Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabe 2

Materialgrundlage

Abschrift einer Radioansprache, die der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, am 21. März 1951 im Bayerischen Rundfunk hielt. (Rechtschreibung wie im Original)

Hinweise zum Autor: Ernst Reuter (1889 – 1953, SPD) war ab 1948 Oberbürgermeister, ab 1951 Regierender Bürgermeister von Berlin (West).

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte durchführen:

1.

Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)

2.

Ordnen Sie die Quelle in den historischen Zusammenhang der Jahre 1947 bis 1951 ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Perspektive des Redners (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

Nehmen Sie zur Perspektive des Redners Stellung. (26 Punkte)

Hinweis: Zusätzlich werden für die Darstellungsleistung 20 Punkte vergeben. (Gesamt: 100 Punkte)

[...]

1 Alle diese Ereignisse¹ in ihrem Zusammenhang gesehen und verstanden, demonstrieren mit

einer nicht mehr zu überbietenden Deutlichkeit, daß es im Augenblick nur ein Problem gibt,

dessen Lösung alle anderen Sorgen und Nöte aller Völker überschattet, das ist das Problem

der Auseinandersetzung zwischen der westlichen Welt und der kommunistischen Aggression,

5 die versucht, die ganze Welt aus den Angeln zu heben.

Erste Voraussetzung jeder klaren politischen Haltung ist eine nüchterne Erkenntnis der tat-

sächlich die Welt bewegenden Kräfte. In allen Ländern und zu allen Zeiten hat es nach großen

Kriegen die natürliche Tendenz der Menschen und darum auch der Politiker gegeben, zu den

guten alten Zeiten zurückzukehren. Diese Tendenz war nach dem ersten Weltkrieg so stark,

10 daß sie für alle Völker zum Verlust des Friedens geführt hat. [...]

Dieselbe Gefahr bestand auch nach dem letzten Weltkrieg. Alles war vorüber, die Nazigefahr

beseitigt, Deutschland erledigt, die Abrüstung in ungeheurem Tempo vollzogen und es hat

lange Zeit gedauert, bis die gesamte öffentliche Weltmeinung begriff, daß sie vor ganz neuen

und viel grösseren Problemen stand, deren Lösung vielleicht noch größer war und ist als die

15 rein militärische Lösung des Problems der Auseinandersetzung mit dem Naziregime. Lang-

sam, aber mit unheimlicher Sicherheit haben die Beherrscher des Kremls der Welt klar ge-

macht, daß ein viel größeres Problem als Erbe des Krieges übrig geblieben ist. Sie haben in

Europa einen Staat wie Polen gewissermaßen mit einem Ruck von Osten nach dem Westen

verfrachtet, haben ihm in der Oder-Neiße-Linie entgegen allen Vereinbarungen im Augen-

20 blick eine Grenze gegeben, die niemals haltbar sein wird. Sie haben entgegen allen Zusiche-

rungen ihre jetzigen Satellitenstaaten nicht von Hitler befreit, sondern sich selbst unterworfen.

Sie haben ganz China in die Hand genommen und in Korea gezeigt, daß sie mit dem Erreich-

ten noch lange nicht zufrieden sind. Sie haben Ost- und Mitteldeutschland sich unterworfen

und ihr Herrschaftsbereich dehnt sich bis in die Mitte Europas aus. Denn sie stehen keines-

25 wegs nur am Ufer der Elbe, sie beherrschen nicht nur Wittenberg und Weimar, sie stehen

wenige Kilometer vor den Toren Kassels. Sie benutzen diese widerrechtlich errungene Beherr-

schung Mittel- und Ostdeutschlands ganz ungeniert zu dem klar ausgesprochenen Zweck, den

Rest Deutschlands durch ihre Rattenfängermelodien von der deutschen Einheit auch noch

ihrem Einfluß zu unterwerfen.

[30] [...]

Wenn sie nicht die Sowjets wären, wenn sie nicht durch eine stümperhafte Unkenntnis der

moralischen und geistigen Kräfte in der von ihnen unterworfenen Welt und in der freien Welt

sich auszeichneten, wenn sie nicht die grösste Chance, die je einer siegreichen Macht gege-

ben war, ihren Einfluss weiter auszudehnen durch ihr eigenes Verhalten im Jahre 1945 und

35 danach verpasst hätten, dann hätte es leicht sein können, dass sie weitere Erfolge aufweisen

könnten. Sie sind bisher mehr daran gescheitert, dass ein dumpfer, passiver Widerstand ihnen

entgegengesetzt wurde. Aber sie haben bisher noch nicht einen entschlossenen einheitlichen

und planmässigen politischen Widerstand in der Welt gefunden. Jetzt seit dem Angriff auf

Korea, nachdem der Kampf um Berlin und ihren Misserfolg in Jugoslawien² schon vorher

40 psychologische Voraussetzungen für neue Entwicklungen geschaffen hatte, beginnen die

Westmächte und die öffentliche Meinung der freien Welt allmählich fest zu werden.

Es kommt aber nicht nur darauf an, dass man fest wird im Nein sagen, dass man fest wird in

der Entschlossenheit militärischer Staat zu werden, um neuen Angriffen besser gerüstet ent-

gegentreten zu können, es kommt vielmehr darauf an, dass eine positive, konstruktive in die

45 Zukunft weisende Politik entwickelt wird mit dem festen Ziel, die Sowjets zurückzudrängen

und die Völker, die sich unterworfen haben, in ihrem Kampf um ihre eigene Befreiung nicht

im Stich zu lassen.

[...]

Soweit unser Deutschland und Mitteleuropa in Frage kommen, müssen wir eine Forderung

50 immer wieder erheben: Es dürfen keine irgendwie gearteten Vereinbarungen zwischen den

grossen Mächten ins Auge gefasst werden, ehe nicht durch Unterzeichnung des österreichi-

schen Friedensvertrages Österreich seine Selbständigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit wie-

der gewinnt³ und es müssen im sowjetisch besetzten Gebiet Deutschlands durch klare, alle

Einzelheiten genau regelnde Vereinbarungen die elementaren Voraussetzungen bürgerli-

55 cher Freiheit wiederhergestellt werden. Wir dürfen nicht durch die Ankündigung überrascht

werden, dass zu irgend einem naheliegenden Zeitpunkt sogenannte Wahlen im sowjetischen

Stile stattfinden, sondern es muss dafür gesorgt werden, dass die Bevölkerung Ostdeutsch-

lands wirklich ihre politische Freiheit wiedergewinnt. [...] Die Bevölkerung muss in einer

unvermeidlichen Übergangsperiode das absolut sichere Gefühl erhalten, dass sie vor und nach

60 den Wahlen ihre politische Freiheit behalten wird. Das Polizeiregime, das Regime der Kon-

zentrations- und Straflager muss beseitigt, die Gefangenen freigelassen werden. Nur unter

solchen Voraussetzungen, die ausreichend garantiert sein müssen, kann es überhaupt zur Vor-

bereitung von Wahlen kommen. Es versteht sich von selbst, dass bei Herstellung solcher bür-

gerlichen Freiheiten mit ausreichender Garantie die Einheit Deutschlands sofort wiederher-

65 gestellt wird. Dann erst wird das ganze deutsche Volk, auch Westdeutschland, die Grösse der

Aufgabe erkennen, die ihm bevorsteht.

[...]

¹ Reuter bezieht sich hier auf gegen die UdSSR gerichtete Aktionen des Westens (Luftbrücke während der Berlin-Blockade, Unterstützung Süd-Koreas im Korea-Krieg) und Jugoslawiens seit 1948.

² Jugoslawien verfolgte seit 1948 einen sich klar von der UdSSR abgrenzenden eigenen Weg zum Kommunismus und wehrte erfolgreich eine versuchte Einflussnahme von Seiten Moskaus ab.

³ Die 1947 begonnenen Verhandlungen der Alliierten über den Status eines zukünftigen österreichischen Staates waren 1951 unterbrochen. Erst 1955 wurde Österreich durch den österreichischen Staatsvertrag ein souveräner Staat. Ein Friedensvertrag wurde, da Österreich als befreites Land galt, nicht abgeschlossen.

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)

Lösung: Analyse der Rundfunkansprache gemäß historisch-kritischer Methode (Autor, Textsorte, Entstehungszeit, Adressaten, Thema, Intention, Gedankenführung/Inhalt).

2. Ordnen Sie die Quelle in den historischen Zusammenhang der Jahre 1947 bis 1951 ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Perspektive des Redners (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Einordnung in den historischen Kontext der Jahre 1947 bis 1951 sowie differenzierte Untersuchung der Sichtweise Reuters.

3. Nehmen Sie zur Perspektive des Redners Stellung. (26 Punkte)

Lösung: Kritische und differenzierte Stellungnahme zur Sichtweise Reuters mit eigenständigem, begründetem Sach- und/oder Werturteil.

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