Aufgabe HT 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022
Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung (GE LK HT 3)
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. (24 Punkte)
2.
Erläutern Sie, ausgehend vom Text, das sowjetische Angebot des Jahres 1952 vor dem Hintergrund der damaligen deutschlandpolitischen Situation (12 Punkte) und ebenso die außen- und deutschlandpolitischen Positionen Adenauers (16 Punkte). (28 Punkte)
3.
Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. (28 Punkte)
Materialgrundlage
Wilhelm von Sternburg: Adenauer. Eine deutsche Legende, 2. Auflage, Berlin 2005, S. 194–210.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen entsprechen dem Original)
Hinweise zum Autor: Wilhelm von Sternburg (*1939) ist ein deutscher Journalist und Autor zahlreicher Biographien über Politiker und Literaten.
Zugelassene Hilfsmittel
Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
1 In den zahlreichen Darstellungen der Außenpolitik Adenauers wird mit Recht auf die vielfältigen Entwürfe einer »neuen« Ostpolitik am Ende seiner Amtszeit hingewiesen, werden die zahlreichen Überlegungen des Kanzlers erwähnt, die wieder Bewegung in die erstarrten Fronten zwischen Bonn und Moskau bringen sollten. Aber sie blieben in der praktischen Politik 5 ohne Folgen. Adenauer bewegte sich nicht, blieb bei seinen ostpolitischen Positionen. Die »Einheit in Freiheit« hatte für ihn keineswegs die Priorität, die er seinen Wählern vorgaukelte. Denn so schlicht es anmutet, wie er die Entwicklungen im Osten und ihre Rückwirkungen auf Europa betrachtete, die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser Thesen war wohlberechnet, sollte der deutschen Öffentlichkeit deutlich machen, daß es keine Alternative zum Weg ins 10 Westbündnis gab. [...] Betrachtet man Adenauers Ostpolitik mit Rücksicht auf die Zeit, in der sie entwickelt und praktiziert wurde, dann ist nicht zu übersehen, daß seine Gedanken und Strategien keineswegs außergewöhnlich waren oder etwa dem Denken einer Minderheit in der westdeutschen Repu- 15 blik entsprachen. Stalins brutales Vorgehen in Osteuropa, die monatelange Berlin-Blockade oder die diplomatischen Winkelzüge seines Außenministers Molotow auf den zahlreichen Konferenzen, die die Deutschlandfrage zum Thema hatten, mußten auf die Westdeutschen damals äußerst bedrohlich wirken. Daß der sowjetische Diktator, im Gegensatz zu Hitler, die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Macht sehr wohl einzuschätzen wußte, jedes Risiko 20 vermied, Entwicklungen in Gang zu setzen, die seiner Kontrolle entglitten oder die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung mit den USA heraufbeschworen, ist wohl erst im Abstand der Zeit, nach dem Einblick in Akten und Dokumente deutlich geworden. Aber die Öffnung der Archive zeigte auch, daß der Kanzler in den Jahren 1952 und 1953 bewußt die Gelegenheit vorüberziehen ließ, die Einheit der Deutschen in den fünfziger Jahren 25 zurückzugewinnen. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 hatte schon damals eine kontroverse Expertendiskussion ausgelöst, und ihre Ablehnung durch Adenauer wird zu Recht als »epochale Entscheidung« (Theodor Schieder 1) bezeichnet. [...] Die Beweggründe Stalins, nach jahrelanger Obstruktion in der Deutschlandfrage nun in die Offensive überzugehen, lagen auf der Hand. Die Bundesrepublik stand direkt vor der West- 30 integration, der Deutschlandvertrag und der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft lagen unterschriftsreif vor. Moskau hatte erkennen müssen, daß an der Westgrenze seines Imperiums ein mächtiges, bald zweifellos hochgerüstetes Bündnis im Entstehen war. Die wachsenden Schwierigkeiten in den Volkswirtschaften der Sowjetunion und der DDR zeigten dem Kreml-Chef zudem, daß Moskau dringend eine »Koexistenz« auf dem europäi- 35 schen Kontinent anstreben mußte, und der ostdeutsche Satellit mag dafür ein akzeptabler Preis gewesen sein. [...] In Paris, London und Washington war man sich bei den Beratungen über die Stalin-Note klar, daß ein bündnisfreies Gesamtdeutschland den Plänen des Westens entgegenstand. So unter- 40 schiedlich dabei auch ihre Beweggründe waren, die Verbündeten erkannten zu ihrer Beruhigung, daß sie im westdeutschen Kanzler ihren besten Helfer besaßen. Da Adenauer nicht »schwankte«, konnten sie Stalins Offerte mit den üblichen Propagandagebärden zu Grabe tragen. [...] 45 Adenauers Ostpolitik blieb in den Jahren danach weitgehend bewegungslos, agierte nicht, sondern reagierte fast nur noch. Auf der Genfer Gipfelkonferenz von 1955 präsentierte Chruschtschow die Zwei-Staaten-Theorie Moskaus. Der Kreml verließ damit den Boden des Potsdamer Abkommens, die Einheit, aus welchen politischen Motiven auch immer propagiert, stand nicht mehr auf dem sowjetischen Programm. Adenauers Bemerkung nach dem Nato-Beitritt der 50 Bundesrepublik – »Wir sitzen nun im stärksten Bündnis der Geschichte. Es wird uns die Wiedervereinigung bringen« – lag damals jenseits der deutschlandpolitischen Realitäten. [...] Die politischen Entscheidungen zwischen 1952, dem Jahr der Stalin-Note, und 1961, dem Jahr des Berliner Mauerbaus, lassen keine Zweifel darüber zu, daß es in den 15 Monaten vom 55 10. März 1952 bis zum 18. Juni 1953 die vorerst letzte Chance gegeben hatte, die territorialen Veränderungen in Deutschland, auf die sich die Kriegsalliierten in Jalta und Potsdam geeinigt hatten, zu korrigieren. [...] Ein neutrales Gesamtdeutschland wäre damals zu einem Entspannungsfaktor in Europa geworden, wenn die beiden Supermächte die Unabhängigkeit dieses Staates garantiert hätten. Denn 60 ein bündnisfreier Landkorridor zwischen Rhein und Oder mußte die Fronten der feindlichen Systeme auseinanderschieben. Die Möglichkeit zu engeren Wirtschaftsbeziehungen, an denen die Sowjetunion brennend interessiert war, bot die Chance, Deutsche und Russen allmählich vom Vorteil der Überwindung der Konfrontationspolitik zu überzeugen. Der Aufbau der Nato und des Warschauer Paktes dagegen führte nachweislich zu einem gigantischen Truppenauf- 65 marsch und zu astronomischen Rüstungsausgaben. In Mitteleuropa sollten schließlich mehr Nuklearwaffen gelagert und stationiert sein als in jeder anderen Region der Welt. Das sind Gedanken, die in den Ohren der »Real-Politiker« natürlich utopisch klingen. Und auch aus der Sicht unserer Tage erscheint die Adenauersche Denkungsweise in bezug auf die Einheit nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 konsequent und folgerichtig. Aber 70 wer so argumentiert, vergißt, daß die damalige Deutschland-Politik der Union auf Kosten von Millionen Menschen in der DDR und in den anderen Ostblockstaaten ging. Zudem wissen wir heute noch genauer als zum Zeitpunkt der Ereignisse, wie dicht die Supermächte mehrfach, vor allem in der Kuba-Krise von 1962, vor einem Atomkrieg standen. Es war viel Glück im 75 Spiel, daß die »Politik der Stärke«, mit der beide Seiten auf unverantwortliche Weise jonglierten, für Europa und besonders für Deutschland nicht im Inferno einer atomaren Schlacht endete. Erst die Entspannungspolitik in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, die für Bonn zu den Ostverträgen führte und 1975 in Helsinki mit den KSZE-Verträgen ihren Höhepunkt erreichte, minderte die Kriegsgefahr und öffnete die Grenzen zwischen Ost und 80 West. Dies soll die politischen Leistungen Adenauers und der Union für den Aufbau Westdeutschlands und die Rückführung des Landes in die internationale Staatengemeinschaft nicht mindern. Aber mit Blick auf die Spaltung bleiben auch nach der Wiedervereinigung alle Hinweise auf Adenauers angebliche strategische Weitsicht Apologie, und sie gehören in den Bereich 85 der Legendenbildung. Wie in vielen politischen Fragen hat der Gründungskanzler auch auf diesem Feld improvisiert und die Bürger mehr oder weniger getäuscht. In der Wirtschafts- und Europapolitik stand ihm das Glück des Tüchtigen zur Seite, in der Deutschland-Politik führte er sein Land in eine Sackgasse.
1 Theodor Schieder (1908–1984), bekannter und einflussreicher deutscher Historiker.
Hinweis: Zu den 80 Inhaltspunkten der Teilaufgaben 1–3 werden 20 Punkte für die Darstellungsleistung addiert (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug.
Lösung: Individuelle Textanalyse gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.
2. Erläutern Sie, ausgehend vom Text, das sowjetische Angebot des Jahres 1952 vor dem Hintergrund der damaligen deutschlandpolitischen Situation (12 Punkte) und ebenso die außen- und deutschlandpolitischen Positionen Adenauers (16 Punkte).
Lösung: Individuelle historische Erläuterung auf Basis der geforderten Aspekte.
3. Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors.
Lösung: Individuelle historische Urteilsbildung (Sach- und Werturteil).
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