Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung 2

Ilse Achilles und Gerda Pighin

Dialekt sprechen nur die Dummen?

Dialekt macht schlau!

Kurz vor seinem Rückzug aus der Politik hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Nation mit dem Ausspruch amüsiert, er werde im Ruhestand unter anderem in seinem Garten „Blumen hinrichten“. Für die meisten Deutschen klingt dies ziemlich martialisch und ruft das Bild eines Schwert schwingenden, Blütenköpfe abschlagenden Mannes hervor.

5 Gemeint hat der Politiker natürlich etwas völlig anderes und alle Dialekt sprechenden Bayern haben ihn auch richtig verstanden: Stoiber will seine Blumen nicht „hinrichten“, sondern hirichtn, ein bairischer Begriff für „in Ordnung bringen“, „arrangieren“, „hübsch dekorieren“. Hirichtn kann man nicht nur Blumen im Garten (pflegen, in Beeten arrangieren). Hirichtn lassen sich auch eine Kaffeetafel (hübsch aufdecken), die Kissen auf einem Sofa (in Form 10 bringen), das kalte Büfett für Gäste (appetitanregend aufstellen) und vieles andere.

Ein falsch ins Hochdeutsche übertragener Dialektbegriff hat also allergrößte Heiterkeit hervorgerufen. Die Medien machten sich geradezu einen Spaß daraus, den Satz immer und immer wieder zu zitieren und sie ließen es dabei nicht an versteckter bis offener Häme über die sprachliche Unbeholfenheit des Politikers fehlen. Was die Geringschätzung anbelangt, so ist in den 15 Berichten sicherlich nicht nur der Sprecher gemeint, sondern auch die Sprache – der Dialekt.

Obwohl in fast allen deutschen Regionen Dialekte gesprochen werden, haben diese nach wie vor in weiten Kreisen einen schlechten Ruf. Wer Dialekt spricht, gilt häufig als dumm, derb, rückständig, primitiv oder ungebildet. Dialekt gilt seit Langem als Erfolgsbremse – in der Schule, noch mehr im Beruf oder auf dem gesellschaftlichen Parkett. [...]

20 Was viele Kritiker und „Belächler“ nicht wissen: Dialekte sind keine minderwertige oder fehlerhafte Hochsprache. Vielmehr stellt jeder Dialekt eine eigene, vollständige Sprache dar, wie Sprachforscherin Dr. Ellen Brandner von der Universität Konstanz erklärt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Dialektforschung in Hinblick auf die Syntax, also die Struktur von Sätzen. Ein Bereich, der in der traditionellen Dialektforschung bisher eher ausgeklam 25 mert wurde.

Dialektforscher erfassen, dokumentieren und beschreiben die Mundarten. Sie untersuchen Geschichte, Herkunft und Verbreitung dieser Sprachen, erstellen Dialektatlanten und sammeln Stoff für umfangreiche Wörterbücher. Die Forschungsstelle „Deutscher Sprachatlas“ in Marburg hat unlängst ein Projekt abgeschlossen, das Dialektkarten aus dem vorletzten Jahrhun 30 dert, die sogenannten Wenker-Karten, digitalisiert aufbereitet und der interessierten Öffentlichkeit im Internet zugänglich macht (www.diwa.info/main.asp).

Dialektforscher interessieren sich für Menschen, die Dialekt sprechen, und dafür, wie sich die Mundart auf die Hochsprache auswirkt. Sie erforschen auch, welche Auswirkungen der Dialekt auf das Lernen und Denken des Einzelnen hat.

35 Die Angst vieler Fachleute und Heimatpfleger, deutsche Dialekte würden demnächst aussterben, scheint neuerdings wieder weniger begründet. Das Bekenntnis zum Dialekt hat in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen. So haben Umfragen gezeigt, dass sich z. B. in Hessen über 60 Prozent, in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg immerhin noch mehr als 70 Prozent zu ihrem Idiom bekennen. Auch Mundarttheater, Mund 40 artbücher, Mundartcomedians, Dialekt sprechende Kabarettisten und Musikgruppen erfahren Zulauf und feiern Erfolge. Man denke etwa an die Musikgruppe BAP aus Köln 1 oder das Ohnsorg-Theater in Hamburg 2, um nur zwei Beispiele zu nennen. Viele dieser Künstler sind nicht nur auf regionalen Bühnen zu sehen, sondern auch in überregionalen Fernsehsendungen oder auf Kanälen, die von vielen TV-Zuschauern empfangen werden können, wie etwa die 45 dritten Programme im deutschen Kabelnetz – in der Regel sind dies dann aber „angepasste“ Dialektausgaben, damit sie von möglichst vielen Leuten verstanden werden. [...]

Kritiker werfen Dialektsprechern häufig mangelnde Sprachkompetenz vor. Insbesondere in der Schule bekommen Dialekt sprechende Kinder Schwierigkeiten, wenn sie beim Schreiben Fehler machen.

50 Doch Linguisten sind der Ansicht, dass Lehrer es sich und ihren Schülern viel leichter machen könnten, wenn sie sich intensiver mit der Mundart beschäftigen würden.

Die mundartbedingten Fehler sind nämlich ganz typisch. So verwechseln Kinder aus dem alemannischen und auch aus dem fränkischen Sprachraum die Buchstaben b, d, g mit p, t, k. Sie schreiben dann du griegst Brügel oder da ist die Bolizei gegommen.

55 Bei Kindern aus Niedersachsen liest man ein falsches e vor ch: necht wahr, unwahrscheinlech. Oder sie schreiben (wie sie es hören): Bahnsteich, Tach, wichtich. Im Rheinland schreiben sie ergendwo, er werft etc. Sie entsprechen damit zwar genau den systematischen lautlichen Unterscheidungen, nach denen Dialekte eingeteilt werden. Doch in der Schule müssen sie die Schreibweise der Hochsprache lernen [...].

60 Da sich die Dialekte auch in der Grammatik teilweise erheblich von der Standardsprache unterscheiden, kommt es in der Schule – und häufig auch noch später – zu oft kurios klingenden Sätzen. Dr. Brandner nennt Beispiele:

Geradezu berühmt sind Relativsätze, die (nicht nur im Schwäbischen) mit unveränderlichem „wo“ eingeleitet werden – egal ob es sich um Personen, Dinge oder eben auch Orte handelt. 65 Häufig wird dann „überkorrekt“ eine Konstruktion sowohl mit (schriftsprachlich korrektem) Relativpronomen und „wo“ gebildet, sodass Sätze entstehen wie

Die Frau, vu derre wo-n-i dir verzellt ha.

(Die Frau, von der „wo“ ich dir erzählt habe.)

Diese Konstruktion hat sich in einigen oberdeutschen Dialektgrammatiken stark durchgesetzt. 70 Die Schweizerdeutschen und die Westalemannen leisten hier noch Widerstand und zumindest die älteren Sprecher bevorzugen eindeutig:

Die Frau, wo-n-i dir verzellt ha, vu n-erre.

„Dieses Beispiel illustriert sehr schön, dass Dialekt eben nicht bedeutet: weniger Komplexität oder weniger Ausdrucksmöglichkeiten, sondern nur andere grammatische Konstruktion“, 75 sagt Dr. Brandner.

Ein weiteres Beispiel ist die tun -Einsetzung. Von Lehrern in aller Regel als stilistisch schlecht gebrandmarkt, leistet „tun“ in vielen Dialekten einen wichtigen Beitrag zur Bedeutungsunterscheidung. Beispielsweise drückt „tun“ im folgenden Satz einen sogenannten „habituellen Aspekt“ aus, d. h., dass jemand „gewohnheitsmäßig“ oder „immer wieder“ etwas macht: 80 Sie tut jetzt nicht mehr Rad fahren. (Sie hat für immer aufgehört, mit dem Rad zu fahren).

Um Fehler in der Standardsprache geschickt auszumerzen, sollten Lehrer am besten selbst die verursachende Mundart sprechen, sagen Linguisten. Jedenfalls ist Interesse hilfreicher als Geringschätzung oder Vorurteile.

Wenn sowohl Lehrern als auch Schülern klar ist, dass es sich bei Dialekt und Standardsprache 85 um zwei unterschiedliche Sprachvarianten handelt und dass der Dialekt nicht lediglich eine „Unterform“ oder eine nicht perfekte Form der Standardsprache ist, könnten die systematischen Unterschiede zwischen den beiden sogar sehr gut Unterrichtsgegenstand sein. Dies würde nebenbei noch dazu führen, dass die deutsche Grammatik im Unterricht stärker behandelt werden würde – und das wäre nicht nur für Dialektsprecher von Vorteil.

90 Über eines sind sich mittlerweile die Forscher einig: Wer Dialekt spricht, leidet nicht an einem Mangel an Sprachkompetenz. Im Gegenteil: Dialektsprecher lernen von Anfang an zwei Sprachen. Sie erwerben also eher eine größere Sprachkompetenz [...].

1 BAP: Kölschrockband

2 Ohnsorg-Theater: Hamburger Theater, das seit über hundert Jahren Aufführungen in niederdeutscher Sprache („Plattdeutsch“) realisiert

Anmerkungen zu den Autorinnen:

Ilse Achilles und Gerda Pighin sind Journalistinnen und Autorinnen zahlreicher Fachpublikationen.

Materialgrundlage: Ilse Achilles und Gerda Pighin: Vernäht und zugeflixt! Von Versprechern, Flüchen, Dialekten & Co. Mannheim u. a.: Dudenverlag 2008, S. 38 ff.

2. Stellen Sie zusätzliche Merkmale und Funktionen der Sprachvarietät „Dialekt“ dar. Erläutern Sie, inwiefern es zum Auftrag der Schule gehört, den Gebrauch der Standardsprache zu bevorzugen. Nehmen Sie zum Schluss Stellung zu der Frage, ob der jeweilige regionale Dialekt im schulischen Kontext zusätzlich als Sprachvarietät vermittelt werden sollte. [36 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie zusätzliche Merkmale und Funktionen der Sprachvarietät „Dialekt“ dar. Erläutern Sie, inwiefern es zum Auftrag der Schule gehört, den Gebrauch der Standardsprache zu bevorzugen. Nehmen Sie zum Schluss Stellung zu der Frage, ob der jeweilige regionale Dialekt im schulischen Kontext zusätzlich als Sprachvarietät vermittelt werden sollte.

Lösung: Individuelle dialektische Ausarbeitung und Erörterung mit begründeter Stellungnahme gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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