Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022
Thema: Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie
1.
die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2.
die Quelle in den historischen Zusammenhang seit November 1918 einordnen (14 Punkte) und die Position des Autors charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
zur Sichtweise des Verfassers Stellung nehmen. (26 Punkte)
Hinweis zur Darstellungsleistung
Bis zu 20 Punkte können für die Darstellungsleistung erreicht werden (Schlüssigkeit, Belege, Fachsprache, sprachliche Richtigkeit). Insgesamt sind 100 Punkte möglich.
Materialgrundlage
Theodor Wolff: Heute... In: Berliner Tageblatt Nr. 289, Morgenausgabe, 28. Juni 1919, S. 1 f. (Rechtschreibung wie im Original)
Hinweise zum Autor: Theodor Wolff (1868 – 1943) war ein deutscher Schriftsteller, Publizist und Kritiker.
Heute...
Heute nachmittag um drei Uhr werden die Reichsminister Hermann Müller und Bell in die Spiegelgallerie des Versailler Schlosses geführt werden, um den Vertrag zu unterzeichnen, den man dem deutschen Volke aufgezwungen hat. Der Vertrag ist auf Pergament geschrieben, der Tisch stammt aus der Epoche Ludwig des Fünfzehnten und das Tintenfaß aus der Zeit Ludwig des Vierzehnten, und Clemenceau hat zum Siegeln ein Petschaft mit einer Eule gewählt, obgleich die Eule der Symbolvogel der Weisheit ist. Wir haben die Unterschriftspolitik bekämpft, sind überzeugt, daß ohne das voreilige und laute Hinausschreien des Unterzeichnungswillens die Entente uns andere Bedingungen geboten hätte, aber man hat ja versichert, ohne die Unterzeichnung seien innere Ruhe und Ordnung im Lande nicht herzustellen. [...] Indessen, gerade am heutigen Tage weisen wir tatscheue Mutlosigkeit zurück. Wenn das deutsche Volk sein inneres Gleichgewicht wiederfindet, wird es sich aus dem Elend emporraffen, unter das Clemenceau sein Eulensiegel drücken will. Darüber können noch Jahre vergehen? Mag sein, aber Jahre zählen wenig in der Geschichte, und der immer wieder neues Leben weckende Zeitenwind hat festergefügte Türme umgeworfen als diesen von kleinen Weltbaumeistern erkünstelten, heute schon brüchigen und unhaltbaren Versailler Vertrag.
An diesem Tage des Unterschreibens und Besiegelns wird mancher die Gedanken zu jenen anderen Tagen zurückwenden, wo sich der Deckel von der Pandorabüchse 1 hob. Das ist nun beinahe volle fünf Jahre her. In seinen „Betrachtungen zum Weltkriege“ bestreitet Herr v. Bethmann Hollweg jegliche Schuld. Weder absichtlich noch unabsichtlich, weder planmäßig noch fahrlässig, weder durch die in den letzten Friedensjahren betriebene Politik, noch durch die Politik in den letzten Friedenswochen habe die deutsche Reichsleitung irgendwie gefehlt. [...] So harmlos, und vor allem so klug und vorsichtig, wie er es uns und sich selber beweisen möchte, war die deutsche Politik leider nicht. Für so unschuldig vermag sie auch derjenige nicht zu halten, der sehr genau die Schuld der Ententemächte sieht. Auch Herr v. Bethmann Hollweg vermag nichts gegen die peinliche Fragestellung, die einfach so lautet: „Wenn ihr nicht geglaubt habt, daß das Ultimatum an Serbien zum Weltkriege führen würde, so seid ihr sehr kurzsichtig gewesen, und wenn ihr es geglaubt habt, was wart ihr dann?“ Als schließlich die in Wien und Berlin waltende Staatskunst die Fehler gehäuft, sich im Engpaß festgerannt, vor der Welt alles Odium übernommen hatte, hielten Gegner, die eine solche Gelegenheit nicht versäumen wollten, sie mit geschicktem Griff in der Falle fest. Herr v. Bethmann Hollweg will auch noch immer nicht erkennen, daß im Sommer 1914 allerlei ihm unsichtbare Kräfte sein Boot vorwärtstrieben, und daß der bedrohliche Geist, den man bei der Zabernaffäre 2 gesehen hatte, hinter ihm war. Dieser Geist des hochfahrenden Militarismus und des engen Nationalismus, der auch in Aeußerlichkeiten das Bild der Nation entstellt hatte, erwartete seine große Stunde, während in Petersburg, in Paris und London eine intrigierende Kamarilla auf der Lauer lag.
Die Wortführer der Entente haben immer wieder erklärt, man müsse das deutsche Volk hart bestrafen, denn es habe die Vergehungen seines Militarismus noch nicht begriffen, habe sich nicht gewandelt und verurteilte nichts von dem, was in Belgien und in Nordfrankreich, auf dem Lande und auf dem Meere geschehen ist. Wenn an dieser Behauptung, mit der die Redner und Schreiber der Entente doch nur ihre eigene Gewaltpolitik zu decken und zu entschuldigen versuchen, etwas Wahres ist, so liegen die Gründe dafür wohl nicht nur bei uns. Die Entente hat uns leider auch nicht die leuchtenden, edlen und strahlenreinen Vorbilder gezeigt. [...] Die Männer, die heute im Spiegelsaale zu Versailles den deutschen Delegierten gegenüberstehen, sind Sieger, weil sie, die vielen, die Uebermacht hatten, und die Zahl ihrer Kanonen, ihrer Soldaten und ihrer Flugzeuge der deutschen Zahl überlegen war. Daß in ihnen das Recht triumphiere, erkennen wir nicht an. Sie sind nicht die Adler der Weltgeschichte, sondern nur eine Schar von niederen Raubvögeln, die sich die Beute teilt. Und diejenigen von ihnen, die mit der Gebärde des Weltordners über der Menschheit zu thronen meinen, sind nur eitle Schönredner im Richtertalar.
Trotzdem muß, auch wenn die anderen nicht lernen wollen, das deutsche Volk in strenger Prüfung und Selbstprüfung die Lehren überdenken, die dieser furchtbare Tag ihm bringt. Nur durch mutiges Erkennen wird es den Weg aus dem Abgrunde empor finden, in den es gestürzt worden ist. Es verwirft den Vertrag, den seine Delegierten unterzeichnen, und es glaubt nicht einen Augenblick lang, er könne und werde von Dauer sein. [...]
1 Heben des Deckels der Pandorabüchse: Beginn unheilbringender Entwicklungen
2 Im elsässischen Ort Zabern hatte es 1913 einen Eklat gegeben, der durch das Fehlverhalten dort stationierter preußischer Soldaten ausgelöst worden war. Das Militär hielt trotz politischer Einflussnahme daran fest, den Hauptakteur zu schützen und setzte sich dabei über geltendes Recht hinweg. Viele Zeitgenossen sahen daraufhin das deutsche Militär als einen „Staat im Staate“ an, der durch die Politik nicht kontrolliert werden konnte.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Kriterien zur Quellenanalyse.
2. die Quelle in den historischen Zusammenhang seit November 1918 einordnen (14 Punkte) und die Position des Autors charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung zur historischen Einordnung und zur Charakterisierung der Haltung des Autors.
3. zur Sichtweise des Verfassers Stellung nehmen. (26 Punkte)
Lösung: Differenzierte Stellungnahme und historisches Urteil.
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