Aufgabe 2 (GE LK NT 2) · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2021

Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabe 2 (GE LK NT 2)

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie

1.

sie analysieren, (26 Punkte)

2.

sie in den Zusammenhang des Kalten Krieges bis zum Zeitpunkt der Rede einordnen (14 Punkte) und Strauß' Haltung zur künftigen Ausrichtung der deutschen und europäischen Politik charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu den Aussagen von Strauß Stellung nehmen. (26 Punkte)

Hinweis: Die Darstellungsleistung wird zusätzlich mit 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage

Rede von Franz-Josef Strauß vor dem Bundestag in Bonn am 7. Februar 1952.

(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor: Franz Josef Strauß (1915 – 1988) war ein deutscher CSU-Politiker und von 1961 bis zu seinem Tod Vorsitzender seiner Partei. Er gehörte seit 1949 dem Deutschen Bundestag an. Von 1952 bis 1956 war er außerdem Mitglied des Europäischen Parlaments.

[...] Der sowjetische Machtbereich, meine Damen und Herren, das ist eine bekannte Tatsache, sie kann trotzdem nicht oft genug, nicht laut genug und nicht eindringlich genug gesagt werden, ist seit 1939 von dem damaligen Staatsgebiet Sowjetrußlands mit etwa 180 Millionen Menschen bis 1952 auf etwa ein Drittel der Erdoberfläche und ein Viertel der Einwohner dieser Erde erweitert worden. [...]

Aber an drei Stellen ist der politische und militärische Vormarsch des Bolschewismus aufgehalten worden: erstens in Deutschland an der Zonengrenze, wo außerdem noch Berlin als Symbol der Freiheit, als Leuchtturm der Hoffnung inmitten des sowjetisch besetzten Territoriums durch den beispiellosen Mut seiner Bevölkerung und durch die Hilfe der Westmächte erhalten geblieben ist. [...]

Zum zweiten ist er in Jugoslawien aufgehalten worden, wo Tito 1 – selbst kommunistischer Partisanenführer; abtrünniger Genosse, zum Tode verurteilt 2 –

(Heiterkeit)

sich dem Zugriff Stalins entzogen hat. Und drittens in Korea, wo das Eingreifen der Vereinten Nationen in letzter Minute und unter furchtbaren Opfern für dieses Land – auch das ist für unsere Entschlußfassung ein wesentliches Moment – den Vormarsch der roten Satellitenarmee aufgehalten hat. [...]

Die Bedeutung des Eingreifens der Vereinten Nationen in Korea liegt nicht so sehr darin, daß Südkorea von der Sowjetherrschaft bewahrt wurde, als vielmehr darin, daß ohne dieses Eingreifen längst an einer anderen Stelle der Welt ein neues Feuer angezündet worden wäre, – vielleicht in Europa!

(Sehr richtig! in der Mitte.)

Das Gewitter von Korea hat den Vorhang vor dem wirklichen Zustand der Welt zerrissen und die freien Völker vor die Entscheidung gestellt, ob sie einzeln nach und nach von dem bolschewistischen Sog verschluckt werden oder ihre Kräfte vereinigen wollen, um dieser Entwicklung auf der Welt Einhalt zu gebieten.

[...] Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Vereinigten Staaten von Amerika das Rückgrat der Verteidigung der freien Welt darstellen. Ob unsere eigene innere Einstellung zu den Besatzungsmächten eine freundliche oder nichtfreundliche Gesinnung ist, spielt in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle. [...]

Auch die Sicherheit der Bundesrepublik und die Sicherheit der anderen europäischen Völker westlich des Eisernen Vorhangs beruht zur Zeit leider nur auf der amerikanischen Sicherheitsgarantie, wonach ein Angriff auf das Bundesgebiet einschließlich Berlins als ein Angriff auf die Vereinigten Staaten selbst angesehen wird. Damit ist die Bundesrepublik in den Sicherheitsgürtel, in die Sicherheitslinie der freien Welt einbezogen worden. [...]

Warum führen wir diese Verteidigungsdebatte? Es ist unsere geographische Lage auf der einen und die Weltsituation auf der anderen Seite, die uns zwingen, uns mit dieser Frage zu beschäftigen, ob wir wollen oder nicht.

(Sehr gut! bei den Regierungsparteien.)

[...] In absehbarer Zeit werden wir uns zu entscheiden haben, ob Deutschland in den Vertrag über eine europäische Verteidigungsgemeinschaft eintreten soll oder nicht. Schon der Begriff der europäischen Verteidigungsgemeinschaft setzt voraus, daß mehr als ein System von Koalitionsarmeen geschaffen wird. Nach diesem Vertrag sollen die Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg ihre wirtschaftlichen und militärischen Verteidigungskräfte zusammenfassen. [...]

Was muß in Europa erreicht werden? Ohne Zweifel mehr als eine Verteidigungsgemeinschaft! Aus dem in 17 Staaten aufgespaltenen Resteuropa zwischen dem bolschewistischen Koloß und der Weltmacht Amerika muß ein in Freiheit und Gleichberechtigung geeintes Europa entstehen, oder Europa wird in absehbarer Zeit nicht mehr sein als ein geographischer Begriff auf der Landkarte. [...]

Es wird zu einer gemeinsamen Politik kommen, wenn es gelingt, eine europäische Staatsidee statt einer Addition von nationalistischen Länderideen zu entwickeln,

(erneuter Beifall bei den Regierungsparteien)

eine Staatsidee, die viel guten Willen und manchen Verzicht von jedem Teilnehmer erfordert. Der politische Weg dieser europäischen Staatsidee ist vorgezeichnet durch Geschichte und Kultur des Abendlandes. Eine echte europäische Verteidigungsgemeinschaft kann in diesem Sinne nichts anderes sein als das natürliche Ergebnis einer europäischen Staatsidee. [...]

Wir haben uns mit zwei Argumenten zu befassen, die grundsätzlich gegen einen Verteidigungsbeitrag angeführt werden. Erstens einmal: Ein deutscher Verteidigungsbeitrag verhindert die deutsche Einigung und verewigt die Spaltung unseres Volkes. Zweitens: Ein deutscher Verteidigungsbeitrag erhöht die Kriegsgefahr. [...]

Wir wollen – das sei mit aller Deutlichkeit und endgültig für den Standpunkt unserer Fraktion klargestellt; Herr Kollege Ollenhauer 3, ich darf darauf eine Antwort geben – uns auf keinen Fall abfinden mit dem Provisorium der Bundesrepublik. [...]

Wer auf den Anschluß der Bundesrepublik an die Gemeinschaft der freien Völker verzichtet, gibt die deutsche Einheit preis, ob er will oder nicht,

(Sehr gut! bei der CDU)

ob er es weiß oder nicht. Die verhängnisvolle These, die manchmal auch in der SPD angeklungen ist: Zuerst Einheit, dann Europa, wird von uns mit der klaren Parole beantwortet: Über die Einheit Europas zur Wiedervereinigung Deutschlands! [...]

Ein deutscher Beitrag für die europäische Verteidigungsgemeinschaft bedeutet für Rußland keine Gefahr, da die europäische Verteidigungsgemeinschaft bewußt auf dem Gedanken der Sicherung und des Verzichtes auf jeden Angriffskrieg aufgebaut ist. Rußland weiß, daß ein Angriff auf einen Staat der europäischen Verteidigungsgemeinschaft den dritten Weltkrieg auslösen würde. Die bisherigen Erfahrungen zeigen nicht, daß Rußland bereit ist, dieses Risiko auf sich zu nehmen. [...]

Auf lange Sicht gesehen wird ein deutsches Nein und französische Halsstarrigkeit nicht nur zum Scheitern der europäischen Einigung, sondern zu einer Verkürzung der amerikanischen Verteidigungslinie führen, mit andern Worten, zur Aufgabe des kontinentalen Europa, wenn von ihm nicht in absehbarer Zeit die eigene Verteidigung unter dem Schutz der amerikanischen Garantie aufgebaut wird. [...]

Das Schicksal Deutschlands ist untrennbar mit dem Schicksal der freien Welt verbunden. Die amerikanische Sicherheitsgarantie muß so lange ausreichen, bis die europäische Wirtschaftskraft, die staatliche Kraft und die politische und verteidigungsmäßige Kraft, organisiert ist. [...]

Wir müssen uns bei der kommenden Entscheidung von einer dumpfen Erwartung der Zukunft lossagen. Wir sollten diesen Weg, meine Damen und Herren von der SPD, in gemeinsamer Verantwortung gehen. Möge es uns erspart bleiben, einmal darüber nachzudenken – wie es Ihren Parteifreunden und meinen Gesinnungsfreunden in der Vergangenheit gegangen ist –, was man hätte tun sollen, als es Zeit war. Heute ist noch Zeit, erstens zu prüfen, zweitens zu entscheiden und drittens in europäischer Verantwortung danach zu handeln. Es lebe Europa!

1 Josip Broz Tito (1892 – 1980), jugoslawischer kommunistischer Politiker, 1945 – 1980 Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin im Jahr 1948 verfolgte er eine von der Sowjetunion unabhängige Politik.

2 Vermutlich bezieht sich Strauß hier auf eine 1948 von Stalin getätigte Aufforderung an die jugoslawische Bevölkerung, sich ihrer politischen Führung unter Tito zu entledigen.

3 Erich Ollenhauer (1901 – 1963), SPD-Politiker, 1952 – 1963 Parteivorsitzender der SPD und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 (GE LK NT 2) · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. sie analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Umfassende quellenkritische Einleitung und strukturierte inhaltliche Analyse der Bundestagsrede von Franz-Josef Strauß vom 07.02.1952.

2. sie in den Zusammenhang des Kalten Krieges bis zum Zeitpunkt der Rede einordnen (14 Punkte) und Strauß' Haltung zur künftigen Ausrichtung der deutschen und europäischen Politik charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Historische Einordnung in den Kalten Krieg bis 1952 sowie differenzierte Charakterisierung der politischen Haltung von Franz-Josef Strauß.

3. zu den Aussagen von Strauß Stellung nehmen. (26 Punkte)

Lösung: Differenziertes, kriteriengeleitetes historisches Urteil zu den Aussagen und Konzepten von Franz-Josef Strauß.

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