Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2023
Thema: Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Wirtschaft (2023)
Aufgabenstellung
M 1
Marcel Fratzscher
Das gebrochene Aufstiegsversprechen
Die Mittelschicht ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich geschrumpft – und dies in keinem
vergleichbaren Industrieland so stark wie in Deutschland, selbst in den USA nicht. Das zeigt
eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
und der Bertelsmann Stiftung. Vor allem die untere Einkommensschicht ist deutlich gewachsen.
5 Trotz Wirtschaftsbooms in den 2010er-Jahren hat das Armutsrisiko in Deutschland zuge-
nommen.
Die eine Seite der Kommentatoren wiegelt ab, dies sei kein Problem und hätte gute Erklärungen.
Die andere Seite sieht darin eine zunehmende soziale Polarisierung und das Spiegelbild abneh-
mender Chancengleichheit und sozialer Mobilität. In der Tat ist die schrumpfende Mittelschicht
10 ein viel größeres Problem, als viele wahrnehmen, und könnte sich für Deutschland in den kom-
menden Jahren rächen.
Die Zahlen und Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Mittelschicht in Deutschland (defi-
niert über ein monatliches Nettoeinkommen für eine vierköpfige Familie zwischen 3.000 und
8.000 Euro) ist von 70 Prozent der gesamten Bevölkerung 1995 auf 64 Prozent im Jahr 2018
15 geschrumpft. Dies wird vor allem durch eine abnehmende „untere Mittelschicht“ (Einkommen
zwischen 3.000 und 4.000 Euro) erklärt, die in die untere Einkommensschicht (Einkommen
von weniger als 3.000 Euro) abgerutscht sind. Die Gruppe der Spitzenverdienerinnen (Ein-
kommen von mehr als 8.000 Euro) ist dagegen gewachsen.
Im Klartext heißt das, dass die Polarisierung bei den Einkommen zunimmt. Eine vielleicht
20 noch wichtigere Botschaft ist jedoch eine andere: Diese zunehmende soziale Polarisierung
ist vor allem auch ein Resultat von abnehmender Chancengleichheit und sozialer Mobilität
in Deutschland. Zwar mag ein hohes Maß an Ungleichheit per se problematisch sein. Proble-
matischer ist es jedoch, wenn dies durch eine abnehmende Chancengleichheit in der Gesell-
schaft verursacht wird, also das Einkommen immer weniger durch eigene Entscheidungen
25 bestimmt wird, sondern durch die Herkunft, das Geschlecht, die Hautfarbe oder die sexuelle
Orientierung. Und auch das zeigt die Studie: Es sind vor allem Frauen, die einen besonders
großen Teil der Menschen mit geringen Einkommen ausmachen.
Die abnehmende soziale Mobilität betrifft immer stärker junge Menschen. Haben in den
Achtziger- und Neunzigerjahren noch 71 Prozent der damaligen 30- bis 39-Jährigen (Baby-
30 boomer) den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft, so gelingt dies heute nur noch 61 Pro-
zent dieser Altersgruppe (Millenials).
Aber auch für andere Gruppen ist die soziale Mobilität gering und hat deutlich abgenommen.
Drei von vier Menschen, die vor vier Jahren von Armut betroffen waren, leben auch heute
noch in Armut oder sind zumindest von Armut bedroht. Die größte Persistenz 1 der Stellung
35 bei den Einkommen gibt es jedoch bei den Spitzenverdienern. Zwei von drei Menschen, die
vor vier Jahren zu den Topverdienern gehörten, sind auch heute noch in dieser Gruppe. Ein
Rückgang der Einkommen ist für sie ungewöhnlich selten und geschieht meist erst dann, wenn
sie aus dem aktiven Arbeitsleben in die Rente wechseln.
Eine zentrale Ursache ist, dass Bildung immer wichtiger wird, um die Stellung der Menschen
40 innerhalb der Einkommensverteilung in Deutschland zu erklären. Der Anteil junger Menschen
mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt
dramatisch ab. Das Spiegelbild der zunehmenden Polarisierung und der seit 1995 gewach-
senen Gruppe mit geringem Einkommen und Armutsgefährdung ist auch der gewachsene
Niedriglohnsektor sowie der deutlich größere Anteil prekärer Beschäftigung wie Minijobs.
45 Auch die hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, die eine der höchsten unter Industrie-
ländern ist, spielt eine erhebliche Rolle. Denn ein immer größerer Teil des Vermögens wird
vererbt, meistens an Menschen, die selbst ein hohes Einkommen und Vermögen haben. Somit
steigt auch der Anteil der Kapitaleinkommen für die Spitzenverdienerinnen und Spitzenver-
diener. Dies bedeutet, ein steigender Anteil der Einkommen von Menschen mit ohnehin sehr
50 hohen Einkommen stammt aus Erträgen von Vermögen wie Immobilien, Aktien oder Unter-
nehmen – und ein abnehmender Teil von der eigenen Hände Arbeit. Auch dies reduziert die
Einkommensmobilität und trägt mit zur Polarisierung der Gesellschaft bei.
[...]
Bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen geht es um Gerechtigkeit, wirtschaftliche
55 Chancen und Effizienz und vor allem auch um soziale Teilhabe. Eine schrumpfende Mittel-
schicht und eine zunehmende Gruppe von Menschen in Armut oder mit Armutsrisiko ist ein
existenzielles Problem für eine jede Gesellschaft – sowohl sozial, wirtschaftlich als auch
politisch.
Die Corona-Pandemie wird in den kommenden Jahren das Problem der sozialen Polarisierung
60 nicht besser machen, sondern deutlich verschärfen. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass vor
allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bei Bildung, Gesund-
heit und Chancen besonders großen Schaden erlitten haben und dies noch immer tun. Auf
dem Arbeitsmarkt sind vor allem Menschen mit prekären Jobs und Solo-Selbstständige 2
besonders gefährdet. Alles deutet darauf hin, dass die Pandemie und auch die anstehende
65 wirtschaftliche Transformation in Bezug auf Digitalisierung Beschleuniger einer weiterhin
schrumpfenden Mittelschicht sein werden.
Auch daher muss die Politik die Frage der sozialen Polarisierung sehr viel stärker in den
Mittelpunkt rücken, als sie es bisher getan hat. Die gute Nachricht ist, dass wir sehr genau
wissen, wie die zunehmende Polarisierung adressiert werden kann. Eine Verbesserung der
70 Qualität der Bildung und vor allem gleichere Bildungschancen, ein kleinerer Niedriglohn-
sektor und bessere Löhne und Einkommen vor allem auch systemrelevanter Berufe, ein
Steuersystem, das Arbeit weniger stark und dafür Vermögen stärker belastet, und ein Sozial-
system, das viel stärker aktivierend wirkt und Chancen eröffnet, sind alles essenzielle Ele-
mente einer Strategie, die der sozialen Polarisierung entgegenwirkt. So können wir unserem
75 Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft wieder gerechter werden.
1 Persistenz: Dauerhaftigkeit eines Zustands
2 Solo-Selbstständige: Selbstständige, die keine Mitarbeitenden beschäftigen – häufig in der Anfangsphase eines Unternehmens
Zum Autor:
Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
M 2: Einkommensschichtung 1995 – 2018 (in %; Auszug)
Datenbasis: SOEPv35
Zur Datenbasis:
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland, die im jährlichen Rhythmus seit 1984 bei denselben Personen und Familien in der Bundesrepublik durchgeführt wird.
Zur besseren Vergleichbarkeit der Einkommenssituation von Haushalten mit jeweils unterschiedlichen Größen werden die den Haushalten verfügbaren gewichteten Nettoäquivalenzeinkommen berechnet. Dazu wird die Summe der Nettoeinkommen der Haushaltsmitglieder mit der Anzahl der Haushaltsmitglieder verrechnet, wobei entlang deren Alter gewichtet wird.
a)
Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors zur Sozialstruktur Deutschlands und der Art, wie er dafür argumentiert.
[30 Punkte]
b)
Werten Sie das statistische Material M 2 mit Blick auf Strukturen der Einkommensungleichheit aus und vergleichen Sie Ihr Ergebnis mit den entsprechenden Aussagen des Autors von M 1.
[16 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. a) Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors zur Sozialstruktur Deutschlands und der Art, wie er dafür argumentiert.
Lösung: Ausführliche Textanalyse von M 1 nach den Kriterien: Textart/Thema (2 P.), Position des Autors (6 P.), Begründungsgang (10 P.), Argumentationsweise (6 P.) und Intention (6 P.).
2. b) Werten Sie das statistische Material M 2 mit Blick auf Strukturen der Einkommensungleichheit aus und vergleichen Sie Ihr Ergebnis mit den entsprechenden Aussagen des Autors von M 1.
Lösung: Statistische Auswertung von M 2 (formale Aspekte: 2 P., Trendauswertung: 7 P.) und kritischer Vergleich mit den Aussagen Fratzschers (7 P.).
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