Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2023
Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)
Aufgabenstellung
In seinem Roman „Tadellöser & Wolff“ erzählt Walter Kempowski (1929 – 2007) vom Alltag der erfundenen, aber klar autobiografisch geprägten Familie Kempowski, die von 1938 bis 1945 in Rostock lebt. Der Vater arbeitet als Reeder, die Mutter führt den Haushalt. Zu den drei Kindern zählen Robert, Ulla und der jüngste Sohn Walter, aus dessen Sicht erzählt wird. Robert begeistert sich besonders für Jazz, den die Nationalsozialisten verboten haben. Der Roman beschränkt sich im Kern auf das, was die Familie in Rostock erlebt.
Die abgedruckte Episode ereignet sich im Jahr 1942. Der Vater ist inzwischen als Soldat eingezogen. Walter versucht mit wechselndem Erfolg, sich der Hitlerjugend weitgehend zu entziehen. Ulla fühlt sich offenbar zu Sörensen hingezogen, einem dänischen Angestellten der Firma Kempowski, der im Mittelpunkt dieser Episode steht. Später heiratet er Ulla, und beide siedeln nach Dänemark über.
Walter Kempowski
Tadellöser & Wolff (Kapitel 19)
Sörensen, den Dänen, sperrten die Nazis ein.
„Weg vom Fenster“ oder „verreist“, hieß es. Eingelocht.
„Der arme Mensch.“
„Ob sie ihn sehr schlagen?“
5 Wir hörten, daß er im Hotel Schröder zerstörte Grundstücke in seinen Stadtplan eingetragen habe. In aller Öffentlichkeit.
Ausgebrannte Häuser schraffiert, Sprengbomben-Reihenwürfe angekreuzt. Mal eine Übersicht kriegen.
„Ein unverzeihlicher Leichtsinn, woll verrückt geworden… Ein richtiger Blödmann. Völlig 10 iben.“ 1
Dummheit müsse bestraft werden.
Ein Soldat sei mit dem Seitengewehr auf ihn losgegangen.
„Kommen Sie mal unauffällig mit.“
Der Wirt habe quasi das Bier überlaufen lassen. Stielaugen. Wunder, daß sie ihn nicht gleich 15 totschlugen.
Aber: „Als ob ein Spion sich mitten in ein Lokal setzt“, sagte meine Mutter. Das allein wäre schon ein Beweis seiner Unschuld. Spione gingen doch ganz anders vor, nachts, mit einer Taschenlampe. Spione erkenne man nicht gleich, die seien raffinierter. Und die erforschten auch nicht das Kaputte, sondern umgekehrt. Flugplätze meldeten die und Gasometer.
20 Jenssen 2 saß auf dem Sofa und Berg 3 lief hin und her und rief: „Das können sie doch nicht machen!“
(„Haben Sie eine Ahnung, was die können.“)
Sie müßten gleich an ihren König telegrafieren.
„Nu man longsam, longsam“, sagte Jenssen, den meine Mutter nicht sehr schätzte. Der habe 25 so weibische Hände und kucke immer so lauernd. „Wenn einer ein Spion ist, dann der…“
Bei dem könne sie sich das schon eher vorstellen.
Jenssen schob die Gardine zur Seite und blickte auf die Straße. „Immer longsam.“ Jetzt müsse man kaltes Blut bewahren.
„Ja“, sagte mein Bruder, „kalt’ Blut und warm’ Untergewand.“ Er spuckte Tabaksreste auf 30 den Teppich und wollte eine Platte auflegen.
Deep in the heart of Texas. 4
Das sei in diesem Augenblick doch wohl nicht das richtige, wurde gesagt. Das solle er man lassen. Vielleicht lebe Sörensen gar nicht mehr, und wir seien hier lustig.
Am nächsten Tag machte meine Mutter sich fein und brachte belegte Brote zur Gestapo. Jagd- 35 wurst. „Hoffentlich kriegt er das auch.“
„Ja“, das kriege er schon, sagte der Pförtner, aber das Vergißmeinnicht da drauf, das dürfe er nicht aushändigen, das könne ja was bedeuten.
Das solle ja auch was bedeuten, antwortete da meine Mutter.
Sie ließ sich nicht abwimmeln und drang sogar zum Gestapo-Führer durch. Sie sei Deut- 40 sche, ihr Mann Reeder und jetzt Oberleutnant, der habe den ganzen Weltkrieg mitgemacht: keine einzige Verwundung und immer in der vordersten Linie. Sörensen ein ganz harmloser Junge aus guter Familie, die Sache mit dem Stadtplan eine Kinderei, ein Irrtum, weiter nichts.
Das könne er ihr glauben. Er wisse doch, wie junge Menschen seien, impulsiv, lebhaft…
45 „Nein“, sagte der Gestapo-Mann, so sei das ja nun nicht.
Am 9. April, das sei festgestellt worden, habe Sörensen sogar einen Trauerflor getragen.
„Am 9. April? Einen Trauerflor?“
Nunja, am Jahrestag des Einmarsches der deutschen Truppen in Dänemark.
Aber das sei doch durchaus verständlich, rief meine Mutter, eine patriotische Liebe zum Hei- 50 matland und zum König, das sei doch nicht gegen Deutschland gerichtet… Die Dänen liebten eben ihren König und alles, was damit zusammenhängt. Glühend! So wie wir unsern Führer, oder, früher, sie, in ihrer Jugend, den Kaiser. Oh, sie wisse noch, wie sie gejubelt habe, als der Kaiser zum Rennen nach Wandsbek gekommen sei. Ganz außer sich gewesen. „Bitte, bitte, lassen Sie ihn doch ‘raus!“
55 Da habe der Beamte so gelächelt, so fein vor sich hingelächelt und habe auf dem Schreibtisch herumgekuckt, ob vielleicht was nicht in Ordnung ist.
„Ich lege meine Hand dafür ins Feuer“, habe sie noch gesagt, „daß er keine Dummheiten mehr macht.“
Da habe sich der Gestapomann erhoben und sei ans Fenster getreten.
60 „Was glauben Sie, Frau Kempowski“, habe er gesagt, „wie viel schlechte Menschen es gibt. Es wimmelt in Deutschland von Spionen…“
Aber sie habe immer wieder gesagt: „Bitte lassen Sie ihn doch ‘raus, wir bürgen für ihn.“
Er sei bestimmt unschuldig, „glauben Sie mir das.“
Schließlich raffte sich auch Denzer auf, unser Teilhaber. Rühmte Umsicht und Pflichteifer 65 des jungen, temperamentvollen dänischen Mitarbeiters und wies auf dessen Unersetzlichkeit hin. Man arbeite am Tonnageeinsatz-Ost 5, er müsse wohl nicht deutlicher werden. Da stehe was auf dem Spiel, das könne man ihm glauben.
Nach 14 Tagen tauchte Sörensen also wieder auf. Sichtlich abgemagert saß er am Wohnzimmertisch und erzählte.
70 Über dem Flügel das Schiffsbild von Konsul Discher. Die weinroten Übergardinen.
Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte. 6
Wahnsinnige Angst. An der Wand gestanden und dauernd das Vaterunser gebetet…
1 „Völlig iben“: eine der vielen im Roman schon zuvor eingeführten, oft sprachspielerischen Redewendungen, die in der Familie üblich sind; es bedeutet so etwas wie völlig kaputt oder verrückt.
2 Jenssen: ebenfalls ein dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski
3 Berg: ein weiterer dänischer Mitarbeiter der Firma Kempowski
4 Deep in the heart of Texas: populärer amerikanischer Song aus dem Jahr 1942
5 Tonnageeinsatz-Ost: Hinweis auf die Funktion der Firma im Umgang mit Schiffsladekapazitäten, die bedeutsam für die Kriegsführung und Versorgung der Truppen gewesen sein dürften
6 „Frühling läßt sein blaues Band…“: die ersten beiden Verse eines berühmten Frühlingsgedichts von Eduard Mörike
Robert Seethaler
Der Trafikant
[…] Jeden Tag um Punkt zwölf Uhr mittags sperrte er die Trafik ab, nahm einen kleinen Umweg über die Berggasse (wo er insgeheim hoffte, die gebeugte Silhouette des Professors hinter einem der Vorhänge im ersten Stock zu entdecken), ging danach über den Franz-Josefs-Kai zum ehemaligen Hotel Metropol hinüber, marschierte durch die hohe Eingangshalle, trat vor 5 den Portier und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“
In den ersten Tagen hatte der Portier sich noch bemüht, hatte unter Aufbringung seiner ganzen verbeamteten Geduldsfähigkeit versucht zu antworten und allerhand von amtlichen Eingaben, behördlichen Anträgen, vorgefertigten Formularen und vorschriftsmäßigen Dienstwe- 10 gen erzählt. Doch da dieser impertinente Bursche zu alldem zwar immerzu freundlich nickte, sich ansonsten aber ziemlich ungerührt gab und sich, nachdem er ungefähr eine Viertelstunde stur wie ein Esel dagestanden war, höflich verabschiedete, nur um am nächsten Tag pünktlich um Viertel nach zwölf wieder dazustehen und nach diesem Trafikanten zu fragen, begann der mühselig über viele Dienstjahre ausgebildete Berufsgleichmut des Portiers zu bröckeln, bis 15 er endgültig in sich zusammenbrach. Und als Franz an einem flirrenden Montagmittag erneut vor ihm stand und sagte: „Grüß Gott, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort des Trafikanten Otto Trsnjek gewusst!“, antwortete der Portier nur mehr mit einem kaum wahrnehmbaren Zucken seiner Schultern. Dann griff er zum Hörer des schwarzen Telefons, das hinter ihm an der Wand angebracht war, wählte eine zweistellige Nummer und murmelte ein paar 20 unverständliche Worte hinein. Etwa zehn schweigsame Sekunden später flog neben dem Telefon eine Tapetentür auf, und ein Mann in einem beigefarbenen Leinenanzug kam heraus. Er schien zu lächeln, als er auf Franz zuging, doch bei genauerem Hinsehen war es nur ein Schatten unter seinem hellblonden, fast weißen Oberlippenbärtchen. Ein Schattenlächeln, dachte Franz noch, da war der Mann schon bei ihm, riss ihm den Kopf an den Haaren zurück, drehte 25 ihm mit einem blitzschnellen Griff einen Arm auf den Rücken und schleifte ihn durch die Eingangshalle ins Freie.
Franz spürte das Pflaster unter seinen Fersen und die Hand des Mannes, die sich wie eine Holzklemme um seinen Unterarm spannte, er sah den leicht bewölkten Himmel über sich und die drei Hakenkreuzstandarten. Dann gab es einen Ruck, sein Arm war plötzlich frei, und im 30 nächsten Moment knallte er mit dem Gesicht auf den Boden. Er taumelte in ein schwarzes Loch und hörte ein merkwürdiges Geräusch. Wie ein feuchtes Zweiglein in der Glut, dachte er noch, bevor er versank. Als er einige Augenblicke später wieder ins Licht zurücktauchte, blickte er direkt auf die Schuhe des Blonden. Es waren glänzend geputzte Halbschuhe, aus weichem Leder gearbeitet und aufwändig vernäht. Kein Riss, kein Fleck, kein Staubkorn, nur 35 feines, glattes, makelloses Leder. Franz hob den Kopf und blickte in das Gesicht des Mannes. Von hier unten, im Gegenlicht des Mittagshimmels, sah das Bärtchen aus wie flimmernder Bast. Neben ihm tauchte der blau bemützte Kopf des Portiers auf.
„Besser wird vielleicht sein, der junge Herr kommt nicht mehr hierher. Es könnte nämlich sonst passieren…“ Er machte eine Pause, in der er sich umständlich räusperte und ein paar 40 unsichtbare Körnchen aus den Augen blinzelte, „sonst könnte es nämlich passieren, dass er länger im Hotel Metropol zu Gast bleibt, als es ihm angenehm ist. Hat der junge Herr das denn verstanden?“ Franz nickte. Der Portier zog ein schneeweißes Taschentuch aus seiner Brusttasche. Er entfaltete es sorgfältig, hielt es gegen das Licht wie ein Sonnensegel und betastete mit der Spitze seines Ringfingers den fein gestickten Saum und die akkurat gebügelten Falten. 45 Dann bückte er sich, drückte es Franz zwischen die Finger und sagte: „Wisch dir das Blut aus dem Gesicht, Burschi. Und geh nach Hause.“
1. Interpretieren Sie den Ausschnitt aus Walter Kempowskis Roman „Tadellöser & Wolff“ und gehen Sie dabei vor allem auf die erzählerische und sprachliche Gestaltung sowie auf die darin dargestellten Zeitumstände ein. (39 Punkte)
Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Interpretieren Sie den Ausschnitt aus Walter Kempowskis Roman „Tadellöser & Wolff“ und gehen Sie dabei vor allem auf die erzählerische und sprachliche Gestaltung sowie auf die darin dargestellten Zeitumstände ein.
Lösung: Ausführliche Textinterpretation des Romanauszugs unter Berücksichtigung von Einleitung, Inhalt, erzählerisch-sprachlicher Gestaltung, Zeitumständen und Gesamtwertung.
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