Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Sp… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2022

Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen

Das Alphabet des Denkens

Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt (Textauszug)

Die Macht der Bilder

Wie Metaphern einen Kosmos von Assoziationen wecken

[...]

Das Verbrechen ist eine Bestie, die die Stadt Addison heimsucht. Vor fünf Jahren war Addison

in gutem Zustand, ohne offensichtliche Schwachstellen. In den vergangenen fünf Jahren jedoch

sind die Abwehrsysteme der Stadt schwächer geworden, und die Stadt ist dem Verbrechen

erlegen. Heute gibt es mehr als 55 000 kriminelle Zwischenfälle im Jahr – ihre Zahl hat um

5 mehr als 10 000 zugenommen. Es besteht die Befürchtung, dass noch ernstere Probleme ent-

stehen, wenn die Stadt ihre Stärke nicht bald zurückgewinnt.

Was braucht Addison Ihrer Meinung nach, um die Kriminalität zu reduzieren? Denken Sie

ruhig zwei, drei Minuten darüber nach.

Welche Maßnahmen sind Ihnen eingefallen? Und welcher Teil des Berichts hat sie dabei am

10 meisten beeinflusst?

Genau diese Aufgabe haben die Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky ihren

Testpersonen gestellt. 1 Die Probanden antworteten in 71 Prozent der Fälle, man müsse die

Verbrecher jagen, hinter Gitter bringen sowie härtere Strafen durchsetzen.

Ob diese Strategie zum Erfolg führte, konnte nicht überprüft werden – die Stadt Addison

15 existiert nicht. Thibodeau und Boroditsky haben sie erfunden, und sie wollten auch gar nicht

den Einfluss verschiedener Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung testen – sondern den

von Worten, genauer gesagt: von Metaphern.

Metapher, das Wort kommt vom Griechischen „metaphora“ und bedeutet „Übertragung“.

Metaphern übertragen eine konkrete Erfahrung auf ein abstraktes Konzept. So wie das Wort

20 „Bestie“ in dem Bericht: Konkret bezeichnet es ein wildes Tier, abstrakt steht es für das Ver-

brechen.

In einem zweiten Versuch tauschten Thibodeau und Boroditsky diese Metapher gegen eine

andere aus: „Virus“. Der Rest des Textes blieb exakt gleich. Dann legten sie die Aufgabe

neuen Probanden vor. Das Ergebnis: Nur in 54 Prozent ihrer Antworten empfahlen die Teil-

25 nehmer eine strengere Verfolgung der Verbrechen und härtere Strafen. 46 Prozent ihrer Vor-

schläge zielten dagegen auf eine ganz andere Strategie: die Gründe für die Kriminalität zu

untersuchen, die Armut zu bekämpfen und die Bildung zu verbessern. In der Gruppe, der die

Kriminalität als „Bestie“ vorgestellt worden war, waren es dagegen nur 29 Prozent.

Ein einziges Wort hatte den Ausschlag gegeben! Wenige Buchstaben hatten maßgeblich

30 beeinflusst, welche Lösungen die Testpersonen für ein wichtiges gesellschaftliches Problem

vorschlugen: soziale Reformen oder unnachgiebige Strafverfolgung. [...]

Das Interessante dabei: Die Versuchsteilnehmer waren sich der Wirkung der Metapher

überhaupt nicht bewusst. Nur wenige vermuteten, das Wort „Bestie“ oder „Virus“ könnte

ihre Entscheidung gelenkt haben. Fast alle gaben als Einflussfaktor die im Text erwähnte

35 Kriminalstatistik an – doch die war in beiden Versionen vollkommen identisch. [...]

„Stoppt diese Metaphern!“

Auch wenn die Forscher noch lange nicht alle Fragen zur Entstehung und Funktion von Meta-

phern klären konnten, lassen ihre bisherigen Befunde schon einige Schlüsse zu: Erstens haben

Metaphern eine physiologische Basis im Gehirn, die zumindest für einige Ausdrücke auch der

Ursprung gewesen sein könnte. Zweitens werden bei der Verarbeitung von Metaphern auch

40 Hirnregionen für die wörtliche Bedeutung aktiviert, vor allem bei neuen und ungewöhnlichen

Ausdrücken. Und drittens sind Metaphern mit einem gut trainierten Netzwerk von Assozia-

tionen verbunden, das mit wenigen Worten aktiviert werden kann.

Genau das ist es, was Metaphern ihre Macht gibt. So lässt sich auch die erstaunliche Wir-

kung der Metaphern im Experiment von Lera Boroditsky erklären [...]. Darin ging es ja ober-

45 flächlich betrachtet nur um wenige Buchstaben: „Virus“ oder „Bestie“. Doch diese kurzen

Wörter beeinflussten massiv, welche Maßnahmen die Testpersonen für die Verbrechensbe-

kämpfung in der fiktiven Stadt Addison vorschlugen. „Die Metaphern rufen in Erinnerung,

wie sich wilde Tiere und Viren verhalten“, erklärt Boroditsky. „Sie aktivieren damit ein gan-

zes Netz von Assoziationen, welches dann das weitere Denken prägt.“ Denn die Metaphern

50 beeinflussen und strukturieren, welche Informationen wir bei einer Entscheidung einbeziehen.

Alle anderen Informationen werden dem Konzept, das die Metapher wachruft, untergeordnet.

Natürlich fallen dabei auch Informationen unter den Tisch, weil sie nicht ins Konzept passen.

Über die denkt man dann nicht weiter nach. Das birgt die Gefahr, dass wir wichtige Fakten

übersehen und andere überbewerten. „Metaphers hide and highlight“, sagt George Lakoff.

55 „Metaphern verbergen und heben hervor.“

Auf der einen Seite helfen uns Metaphern also beim Denken. Sie fassen große Mengen von

Informationen in kompakter Form zusammen, sortieren sie und bringen sie in einen Zusam-

menhang. All das läuft automatisch ab und deshalb sehr schnell. So machen sie abstrakte und

komplexe Zusammenhänge fassbar und begreifbar. Gerade die großen Themen unserer Zeit,

60 die uns oft so verflochten und undurchdringlich erscheinen, können sie auf einfache und ver-

ständliche Formeln bringen: von den Ursachen des Klimawandels („Treibhauseffekt“) bis zu

den Maßnahmen zur Eindämmung der Eurokrise („Rettungsschirm“). Und neue Metaphern

können uns dazu inspirieren, über alte Probleme anders nachzudenken und neue Lösungen zu

finden.

65 Doch diese Vereinfachung hat auch einen großen Nachteil: Sie kann uns auf falsche Fährten

locken, zum Beispiel wenn die Metapher den jeweiligen Sachverhalt nicht trifft. Und da Meta-

phern naturgemäß immer nur einige wenige Aspekte beleuchten können und andere ausblen-

den müssen, vereinfachen sie mitunter ein Problem zu sehr. Wir unterschätzen es dann, zie-

hen falsche Schlüssel oder treffen schlechte Entscheidungen. [...]

70 Doch Metaphern können auch die Politiker selbst in die Irre führen. Exakt davor warnte der

Nobelpreisträger Paul Krugman: „Schlechte Metaphern führen zu schlechter Politik.“ Der

Wirtschaftswissenschaftler kritisierte damit die Debatte über ein Gesetz zur Steuersenkung

in den USA. „Uns wird gesagt, diese Abmachung werde die Wirtschaft ankurbeln, gebe ihr

Zeit, um sich zu erholen“, schrieb er in der New York Times. „Aber unsere Probleme sind

75 langfristiger, als diese beiden Metaphern implizieren.“ Die Vorstellung, der Wirtschaftsmotor

könne jeden Moment wieder anspringen oder der Patient sich vom Krankenbett erheben, ver-

leite Politiker zu „schlampigen, kurzfristigen Maßnahmen“. Krugman appellierte: „Ich sage:

Stoppt diese Metaphern!“ 2

Doch richtig gefährlich werden Metaphern erst durch eine weitere Eigenschaft, die ebenfalls

80 in Lera Boroditskys Experiment deutlich wurde: Sie wirken unbewusst. Das konnte die Psy-

chologin in einem zweiten, etwas abgewandelten Versuch bestätigen: Nach dem eigentlichen

Experiment prüfte sie, ob sich die Testpersonen an die Metapher erinnerten, indem sie ihnen

einen Satz vorlegte, den sie vervollständigen sollten. „Das Verbrechen ist ein _____, das die

Stadt Addison heimsucht“. Nur knapp die Hälfte konnte sich daran erinnern, das Wort „Bestie“

85 oder „Virus“ gelesen zu haben. Was aber entscheidend war: Egal, ob sich die Probanden er-

innerten oder nicht – ihre Entscheidung wurde von der Metapher beeinflusst, und zwar in bei-

den Fällen gleich stark. 3

Das, was Metaphern zu sehr praktischen Denkwerkzeugen und womöglich gar zu Entwick-

lungshelfern der menschlichen Intelligenz gemacht hat, macht sie also auch gefährlich: Sie

90 wirken schnell und unbewusst; wir bemerken oft nicht, wie groß ihre Macht ist – oder dass

sie uns überhaupt beeinflussen.

1 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2011): Metaphors We Think With: The Role of Metaphor in Reasoning. Plos One, Bd. 6, Nr. 2

2 Paul Krugman (2010): Block Those Metaphors. The New York Times, 12. Dezember 2010

3 Paul H. Thibodeau, Lera Boroditsky (2013): Natural Language Metaphors Covertly Influence Reasoning. Plos One, Bd. 8, Nr. 1

Anmerkungen zu den Autorinnen:

Claudia Wüstenhagen arbeitet als Redakteurin beim Magazin ZEIT WISSEN.

Stefanie Schramm ist freie Wissenschaftsjournalistin und arbeitet u. a. für DIE ZEIT, ZEIT WISSEN, mare, FAZ, NZZ am Sonntag und den Deutschlandfunk.

Anmerkungen zu den im Text erwähnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern:

Paul H. Thibodeau ist Psychologe und Professor am Oberlin College in Ohio, USA.

Lera Boroditsky ist Kognitionswissenschaftlerin und Professorin an der University of California San Diego, USA.

George P. Lakoff ist ein US-amerikanischer Linguist. Er war bis 2016 Professor für Linguistik an der University of California, Berkeley.

Paul R. Krugman ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der City University of New York lehrt. 2008 bekam Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.

Aufgabenstellung

2.

Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie die Darlegungen von Schramm und Wüstenhagen mit diesen Konzepten in Verbindung. Beurteilen Sie auf dieser Grundlage, wie überzeugend Schramm und Wüstenhagen die Macht der Metaphern darstellen. (31 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Sp… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die zentralen Annahmen verschiedener Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar. Bringen Sie die Darlegungen von Schramm und Wüstenhagen mit diesen Konzepten in Verbindung. Beurteilen Sie auf dieser Grundlage, wie überzeugend Schramm und Wüstenhagen die Macht der Metaphern darstellen.

Lösung: Die Bearbeitung erfordert eine aufgabenbezogene Überleitung, die fundierte Darstellung von Sprachtheorien (z. B. Sapir-Whorf-Hypothese, Humboldt, Nativismus nach Chomsky/Pinker, Kulturfähigkeit nach Tomasello), den systematischen Vergleich mit den Positionen von Schramm und Wüstenhagen, eine differenzierte Beurteilung der Überzeugungskraft ihrer Thesen zur Macht der Metaphern sowie ein abwägendes Schlussfazit.

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