Aufgabe 4 (GE LK NT 4) · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2021
Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabe 4 (GE LK NT 4)
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie den vorliegenden Quellentext, indem Sie
1.
den Text analysieren, (26 Punkte)
2.
ihn in seinen Entstehungskontext einordnen (14 Punkte) und die für von Weizsäckers Argumentation bedeutsamen historischen Bezüge zur deutsch-polnischen Geschichte erläutern (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
die Aussagen des Bundespräsidenten auch im Hinblick auf die spätere Entwicklung beurteilen. (26 Punkte)
Hinweis: Die Darstellungsleistung wird mit zusätzlich 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Richard von Weizsäcker, Bundespräsident (1984 – 1994): Ansprache am 02.05.1990 in Warschau anlässlich eines Abendessens zu Ehren des Bundespräsidenten in Anwesenheit der Staatspräsidenten der Republik Polen, Wojciech Jaruzelski.
(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original.)
[...]
1 Gemeinsam erleben wir eine der seltenen Phasen der Geschichte, in der wahrhaft Neues entstehen und zum Schicksal werden kann. Wir sind am Beginn einer neuen Epoche. Für alle Europäer ist es von ausschlaggebender Bedeutung, daß wir, Deutsche und Polen, in größeren Zusammenhängen denken, über den Horizont des eigenen Kirchturms hinausblicken, die Zei- 5 chen der Zeit erkennen und sie zur Maxime unseres gemeinsamen Handelns machen.
Polen hat den Weg in die Freiheit gesucht und gefunden. In einem leidvollen und doch friedlichen Prozeß hat es nach allen Seiten Kühnheit und Vernunft bewiesen. Damit hat Polen eine prägende Rolle von bahnbrechender Bedeutung für Europa übernommen. Es hat seinen Nachbarn ein zündendes Beispiel gegeben.
10 So hat auch das Volk in der Deutschen Demokratischen Republik durch eine friedliche Revolution Freiheit und Selbstbestimmung errungen. Die Folge davon wird in naher Zukunft die staatliche Einheit der Deutschen sein. Auf diese Weise werden Polen und Deutsche als freie, ungeteilte Völker an einen Wendepunkt ihrer nachbarschaftlichen Geschichte gelangen.
[...]
15 Im Mittelpunkt eines europäischen Friedens steht die Verpflichtung für alle Völker, nie mehr den unseligen Kampf um Grenzen und Gebiete aufzunehmen. Wir Deutsche wissen, was dies für uns den Polen gegenüber bedeutet.
Herr Präsident, Polen kann ohne Vorbehalt darauf vertrauen, daß die Grenzfragen zwischen uns in ihrer Substanz unwiderruflich geklärt sind und daß sie im Zuge der werdenden deut- 20 schen Einheit die nötige völkerrechtlich verbindliche Vertragsform erhalten werden.
Die heutige Westgrenze Polens bleibt unangetastet. Wir respektieren sie und haben jetzt und in Zukunft keinerlei Gebietsansprüche gegenüber Polen oder irgendeinem anderen Nachbarn.
Wir Deutschen sagen dies nicht, um menschlich erlittenes Unrecht zu legitimieren; wir sagen es in bleibender Verbundenheit mit dem schweren Los unserer Landsleute, die Haus und Hof, 25 Dorf und Heimat verloren haben.
Wir wissen, wie viele Polen ein solches Schicksal aus eigener bitterer Erfahrung kennenlernen mußten, und ebenso wissen wir, daß es gewiß nicht die polnische Bevölkerung war, die am Ende des Krieges die Verlagerung des polnischen Territoriums nach Westen veranlaßt und durchgesetzt hat.
30 Es geht zwischen Polen und Deutschen, wie in ganz Europa, aber nicht um das Ziel, Grenzen anzuerkennen, damit sie uns besser gegeneinander abgrenzen. Ganz im Gegenteil: Grenzen sollen ihren trennenden Charakter verlieren. Aus Grenzen sollen Brücken werden. Wir wollen nicht die Berliner Mauer abreißen, um sie an Oder und Neiße neu aufzubauen. Und wir bitten auch Sie, den Gedanken der offenen Grenze zu fördern. [...]
35 Die gesamteuropäische Entwicklung wird es uns erlauben, alte historische Spannungen als obsolet zu erkennen und in der Gegenwart zu überwinden. Immer wieder in seiner Geschichte war Polen durch die doppelte Sorge vor zwei Nachbarn belastet. Es hatte entweder eine deutsch-russische Zusammenarbeit auf seine Kosten zu befürchten, oder es schien, vereinfacht gesagt, vor der Wahl zu stehen, sich mit Hilfe des einen Nachbarn gegen die Bedrohung durch 40 den anderen schützen zu müssen. Das letzte Kapitel war das Konzept Stalins, eine Annäherung der Polen und Deutschen für immer zu verhindern.
Verfolgt man heute die sehr eindrucksvolle öffentliche Debatte in polnischen Medien, dann registriert man neben neuer Zuversicht wieder eine doppelte Sorge, nämlich einmal vor den Folgen einer drohenden Instabilität in der Sowjetunion und zum anderen vor einem erstarkten 45 Deutschland nach seiner Vereinigung.
Solchen Befürchtungen gilt es, nicht allein mit der Beteuerung guter Absichten entgegenzutreten, sondern mit nüchterner Erkenntnis der Chancen und Interessen. Wir sollten ein rationales Verhältnis zu neuen Realitäten gewinnen und ihnen nicht durch ängstlichen Verdacht, sondern durch konkrete Lösungen der Zusammenarbeit und auch durch vernünftige Schutz- 50 maßnahmen begegnen.
Polen und Deutsche teilen heute zwei zentrale Ziele, nämlich
– die Hinwendung Mittel-, Ost- und Südeuropas zum ganzen Kontinent zu fördern, auch zum Westen
55 – und die Sowjetunion in die europäische Entwicklung einzubeziehen, den Erfolg der Politik von Präsident Gorbatschow zur Perestroika und zur Konföderalisierung der Republiken zu unterstützen.
Wenn die Sowjetunion die Zusammenarbeit mit uns Deutschen sucht, was sie tut, dann soll dies nicht über die Köpfe der Polen hinweg geschehen. [...]
Das Wohl der Deutschen hängt untrennbar von unserer Teilnahme und Stellung in unserer 60 westlichen Partnerschaft ab. Wir können in unserem eigenen Interesse gar keine national beschränkten machtpolitischen Wege suchen. Niemand weiß aus Erfahrung genauer als wir selbst, daß es für uns Deutsche keinen isolierten Platz zwischen West und Ost mehr geben kann.
Der Weg der Deutschen zur Einheit entspricht dem völlig normalen und menschlichen Bedürf- 65 nis eines zusammengehörigen Volkes. Die Staatskunst kann allseits nur darin bestehen, einen solchen natürlichen Prozeß zu lenken und für weitergehende Ziele nutzbar zu machen, nicht aber, ihn zu behindern.
Die Europäische Gemeinschaft, der wir angehören, wird sich rascher zur Politischen Union entwickeln, als dies ohne die werdende deutsche Einheit geschähe. Die Sicherheitsbedürfnisse 70 in Europa werden es nicht bei folgenlosen Abrüstungsschritten belassen können. Vielmehr werden sie konkrete Schritte in Richtung auf neue kooperative und kollektive Strukturen einer Sicherheit gehen, welche ihre Aufgabe nicht auf das Militärische beschränken kann.
Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird hierzu nicht nur die Möglichkeit, sondern vor allem auch die Notwendigkeit liefern.
75 [...]
Dies alles ist im Zeichen der freiheitlichen Entwicklung in ganz Europa möglich geworden. Sie ist Ausdruck der Gefühle, die unsere beiden Völker immer wieder verbunden haben. So war es schon in der Zeit des ersten Völkerfrühlings zwischen 1830 und 1848. Bereits damals war die polnische Nationalbewegung Teil der demokratischen Bewegung Europas.
80 Auf dem Hambacher Schloß in der Pfalz im Jahre 1832 wehte neben der schwarz-rot-goldenen Fahne der Deutschen die weiß-rote der Polen. Heinrich Heine sagte: »Wenn Vaterland das erste Wort des Polens ist, so ist Freiheit das zweite.« Dieser polnische Freiheitsanspruch war immer ein universaler. Es war Adam Mickiewicz 1, der von einer Lage Europas sprach, die keinen isolierten Fortschritt eines einzelnen Volkes zulasse, sondern nur den Zusammen- 85 schluß unserer Interessen.
Hundertfünfzig Jahre später reifen diese großen Gedanken zu neuer Blüte heran, aber in einer Epoche der Geschichte, die weit stärker als früher von den Völkern selber gestaltet wird. [...]
1 bedeutender polnischer Dichter (1798 – 1855)
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. den Text analysieren, (26 Punkte)
Lösung: Umfassende historische Textanalyse mit formaler Quellenkritik und systematischer Erschließung der Argumentation Weizsäckers.
2. ihn in seinen Entstehungskontext einordnen (14 Punkte) und die für von Weizsäckers Argumentation bedeutsamen historischen Bezüge zur deutsch-polnischen Geschichte erläutern (14 Punkte), (28 Punkte)
Lösung: Fundierte Einordnung in die Umbruchphase 1989/90 und detaillierte Erläuterung der herangezogenen historischen Bezugspunkte.
3. die Aussagen des Bundespräsidenten auch im Hinblick auf die spätere Entwicklung beurteilen. (26 Punkte)
Lösung: Differenziertes historisches Sach- und Werturteil über die Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit von Weizsäckers Thesen vor dem Hintergrund der nachfolgenden Entwicklungen.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 3 · LK · Haupttermin 2021