Aufgabe HT 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022

Thema: Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 1)

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die Quelle, wobei Sie wie folgt vorgehen:

1. Analysieren Sie den Text, (26 Punkte)

2. ordnen Sie ihn in den Zusammenhang der Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie auf der Grundlage des Textes die politische Position des Verfassers (14 Punkte), (28 Punkte)

3. nehmen Sie zur Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Stellung. (26 Punkte)

Hinweis: Die Darstellungsleistung wird zusätzlich mit 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage

Aufruf der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zur Wahl des 6. Reichstags (Erstfassung), 1884 [September]. (Rechtschreibung an einigen Stellen angepasst, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material: Die Berliner Polizei beschlagnahmte den Wahlaufruf vor seiner Verbreitung; vor allem die hier abgedruckte Passage wurde danach überarbeitet.

Nun zur Sozialreform!

1 Die deutsche Reichsregierung hat erklärt, daß sie die Sozialreform anzubahnen und durchzuführen entschlossen sei. Nun gut – die Sozialreform ist auch unser Ziel, und sonach wären

5 wir eigentlich mit der Reichsregierung eines Sinnes. Leider ist dem nicht so. Auf die Worte kommt wenig an – alles auf die Bedeutung der Worte. […] Eins der Wörter, denen heutzutage die verschiedensten Bedeutungen innegelegt werden, ist das Wort Sozialreform. Durch den eisernen Zwang der Verhältnisse, durch die nicht länger wegzuleugnende wirtschaftliche Notlage der Volksmassen ist die soziale Frage in den Mittelpunkt des politischen Lebens ge-

10 zogen worden – alle Parteien und auch die Regierungen haben die Existenz der sozialen Frage zugestehen müssen. Und die Existenz der sozialen Frage zugeben heißt: die Sozialreform, d. h. die zur Lösung der sozialen Frage erforderlichen Reformen als staatliche Pflicht anerkennen. Wir haben deshalb heute in Deutschland nicht eine einzige Partei, welche nicht die Sozialreform in ihrem Programm, ja an der Spitze ihres Programms hätte. Die Klerikalen,

15 die Konservativen, die Liberalen, – alle sind eifrige Sozialreformer – ja sogar die fortschrittlich-sezessionistischen Manchesterleute¹, mit deren Prinzip der unbeschränkten freien Konkurrenz sich das sozialistische Element verträgt wie Wasser mit Feuer, machen aus der Not eine Tugend und rufen lustig mit nach Sozialreform. Nur daß sich jede Partei etwas anderes dabei denkt. Bloß in einem Punkt stimmen alle Parteien überein: Sie wollen die Notlage des

20 Volkes möglichst zu ihrem Vorteil ausnutzen. Und das nennen wir Sozialdemagogie.

[…]

Also Sozialreform verspricht die Reichsregierung. Was heißt Sozialreform? Im Gegensatz zu Sozialrevolution, wenn dieses Wort im Sinne des gewaltsamen Umsturzes der heutigen Gesellschaftsordnung durch eine Explosion von unten herauf genommen wird, verstehen

25 wir unter Sozialreform die Beseitigung der sozialen Mißstände und Ungerechtigkeiten auf friedlichem Wege – durch die regulären gesetzgebenden Faktoren.

Die Sozialreform ist gewiß ein schönes Ziel, und sie ist auch ein erreichbares Ziel. Aber nur unter der einen Bedingung, daß auch das vollste Verständnis für die heutigen gesellschaftlichen Mängel und die rückhaltlose Entschlossenheit, ihnen abzuhelfen, vorhanden sind. Ohne

30 dieses Verständnis und diese Entschlossenheit keine Möglichkeit des Gelingens.

Ob die unerläßlichen Vorbedingungen bei der Reichsregierung vorhanden sind, wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß die Maßregeln, welche für Sozialreform ausgegeben werden: das Krankenversicherungsgesetz, das Unfallversicherungsgesetz und das noch in Zukunftsnebel schwebende Altersversorgungsgesetz – mit den Ursachen des sozialen Notstands abso-

35 lut nichts zu tun haben, dieselben gar nicht berühren und folglich den Namen Sozialreform mit Unrecht führen. Diese Maßregeln laufen einfach auf eine polizeilich-bürokratische Regelung eines Teils des Armenwesens hinaus – nichts weiter. Jedem der Arbeiter, die unter diese drei Gesetze fallen, muß auch jetzt schon, sei es von Privaten, sei es von Gemeinden, sei es vom Staat, die zum Leben erforderliche Unterstützung verabreicht werden, und wenn

40 wir auch eine einheitliche Regelung dieser Materie für zweckmäßig halten, so steht doch fest, daß der Staat seine Aufgabe bis jetzt äußerst mangelhaft gelöst hat, und daß sie zehnmal besser gelöst worden wäre, wenn der Staat die Hände ferngehalten und den Arbeitern selbst alles überlassen hätte.

[…]

45 An Stelle der regellosen, anarchistischen, privatkapitalistischen Produktion hat die vom Staat geleitete und organisierte sozialistische Produktion zu treten, die keinen Unternehmer und folglich auch keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten kennt.

Die sozialistische Produktion, überhaupt die sozialistisch-genossenschaftlich organisierte Arbeit in Stadt und Land, auf Industrie und Landwirtschaft (die auch Industrie ist), auf Hand-

50 werk und Kleinhandel angewandt – das ist Sozialreform. Wer dies nicht will, mißbraucht das Wort Sozialreform.

Nicht einmal zu der bescheidensten aller Maßregeln, welche einen sozialreformatorischen Charakter tragen: zur Einführung des Normalarbeitstages ² hat sich die Reichsregierung entschließen können. Der Normalarbeitstag, das heißt das gesetzliche Zeitminimum der täg-

55 lichen Arbeit in Fabriken und Werkstätten, hat unter den obwaltenden³ Produktionsverhältnissen den dreifachen Vorteil, daß er der Ausbeutung der Arbeiter durch die Arbeitgeber eine Schranke errichtet, in normalen und in abnormal schlechten Zeiten die Beschäftigung einer größeren Zahl von Arbeitern ermöglicht und eine gewisse Regelung der nationalen Arbeit bewirkt. […]

60 Die Einführung des elastischen Normalarbeitstages wird noch aus einem anderen Grund bald zur gesellschaftlichen Notwendigkeit geworden sein.

Durch Verbesserung der Werkzeuge und Maschinen, bessere Arbeitsteilung, bessere Verwertung der Wissenschaft zu technischen Zwecken wird die Arbeit immer produktiver; und die statistisch festgestellte Folge dieser Tatsache ist, daß die Zahl der Arbeiter in abgegrenzten Industriezweigen stetig abnimmt, während die der Arbeitsleistung des einzelnen stetig

65 zunimmt. Wird dieser Tendenz der kapitalistischen Produktion, die Konsumenten zu vermindern und die Produktion zu vermehren, nicht rechtzeitig begegnet, so ist eine furchtbare Katastrophe, der gesellschaftliche Bankrott, unvermeidlich.

[…]

70 Eine notwendige Folge der regellosen, ungeregelten Produktion ist die sogenannte Ueberproduktion und die sogenannte Ueberbevölkerung, über die man heutzutage soviel klagen hört. […]

Durch Kolonien und Auswanderung kann die Ueberproduktion und Ueberbevölkerung nicht gesteuert werden. Gegen eine staatliche Leitung der Auswanderung im Interesse der

75 Auswandernden haben wir nichts einzuwenden, aber vor allem ist das Augenmerk darauf zu richten, unser Vaterland für alle seine Bewohner wohnlich zu machen; und der Forderung von Kolonien im Ausland setzen wir die Forderung der Kolonisation im Innern entgegen, d. h. der verbesserten Bodenbebauung und des Anbaus der großen Landstrecken, die heute als Wüsten daliegen, bei dem hohen Stand der Agronomie jetzt aber mit Vorteil für Acker-

80 bau und Viehzucht verwandt werden können. […]

Wir haben uns bis jetzt fast ausschließlich mit der sozialen Frage und wirtschaftlichen Fragen beschäftigt – die politischen nur angestreift. Es geschah das mit Absicht, weil die soziale Frage der Angel- und Mittelpunkt des gesamten politischen Lebens ist und von ihr alle politischen Fragen ausgehen, in sie alle politischen Fragen einmünden. Wer die soziale

85 Frage versteht, hat darum den Schlüssel zu allen politischen Fragen; und wer sie nicht versteht oder nicht verstehen will, wird die politischen Fragen stets falsch auffassen.

[…]

Bei der Untrennbarkeit der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die politischen und wirtschaftlichen Mißstände und Unge-

90 rechtigkeiten die naturnotwendigen Auswüchse unserer sozialen Verhältnisse sind, erstreben wir in erster Linie die Umgestaltung dieser Verhältnisse, – die Entfernung der Ursachen, welche Not und Knechtschaft in jeder Gestalt zur Wirkung haben, das heißt die Sozialreform. Da aber alle anderen Parteien auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsverhältnisse stehen, und deren Umgestaltung grundsätzlich abgeneigt sind, so ist unsere Partei die alleinige Partei der Sozialreform. […]

¹ Manchesterleute: Vertreter einer liberalen Wirtschaftspolitik, die unter Ausschluss einer staatlichen Regulierung den Marktteilnehmern freien Lauf lässt.

² Einführung des Normalarbeitstages: Hier bezogen auf die sozialdemokratische Forderung nach der Einführung eines Zehnstundentages.

³ obwaltenden: bestehenden

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den Text, (26 Punkte)

Lösung: Ausführliche Textanalyse nach den Kriterien der historischen Quellenkritik (formale Merkmale und strukturierte inhaltliche Wiedergabe).

2. ordnen Sie ihn in den Zusammenhang der Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie auf der Grundlage des Textes die politische Position des Verfassers (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Historische Kontextualisierung in die Bismarcksche Sozialpolitik und differenzierte Charakterisierung der politischen Haltung.

3. nehmen Sie zur Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Stellung. (26 Punkte)

Lösung: Differenziertes, kriteriengeleitetes historisches Sach- und Werturteil zur Position der Abgeordneten.

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