Bern 1834, S. 10 – 14.

Hinweise zum Autor/Material:

Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789 – 1845) wurde als einer der Organisatoren und Redner des Hambacher Festes verhaftet und in Landau 1833 vor Gericht gestellt, zunächst von dem Geschworenengericht überraschend freigesprochen, dann aber wegen Beamtenbeleidigung in einem zweiten Prozess ohne Geschworene zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er konnte in die Schweiz entkommen. An dem Prozess nahmen trotz der abschreckenden Präsenz zahlreicher Soldaten hunderte Zuschauer teil. Die „Verteidigungsreden“ wurden später als Broschüre gedruckt und als Flugblätter tausendfach verteilt. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus Siebenpfeiffers erster Rede.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

1 Was mich betrifft, ich bin Republikaner von ganzer Seele; nicht blos der Theorie nach, son-

dern ich halte die Repräsentativ-Republik für die einzige Staatsform, die einem größern Volk,

das seine Würde fühlt, geziemt, für die alleinige, die heute möglich. Sie allein kann freies

Denken, freies Handeln geben, somit den Zweck der Völkerbewegung 1 erfüllen. Ein mündi-

5 ges Volk unter einer Monarchie dünkt mir 2 ein Herkules am Spinnrocken 3, woran der eigne

Wahn es bindet. Außerdem kenn’ ich nur zwei Staatsformen: absolute Monarchie nämlich,

für jugendliche Völker etwa, welche das Schwert in der Hand einen Wohnsitz, ein Dasein

erkämpfen wollen, oder für versunkene Völker, die der Peitsche bedürfen, um nicht in Fäulnis

überzugehn; sodann eine Aristokratie, wo eine Klasse herrscht, das übrige Volk aber Heloten,

10 Sklaven sind. Die konstitutionelle Monarchie, welche Republik und Fürstlichkeit vereinen

soll, ist mir praktisch ein Unding. Nur ein Wille kann Staaten regieren; jene stellt aber einen

zweifachen auf: den Willen des Monarchen und den Willen des Volkes. So entsteht ein Dop-

pelprinzip, das sich selbst feindselig bekämpft. Alle Gewalt strebt, wie man weiß, naturgemäß

nach ihrer Erhaltung, Befestigung, Erweiterung: ist die Regierung stark, so wird sie absolut,

15 die Mitwirkung des Volkes wird ein Gaukelspiel 4 sein; ist der Volksrath stark, so geht die

Monarchie in der Republik unter, […] – Die Repräsentativ-Republik aber stellt nur einen Wil-

len auf, den der Gesammtheit. Partheien können entstehen, Bewegungen, Kämpfe mögen

kommen, sollen kommen, denn sie bewahren den Staat vor Fäulnis: aber sie zeigen sich nur

wo wesentliche Gebrechen, wo ernste Interessen verletzt, nicht alle Kräfte zu freiem Spiele

20 gelassen sind; und es besteht ein gesetzliches Organ für jedes solches Interesse, die Gesammt-

heit kann das Gebrechen heilen.

[…] Ungleichheit des Besitzes liegt in der Natur, welche die Menschen mit ungleichen Kräf-

ten und Neigungen ausstattet. […] Soll man aber darum einer andern Staatsordnung das Wort

reden, wo die Gesammtheit nur für etliche 5 Familien keucht und schwitzt; wo die unermeß-

25 liche Mehrheit kaum die Mittel zur Befriedigung der untersten Bedürfnisse des Leibes erüb-

rigt 6, indeß die Minderzahl in Müßiggang, im Uebermuth des Ueberflusses schwelgt; wo

Millionen Menschen ohn’ eigne Scholle 7, ohn’ Obdach; wo die Gefängnisse jährlich erwei-

tert werden müssen, um die Unglücklichen zu fassen, deren gränzenloses Elend sie zu Ver-

gehen zwang um ihren Hunger zu stillen; wo Mütter und Kinder in die Strafanstalten kom-

30 men, um mit ihren Vätern ein thränenvolles Stückchen Schwarzbrod zu theilen? Nein, eine

solche Staatseinrichtung ist naturwidrig, ist gottlos! Darum will ich eine andere, will ich ein

wahres Gemeinwesen, eine Staatsordnung, die Jedem das Seinige sichert, die jene Ruh’ und

Ordnung giebt, welche man vergebens mit Bajonetten und Gesetzesheuchelei, mit Henkerbeil

und Verbannung zu erreichen hofft; eine Staatsordnung will ich, die jene Freiheit und Gesetz-

35 lichkeit verschafft, deren die heutigen Völker bedürfen, und wornach sie ringen werden bis

sie erlangt ist. Auf sie hab’ ich meinen Glauben gesetzt, weil sie die kühnsten Träume der

edelsten Menschen aller Zeiten verwirklicht, weil sie von der Vernunft geboten, von den reins-

ten Patrioten ersehnt, von allen aufgeklärten Bürgern erwartet wird, weil sie die Geburt ist,

welche die Gegenwart im Schooße trägt. Und ich habe den weitern Glauben, daß die Repu-

40 blik, einmal wieder erweckt, nicht abermals untergehn wird: an ihrer Wiege steht nicht nur

eine bluttriefende Stiefmutter, die Monarchie, sondern eine hellsehende Wächterin, welche

die alten und neuern Republiken nicht kannten, die freie Presse, die mit tausend Argusaugen

sie überwacht, damit die Schlangen des Ehrgeizes und der Selbstsucht sich in scheuer Ferne

halten.

45 […] wir wollen nicht geistige Knechtschaft, wir wollen Freiheit des Denkens, Freiheit des

Handelns für Alle. Welche Staatsform, welches Gesetz jeweils einem Volk fromme 8, das be-

stimme dies Volk selbst. […] Die monarchischen Gewalthaber behaupten ihre Systeme mit

Kanonen; Marat und Robespierre wollten Republikaner mit der Guillotine machen; sind die

Einen im Unrecht, warum nicht die Andern? So weit ist man jetzt einig in der denkenden

50 Welt, daß der Mensch religiöse Gewissensfreiheit als ein Recht anspricht; warum wollt ihr

nicht die politische Gewissensfreiheit anerkennen? Nationen sind wie Individuen: jede nach

eigner Weise bilde sich durch freie lichtvolle Verständigung ihren politischen Glauben, denke

sich ihre politische Gottheit, weih’ ihr Altäre! Dies ist’s, was ich Volkshoheit nenne. Ich will

nicht, daß ein einzelner Mensch […] die Geschicke von Millio-

55 nen nach seinen Einfällen bestimme; ich will, daß auch nicht irgend ein Theil der Staatsglie-

der, seien’s die Conservativen Englands oder die Pariser Sanscülotten, herrschen; ich will,

daß keine Parthei die andere, nicht die Minderzahl die Mehrzahl, nicht einmal die Mehrheit

die Minderzahl unterdrücke; ich will, daß die Gesammtheit herrsche, d. h. Geist und Gang

der Regierung regle. Wo eine herrschende Klasse, da ist auch eine dienende. Der herr-

60 schende Gesammtwillen, der freie Ausdruck aller Volksinteressen – dies ist meine Republik.

1 Siebenpfeiffer spricht hier die auch in anderen Ländern aktiven, gegen die Adelsherrschaft gerichteten nationalen Bewegungen an.

2 dünkt mir: erscheint mir wie

3 Herkules am Spinnrocken: Metapher für jemanden, der seine großen Möglichkeiten nicht verwirklichen kann

4 Gaukelspiel, hier: ein Verfahren, welches eine Beteiligung des Volkes nur vorspielt

5 etliche, hier im Sinne von: wenige

6 erübrigt, hier im Sinne von: übrig behält

7 Scholle: Bezeichnung für eigenen oder gepachteten Grundbesitz eines Bauern

8 frommen, veraltet: nützen

1.

2.

3.

Aufgabe 4 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2.

Arbeiten Sie heraus, wie der Autor Hitler sieht (14 Punkte), und untersuchen Sie, wie er argumentiert (14 Punkte). (28 Punkte)

3.

Beurteilen Sie die vom Autor vertretene Position. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Brendan Simms: Hitler – Eine globale Biographie. München 2020, S. 841 – 843.

Hinweise zum Autor: Brendan Peter Simms (geb. 1967): Professor für die Geschichte der internationalen Beziehungen an der Universität Cambridge. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Europas und die Geschichte Deutschlands im europäischen Kontext.

1 Die anglo-amerikanische kapitalistische Weltordnung, gegen die Hitler revoltierte, bestimmte

seine gesamte politische Laufbahn. Schon bevor er über die Juden zu sprechen begann, erlebte

Hitler die Macht des britischen Empires in Flandern, die demographische und industrielle

Kraft der Vereinigten Staaten in der zweiten Marneschlacht und den ökonomischen Würge-

5 griff des globalen Kapitalismus mit dem Versailler Vertrag. Kurz darauf gelangte er zu der

Überzeugung, dass die Juden – deren Beziehung zu Anglo-Amerika nach seiner Meinung im

Grunde symbiotischer Natur war – die treibende Kraft hinter dem internationalen Kapitalis-

mus und der Koalition, die das Deutsche Reich niedergeworfen hatte, darstellten. Zu den Instru-

menten, mit deren Hilfe Deutschland nach seiner Ansicht von innen untergraben worden war,

10 zählte er den Virus des Bolschewismus, den er für weit gefährlicher hielt als die Sowjetunion

selbst. Sein Judenhass wurzelte also weniger in seinem Hass auf die radikale Linke als viel-

mehr in seiner Feindschaft gegenüber der globalen Hochfinanz. Wer nicht über Hitlers Anti-

kapitalismus reden möchte, sollte auch über seinen Antisemitismus schweigen.

Seine Lösung der vermeintlichen deutschen Notlage bestand aus zwei Teilen. Zum einen sollte

15 ein rassisches Transformationsprogramm innerhalb Deutschlands »schädliche« Elemente aus-

schalten, insbesondere die Juden, und die »Hebung« der rassisch »wertvollen« Teile des deut-

schen Volks fördern. Zum anderen sollte im Osten »Lebensraum« erworben werden, dessen

Territorium und Ressourcen es ermöglichen würden, den Deutschen einen Lebensstandard

auf amerikanischem Niveau zu bieten und damit die das Land schwächende Auswanderung

20 der Besten und Klügsten, die eines Tages als feindliche Soldaten zurückkehren könnten, zu

beenden. Außerdem wäre Deutschland im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung mit

Anglo-Amerika »blockadesicher«.

Hitler stand dem britischen Empire und den Vereinigten Staaten letztlich zwar feindselig

gegenüber, aber er bewunderte sie auch und kam von ihnen nicht los. Lange hoffte er, ein

25 Bündnis mit Großbritannien schließen zu können, und er hörte nie auf, die vermeintliche

rassische Qualität der »Angelsachsen« auf beiden Seiten des Atlantiks zu preisen, die nach

seiner Ansicht die rassisch »bessere« Hälfte des Deutschtums darstellten. Sein Vorbild war

Anglo-Amerika, weit mehr als Stalins Sowjetunion oder auch Mussolinis Italien. Sein

»Lebensraum«-Projekt orientierte sich am britischen Empire und insbesondere an der Kolo-

30 nisierung des amerikanischen Westens. Hitler und das »Dritte Reich« waren insofern keine

Reaktion auf die russische Revolution, sondern eine Antwort auf die Vorherrschaft Anglo-

Amerikas und des globalen Kapitalismus. Der Holocaust war keine verzerrte Kopie von

Stalins Großem Terror, sondern ein Präventivschlag gegen Roosevelts Amerika.

Nach Hitlers Machtantritt standen das britische Empire und die Vereinigten Staaten weiter-

35 hin im Mittelpunkt seiner Politik. Sein gesamtes innenpolitisches Programm zielte darauf ab,

einen dem amerikanischen Traum entsprechenden Lebensstandard zu erreichen. Seine wah-

ren Gegenspieler waren das britische Empire und insbesondere die Vereinigten Staaten, mit

denen er um die »Krone« der »Welt« kämpfte. Roosevelts ablehnende Haltung veranlasste

ihn, sein Programm ab Ende 1937 beschleunigt umzusetzen. Der britische Widerstand in der

40 Maikrise von 1938¹ brachte ihn dazu, die Zerstückelung der Tschechoslowakei voranzutrei-

ben. Schließlich sah er sich im Kampf gegen Großbritannien und Amerika »gezwungen«,

gegen beide in den Krieg zu ziehen und dann das Schlachtfeld immer weiter auszudehnen.

Das Streben nach »Lebensraum« führte zum Konflikt mit Großbritannien und Polen, der es

wiederum »erforderlich« machte, einen großen Teil Skandinaviens sowie Frankreich, die

45 Niederlande, den Balkan und Nordafrika zu besetzen. Es trieb ihn in den Krieg mit der Sowjet-

union. Ursprünglich ging es Hitler nicht um Weltherrschaft, sondern darum, Deutschland zu

einer Weltmacht zu machen. Aber jedes Ziel zog ein neues nach sich. 1941/42, als er Opera-

tionen auf drei Kontinenten und sieben Meeren leitete, schien es, als wäre nur die Welt genug

für ihn. Aber der »Wanderpokal« entzog sich ihm und fiel erneut, wenn auch mit erheblicher

50 Hilfe ihres sowjetischen Verbündeten, den Anglo-Amerikanern zu.

[...]

¹ Ein Fehlalarm über einen unmittelbar bevorstehenden deutschen Angriff auf die Tschechoslowakei am 20. Mai 1938 versetzte Europa in der sogenannten Maikrise am 21./22. Mai in erhebliche Kriegsangst.

1.

2.

3.

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