Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte GK · Haupttermin 2021
Thema: Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worin die Stärken und Erfolge der Weimarer Republik bestanden (14 Punkte), und arbeiten Sie die langfristigen und kurzfristigen Belastungsfaktoren der Weimarer Republik heraus (14 Punkte). (28 Punkte)
3.
Nehmen Sie Stellung zur Auffassung des Autors, die Weimarer Republik dürfe nicht länger als schwache Demokratie bezeichnet werden (vgl. Z. 59 f.). (26 Punkte)
Materialgrundlage:
Tim B. Müller: Die starke Demokratie. In: ZEIT Geschichte Nr. 3/2016, S. 66 – 71.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen entsprechen dem Original)
Hinweise zum Autor: Tim B. Müller ist Historiker aus Deutschland.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
Die starke Demokratie
1 Nicht nur im Fußball kennt man die Art von Berichterstattung, in der sich mit dem Ergebnis
– und oft sogar dem aktuellen Spielstand – die Bewertung ändert. Wer siegt, hat zuvor alles
richtig gemacht; wer verliert, bei dem war es schon lange abzusehen: Mentalität, Taktik,
Nachwuchsarbeit, alles in der Krise. Intellektuell überzeugend sind solche Urteile nicht. Sie
5 verdoppeln einfach, was auf dem Platz gerade zu sehen ist, verlängern es in die Vergangen-
heit und kleiden es in die Sprache der Kausalität. Die klügeren Sportreporter spotten gern
selbstironisch über diese Standards ihres Metiers.
Einer ähnlich selbstkritischen Haltung bedarf es bei Historikern, vor allem, wenn es um die
Geschichte der deutschen Demokratie im Allgemeinen und um die Geschichte der Weimarer
10 Republik im Besonderen geht. Zu groß ist hier die Verlockung, die Niederlage von 1933 kau-
sal zu verdoppeln und den Anschein einer Notwendigkeit zu beschwören: Weil die Katastro-
phe eingetreten ist, muss sie sich ja aus dem Vorherigen ergeben haben. [...]
Die jüngere Forschung hat diese Gewissheiten infrage gestellt. Was immer die Probleme der
Weimarer Republik waren, wir können wenig darüber herausfinden, wenn unser Blick von
15 den Nationalsozialisten ausgeht, die ihre Terrorherrschaft 1933 mit Gewalt etablierten, ihre
Gegner zum Schweigen brachten, vertrieben oder ermordeten. [...]
Die Weimarer Republik war nach damaligen Begriffen eine stabile Demokratie. Sie hatte
früher als andere auch die Frauen zu Staatsbürgern gemacht und ihnen das gleiche Wahlrecht
eröffnet. Ihre Sozialpolitik wurde weithin bewundert und zunehmend als Bürgerrecht und
20 Ausdruck der Menschenwürde verstanden. Die staatsrechtliche und politische Debatte über
Grundrechte, die Aufgaben des Staates und die Demokratie war brillant und bietet Anregun-
gen bis heute. Die soziale Marktwirtschaft, der regulierte Kapitalismus, wurde erstmals expe-
rimentell erkundet. Die Republik war wehrhaft und verbot immer wieder demokratiefeindli-
che Organisationen. Mehr begeisterte Demokraten hätten ihr zweifellos gutgetan, aber deren
25 Zahl war auch in anderen Demokratien jener Zeit noch gering.
Und wie ungerecht wäre es, zu übersehen, dass die Mitglieder des demokratischen »Reichs-
banners Schwarz-Rot-Gold« noch 1932 die Anzahl der SA-Mitglieder sowie der deutsch-
nationalen und kommunistischen Massenorganisationen zusammengenommen um ein Mehr-
faches übertrafen. Nein, die Weimarer Demokratie war nicht schwach. Weder war sie von
30 Anfang an zum Scheitern verurteilt noch 1930 am Ende, als die große Koalition zerbrach und
die Präsidialkabinette begannen, noch nicht einmal 1932, als mit Franz von Papen erstmals
ein antidemokratischer Politiker an die Macht kam.
[...] »Der Wendepunkt ist da«, stellte das führende liberal-demokratische Blatt der Republik
fest. Die NSDAP, zuvor geradezu zur Volkspartei angewachsen, war entzaubert und erlebte
35 nun eine »Serie von Mißerfolgen und Verlusten«. Für die Frankfurter Zeitung galt als erwie-
sen, »daß nichts falscher ist, als den Geist der freiheitlichen Demokratie in Deutschland tot-
zusagen«. Im Jahr 1932 habe »die Demokratie [...] nicht weiter gelitten; sie hat während des
letzten halben Jahres geradezu einen Triumph erlebt« 1.
Man kann solche Äußerungen nicht mit den alten Deutungsmustern begreifen; man muss
40 sie zum Ausgangspunkt neuer Fragen an die Weimarer Demokratie machen. Das rechte Bür-
gertum integrierte sich nur langsam, die extreme Wirtschaftskrise erschütterte die Welt seit
1929, verschärft seit 1931, und trieb die Arbeitslosigkeit in extreme Höhen. Hunger und Leid
waren real. Dass Brünings Sparpolitik diese Not zunächst verstärkte, dass sozialpolitische
Hilfsmaßnahmen und mehr politisches Pathos geholfen hätten, steht außer Zweifel. Aber all
45 diese Belastungen zerstörten weder die Demokratie, noch brachten sie Hitler an die Macht.
Wenn wir die Einsicht der internationalen Forschung berücksichtigen, nach der Demokra-
tie eine Geschichte voller Widersprüche ist, dann kann dem demokratischen Experiment von
Weimar endlich die historische Gerechtigkeit widerfahren. Diese junge Demokratie, Teil einer
Welt junger Demokratien, kam ziemlich weit voran mit ihrem Versuch, eine Balance der
50 Grundspannung zwischen Volkssouveränität und Rechtsstaat, effizientem Regieren und
Massenpartizipation herzustellen. [...]
Eine überzeugende Geschichtswissenschaft kann die Vergangenheit nicht an späteren Ge-
wissheiten messen, sie muss erforschen, welche Geschichte für die Zeitgenossen denkbar und
machbar war, also ihre Zukunft, den Horizont ihrer Erwartungen. Woran Weimar gescheitert
55 ist? Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wir müssen noch viel genauer hinschauen. Aber
so viel ist klar: Die Demokratie lässt sich nicht restlos absichern. Und wie auf dem Spielfeld
ist auch in der Geschichte – und besonders in der Geschichte der katastrophalen Wirtschafts-
krise – immer mit dem Faktor Kontingenz 2 zu rechnen, mit dem Zufall, damit, dass zur fal-
schen Zeit die falschen Männer am falschen Ort sind. Aber dass die Weimarer Republik eine
60 schwache Demokratie war, das sollte man einfach nicht länger behaupten.
1 So die liberale Frankfurter Zeitung am 1. Januar 1933.
2 Kontingenz, hier: der Einfluss des nicht kalkulierbaren Zufalls auf die Geschichte.
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien des Erwartungshorizonts.
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worin die Stärken und Erfolge der Weimarer Republik bestanden (14 Punkte), und arbeiten Sie die langfristigen und kurzfristigen Belastungsfaktoren der Weimarer Republik heraus (14 Punkte). (28 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien des Erwartungshorizonts.
3. Nehmen Sie Stellung zur Auffassung des Autors, die Weimarer Republik dürfe nicht länger als schwache Demokratie bezeichnet werden (vgl. Z. 59 f.). (26 Punkte)
Lösung: Individuelle begründete und differenzierte Stellungnahme.
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