Aufgabe 4 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Thema: Interpretation dramatischer Texte · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ mit Blick auf die Gestaltung der Figuren und deren jeweilige Gesprächsstrategien. (47 Punkte)

2.

Stellen Sie dar, welches Verständnis von Humanität in Lessings Drama vermittelt wird. Erläutern Sie, inwiefern das Verhalten und die Haltungen der Figur des Klosterbruders diesem Ideal entsprechen. Erläutern Sie zum Schluss vor diesem Hintergrund, welche Bedeutung die Figur hat. (25 Punkte)

Materialgrundlage

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. 2. Auflage. Stuttgart: Reclam 2021, S. 29 – 32.

Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

1. Aufzug, 5. Auftritt (605 – 714)

KLOSTERBRUDER.

605 Das Kürz'ste wird wohl sein, dass ich dem Herrn

Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch

Eröffne.

TEMPELHERR. Wohl!

KLOSTERBRUDER.

Er hätte durch den Herrn

Ein Briefchen gern bestellt 1.

TEMPELHERR.

Durch mich? Ich bin

Kein Bote. – Das, das wäre das Geschäft,

610 Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen

Dem Feu'r entreißen?

KLOSTERBRUDER. Muss doch wohl! Denn – sagt

Der Patriarch – an diesem Briefchen sei

Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.

Dies Briefchen wohl bestellt zu haben, – sagt

615 Der Patriarch, – werd einst im Himmel Gott

Mit einer ganz besondern Krone lohnen.

Und dieser Krone, – sagt der Patriarch, –

Sei niemand würd'ger, als mein Herr.

TEMPELHERR. Als ich?

KLOSTERBRUDER. Denn diese Krone zu verdienen, – sagt

620 Der Patriarch, – sei schwerlich jemand auch

Geschickter, als mein Herr.

TEMPELHERR. Als ich?

KLOSTERBRUDER.

Er sei

Hier frei; könn' überall sich hier besehn 2;

Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und

Zu schirmen 3; könne, – sagt der Patriarch, –

625 Die Stärk' und Schwäche der von Saladin

Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer

Am besten schätzen, sie am deutlichsten

Den Streitern Gottes 4, – sagt der Patriarch, –

Beschreiben.

TEMPELHERR. Guter Bruder, wenn ich doch

630 Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüsste.

KLOSTERBRUDER.

Ja den, – den weiß ich nun wohl nicht so recht.

Das Briefchen aber ist an König Philipp. –

Der Patriarch … Ich hab mich oft gewundert,

Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz

635 Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet

Von Dingen dieser Welt zu sein herab

Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.

TEMPELHERR. Nun dann? der Patriarch? –

KLOSTERBRUDER. Weiß ganz genau,

Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark,

640 Von welcher Seite Saladin, im Fall

Es völlig wieder losgeht, seinen Feldzug

Eröffnen wird.

TEMPELHERR. Das weiß er?

KLOSTERBRUDER. Ja, und möcht

Es gern dem König Philipp wissen lassen:

Damit der ungefähr ermessen könne,

645 Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um

Mit Saladin den Waffenstillstand,

Den Euer Orden schon so brav gebrochen,

Es koste was es wolle, wiederher-

Zustellen.

TEMPELHERR. Welch ein Patriarch! – Ja so!

650 Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem

Gemeinen Boten; will mich – zum Spion. –

Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,

So viel Ihr mich ergründen können, wär

Das meine Sache nicht. – Ich müsse mich

655 Noch als Gefangenen betrachten; und

Der Tempelherren einziger Beruf

Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht

Kundschafterei 5 zu treiben.

KLOSTERBRUDER. Dacht ich's doch! –

Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln. –

660 Zwar kömmt das Beste noch. – Der Patriarch

Hiernächst hat ausgegattert 6, wie die Veste 7

Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,

In der die ungeheuern Summen stecken,

Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater

665 Das Heer besoldet, und die Zurüstungen 8

Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt 9

Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen

Nach dieser Veste sich, nur kaum begleitet. –

Ihr merkt doch?

TEMPELHERR. Nimmermehr!

KLOSTERBRUDER. Was wäre da

670 Wohl leichter, als des Saladins sich zu

Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen? –

Ihr schaudert? – O es haben schon ein paar

Gottsfürcht'ge Maroniten 10 sich erboten,

Wenn nur ein wackrer 11 Mann sie führen wolle,

675 Das Stück zu wagen.

TEMPELHERR. Und der Patriarch

Hätt auch zu diesem wackern Manne mich

Ersehn?

KLOSTERBRUDER. Er glaubt, dass König Philipp wohl

Von Ptolemais 12 aus die Hand hierzu

Am besten bieten könne.

TEMPELHERR. Mir? mir, Bruder?

680 Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört,

Was für Verbindlichkeit dem Saladin

Ich habe?

KLOSTERBRUDER. Wohl hab ich's gehört.

TEMPELHERR. Und doch?

KLOSTERBRUDER.

Ja, – meint der Patriarch, – das wär schon gut:

Gott aber und der Orden …

TEMPELHERR. Ändern nichts!

685 Gebieten mir kein Bubenstück 13 !

KLOSTERBRUDER. Gewiss nicht! –

Nur, – meint der Patriarch, – sei Bubenstück

Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott.

TEMPELHERR. Ich wär dem Saladin mein Leben schuldig:

Und raubt ihm seines?

KLOSTERBRUDER. Pfui! – Doch bliebe, – meint

690 Der Patriarch, – noch immer Saladin

Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund

Zu sein, kein Recht erwerben könne.

TEMPELHERR. Freund?

An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden;

Zum undankbaren Schurken?

KLOSTERBRUDER. Allerdings! –

695 Zwar, – meint der Patriarch, – des Dankes sei

Man quitt 14, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns

Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.

Und da verlauten wolle, – meint der Patriarch, –

Dass Euch nur darum Saladin begnadet,

700 Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen,

So was von seinem Bruder eingeleuchtet 15 …

TEMPELHERR. Auch dieses weiß der Patriarch; und doch? –

Ah! wäre das gewiss! Ah, Saladin! –

Wie? die Natur hätt auch nur Einen Zug

705 Von mir in deines Bruders Form gebildet:

Und dem entspräche nichts in meiner Seele?

Was dem entspräche, könnt ich unterdrücken,

Um einem Patriarchen zu gefallen? –

Natur, so leugst 16 du nicht! So widerspricht

710 Sich Gott in seinen Werken nicht! – Geht Bruder! –

Erregt mir meine Galle 17 nicht! – Geht! geht!

KLOSTERBRUDER. Ich geh; und geh vergnügter, als ich kam.

Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute

Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.

1: bestellt: überbracht, abgeliefert | 2: sich hier besehn: sich hier umsehen | 3: schirmen: schützen | 4: Den Streitern Gottes: den Kreuzrittern | 5: Kundschafterei: Spionage | 6: ausgegattert: herausgefunden | 7: Veste: Festung, Burg | 8: Zurüstungen: Ausrüstung | 9: verfügt: begibt sich | 10: Maroniten: syrische Christen im Libanon | 11: wackrer: tapferer | 12: Ptolemais: syrische Hafenstadt | 13: Bubenstück: üble Tat, Schurkerei | 14: quitt: hier: man sei davon befreit, freigestellt | 15: eingeleuchtet: auffiel | 16: leugst: lügst | 17: Galle: meinen Zorn

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den vorliegenden Ausschnitt aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ mit Blick auf die Gestaltung der Figuren und deren jeweilige Gesprächsstrategien.

Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben des Erwartungshorizonts.

2. Stellen Sie dar, welches Verständnis von Humanität in Lessings Drama vermittelt wird. Erläutern Sie, inwiefern das Verhalten und die Haltungen der Figur des Klosterbruders diesem Ideal entsprechen. Erläutern Sie zum Schluss vor diesem Hintergrund, welche Bedeutung die Figur hat.

Lösung: Ausführliche Erläuterung und Reflexion gemäß den Kriterien der Teilaufgabe 2.

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