Aufgabe 3 - Kernphysik und ionisierende Strahlung · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin 2022

Thema: Kernphysik und ionisierende Strahlung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Aufgabe: Nachweis und Eigenschaften extrem seltener Elemente

Schon in der Antike kannte man insgesamt 10 chemische Elemente, und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kamen 73 weitere Entdeckungen hinzu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich die Elemente zwar zunehmend besser nach ihrer Atommasse und nach wiederkehrenden, ähnlichen chemischen Eigenschaften ordnen, doch dem damals noch lückenhaften Periodensystem fehlte eine verlässliche „Nummerierung“ der Elemente. Erst am Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Physikerinnen und Physiker mithilfe leistungsfähiger Atommodelle und neuer experimenteller Methoden die Anordnung der Elemente im Periodensystem über ihre „Ordnungszahl ZZ“ eindeutig bestimmen. Dazu trug die damals entstandene Röntgenspektroskopie maßgeblich bei.

Teilaufgabe 3: Extrem seltene Elemente und ihre Entstehung

Dank stetig verbesserter chemischer Analyse- und Synthesetechniken und einer weiterentwickelten Röntgenspektroskopie wurden bis 1930 nahezu alle Elemente mit einer Ordnungszahl unterhalb der von Wismut (Z<83Z < 83) in natürlichen Mineralien aufgespürt und im Periodensystem eingeordnet. Nur die Elemente mit den Ordnungszahlen Z=43Z = 43 und Z=61Z = 61 waren zu dieser Zeit noch nicht nachweisbar.

a)

Man weiß inzwischen, dass alle Isotope des Elements mit der Ordnungszahl Z=43Z = 43 (Technetium Tc) radioaktiv zerfallen. Abbildung 5 stellt einen Ausschnitt einer aktuellen Nuklidkarte dar.

Es wird vermutet, dass sich bei der Bildung der Erdmaterie vor ungefähr tE=5,0⋅109 at_{\text{E}} = 5{,}0 \cdot 10^9\text{ a} auch etwas Technetium gebildet hat.

1937 wurde Technetium zum ersten Mal chemisch aus einer Molybdän-Folie gewonnen und röntgenspektroskopisch nachgewiesen. Die Folie war zuvor lange Zeit in einem Teilchenbeschleuniger mit hochenergetischen Deuteriumkernen (2H^2\text{H}-Kernen) bestrahlt worden.

24 Jahre später gelang der Nachweis, dass Technetium in kleinsten Spuren auch natürlich in Uranerzen auftritt. Es bildet sich dort durch die äußerst seltene Spontanspaltung (sf) eines 238U^{238}\text{U}-Kerns. Abbildung 6 gibt die Zerfallsgleichung dieses natürlichen Prozesses und die anschließende Zerfallsreihe bis zum Technetium wieder. Die Zeitangaben in der Zerfallsreihe sind die Halbwertszeiten der jeweiligen Nuklide.

b)

Wie Technetium hat auch das Element mit Z=61Z = 61 (Promethium Pm) keine stabilen Isotope. Die Pm-Isotope mit den größten Halbwertszeiten lauten:

Isotop:

145Pm^{145}\text{Pm}

146Pm^{146}\text{Pm}

147Pm^{147}\text{Pm}

Halbwertszeit tHt_{\text{H}}:

17,71 a17{,}71\text{ a}

5,534 a5{,}534\text{ a}

2,625 a2{,}625\text{ a}

Entdeckt wurde dieses Element erst 1947 bei der chemischen Analyse der Spaltprodukte der ersten Kernreaktoren. Abbildung 7 stellt die relative Häufigkeit HH der Spaltprodukte eines typischen Kernreaktors in Abhängigkeit von ihrer Massenzahl AA dar.

Promethium kommt in der Erdkruste noch deutlich seltener vor als Technetium. Auf natürlichem Weg bildet es sich in Uranerzen über einen ähnlichen Spalt- und Zerfallsprozess wie in Abbildung 6. Nach heutiger Einschätzung existieren in der gesamten Erdkruste nur m=0,570 kgm = 0{,}570\text{ kg} natürliches Promethium, praktisch ausschließlich das Isotop 147Pm^{147}\text{Pm}.

Hinweis: Nehmen Sie an, dass 147 g147\text{ g} natürliches Promethium ungefähr 6,02⋅1023 Pm-Atomen6{,}02\cdot 10^{23}\text{ Pm-Atomen} entsprechen.

Teilaufgabe 4: Das extraterrestrische Vorkommen von Promethium

Es ist bekannt, dass Promethium auf der Erde und vermutlich im gesamten Sonnensystem nur in verschwindend kleinen Mengen natürlich auftritt. Die Auswertung optischer Absorptionsspektren bestimmter besonderer Sterne zeigt jedoch, dass Promethium und die benachbarten Elemente des Periodensystems an der Oberfläche und in der näheren Umgebung dieser Sterne in messbaren Mengen vorliegen. Diese seltenen Sterne sind ungefähr so alt wie unsere Sonne (ca. 5⋅109 a5\cdot 10^9\text{ a}).

a)

Eine der Theorien, die das dortige „viel häufigere“ Vorkommen der bei uns sehr seltenen chemischen Elemente erklären soll, geht davon aus, dass im Bereich der Oberfläche dieser besonderen Sterne eine hohe Konzentration von langlebigen Uranisotopen vorhanden ist. Diese langlebigen Uranisotope existieren dort seit der Sternentstehung und werden durch die dort reichlich vorhandenen freien Neutronen aus dem Inneren des Sterns permanent gespalten. Als Spaltprodukte bleiben dabei u. a. die seltenen Elemente in messbarer Menge zurück.

b)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Kernphysik und ionisierende Strahlung · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Geben Sie die Zerfallsgleichungen für die beiden Tc-Isotope mit den größten Halbwertszeiten an (hier für Tc-98):

Lösung: 4398Tc→4498Ru+−10e+νˉe^{98}_{43}\text{Tc} \rightarrow {}^{98}_{44}\text{Ru} + {}^{0}_{-1}\text{e} + \bar{\nu}_\text{e}

Geben Sie die Zerfallsgleichungen für die beiden Tc-Isotope mit den größten Halbwertszeiten an (hier für Tc-97):

Lösung: 4397Tc→4297Mo++10e+νe^{97}_{43}\text{Tc} \rightarrow {}^{97}_{42}\text{Mo} + {}^{0}_{+1}\text{e} + \nu_\text{e}

Bestimmen Sie, welcher Anteil der ursprünglichen Menge des Technetiumisotops mit der größten Halbwertszeit nach „nur“ 120tE\frac{1}{20} t_{\text{E}} noch vorhanden war:

Lösung: 1,2⋅10−181{,}2\cdot 10^{-18}

Geben Sie die Reaktionsgleichung für eine denkbare Kernreaktion an, durch die in der Molybdän-Folie ein Technetiumisotop entstanden sein könnte:

Lösung: 4297Mo+12H→4398Tc+01n^{97}_{42}\text{Mo} + {}^{2}_{1}\text{H} \rightarrow {}^{98}_{43}\text{Tc} + {}^{1}_{0}\text{n}

Erklären Sie qualitativ, weshalb im Uranerz zwar 99Tc^{99}\text{Tc} nachweisbar ist, nicht aber die übrigen Nuklide der Zerfallsreihe aus Abbildung 6:

Lösung: Die anderen Nuklide vor dem Tc-99 haben Halbwertszeiten im Bereich von Sekunden bis Stunden und zerfallen extrem schnell. Tc-99 hingegen besitzt eine Halbwertszeit von 211.000 Jahren und akkumuliert sich daher in nachweisbaren Mengen.

Beurteilen Sie mithilfe von Abbildung 7 qualitativ, wie häufig das Element Promethium relativ in den Spaltprodukten eines Kernreaktors zu erwarten ist:

Lösung: Promethium hat die langlebigsten Isotope im Massenbereich A = 145 bis 147. Da die Massenzahlverteilung der Spaltprodukte dort ein Maximum aufweist (ca. 6 %), tritt Promethium relativ häufig als Spaltprodukt auf.

Bestimmen Sie die Gesamtaktivität AgesA_{\text{ges}} des in der Erdkruste vorhandenen natürlichen Promethiums in Bq:

Lösung: 1,95⋅10161{,}95\cdot 10^{16} Bq

Begründen Sie qualitativ, dass der Promethium-Nachweis in diesen Sternen nur dadurch erklärbar ist, dass das Element dort fortwährend neu gebildet wird:

Lösung: Da das Sternenalter ca. 5 Milliarden Jahre beträgt, die maximale Halbwertszeit von Promethium jedoch nur 17,71 Jahre, wäre jedes ursprünglich vorhandene Promethium längst vollständig zerfallen. Folglich muss es kontinuierlich neu entstehen.

Erläutern Sie qualitativ, auf welche Weise sich diese Theorie experimentell durch Beobachtungen bestätigen oder widerlegen ließe:

Lösung: Man untersucht das optische Absorptionsspektrum der Sterne auf charakteristische Spektrallinien des Urans. Werden Uran-Linien nachgewiesen, stützt dies die Theorie; fehlen sie, ist die Theorie widerlegt.

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