Aufgabe 1 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Arno Geiger
Unwiderlegbar ist die Gestalt
Rede zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2018 (Auszug) 1
[...] „Willkommen, Grauer“, sagt in Unter der Drachenwand Veit Kolbe zu sich selbst, als
er in Mondsee am Mondsee eintrifft. Grau ist die Farbe seiner Uniform. Aber grau ist auch
die Person, nicht schwarz und nicht weiß, ein gemischter Charakter. Grau ist das Zwielicht,
der Übergang. Meine Figuren befinden sich im Übergang. So ganz wird es bei ihnen nie Tag.
5 Und so ganz wird es bei ihnen nie Nacht.
Veit Kolbe lebt das fünfte, bald sechste Jahr im Krieg, er ist vierundzwanzig Jahre alt, sein
ganzes bisheriges Erwachsenenleben hat er in Uniform verbracht. Das Prinzip der Freiwillig-
keit galt nicht in der Wehrmacht, Veit Kolbe hätte lieber studiert. Trotzdem wird er sich zum
Ende des Romans eingestehen, dass man nicht sechs Jahre im Krieg gelebt haben kann, ohne
10 sich schuldig zu machen. Obwohl er kein Interesse am Krieg hatte, „der böse Traum“, wie
Julien Green 2 den Krieg in einem Brief an Joseph Breitbach nennt, kann Veit Kolbe sich dem
Krieg nicht entziehen. Der Krieg wird zu einem Teil der Person und die Person zu einem Teil
des Krieges. Das betraf viele, nur haben die wenigsten es sich eingestanden, ein Erfahrungs-
wert.
15 Veit Kolbe ist lernfähig, mit einem bitteren Unterton: „Ja, schade, dass das, was hinter mir
liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen sechs Jahren begriffen habe,
ist, dass die Weisheit hinter mir her geht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt
mit am Tisch als unnützer Esser.“
Wer über Grautöne schreibt, setzt sich zwischen die Stühle. Wer sich zwischen die Stühle
20 setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz.
Joseph Breitbach schreibt, die meisten Autorinnen und Autoren übersehen das Böse, das
sie bloßstellen und anklagen, gerade dort, wo sie es zuerst entdecken könnten, in sich selbst.
Wo wäre ich im Krieg gestanden? Das werden sich viele von uns schon einmal gefragt
haben. Ich bin nicht eingebildet genug, um davon überzeugt zu sein, dass ich mit beiden Füßen
25 auf der richtigen Seite gestanden wäre. Als ich vor Jahren bei einer Demonstration einen
Schriftstellerkollegen von seinem Rednerpult rufen hörte, „Wer jetzt nicht auf unserer Seite
steht, bei dem weiß man, wo er vor siebzig Jahren gestanden wäre!“, habe ich mir gedacht,
er ist so von sich überzeugt, dass er vor siebzig Jahren womöglich auf der falschen Seite ge-
standen wäre.
30 Ich glaube, es beschützt einen, wenn man auf der Hut ist. Überzeugtheit behindert das
Denken. Warum noch nachdenken, wenn ich schon überzeugt bin. Deshalb mag ich keine
Hundertprozentigen, egal wo sie stehen. Alles Totale ist mir verdächtig. Und so sind meine
Figuren keine Hundertprozentigen, sondern Graue, Ausdruck davon, dass auch ich mir nicht
sicher bin.
35 Bloß nicht sitzen bleiben, auch beim Schreiben, auch beim Gestalten von Charakteren. Wer
zu lange sitzen bleibt, setzt sich fest, und wer sich festsetzt, wird versessen. Wer von seiner
Versessenheit nicht loskommt, wird zum Besessenen. Die Beharrlichkeit der Wörter ist er-
staunlich. Extremisten sind besessen, sie kennen nur Schwarz und Weiß, sie weigern sich, die
Welt aus einer andern Perspektive zu betrachten als der eigenen. Deshalb meine Vorliebe für
40 Vielstimmigkeit in Romanen. Deshalb meine Vorliebe für gemischte Charaktere. [...]
Und eins noch, verehrte Damen und Herren: Wie mir jede Schwarzweißmalerei nicht be-
hagt, habe ich Vorbehalte gegen das sogenannte Perfekte. Ich empfinde einen physischen
Widerwillen, wenn ich das Wort perfekt in Zusammenhang mit Kunstwerken höre. Ich stelle
mir vor, dass diejenigen, die sich zum Perfekten hingezogen fühlen, das Leben hassen oder
45 Angst vor ihm haben. Denn alles, was perfekt ist, lebt nicht, ist Ergebnis statt Ereignis, ist
Zustand statt Vorgang. Perfection has no children, heißt es im Englischen. Perfektion hat
keine Kinder. Denn das Perfekte ist Endpunkt, ist abgeschlossen, und das Abgeschlossene
steht dem Lebendigen entgegen. Alles Lebendige ist in Bewegung, pulsiert, ist mit Schwächen
versehen. „Ich tauge etwas durch das, was mir fehlt“, schreibt Paul Valéry 3. Meine Figuren
50 taugen etwas durch das, was ihnen fehlt. Dadurch, dass ihnen etwas fehlt, sind sie unwider-
legbar.
Das größte Lob für ein Kunstwerk: Lebendig!
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich im Umgang mit Mängeln schwertut und nach
Vollkommenheit strebt. Aber in einer Gesellschaft, die nach Vollkommenheit strebt, sucht
55 man ständig nach Schuldigen, weil die Vollkommenheit sich nicht einstellen will. Angebli-
che Vollkommenheit – Perfektion – ist in meinen Augen Kitsch, eine künstlich geordnete
Welt. Wir finden sie in Liebesromanen, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, und in Romanen über das Dritte Reich, in denen man sofort weiß, mit wem man es zu tun
hat, Schafe und Böcke aufs Strengste geschieden, zum tausendsten Mal über allem die eine
60 und einzige Frage: Was habe ich mit den Tätern zu tun? Natürlich nichts! Abbild einer künst-
lichen Ordnung, die es vorzieht, den Menschen in seiner Vielschichtigkeit zu übersehen.
Das Gefährliche an einer von Kitsch geprägten Weltsicht ist in meinen Augen, dass ein
tieferes Verständnis für das Leben abhandenkommt. Und wo ein tieferes Verständnis für das
Leben abhandenkommt, sind Menschen für das Unerwartete nicht mehr gerüstet und können
65 Unzulänglichkeiten immer weniger akzeptieren. Populisten, die mit geordneten Weltbildern
hausieren, machen sich das zunutze.
Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung. Kunst be-
wahrt das Individuum vor dem eindimensionalen Blick. Einzigartig ist der Mensch nicht auf
einfache, sondern auf komplizierte Art. Wie schon gesagt, alles, was lebt, ist in Bewegung,
70 ist veränderlich, kann nicht festgelegt werden. Meine Bücher versuchen, den Menschen in
seiner Vielgestalt und Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen. [...]
1 Der Joseph-Breitbach-Preis wird seit 1998 jährlich verliehen und gilt als ein bedeutender Literaturpreis. 2018 wurde er Arno Geiger verliehen. Der Preis geht zurück auf den deutschen Schriftsteller Joseph Breitbach, der von 1903 bis 1980 lebte. Er war Verfasser von Romanen und Theaterstücken.
2 Julien Green (1900 – 1998): französischer Schriftsteller
3 Paul Valéry (1871 – 1945): französischer Lyriker
2. Erläutern Sie, inwiefern Veit Kolbes Denken und Handeln den Anspruch widerspiegelt, den Arno Geiger an die Gestaltung literarischer Figuren stellt. Nehmen Sie Stellung dazu, inwieweit Geigers Art, seine Figuren zu gestalten, dazu anregt, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Erläutern Sie, inwiefern Veit Kolbes Denken und Handeln den Anspruch widerspiegelt, den Arno Geiger an die Gestaltung literarischer Figuren stellt. Nehmen Sie Stellung dazu, inwieweit Geigers Art, seine Figuren zu gestalten, dazu anregt, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen.
Lösung: Ausdifferenzierte Erläuterung der Ambivalenzen in Veit Kolbes Figur anhand konkreter Textbelege aus „Unter der Drachenwand“ sowie differenzierte Stellungnahme zur Eignung des Konzepts für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
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