Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2022

Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte ausführen:

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2. die Quelle in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang der Jahre 1945 bis 1951 einordnen (14 Punkte) und die Positionen Adenauers herausarbeiten (14 Punkte), (28 Punkte)

3. zu Adenauers Aussagen Stellung nehmen. (26 Punkte)

(Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.)

Materialgrundlage:

• Transkript einer Rundfunkansprache des Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Bayerischen Rundfunk und auf Radio Bremen am 9. Mai 1951. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Redner/Material: Adenauer sprach im Rahmen der Reihe „Politik aus erster Hand“, die seit Februar 1951 jede Woche gesendet wurde und in der führende Politiker zu aktuellen Themen Stellung nehmen konnten.

1 [...] Die Bundesregierung hat sich nie der Täuschung hingegeben, dass die Kräfte des

Nationalsozialismus, die Deutschland vor auf den Tag ziemlich genau sechs Jahren an den

Rand des Abgrundes geführt haben, ganz verschwunden seien. Sie ist daher auch durch den

Ausgang der Landtagswahlen in Niedersachsen¹ nicht besonders überrascht. Sie hat mit Sorge

5 und Verantwortungsgefühl beobachtet, dass dort wieder politische Abenteurer das Wort er-

griffen haben, die mit den Propagandatricks einer bankerotten Epoche versuchten, gutgläubi-

gen Menschen ein verfälschtes Bild der Vergangenheit vorzusetzen. Ein Bild der Vergangen-

heit, das zwar den falschen Glanz, aber nicht die Blutopfer zeigt, die dieser Glanz gekostet

hat. Der Bundesrepublik Deutschland ist die schwere Aufgabe zugefallen, die Trümmer zu

10 beseitigen, die der politische Wahnwitz und Grossenwahn [sic!] verursacht hatte. Wir haben

angefangen, die zerstörten Städte wieder aufzubauen, und wir sind bemüht, den Millionen von

Schwerverwundeten, den Vertriebenen und Ausgebombten ein menschenwürdiges Dasein zu

ermöglichen. Wir versuchen die letzten Kriegsgefangenen, die noch heute entgegen allem

Völkerrecht, noch immer fernab der Heimat festgehalten werden, wieder nach Hause zu füh-

15 ren. Es muss einmal deutlich ausgesprochen werden, dass es die schwerste Aufgabe der Bun-

desrepublik ist, mit der Konkursmasse des Dritten Reiches fertig zu werden. [...]

17 Noch ein Wort zu Niedersachsen. Ich erinnere daran, dass in den Jahren von 1930 bis 32

Kommunisten und Nationalsozialisten bei aller ideeller Gegnerschaft zusammengearbeitet

haben, um das Bestehende zu zerstören.

20 Es ist nun einmal in der Innenpolitik so, dass die Sorgen und Bedrängnisse des Alltags den

Wähler veranlassen, seine Stimme denjenigen Parteien zu geben, die ihm am meisten ver-

sprechen. Das deutsche Volk aber sollte sich daran erinnern, dass es mit Versprechungen

sowohl von herrlichen Zeiten als auch von tausendjährigen Reichen immer schlechte Erfah-

rungen gemacht hat. Zugleich sollten wir alle daran denken, dass das Wirtschaftsprogramm

25 der Bundesregierung natürlich unter den Lasten leidet, die uns durch die Vergangenheit auf-

gebürdet worden sind. Der verlorene Krieg und seine Folgen diktieren das Tempo unseres

Wirtschaftslebens und unseres Wiederaufbaues. Die Zerstörung unserer Produktionskraft war

vor sechs Jahren so total, dass niemand zu hoffen gewagt hätte, im Jahr 1951 wieder soweit

zu sein, wie wir dank der Tüchtigkeit des deutschen Volkes, dank auch ausländischer Hilfe

30 sind. Sicher haben wir auf dem langen und beschwerlichen Wege, der seit der Währungs-

reform hinter uns liegt, noch nicht das Ziel erreicht. Aber wir dürfen auch nicht übersehen,

dass wir heute in einer besseren Situation wären, wenn der Kommunismus nicht den Krieg in

Korea vom Zaun gebrochen hätte. Das ist der Hauptgrund für die Mehrzahl der wirtschaftli-

chen Schwierigkeiten, denen wir heute gegenüberstehen. Ich verkenne nicht, dass weite Kreise

35 der Bevölkerung noch immer Not leiden. Ich kann aber mit allem Nachdruck versichern, dass

die Bundesregierung es als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet, durch eine vernünftige Sozial-

politik gerade denjenigen zu helfen, die der Hilfe besonders bedürftig sind. Das wäre der Bun-

desregierung vielfach leichter, wenn sich die Opposition darum bemühen würde, nicht partei-

politisch, sondern im Sinne der deutschen Gesamtinteressen zu denken und zu handeln. Sie

40 sollte sich darüber klar sein, dass die Feinde der Bundesregierung vielfach auch die Feinde

jener demokratischen Parteien sind, die heute glauben, es komme in erster Linie darauf an,

die Position der Bundesregierung zu unterhöhlen.

43 [...] Wir Deutschen vergessen zu leicht, dass es uns immer dann gut gegangen ist, wenn

wir in einem freundschaftlichen Verhältnis zu unseren Nachbarvölkern und zu den anderen

45 Kontinenten gestanden haben. Die Bundesrepublik hat in den letzten Jahren aus dem Nichts

beginnend unermüdlich versucht, die Welt von ihrem guten Willen zur freiheitlichen und

demokratischen Zusammenarbeit zu überzeugen. Der Weg war nicht einfach. Über das Besat-

zungsstatut, die Entsendung der ersten konsularischen Vertreter, bis zur Wiedererrichtung

von Gesandtschaften und Botschaften sind wir allmählich dazu gekommen, in internationa-

50 len Gremien und Organisationen wieder gleichberechtigt unsere Stimme zu erheben. [...]

51 Es ist keine Frage, dass der Radikalismus von rechts und von links die Lage erschwert.

Die Agitation der rechtsradikalen Kräfte würde keine wesentlichen Erfolge erzielen, wenn

die Opposition im Bundestag nicht die Geschäfte des Rechtsradikalismus besorgen würde.

54 Gestern vor zwei Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland durch

55 die Vollversammlung des Parlamentarischen Rates verabschiedet. In seinem Vorwort kommt

der Wunsch zum Ausdruck, dass das deutsche Volk ein gleichberechtigtes Mitglied in einem

vereinten Europa sein und dem Frieden dienen möge. Wir sind heute soweit, dass wir an der

Verwirklichung dieses Zieles entscheidend mitarbeiten. Europa weiss wieder, dass es ohne

Deutschland nicht bestehen kann und sich nicht gegen Asien verteidigen kann. Europa weiss

60 heute wieder, dass es mit der Bundesrepublik Deutschland zusammengehen muss. Deutsch-

land hat es durch seinen Fleiß, seine Tatkraft und Intelligenz erreicht, wieder gleichberech-

tigt in der Reihe der freien Völker des Kontinents mitzubestimmen. Deutschland hat wieder

außenpolitischen Kredit: Das ist genau das, was Deutschland seit 1933 nicht mehr besessen

hat. [...]

¹ Bei der Landtagswahl am 6. Mai 1951 in Niedersachsen erhielten die offen rechtsradikalen Parteien Sozialistische Reichspartei (SRP) und Deutsche Reichspartei Niedersachsen (DRP) zusammen über 13 % der Stimmen und 19 Landtagsmandate. Die SRP war in der Woche vor Adenauers Ansprache allerdings verboten worden.

1.

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Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Analyse der Rundfunkansprache nach formalen Kriterien (Redner, Adressaten, Quellengattung, Anlass, Thema, Intention) sowie Gliederung und Wiedergabe der zentralen Aussagen.

2. die Quelle in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang der Jahre 1945 bis 1951 einordnen (14 Punkte) und die Positionen Adenauers herausarbeiten (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Historische Kontextualisierung (1945–1951) und differenzierte Darstellung von Adenauers Positionen zu Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik.

3. zu Adenauers Aussagen Stellung nehmen. (26 Punkte)

Lösung: Differenzierte Stellungnahme und reflektiertes Gesamturteil zu Adenauers Argumentation und Rhetorik.

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