Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabenstellung 3

Materialgrundlage

Ian Buruma: '45. Die Welt am Wendepunkt. München 2014, S. 332 – 339. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material: Ian Buruma (*1951) ist ein anglo-niederländischer Schriftsteller und Publizist mit dem Spezialgebiet Asien. Sein Buch zum Jahr 1945 erschien im Jahr 2013 in englischer Sprache unter dem Titel „Year Zero: A History of 1945“.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Textauszug: Zivilisierung der Unmenschen

[...]

Das Hauptproblem bei der amerikanischen und in geringerem Ausmaß auch der britischen Umerziehung war ein ungelöstes, vielleicht überhaupt unlösbares Dilemma. Ziel war es, die Deutschen und später die Japaner in den Tugenden Freiheit, Gleichheit und Demokratie zu unterrichten. Aber die Lektionen in Sachen Redefreiheit kamen von Militärregierungen, deren 5 Macht praktisch absolut war, deren Propaganda häufig eine Erweiterung der psychologischen Kriegsführung darstellte und die Zensur praktizierten, wann immer es ihren Zwecken diente. Natürlich – Kultur und Pädagogik waren nirgendwo auch nur annähernd so repressiv wie unter den Nazis oder dem japanischen Kriegsregime, und sicherlich war es einigermaßen dreist, wenn Hitlers ehemalige Soldaten, darunter ein Günter Grass 1, die Amerikaner wegen ihres 10 Rassismus verhöhnten, aber der Vorwurf der Scheinheiligkeit gegen die Alliierten war nicht ganz ungerechtfertigt: Wenn es von Besatzern kam, die sogar Vom Winde verweht 2 zurückhielten und keine Meinungen, ja keine faktischen Informationen duldeten, die ihre eigene Politik in ein negatives Licht rückten, klang das Lob der Demokratie ein bisschen hohl.

[...]

15 Die Umerziehung amerikanischen Stils im Jahr 1945 ging, trotz eines starken anfänglichen Bedürfnisses, Strafen auszuteilen, letztlich doch sehr sanft vor sich. Vielleicht war dies ein Grund, weshalb sich die Deutschen, übrigens nicht ohne Zwiespältigkeit und sogar Groll, auf das amerikanische Jahrhundert viel leichter einließen als die Franzosen. Nachdem ihnen ja klar geworden war, was sie den Slawen und vor allem den Juden angetan hatten, können die 20 Deutschen in der Mehrzahl nur zutiefst erleichtert darüber gewesen sein, wie sie von den Amerikanern behandelt wurden. In der englischen und der amerikanischen Besatzungszone war das Leben mit Sicherheit besser als in der sowjetischen oder sogar, jedenfalls am Anfang, der viel kleineren französischen Zone im Rheinland entlang der Grenze. Die wichtigste Stadt unter französischer Besatzung war der elegante Kurort Baden-Baden, nun ohne kurende Gäste. 25 Dass Frankreich überhaupt eine Zone bekam, war keineswegs selbstverständlich gewesen; obwohl General de Gaulle (dem Roosevelt immer misstraut hatte) und die Streitkräfte seines Freien Frankreichs beim Sieg über NS-Deutschland eine wichtige Rolle gespielt hatten, waren die USA dagegen – aber de Gaulles Wille siegte, wie immer. Das andere Problem mit Frankreich war, dass viele seiner Bürger auf Rache sannen und aus Deutschland so viel Beute wie 30 möglich herausholen wollten.

Dies war besonders im ersten Jahr der Okkupation der Fall, in dem sich die Franzosen als Eroberer aufführten, mehr als die Amerikaner oder Briten. Soldaten verhielten sich manchmal undiszipliniert. Rohstoffe, Kohle zum Beispiel, wurden nach Frankreich abtransportiert. Es gab französische Pläne, Teile Deutschlands zu annektieren, vor allem die Industriegebiete 35 im Rheinland und in Westfalen und das kohlereiche Saarland; sie fanden aber bei den anderen Alliierten keine Unterstützung und verliefen schließlich im Sand. Auch manche französischen Generäle waren dagegen, weil sie befürchteten, solche Maßnahmen könnten bei den Deutschen genau die Art von Revanchismus provozieren, der den jetzt endlich beendeten Krieg ausgelöst hatte.

40 Aber die Franzosen, wie immer von ihrer mission civilisatrice 3 beseelt, meinten es ernst mit der Kultur, vor allem mit dem Export französischer Kultur und der zivilisatorischen Wirkung auf die Deutschen. [...]

Die Idee war, die Deutschen, die von den Entwicklungen der modernen Kunst außerhalb des NS-Staates nichts mitbekommen hatten, Schritt für Schritt in die Zivilisation zurückzuho- 45 len. Deren Zentrum war natürlich Europa und die Hauptstadt der Kultur war, natürlich, Paris.

Es gab ein politisches Argument dafür – abgesehen von der Wiederherstellung der französischen Selbstachtung. Zwar klappte es nicht mit der Annexion des Grenzlandes entlang dem Rhein, aber dort geschah bald etwas Wichtigeres. Die umfangreiche Kohleförderung und Stahlproduktion wurde der Kontrolle einer gesamteuropäischen Institution unterstellt, von der 50 Deutschland, Frankreich und die übrigen Mitglieder der 1951 in Paris gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der sogenannten Montanunion, profitierten. Die französische Besatzungszone war also die Geburtsstätte der späteren Europäischen Union. Die Initiative zu einer gemeinsam betriebenen Montanindustrie war von Frankreich ausgegangen, und der Mann, der offiziell den Vorschlag machte, war der französische Außenmi- 55 nister Robert Schuman, der als Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter in Luxemburg zur Welt gekommen war. Der westdeutsche Kanzler, der sofort zustimmte, die Kontrolle über eine der wohlhabendsten Gegenden Deutschlands gemeinsam auszuüben, war der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer.

Zu behaupten, die Aufteilung in vier Besatzungszonen sei ein Glück für Deutschland gewe- 60 sen, wäre grausam gegenüber jenen, die vier Jahrzehnte lang eine kommunistische Diktatur ertragen mussten. Aber vielleicht passte die Aufteilung tatsächlich am besten zur föderalen Natur Deutschlands. Die alliierten Besatzer brachten es nie fertig, das Bildungswesen zu zentralisieren oder regionale Unterschiede in Kultur und Politik einzuebnen, und ob die Deutschen tatsächlich umerzogen wurden, ist zweifelhaft. Die größte Leistung der Alliierten war 65 womöglich, dass sie in Westdeutschland keine Animositäten zurückließen. Man mag den Wunsch, einen früheren Feind umzuerziehen, als Bevormundung empfinden, aber es ist eine wohlwollendere, viel weniger gefährliche Politik als Rache. Dass die Alliierten ihrem früheren Feind wieder auf die Beine halfen, war vielleicht mehr, als mancher Deutsche verdient hatte, aber es war besser, als das Land auszupressen. Diesmal gab es keine »Dolchstoßlegende«, 70 keine bewaffneten Banden von Desperados, die nur darauf lauerten, die Niederlage ihres Landes zu rächen. Was Deutschlands Zukunft wirklich gestaltete, hatte weniger mit Kultur oder Bildung, mit Gerechtigkeit oder auch nur normalem Anstand zu tun als mit politischen Umständen: dem Kalten Krieg, der Notwendigkeit, haltbare Demokratien in Europa aufzubauen, mit dem Opportunismus der deutschen Eliten, mit amerikanischen Interessen und dem utopi- 75 schen Projekt, das, wie Robert Schuman sagte, darauf angelegt war, »Krieg [in Europa] unmöglich zu machen« und »den Weltfrieden zu fördern«.

Was militärischen und politischen Einfluss betrifft, so mag die französische Besetzung des Rheinlands nicht besonders folgenreich gewesen sein, aber sie trug dazu bei, einen der blutigsten Risse in Europa wieder zu flicken. Ein vereintes Europa war nicht nur ein französisch- 80 deutscher, sondern auch ein christlich-demokratischer Traum. [...] Was immer die Zukunft der derzeit in Aufruhr befindlichen EU bringen mag – dieser Traum von Vereinigung und Einheit hat für die Wiedereingliederung Deutschlands in die Gemeinschaft der europäischen Nationen mehr getan als alle Umerziehungsprogramme zusammen.

1 deutscher Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger (1927 – 2015). 2006 gab Grass zu, als 17-jähriger Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein und als Panzerschütze in der Endphase des Zweiten Weltkriegs gedient zu haben. Grass war Zeit seines Lebens ein Kritiker der US-amerikanischen Politik.

2 Roman von Margaret Mitchell bzw. dessen Verfilmung. Die Handlung spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) in den Südstaaten und thematisiert das Sklavereiproblem.

3 mission civilisatrice (frz.): zivilisatorische Mission

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2.

Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text die Politik der Alliierten in den westlichen Besatzungszonen (14 Punkte) und arbeiten Sie heraus, wie sich die europäische Einigung entwickelte (14 Punkte). [28 Punkte]

3.

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Lösung

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1. Analysieren Sie den hier abgedruckten Auszug.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung der Textanalyse gemäß den Vorgaben zur inhaltlichen Leistung (24 Punkte).

2. Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text die Politik der Alliierten in den westlichen Besatzungszonen (14 Punkte) und arbeiten Sie heraus, wie sich die europäische Einigung entwickelte (14 Punkte).

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur alliierten Besatzungspolitik und zur europäischen Einigung (28 Punkte).

3. Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors.

Lösung: Individuelles historisches Sach- und Werturteil zu den Thesen Ian Burumas (28 Punkte).

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