Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2022

Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Michael Walzer

Politik der Differenz

Staatsordnung und Toleranz in der multikulturellen Welt (Textauszug) 1

Nach guter Professorensitte beginne ich mit einigen Klarstellungen. Es ist nicht die Toleranz

der Zivilgesellschaft oder des Staates gegenüber dem einzelnen Sonderling oder Abweichler,

die in diesem Text im Zentrum steht. Von ihr wird erst ganz am Schluß die Rede sein. Indi-

vidualrechte mögen zwar zu den Grundvoraussetzungen jeder Toleranz gehören, hier jedoch

5 interessieren mich diese Rechte vor allem dann, wenn sie von freiwilligen Vereinigungen,

Religionsgemeinschaften oder bei kulturellen Betätigungen gemeinschaftlich ausgeübt oder

von Gruppen im Namen ihrer Mitglieder reklamiert werden. Das in seiner Differenz einzig-

artige und aus dem Rahmen fallende Einzelindividuum zu tolerieren, fällt nicht allzu schwer.

Zugleich sind die soziale Ablehnung von Exzentrikern und der Widerstand gegen individuelle

10 Abweichung vielleicht nicht sonderlich vergnüglich, aber auch nicht besonders gefährlich.

Weitaus höher ist der Einsatz dort, wo es um exzentrische und andersdenkende Gruppen geht.

Es geht im folgenden auch nicht um die politische Toleranz, also die Einstellung gegenüber

oppositionellen Bewegungen und Parteien. Diese Gruppen sind Rivalen im Wettstreit um die

politische Macht. Demokratische Regime, die im Wortsinne verlangen, daß es zur politischen

15 Führung alternative Gruppierungen (mit alternativen Programmen) gibt, können auf solche

Konkurrenz grundsätzlich nicht verzichten, selbst wenn diese Opponenten niemals tatsäch-

lich eine Wahl gewinnen. Sie gehören dazu wie die gegnerische Mannschaft zu einem Basket-

ballspiel – ohne Gegenmannschaft kein Match. […]

Mein Interesse hier gilt der Toleranz im Falle von kulturellen oder religiösen Differenzen

20 sowie von Unterschieden in der Lebensweise – wenn „die anderen“ nicht dazugehören, es kein

gemeinsames Spiel gibt und die Differenz kein systemimmanentes Erfordernis darstellt. Ethni-

sche oder religiöse Gruppenvielfalt ist selbst für eine liberale Gesellschaft ebensowenig ein

Muß, wie die einzelnen Gruppen zwingend aufeinander angewiesen sind. Sie mögen zwar mit-

einander konkurrieren, sie mögen unter nicht oder nur lose gebundenen Individuen Prosylete 2

25 oder Anhänger werben, doch ihr Hauptziel ist die Erhaltung einer bestimmten Lebensweise

unter ihren je eigenen Mitgliedern, welche dann auch die Reproduktion ihrer Kultur oder Reli-

gion in den Nachfolgegenerationen sicherstellt. Sie sind mithin binnenzentriert, wie es poli-

tische Parteien grundsätzlich nicht sein können. Und dennoch brauchen auch kulturelle, reli-

giöse oder durch ihre Lebensform bestimmte Gemeinschaften so etwas wie einen erweiterten

30 sozialen Raum (jenseits der privaten Haushalte): einen Raum, in dem sie sich versammeln,

gemeinsam beten, miteinander reden und streiten, Feste feiern, einander helfen, ihr Wissen

weitergeben können und so weiter.

Was heißt es nun konkret, Gruppen dieser Art zu tolerieren? Als Einstellung oder Geistes-

haltung verstanden, kennzeichnet der Toleranzbegriff nicht nur eine, sondern mehrere, durch-

35 aus unterschiedliche Verhaltensweisen. Die erste und zugleich einfachste Variante – sie spiegelt

die Ursprünge religiöser Toleranz im 16. und 17. Jahrhundert wider – ist nichts anderes als

eine aus der Sehnsucht nach Frieden geborene resignierte Hinnahme von Unterschieden. Men-

schen töten einander in Kämpfen, die sie, und sei’s über Jahre hinweg, solange fortführen, bis

jene gnädige Erschöpfung eintritt, die wir als Toleranz bezeichnen. Doch muß es nicht bei

40 dieser ersten simplen Variante bleiben, es gibt eine ganze Skala von immer gehaltvolleren

Duldsamkeiten. Eine zweite Form der Toleranz äußert sich in Zurückhaltung, Entspanntheit

und freundlicher Gleichgültigkeit – nach dem Motto: „Erst die Vielfalt der Arten ergibt eine

Welt!“ Eine dritte Form schlägt sich nieder in Offenheit gegenüber anderen Menschen, in

Neugier, Respekt und der Bereitschaft, zuzuhören und vom anderen zu lernen. Am äußeren

45 Ende der Skala steht die begeisterte Bejahung der Differenz: Es kann eine ästhetische Beja-

hung sein, wenn die Differenz als kulturelle Ausdrucksform der Größe und Vielfalt der Schöp-

fung Gottes oder der Natur gilt; oder aber eine funktionelle Bejahung, wenn sie als notwen-

dige Voraussetzung für ein gedeihliches 3 menschliches Leben angesehen wird, weil erst das

Bestehen von Unterschieden einzelnen Menschen überhaupt die Möglichkeit zu autonomen

50 Entscheidungen gibt.

Anmerkungen zum Autor

Michael Walzer (geb. 1935) ist ein amerikanischer Sozial- und Moralphilosoph, der als Professor lehrte.

1 Es handelt sich bei dem vorliegenden Auszug um den Anfang eines Aufsatzes von Walzer. Dieser 1994 veröffentlichte Aufsatz stellt die Kurzfassung der Argumentation des später erschienenen Buches Walzers „Über Toleranz. Von der Zivilisierung der Differenz“ (1998) dar. Der Text wurde von Hanne Herkommer aus dem Amerikanischen übersetzt.

2 Prosylete: zu einem Glauben bekehrte Menschen

3 gedeihlich: fruchtbar, nützlich

Aufgabenstellung 1

Analysieren Sie den Textauszug aus Michael Walzers Aufsatz daraufhin, welche Vorstellungen von Toleranz der Autor darlegt. Beziehen Sie dabei sowohl den gedanklichen Aufbau der Argumentation als auch die sprachliche und stilistische Machart des Textes ein. [36 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den Textauszug aus Michael Walzers Aufsatz daraufhin, welche Vorstellungen von Toleranz der Autor darlegt. Beziehen Sie dabei sowohl den gedanklichen Aufbau der Argumentation als auch die sprachliche und stilistische Machart des Textes ein.

Lösung: Umfassende textanalytische Ausarbeitung zu Thema, gedanklicher Gliederung, den vier Stufen der Toleranz und der sprachlich-stilistischen Gestaltung gemäß den amtlichen Vorgaben.

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