Aufgabe 3 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“.

Achten Sie dabei besonders darauf, auf welche Weise der Traum der Hauptfigur sowie deren Empfindungen und Verhalten nach dem Aufwachen dargestellt und gestaltet sind. (45 Punkte)

2.

Erläutern Sie, welche Bedeutung es für Franz in seiner aktuellen Lage hat, dass er die Traumzettel öffentlich aushängt. Erschließen Sie unter Einbeziehung des ganzen Romans, auf welche Weise die Figur durch ihre Träume literarisch gestaltet wird. Erläutern Sie zum Schluss, inwiefern der Roman die Darstellung von Träumen als Erzählstrategie nutzt. (27 Punkte)

Materialgrundlage

Robert Seethaler: Der Trafikant. Zürich/Berlin: Kein & Aber 2012, S. 172 – 176

Robert Seethaler: Der Trafikant (Textauszug)

In dieser Nacht träumte Franz von seinem seligen Vater, einem Waldarbeiter aus Bad Goisern, den er nie kennengelernt hatte, da er nur wenige Tage vor seiner Geburt von einer morschen Stieleich erschlagen worden war, und der angeblich zu Lebzeiten kaum mehr gesprochen hatte als im Tode. Im Traum gingen sie zwischen stillen Feldern einen Weg entlang. Franz

5 war noch klein und hatte Staub in den Haaren. Hoch über ihnen glühte die Sonne, und der Vater verschmolz mit seinem eigenen Schatten. Sie kamen zum großen Amt und betraten die marmorglänzende Eingangshalle. In der Mitte saß ein dicker Mann und stempelte in rasender Geschwindigkeit seine Schreibtischunterlage ab. Schnell reihte sich eine Menschenschlange vor ihm auf, jeder wollte einen Stempel, doch der Dicke hörte nicht auf das Bitten und Flehen.

10 Immer wieder ließ er den Stempel auf seine Unterlage hinuntersausen. Die Schläge hallten wie Kanonenschüsse durch den Raum, während ein goldenes Horn laut und scheppernd große Zeiten ankündigte. Der Vater nahm Franz an der Hand und versuchte sich in die Menschenschlange zu drängeln. Er hatte Angst, seine Hand war trocken und rau wie ein Stück Holz. Verzeihung, sagte er immer wieder, mehr zu sich selbst als zu den Leuten, Verzeihung, Ver-

15 zeihung, Verzeihung. Genau!, sagte der dicke Postbeamte triumphierend, und stieß dem Vater seinen Stempel auf die Stirn: ZUKUNFT stand drauf, und zwischen den Buchstaben lief in dünnen Spuren das Blut hinunter. Franz erwachte schweißüberströmt und mit einem seltsamen Flimmern hinterm Herzen. Noch während des halbbetäubten Heraustrudelns aus dem Schlaf schrieb er seinen Traum auf ein Blatt Papier:

20 Ein Spaziergang mit dem Vater, die Sonne brennt, und wir gehen ins große Amt, wo ein dicker Mann herumstempelt, der Vater drängelt und entschuldigt sich dafür, das goldene Horn plärrt, und der Dicke stempelt dem Vater das Wort ZUKUNFT mitsamt einer Platzwunde aufs Hirn.

Den ganzen Vormittag hatte er den Zettel vor sich auf der Verkaufstheke liegen und bemühte

25 sich, nicht beständig darauf zu starren. Dieser dicke Mann war doch irgendwie armselig, dachte er bei sich, trotz seiner insgesamt recht imposanten Erscheinung. Armselig und auch ein bisschen einsam in seiner eingebildeten Großartigkeit, und noch dazu gefangen im Traum eines ihm völlig unbekannten Trafikantenlehrlings. Man müsste in die Köpfe der Leute hineinschauen können, dachte er, aber nur während des Schlafes. Tagsüber wollte man ja eigent-

30 lich gar nicht wissen, was vorgeht in den Leuten, außerdem war von so einem durchschnittlichen Kopfinhalt ohnehin nicht übermäßig viel zu erwarten. In der Nacht aber, dachte er weiter, in den stillen, dunklen Stunden, sähe die Sache schon anders aus. Da stünde einem die eigene Vorsicht nicht mehr im Weg, und alle Ängste, Begehrlichkeiten, und Spinnereien könn-

ten ungehemmt durchs Hirn geistern. Franz hätte gerne mit jemandem über seine Träume ge-

35 sprochen, am liebsten mit Anezka, zur Not auch mit dem Professor oder mit Otto Trsnjek oder wenigstens mit irgendeinem Kunden. Aber bis nach Mittag betraten nur zwei Menschen die Trafik: Frau Veithammer, die sich die neue Ausgabe der Illustrierten Wochenpost holte und sich bei der Gelegenheit gleich über ihren unlängst verstorbenen Gatten beschwerte, der nicht einmal im Grab etwas Gescheites zusammenbrächte, da die Blumen über ihm schon zu ver-

40 welken begännen, bevor sie überhaupt richtig zu blühen begonnen hätten, sowie ein kleines Mädchen, das nach einem mittelweichen Bleistift fragte und mit seinen winzigen Fingern die Groschen einzeln in Franz' Hand hineinzählte. Von beiden war natürlich in Bezug auf Trauminhalte nichts Erhellendes oder sonst irgendwie Brauchbares zu erwarten. Aber vielleicht, dachte Franz, kommt es ja gar nicht drauf an, sich über Träume und deren möglichen Sinn

45 oder wahrscheinlichen Unsinn auszutauschen, vielleicht geht es einzig und alleine darum, die Träume vollkommen erwartungslos mitzuteilen, sie praktisch wie im Lichtspielhaus einfach vom Kopfinneren auf die leere Leinwand der Außenwelt zu projizieren und damit im zufällig vorbeikommenden oder absichtsvoll herantretenden Betrachter irgendetwas zu wecken, mit ein bisschen Glück sogar etwas von Belang, Bedeutung oder Dauerhaftigkeit. Er atmete schwer

50 aus und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Das Herumtappen in derartig fremden und dunklen Gedankengängen erschöpfte ihn. Sein Blick fiel durch die Auslage auf die gegenüberliegende Häuserreihe. Eines der Fenster war fast vollständig mit Grünpflanzen zugewachsen, in der Schummrigkeit dahinter bewegte sich das weiße Unterhemd eines hin- und hergehenden Mannes. Franz seufzte. Er musste an den Wald denken, an das beruhigende Rauschen der

55 Bäume und an das Vogelgezwitscher, das trotz seiner lärmenden Allgegenwärtigkeit die Waldesruhe niemals zu stören schien. An der Auslagenscheibe klebte in Blickhöhe ein grünlicher Vogelscheißebatzen. Stadtvögel zwitschern nicht, sondern schreien, dachte er missmutig. Außerdem scheißen sie einem auf den Hut und auf die Auslage und legen sich zum Sterben in irgendeine Dachbodennische, wo sie nichts weiter hinterlassen als ihre verstaubten Gerippe,

60 ein paar Federn und ein bisschen Gestank. Er seufzte noch einmal, tiefer sogar noch als beim ersten Mal, und fast gleichzeitig mit dem Seufzer kam ihm eine Idee: Er holte etwas Klebeband aus der Schublade, nahm den Zettel mit seinem Traum, schrieb ins rechte obere Eck das Datum, ging damit auf die Straße hinaus und klebte ihn direkt über den Scheißebatzen an die Scheibe. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete das kleine Traumplakat. Dann schloss

65 er die Augen und atmete tief die frühlingshafte Wienerluft ein. Für einen winzigen Moment flackerte das Wort ZUKUNFT rosig und hell wie eine Prater-Leuchtschrift hinter seinen Lidern auf. Da knatterte auf der Straße hinter ihm ein mit Eisblöcken beladener Lieferwagen der Vereinigten Wiener Eisfabriken vorbei, und er ging in die Trafik zurück.

1.

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Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“. Achten Sie dabei besonders darauf, auf welche Weise der Traum der Hauptfigur sowie deren Empfindungen und Verhalten nach dem Aufwachen dargestellt und gestaltet sind.

Lösung: Ausarbeitung einer Textanalyse mit strukturierter Einleitung, thematischer Einordnung, Analyse des Traumerlebnisses und des Verhaltens nach dem Erwachen sowie Untersuchung der sprachlichen und erzählerischen Gestaltungsmittel.

2. Erläutern Sie, welche Bedeutung es für Franz in seiner aktuellen Lage hat, dass er die Traumzettel öffentlich aushängt. Erschließen Sie unter Einbeziehung des ganzen Romans, auf welche Weise die Figur durch ihre Träume literarisch gestaltet wird. Erläutern Sie zum Schluss, inwiefern der Roman die Darstellung von Träumen als Erzählstrategie nutzt.

Lösung: Ausarbeitung eines weiterführenden Schreibauftrags zur Bedeutung des Traumzettelaushangs, zur Figurenzeichnung durch Träume im Romanverlauf und zu den Traumdarstellungen als Erzählstrategie.

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