Aufgabe 2 - Interpretation dramatischer Texte · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Interpretation dramatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise (2. Aufzug, 1. Auftritt)
Schauplatz ist der Palast des Sultans.
SALADIN und SITTAH sitzen beim Schachspiel.
SITTAH. Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?
SALADIN. Nicht gut? Ich dächte doch.
SITTAH. Für mich; und kaum.
Nimm diesen Zug zurück.
SALADIN. Warum?
790 SITTAH. Der Springer
Wird unbedeckt 1.
SALADIN. Ist wahr. Nun so!
SITTAH. So zieh
Ich in die Gabel 2.
SALADIN. Wieder wahr. – Schach dann!
SITTAH. Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
Bist, wie du warst.
SALADIN. Aus dieser Klemme, seh
Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.
Mag’s! nimm den Springer nur.
SITTAH. Ich will ihn nicht.
Ich geh vorbei.
SALADIN. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
An diesem Platze mehr, als an dem Springer.
SITTAH. Kann sein.
SALADIN. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
800 Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht
Vermuten?
SITTAH. Freilich nicht. Wie konnt ich auch
Vermuten, dass du deiner Königin
So müde wärst?
SALADIN. Ich meiner Königin?
SITTAH. Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend
Dinar’ 3, kein Naserinchen mehr 4 gewinnen.
SALADIN. Wieso?
SITTAH. Frag noch! – Weil du mit Fleiß, mit aller
Gewalt verlieren willst. – Doch dabei find
Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass
Ein solches Spiel das unterhaltendste
810 Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
Mit dir, wenn ich verlor? Wenn hast du mir
Den Satz 5, mich des verlornen Spieles wegen
Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?
SALADIN. Ei sieh! so hättest d u ja wohl, wenn du
Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?
SITTAH. Zum wenigsten 6 kann gar wohl sein, dass deine
Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,
Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.
SALADIN. Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
SITTAH.
820 So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
SALADIN. Nun freilich; dieses Abschach 7 hab ich nicht
Gesehn, das meine Königin zugleich
Mit niederwirft.
SITTAH. War dem noch abzuhelfen?
Lass sehn.
SALADIN. Nein, nein; nimm nur die Königin.
Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.
SITTAH. Bloß mit dem Steine?
SALADIN. Fort damit! – Das tut
Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
Geschützt.
SITTAH. Wie höflich man mit Königinnen
Verfahren müsse 8: hat mein Bruder mich
Zu wohl gelehrt. (Sie lässt sie stehen.)
830 SALADIN. Nimm, oder nimm sie nicht!
Ich habe keine mehr.
SITTAH. Wozu sie nehmen?
Schach! – Schach!
SALADIN. Nur weiter.
SITTAH. Schach! – und Schach! – und Schach! –
SALADIN. Und matt!
SITTAH. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
Dazwischen; oder was du machen willst.
Gleichviel!
SALADIN. Ganz recht! – Du hast gewonnen: und
Al-Hafi zahlt. – Man lass’ ihn rufen! gleich! –
Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht; ich
War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine 9
840 Beständig? die an nichts erinnern, nichts
Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman 10 denn
Gespielt? – Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
Die ungeformten Steine, Sittah, sind’s
Die mich verlieren machten: deine Kunst,
Dein ruhiger und schneller Blick...
SITTAH. Auch so
Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.
SALADIN. Als du? Was hätte d i c h zerstreuet?
SITTAH. Deine
Zerstreuung freilich nicht! – O Saladin,
850 Wenn werden wir so fleißig wieder spielen!
SALADIN. So spielen wir um so viel gieriger 11 ! –
Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? – Mag’s! –
Nur zu! – Ich habe nicht zuerst gezogen;
Ich hätte gern den Stillestand 12 aufs Neue
Verlängert; hätte meiner Sittah gern,
Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
Und das muss Richards Bruder 13 sein: er ist
Ja Richards Bruder.
SITTAH. Wenn du deinen Richard 14
Nur loben kannst!
SALADIN. Wenn unserm Bruder Melek
860 Dann Richards Schwester wär zu Teile worden 15:
Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
Der besten Häuser in der Welt das beste! –
Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch
Nicht faul. Ich dünk 16 mich meiner Freunde wert. –
Das hätte Menschen geben sollen! das!
SITTAH. Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
870 Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,
Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. –
Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch
Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
Auf Treu und Glaube nehmen können! – Doch
Was Tugend? – Seine Tugend nicht; sein Name
Soll überall verbreitet werden; soll
Die Namen aller guten Menschen schänden,
Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
Ist ihnen nur zu tun.
880 SALADIN. Du meinst: warum
Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,
Auch du und Melek, Christen hießet, eh
Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?
SITTAH. Jawohl! Als wär von Christen nur, als Christen,
Die Liebe zu gewärtigen, womit
Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!
SALADIN. Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
Als dass sie d i e nicht auch noch glauben könnten! –
Und gleichwohl irrst du dich. – Die Tempelherren,
890 Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
Als Tempelherren schuld. Durch die allein
Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca 17,
Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings
Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,
Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge
Ein guter Streich gelänge: haben sie
Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
900 Erwarten können. – Lustig! Nur so weiter!
Ihr Herren, nur so weiter! – Mir schon recht! –
Wär alles sonst nur, wie es müsste.
SITTAH. Nun?
Was irrte 18 dich denn sonst? Was könnte sonst
Dich aus der Fassung bringen?
SALADIN. Was von je
Mich immer aus der Fassung hat gebracht. –
Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
Er unterliegt den Sorgen noch...
SITTAH. O weh!
SALADIN. Er kann nicht durch; es klemmt 19 sich allerorten;
Es fehlt bald da, bald dort –
SITTAH. Was klemmt? was fehlt?
SALADIN.
910 Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?
Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,
Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint. –
Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
Ihm aus? – Das leidige, verwünschte Geld! –
Gut, Hafi, dass du kömmst.
Worterläuterungen
1 unbedeckt: ohne Deckung
2 Gabel: Eine Figur bedroht zwei andere und kann eine schlagen.
3 Dinar: Goldmünze; die Geschwister spielen um Geld
4 kein Naserinchen mehr: Anspielung darauf, dass der Sultan seiner Schwester mehr Geld gibt, wenn sie verliert, wie sich in ihrer folgenden Äußerung herausstellt (ein Naserinchen ist eine Silbermünze)
5 Satz: Einsatz
6 Zum wenigsten: mindestens, zumindest
7 Abschach: Durch Abzug einer Figur wird die Königin bedroht.
8 Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müsse: Anspielung auf die Großzügigkeit des historischen Saladin, der den Frauen gefangener gegnerischer Könige freien Abzug bzw. Besuch der Gefangenen gewährt haben soll; zugleich Anspielung auf das Verhalten des Sultans gegenüber Sittah selbst, der in Jerusalem (in übertragener Bedeutung) die Rolle der Königin zukommt
9 die glatten Steine: Aufgrund des islamischen Bilderverbots spielen gläubige Muslime nur mit ungeformten, unfigürlichen und lediglich mit Wertbezeichnungen versehenen Steinen.
10 Imam: geistliches Oberhaupt einer islamischen Gemeinschaft
11 gieriger: eifriger
12 Stillestand: Waffenstillstand
13 Richards Bruder: Anspielung auf einen historisch nur teilweise verbürgten Plan Saladins, durch eine Doppelhochzeit zwischen Sittah und Johann einerseits und Saladins Bruder und Richards Schwester andererseits Frieden zu stiften (der spätere König Johann Ohneland, 1166 oder 1167 – 1216, wurde nach dem Tod seines Bruders Richard Löwenherz König von England)
14 deinen Richard: Richard Löwenherz (1157 – 1199), den Saladin wegen seines Heldenmutes sehr schätzte
15 zu Teile worden: seine Ehefrau geworden
16 dünken: sich betrachten, sich halten für
17 Acca: syrische Hafenstadt, wichtiger Stützpunkt der Kreuzfahrer im Besitz der christlichen Tempelherrn
18 irrte: beunruhigen, irritieren
19 klemmt: mangeln, stocken, ein Problem darstellen; hier Anspielung auf die Geldsorgen des Vaters von Saladin und Sittah
Aufgabenstellung 1
1. Interpretieren Sie die abgedruckte Szene aus dem Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. (40 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Interpretieren Sie die abgedruckte Szene aus dem Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing.
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