Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2021
Thema: Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs
Aufgabenstellung: Interpretieren Sie die Quelle
Materialgrundlage:
Anonymus: Unsere Pflicht in der europäischen Krise. In: The New York Times, 8. Juni 1947, S. 12.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie in der Vorlage)
UNSERE PFLICHT IN DER EUROPÄISCHEN KRISE
1 Die Hauptursache für die menschliche Not der Gegenwart liegt weder in dem Mangel an Rohstoffen noch in den Zerstörungen durch den Krieg; sie liegt vielmehr im Zusammenbruch des Produktions- und Verteilungsapparates. Unter den verschont gebliebenen Ländern sind die Vereinigten Staaten das größte und reichste. Wir verfügen über einen großen Güterüberschuß,
5 den wir exportieren können. Aber amerikanische Exporte, wie lange man sie auch fortsetzen mag, können allein den Schaden nicht wiedergutmachen. Sie können nicht einmal lange ohne irgendeine Form der Bezahlung fortgesetzt werden, wenn wir nicht die wirtschaftlichen Herren der Welt werden wollen, die wohltätige Gaben unter die versklavten Völker verteilen – und diese Rolle wollen wir bestimmt nicht spielen. Die Spenden, die wir machen können und
10 machen werden, müssen dem Grundsatz einer sinnvollen Wohltätigkeit entsprechen – sie müssen die Empfänger instand setzen, Selbstversorger zu werden und Selbstachtung zurückzugewinnen. Gleichheit unter den Nationen und Völkern ist auf keiner anderen Grundlage denkbar.
Auf diese und ähnliche Argumente stützt sich die Rede, die Außenminister Marshall in der Harvard-Universität gehalten hat. In Europa haben, wie der Außenminister sagte, zehn Jahre
15 lang abnormale Verhältnisse geherrscht […]. Jetzt haben wir einen Punkt erreicht, an dem »die moderne Form der Arbeitsteilung, auf der der Güteraustausch beruht, aufs äußerste gefährdet ist«. Das sind ernste Worte, die darauf hindeuten, daß die Zivilisation in ihrer Gesamtheit zusammenzubrechen droht.
Angesichts dieser Gefahr sind wir zwar nicht untätig geblieben, aber wir haben uns bislang
20 nur von Fall zu Fall einzelnen Notlagen zugewandt. Wir haben seit Kriegsende Anleihen oder Unterstützungen im Wert von mehr als 17 Milliarden Dollar gewährt, und es hat den Anschein, als müßten wir noch viele Milliarden auf diese Weise zur Verfügung stellen. Ein Teil dieser Zuschüsse wird künftig wie bisher ein Bestandteil der Truman-Doktrin sein. Aber wenn man die Truman-Doktrin nicht mit einer gewissen Großzügigkeit anwendet, trägt sie den Keim
25 einer neuen Maginotlinie in sich. Wir waren gezwungen, gegen die sowjetische Aggression Front zu machen und unsere Position durch wirtschaftliche Mittel zu stärken. Die wahren Feinde bleiben, wie Außenminister Marshall gesagt hat, »Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos«. Sie sind nicht dadurch zu besiegen, daß man einen bestimmten Standpunkt verteidigt oder daß man sich von Fall zu Fall mit einer Reihe notleidender Gebiete befaßt. Es gibt nur
30 einen Notstand, das ist der Notstand der Welt. Es gibt viele Symptome, aber nur eine einzige Krankheit. Diese Krankheit macht selbst vor den großen ideologischen Grenzen nicht halt. Zweifellos ist ein Teil der Aggressivität des Kommunismus auf seine Unfähigkeit zurückzuführen, auf der Grundlage der Produktionsmethoden ein erträgliches Existenzniveau zu schaffen.
35 Außenminister Marshall sprach von der Notwendigkeit eines »Abkommens zwischen den europäischen Ländern über die Erfordernisse der Situation und über die Aufgaben, die diese Länder übernehmen könnten, um die Schritte, die unsere Regierung vorsieht, entsprechend wirksam zu machen«. Die Initiative, meinte er, muß von Europa ausgehen. Aber dieser Vorschlag eines amerikanischen Außenministers ist als solcher bereits eine Initiative. Wir haben
40 nicht das Recht, die Formen der Wirtschaftsorganisation vorzuschreiben, die das europäische Chaos überwinden soll. Aber wir haben das Recht, als Besatzungsmacht in Deutschland und Österreich alle künftige Hilfe an die Bedingung zu knüpfen, daß Anstrengungen zur Schaffung einer Organisation gemacht werden. Wir können den Rechten und Pflichten einer Partnerschaft nicht aus dem Wege gehen.
45 Umsicht und Tatkraft müssen die nächsten Schritte zur Verwirklichung der Truman-Doktrin leiten. Eine europäische Wirtschaftskonferenz muß dann ins Leben gerufen werden, an der England und die Vereinigten Staaten als interessierte Parteien teilnehmen, und zu der Vertreter aller europäischen Regierungen, einschließlich der Rußlands und seiner Satelliten, einzuladen wären. Unser Zutrauen in den Willen der Russen zur Zusammenarbeit ist begrenzt;
50 nichtsdestoweniger müßte der unmißdeutbare Anstoß, Europa in zwei Wirtschaftssphären zu teilen, von ihnen und nicht von den freien Nationen ausgehen. Sollten sie eine Zusammenarbeit ablehnen, wären die freien Länder zur Selbsthilfe im Rahmen ihrer eigenen Zuständigkeit genötigt.
Das Resultat einer solchen Konferenz müßten Abkommen über Währungen, Handels- und
55 Produktionspolitik, Kredite und andere Hilfsmaßnahmen sein. Ihr Ziel wäre es, ganz Europa – oder, falls das nicht gelingt, Westeuropa – zu einem einzigen Produktionsgebiet zusammenzuschließen, das imstande ist, seine Völker zu ernähren und seine Rechnungen zu begleichen. Diesem Wirtschaftsraum würden wir im Hinblick auf eine spätere Rückerstattung Anleihen gewähren, wie wir sie erfolgversprechenden Industrien unseres eigenen Landes zur Verfügung
60 stellen. Falls uns das mißlingt, gibt es nur eine Alternative: anhaltendes Chaos in Europa und als Folge totalitäre Systeme mit ihrer gedrosselten Produktionskapazität; darüber hinaus aber den Zusammenbruch und die Einengung unserer eigenen Wirtschaft. Wir sind vor dem Weltruin so wenig sicher wie vor dem Weltkrieg. Vor drei Jahren haben wir in Europa um eine militärische Operationsbasis gekämpft. Wir haben uns damals nicht zurückgezogen, und wir
65 können es heute nicht.
Anmerkung 1: Das nach dem französischen Verteidigungsminister Maginot benannte, zwischen 1930 – 1940 errichtete Verteidigungssystem entlang der Grenze Frankreichs zu den Nachbarländern Deutschland, Belgien, Luxemburg und Italien.
1.
Teilaufgabe 1: Analysieren Sie den vorliegenden Text. [26 Punkte]
2.
Teilaufgabe 2: Erläutern Sie die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen im Europa der Nachkriegszeit, auf die der Text Bezug nimmt (16 Punkte), und arbeiten Sie heraus, wie der Autor das Verhältnis der USA zu Europa und zur Sowjetunion sieht (12 Punkte). [28 Punkte]
3.
Teilaufgabe 3: Beurteilen Sie die Positionen, die der Autor vertritt. [26 Punkte]
Hinweis zur Bewertung: Zusätzlich zu den 80 Punkten für die inhaltliche Leistung können bis zu 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. den vorliegenden Text analysieren, [26 Punkte]
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der Textanalyse: - Benennung von Autor (anonymer amerikanischer Journalist) und Adressaten (Leserschaft der New York Times) - Textart: Zeitungsartikel / Leitartikel; Zeitpunkt: 8. Juni 1947 - Anlass: Rede von US-Außenminister George C. Marshall an der Harvard-Universität (5. Juni 1947) zur Vorstellung des ERP - Thema: Ideen, Notwendigkeit und Ziele des Marshall-Plans - Intention: Überzeugung der US-Öffentlichkeit von der Dringlichkeit eines umfassenden europäischen Wiederaufbauprogramms - Inhalt und Gedankengang: Kennzeichnung der europäischen Notlage (Zusammenbruch des Wirtschaftsgefüges), bisherige unzureichende Einzelfallhilfen, Rolle der USA als wirtschaftliche Führungsmacht mit Verantwortung, Notwendigkeit europäischer Eigeninitiative und Kooperation, Ziel eines geeinten europäischen bzw. westeuropäischen Wirtschaftsraumes.
2. die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen im Europa der Nachkriegszeit, auf die der Text Bezug nimmt, erläutern (16 Punkte), und herausarbeiten, wie der Autor das Verhältnis der USA zu Europa und zur Sowjetunion sieht (12 Punkte), [28 Punkte]
Lösung: Individuelle Erläuterung: - Wirtschaftliche Situation: Zerstörung von Industriezentren, Verkehrswegen und Infrastruktur; Einbruch von Industrie- und Agrarproduktion; Schattenwirtschaft und Schwarzmarkt. - Soziale Lage: Gravierender Wohnraummangel; Zustrom von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen; Mangelernährung, Kälte und Hungerwinter 1946/47. - Politische Entwicklung: Aufteilung Deutschlands und Österreichs in Besatzungszonen; Potsdamer Konferenz 1945; zunehmende Spannungen und Scheitern gemeinsamer Beschlüsse; Entstehung kommunistischer Satellitenstaaten in Osteuropa; Truman-Doktrin (März 1947) als Eindämmungspolitik; Vereinigung zur Bizone. - Sicht des Autors auf Europa: Unabdingbare Pflicht zur Einflussnahme und Hilfe zur Selbsthilfe; Schutz vor totalitärer Verelendung; Sicherung freier Märkte für US-Exporte. - Sicht des Autors auf die UdSSR: Antikommunistische Haltung; Misstrauen gegenüber sowjetischer Kooperationsbereitschaft; die Spaltung Europas wird antizipiert und der sowjetischen Weigerungshaltung zugeschrieben.
3. die Positionen, die der Autor vertritt, beurteilen. [26 Punkte]
Lösung: Individuelle Beurteilung (Sach- und Werturteil): - Zustimmende Aspekte: Der Marshall-Plan bildete das materielle und psychologische Fundament für den schnellen Wiederaufbau und das westdeutsche Wirtschaftswunder; Förderung europäischer Kooperation und Abbau von Protektionismus; Konsolidierung freiheitlich-demokratischer Verhältnisse in Westeuropa. - Relativierende/Kritische Aspekte: Die Darstellung blendet handfeste US-amerikanische Wirtschaftsinteressen (Sicherung von Export- und Absatzmärkten zur Vermeidung eigener Überproduktion) teilweise schönrednerisch aus; der Plan vertiefte die Bipolarität und beschleunigte die Spaltung Europas und Deutschlands (z. B. durch die Ablehnung Moskaus und die spätere Währungsreform in den Westzonen). - Abgewogenes Fazit: Zusammenfassende Gewichtung der humanitären und demokratiefördernden Leistungen gegenüber den machtpolitischen und spaltenden Konsequenzen im Kontext des Kalten Krieges.
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