Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2021
Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs
Aufgabe 4
Materialgrundlage
George H. W. Bush: Ein ungeteiltes freies Europa. Rede zu den Bürgern von Mainz, Rheingoldhalle Mainz, 31. Mai 1989.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
1 [...] Wir müssen uns vor Augen führen, dass die jetzt in Amerika und Europa heranwachsende
Generation ein größeres Erbe antritt, als es jeder Generation vor ihr hinterlassen wurde – Frie-
den, Freiheit und Wohlstand.
Dieses Erbe ist möglich, weil sich vor vierzig Jahren die Länder der westlichen Welt in einer
5 großen gemeinsamen Sache – der NATO – zusammengeschlossen haben. Zuerst gab es die
Vision und damit ein Konzept von freien Völkern, die in Europa und Nordamerika zum Schutz
ihrer Werte zusammenarbeiten. Dann wurden die Risiken und Lasten aufgeteilt und der sowje-
tische Expansionismus realistisch eingeschätzt. Schließlich war man entschlossen, über alte
Feindschaften hinwegzusehen. Das NATO-Bündnis leistete nichts Geringeres als Westeuropa
10 den Weg zu bereiten, um jahrhundertelange Rivalitäten zu begraben und ein Zeitalter der Ver-
söhnung und des Wiederaufbaus einzuleiten. Dies war eine zweite Renaissance 1 Europas.
Wie Sie wissen, ist dies nicht nur der 40. Jahrestag des Bündnisses. Es ist auch der 40. Jahres-
tag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland – einer Republik, die aus der Hoffnung
geboren wurde, aber auch Herausforderungen bestehen mußte. Auf dem Höhepunkt der Ber-
15 linkrise forderte Ernst Reuter 2 die Deutschen auf, Standhaftigkeit und Vertrauen zu zeigen –
und das haben sie getan – mutig und großartig.
Die im Verlauf der Geschichte oftmals unter Beweis gestellten Gaben des deutschen Volkes
kommen in diesem Zeitalter des Friedens zum Tragen. Die Bundesrepublik nimmt in der Tech-
nologie eine Spitzenstellung ein und ist viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Aber noch
20 wichtiger ist die Tatsache, daß Sie der Welt ein Zeichen gesetzt haben, indem Sie sich wir-
kungsvoll für Grundwerte wie Menschenrechte, Demokratie und Freiheit einsetzen. Die Ame-
rikaner und die Bundesrepublik waren immer enge Freunde und Verbündete. Heute überneh-
men wir darüber hinaus noch eine gemeinsame Aufgabe – als Partner in einer Führungsrolle.
Und natürlich ist diese Führungsrolle fest mit einem weiteren Element verbunden – Verant-
25 wortung. Und unsere Verantwortung besteht darin, daß wir vorausschauen und die Verheißun-
gen der Zukunft verwirklichen können.
Ich habe in jüngster Zeit darauf verwiesen, daß wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter
stehen. Und ich habe unsere neue Politik gegenüber der Sowjetunion als Überwindung des
Containment bezeichnet.
30 Seit vierzig Jahren liegt die Saat der Demokratie in Osteuropa brach, begraben unter der im
Kalten Krieg gefrorenen Erde der Tundra.
Seit vierzig Jahren wartet die Welt auf ein Ende des Kalten Krieges. Jahrzehntelang und immer
wieder wurde der schöpferische Geist des Menschen Opfer von Krisen und Unterdrückung.
Und die Welt hat lange gewartet.
35 Aber der leidenschaftliche Wunsch nach Frieden kann nicht ewig verwehrt werden. Die Welt
hat lange genug gewartet. Die Zeit ist reif. Europa muß frei und ungeteilt sein.
Für die Gründerväter des Bündnisses war diese Hoffnung ein ferner Traum. Jetzt ist diese
Hoffnung die neue Aufgabe der NATO. Wenn sich alte Gegner wie Großbritannien und Frank-
reich oder Frankreich und Deutschland versöhnen können – warum können es dann nicht die
40 Länder in Ost und West? In Osteuropa weisen uns tapfere Zeitgenossen den Weg. Nehmen
wir Polen, wo die Gewerkschaft Solidarität und die Katholische Kirche zugelassen worden
sind. Die Kräfte der Freiheit treiben den sowjetischen Status quo in die Defensive.
Im Westen hatten wir Erfolg, weil wir unseren Werten und unserer Vision treu geblieben sind.
Aber auf der anderen Seite des rostigen Eisernen Vorhangs konnte die Vision nicht verwirk-
45 licht werden.
Der Kalte Krieg begann mit der Teilung Europas. Er kann nur beendet werden, wenn die Tei-
lung Europas aufgehoben ist.
[...] In meiner Eigenschaft als Präsident werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um
die geschlossenen Gesellschaften Osteuropas zu öffnen. Wir streben die Selbstbestimmung
50 für ganz Deutschland und alle Länder Osteuropas an. Wir werden nicht ruhen und uns nicht
beirren lassen. Die Welt hat lange genug gewartet.
[...] Mehr politische Freiheit im Osten, ein Berlin ohne Mauer, eine sauberere Umwelt, ein
weniger militarisiertes Europa – dies sind jedes für sich schon ehrenwerte Ziele. Zusammen-
genommen sind sie Merkmale einer umfassenderen Vision – eines Europas, das frei und im
55 Frieden mit sich selbst lebt. Die Sowjets sollten wissen, daß unser Ziel nicht darin besteht,
ihre legitimen Sicherheitsinteressen zu untergraben. Unser Ziel ist es, sie schrittweise davon
zu überzeugen, daß ihre Definition von Sicherheit überholt ist und ihre innersten Ängste unbe-
gründet sind.
Westeuropa wird im Jahr 1992 mit einem großen Schritt institutionalisieren, was faktisch be-
60 reits seit Jahren vollzogen wurde – Grenzen, die Menschen, Waren und Ideen offenstehen.
Zwischen Ihnen gibt es keinen Schatten eines Verdachts, keine tiefsitzenden Ängste. Die Mög-
lichkeit eines Krieges innerhalb des Westens ist für unsere Bürger schlicht undenkbar. Eine
solche friedliche Integration von Nationen in eine Weltgemeinschaft bedeutet jedoch nicht,
daß irgendein Land seine Kultur, geschweige denn seine Souveränität aufgeben müßte.
65 Dieser Prozeß der Integration, eine subtile Verflechtung gemeinsamer Interessen, der in West-
europa so kurz vor seiner Vollendung steht, hat nun endlich auch im Osten begonnen. Wir
möchten den Staaten Osteuropas zu einer Erkenntnis verhelfen, die sich in Westeuropa schon
vor langer Zeit durchgesetzt hat. Die Grundlage dauerhafter Sicherheit erwächst nicht von
Panzern, Truppen oder Stacheldraht. Sie wird auf gemeinsame Werte und Vereinbarungen
70 gegründet, die freie Völker verbinden.
[...] Vierzig Jahre des Kalten Kriegs waren ein Prüfstein für unsere Entschlossenheit und die
Stärke unserer Werte. Nun ist die erste Aufgabe der NATO nahezu vollendet. Aber wenn wir
unsere europäische Vision verwirklichen wollen, wird uns die Herausforderung der nächsten
vierzig Jahre nicht weniger abverlangen. Gemeinsam werden wir diesem Ruf folgen. Die Welt
75 hat lange genug gewartet.
[...]
1 Renaissance: europäische Epoche (15. – 16. Jh.) gekennzeichnet durch die Wiederentdeckung der Antike und eine neue, humanistische Denkweise sowie eine Blüte in Kunst, Architektur, Politik, Wissenschaft und Literatur.
2 Ernst Reuter (1889 – 1953): Bürgermeister West-Berlins (1948 – 1953).
Interpretieren Sie den Text, indem Sie die nachstehenden Teilaufgaben bearbeiten:
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus der Rede. [26 Punkte]
2.
Erläutern Sie die im Text enthaltenen historischen Bezüge (12 Punkte) und arbeiten Sie heraus, wie der Redner die USA, die Sowjetunion und Europa sieht (16 Punkte). [28 Punkte]
3.
Nehmen Sie zu den Äußerungen Bushs Stellung. [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. den abgedruckten Auszug aus der Rede analysieren (26 Punkte)
Lösung: Strukturierte Textanalyse gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (Einleitung mit Redner, Adressaten, Ort/Datum, Anlass, Textsorte, Thema, Intention sowie Wiedergabe von Inhalt und Gedankengang).
2. die im Text enthaltenen historischen Bezüge erläutern (12 Punkte) und herausarbeiten, wie der Redner die USA, die Sowjetunion und Europa sieht (16 Punkte) (28 Punkte)
Lösung: Ausführliche historische Erläuterung der Textbezüge sowie strukturierte Herausarbeitung der Sicht Bushs auf die USA, die Sowjetunion und Europa.
3. zu den Äußerungen Bushs Stellung nehmen (26 Punkte)
Lösung: Differenzierte, kriteriengeleitete Stellungnahme mit abwägender Beurteilung der Thesen Bushs und eigenem begründeten Gesamturteil.
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