Aufgabe 3 - Organische Reaktionsmechanismen · Abitur NRW Chemie LK · Nachtermin 2022

Thema: Organische Reaktionsmechanismen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Fachspezifische Vorgaben:

Diesel und Heizöl setzen sich aus sehr ähnlichen Kohlenwasserstoffgemischen zusammen. Dieselkraftstoff mit einem Schwefelgehalt von 10 mg/L wird jedoch als schwefelfrei bezeichnet, während Heizöl einen bis zu 5fach höheren Schwefelgehalt aufweisen kann.

Heizöl als Kraftstoff zu tanken wirkt aus finanziellen Gründen attraktiv, weil es deutlich geringer besteuert wird. Aus motortechnischer Sicht und für den Umweltschutz ist dies jedoch schädlich. Außerdem begeht eine Straftat, wer Heizöl als Kraftstoff in den Tank füllt.

Der Zoll überwacht und verfolgt die missbräuchliche Verwendung von Heizöl als Kraftstoff. Damit Heizöl bei einer Kontrolle im Dieseltank nachgewiesen werden kann, versetzt man es bereits in der Raffinerie mit unterschiedlichen Farbstoffen. Manche davon, z. B. Sudanrot 7B, machen es mit bloßem Auge erkennbar.

Das Grundgerüst von Sudanrot 7B bildet Anilingelb, welches aus Anilin mithilfe von Natriumnitrit und Salzsäure synthetisiert wird.

Damit Heizöl selbst bei starker Verdünnung zuverlässig nachweisbar bleibt, wird ihm seit 2001 zusätzlich der gelbe Farbstoff Solvent Yellow 124 mit einer Massenkonzentration von β=6 mg/L\beta = 6\text{ mg/L} beigemischt.

Mit einem Schnelltest ist er auch bei hoher Verdünnung eindeutig und mit geringem Aufwand nachweisbar, sogar bei mobilen Straßenkontrollen.

Gibt man verdünnte Salzsäure zu Solvent Yellow 124, entsteht eine intensiv rot gefärbte, protonierte hydrolysierte Form. Diese kann mit Wasser ausgeschüttelt werden.

Photospektrometrisch lässt sich die hydrolysierte Form in der wässrigen Phase untersuchen und so der Heizölanteil in einem Heizöl-Diesel-Gemisch ermitteln. Dadurch ist feststellbar, ob ein Gemisch vorliegt und in welchem Mischungsverhältnis.

Zusatzinformationen:

Ausschütteln: Flüssig-Flüssig-Extraktion von gelösten Verbindungen, indem man deren Lösung in einem geeigneten Gefäß mit einem zweiten, reinen Lösemittel durchschüttelt. Im zweiten Lösemittel muss sich die Verbindung besser lösen als in dem ursprünglichen Lösemittel und die beiden Lösemittel dürfen sich nicht mischen (2 Phasen).

Lambert-Beer-Gesetz: Eλ=ελ⋅d⋅cE_\lambda = \varepsilon_\lambda \cdot d \cdot c

Tabelle: Zusammenhang von absorbierter Strahlung, zugehöriger Spektralfarbe und beobachteter Komplementärfarbe

Wellenlänge λ\lambda in nm · Spektralfarbe · Komplementärfarbe

< 400 · ultraviolett · farblos

400 – 435 · violett · gelbgrün

435 – 480 · blau · gelb

480 – 490 · grünblau · orange

490 – 500 · blaugrün · rot

500 – 560 · grün · purpur

560 – 580 · gelbgrün · violett

580 – 595 · gelb · blau

595 – 605 · orange · grünblau

605 – 770 · rot · blaugrün

Aufgabe 3 – Teilaufgabe 2

Erläutern Sie den Verlauf der Synthese von Anilingelb mithilfe von Reaktionsgleichungen und Strukturformeln. Geben Sie die Strukturformel der Kupplungskomponente an, die für die Synthese von Sudanrot 7B erforderlich ist, und begründen Sie, an welcher Stelle die Zweitsubstitution bei der Kupplungsreaktion erfolgt; ziehen Sie dazu auch eine Reaktionsgleichung heran.

[20 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Organische Reaktionsmechanismen · Abitur NRW Chemie LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erläutern Sie den Verlauf der Synthese von Anilingelb mithilfe von Reaktionsgleichungen und Strukturformeln.

Lösung: 1. Diazotierung: Anilin reagiert mit Natriumnitrit und Salzsäure bei niedriger Temperatur (<5 ∘C< 5\,^\circ\text{C}) zum Phenyldiazonium-Kation: Ar-NH2+HNO2+HCl→[Ar-N≡N]+Cl−+2 H2O\text{Ar-NH}_2 + \text{HNO}_2 + \text{HCl} \rightarrow [\text{Ar-N}\equiv\text{N}]^+\text{Cl}^- + 2\,\text{H}_2\text{O} 2. Azokupplung (Elektrophile aromatische Substitution): • Das Diazonium-Ion greift als schwaches Elektrophil das zweite Anilin-Molekül am aromatischen Ring an. • Bildung eines π\pi-Komplexes und anschließende Ausbildung eines mesomeriestabilisierten σ\sigma-Komplexes (Arenium-Ion), bevorzugt in para-Stellung zur aktivierenden Aminogruppe (aufgrund des starken +M+M-Effekts der −NH2-\text{NH}_2-Gruppe und geringerer sterischer Hinderung). • Rearomatisierung: Unter Abspaltung eines Protons ( −H+\,-\text{H}^+) wird das aromatische System wiederhergestellt, und es entsteht Anilingelb (4-(Phenyldiazenyl)anilin).

Geben Sie die Strukturformel der Kupplungskomponente an, die für die Synthese von Sudanrot 7B erforderlich ist.

Lösung: Struktur: N-Ethylnaphthalin-2-amin (bzw. Ethyl-(2-naphthyl)amin): Ein Naphthalinringsystem mit einer −NH−CH2−CH3-\text{NH}-\text{CH}_2-\text{CH}_3-Gruppe an Position 2.

Begründen Sie, an welcher Stelle die Zweitsubstitution bei der Kupplungsreaktion erfolgt; ziehen Sie dazu auch eine Reaktionsgleichung heran.

Lösung: • Dirigierender Effekt: Die funktionelle sekundäre Aminogruppe (−NH−CH2−CH3-\text{NH}-\text{CH}_2-\text{CH}_3) besitzt ein freies Elektronenpaar und übt einen starken +M+M-Effekt aus. Sie wirkt daher aktivierend sowie ortho- und para-dirigierend. • Besetzung und Regioselektivität: Bei N-Ethylnaphthalin-2-amin ist die ortho-Position 1 reaktiver bzw. die para-Positionen sind geometrisch/strukturell im kondensierten Naphthalinsystem festgelegt bzw. bereits besetzt. Daher erfolgt der elektrophile Angriff des Diazonium-Ions des Anilingelb-Derivats bevorzugt in ortho-Stellung (Position 1) zur Aminogruppe. • Reaktionsgleichung: [Anilingelb-N2]++C10H7-NH-CH2CH3→Sudanrot 7B+H+[\text{Anilingelb-N}_2]^+ + \text{C}_{10}\text{H}_7\text{-NH-CH}_2\text{CH}_3 \rightarrow \text{Sudanrot 7B} + \text{H}^+

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