Abitur NRW Philosophie 2021 · GK · Nachtermin
Abiturprüfung Philosophie in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Freiheit und Determinismus. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Freiheit und Determinismus · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Kants Pflichtethik im Textvergleich · Demokratie und soziale Gerechtigkeit
Aufgabe 1 · Demokratie und soziale Gerechtigkeit
Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1. Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese Nida-Rümelins dar und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte seines Gedankengangs. (26 Punkte)
2. Vergleichen Sie die Ausführungen Nida-Rümelins mit der Position von Schumpeter. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar. (30 Punkte)
3. Beurteilen Sie die Überzeugungskraft beider Positionen und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwieweit in einer Demokratie weitreichende Maßnahmen in komplexen Entscheidungssituationen (z. B. Eingriffe in die Freiheitsrechte zwecks Infektionsschutz in Zeiten einer Pandemie) nicht auf politischer Ebene, sondern allein durch Expertengremien entschieden werden sollten. (24 Punkte)
Materialgrundlage: Julian Nida-Rümelin: Die gefährdete Rationalität der Demokratie (2020)
1 Wenn die ökonomische Theorie recht hat und rationale Individuen immer so handeln, dass sie
2 ihre Präferenzen optimal erfüllen, und wenn wir zusätzlich annehmen, dass Menschen bei der
3 Verfolgung ihrer Interessen die zu erwartenden Ergebnisse der Interessenverfolgung anderer
4 berücksichtigen, wenn sie sich also in die anderen Personen hineinversetzen und entsprechend
5 ihre Strategien anpassen, dann stehen wir vor einem weiteren fundamentalen Problem kollek-
6 tiver Entscheidungsfindung, der Strategie- und Manipulationsanfälligkeit. […] Die Frage, die
7 sich hier stellt: Müssen wir das achselzuckend hinnehmen? Manche sind vielleicht versucht
8 zu sagen, sie hätten nichts anderes erwartet, kollektive Entscheidungsverfahren seien eben in
9 der Regel von Manipulationen und taktischem Entscheidungsverhalten geprägt.
10 […] Die Bürgerschaft zerfiele in zahlreiche punktuelle Optimierer, deren Präferenzen sich
11 […] als Argument gegen die Möglichkeit kollektiver Rationalität und demokratischer Ent-
12 scheidungsfindung interpretieren [ließen]. Ich schlage dagegen vor, einen genaueren Blick
13 auf die Bürgerinnen zu richten, die sich an kollektiven Entscheidungsverfahren beteiligen.
14 Wir erinnern uns an Jean Jacques Rousseaus Unterscheidung zwischen einem citoyen und
15 einem bourgeois 1, wohlgemerkt in einer Person. Er hat großen Wert darauf gelegt, dass in der
16 Versammlung nicht die bourgeois, sondern die citoyens entscheiden. Die citoyens orientieren
17 sich in ihren Entscheidungen über Gesetzesentwürfe am Gemeinwohl ( volonté générale) 2 und
18 nicht an ihren Privatinteressen. Sie werden daher auch nicht strategisch wählen, sondern sich
19 die Argumente für und wider einen Gesetzesvorschlag anhören, eigene Argumente vorbrin-
20 gen und am Ende so abstimmen, wie sie es zuvor in der Verhandlung begründet haben. Die
21 Rousseau’sche Republik ist eine sittliche Körperschaft, das heißt, sie verlangt von den citoyens,
22 dass sie sich von ihren eigenen Individualinteressen so weit distanzieren können, dass sie poli-
23 tisch urteilsfähig werden, und einschätzen können, welche Gesetzesvorlage dem Gemeinwohl
24 am dienlichsten ist. Politische Urteilskraft hat eine sittliche Voraussetzung, nämlich die Fähig-
25 keit, sich vom Eigeninteresse zu distanzieren, welches man als bourgeois außerhalb der politi-
26 schen Versammlung verfolgen darf, das aber nicht Richtschnur der politischen Entscheidung
27 sein kann.
28 Bürgerinnen und Bürger sind auch jenseits der Rousseau’schen Versammlung keine Nutzen
29 optimierenden Akteure. Ihre politischen Entscheidungen sind von politischen Gründen gelei-
30 tet, das heißt, sie sind in der Lage, ihre Entscheidung gegenüber anderen zu rechtfertigen.
31 Diese Fähigkeit zur Begründung eigener politischer Stellungnahmen bedeutet keineswegs,
32 dass nach Austausch dieser Begründung Konsens herrscht. Es mag sogar sein, dass der Aus-
33 tausch von Begründungen die Unterschiede erst deutlicher werden lässt und sich dadurch
34 sogar Konflikte vertiefen und Konsense blockiert werden. […]
35 Dieser permanente Zwang in der Demokratie, Kompromisse zwischen unvereinbaren politi-
36 schen Positionen zu finden, prägt die politischen Diskurse: Über die Begründung einzelner
37 Zielsetzungen und Projekte hinaus ist jeweils auch zu begründen, warum bestimmte Projekte
38 nicht weiterverfolgt werden können und was einen Kompromiss rechtfertigt. Dies ist nicht
39 immer einfach, weil zwei Zielsetzungen politischer Praxis dabei kollidieren: zum einen die
40 klare Unterscheidbarkeit der eigenen Positionierung, um Wählerschaften zu binden und kol-
41 lektive Identitäten zu stabilisieren, und andererseits die Fähigkeit zum Ausgleich, der erfor-
42 derlich ist, um kollektive Handlungsfähigkeit in der Demokratie zu sichern.
43 Die Diskursfähigkeit, also die Fähigkeit, die eigene Position, gegebenenfalls auch den erreich-
44 ten Kompromiss, öffentlich zu begründen, ohne die eigene politische Identität zu gefährden,
45 schränkt die Spielräume taktischen Entscheidens ein. Anders formuliert: Es ist das delibera-
46 tive 3 Element der Demokratie, das eine Antwort auf die Herausforderungen […] bereithält.
47 Deliberation zwingt die Akteure zum einen, ihre jeweiligen politischen Ziele und Projekte in
48 einen kohärenten 4 Zusammenhang zu stellen, der öffentlich begründbar ist, und blockiert zum
49 anderen Differenzen zwischen dem öffentlich Begründeten und dem dann in der politischen
50 Entscheidung Gewählten. Wenn zwischen der eingespeisten Präferenz und den öffentlichen
51 Begründungen keine Kohärenz besteht, werden die betreffenden Akteure unglaubwürdig und
52 büßen an Vertrauen ein. Das, was in italienischen Debatten als tatticismo 5 gebrandmarkt wird,
53 zerstört die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. […]
54 Eine dezisionistische Praxis 6 gefährdet die demokratische Ordnung. […] Je individuell opti-
55 mierende politische Akteure würden die demokratische Ordnung ruinieren. Die Antwort […]
56 ist eine deliberativ verfasste Demokratie.
Zum Autor: Julian Nida-Rümelin (*1954) ist ein deutscher Philosoph, der seit 2004 an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität lehrt.
1 citoyen (frz.): Bürger im Sinne eines aktiv am politischen Leben Anteil nehmenden Staatsbürgers; bourgeois (frz.): Bürger im Sinne eines Einwohners, der eher seine privaten und wirtschaftlichen Interessen innerhalb eines Gemeinwesens wahrnimmt
2 Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778): französischsprachiger Philosoph der Aufklärung, verstand unter Gemeinwohl dasjenige, was für jeden Bürger vernünftig einsehbar das Beste für die Gemeinschaft wäre, in welcher er lebt
3 deliberativ (lat.): beratschlagend, betrachtend, bedenkend
4 kohärent (lat.): zusammenhängend, in sich schlüssig
5 tatticismo: auf eigene Vorteile abzielendes taktisches Verhalten, das wenig mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmt
6 dezisionistische Praxis: eine Praxis, die mehr die Entscheidungen an sich als die dahinter stehenden Begründungen, Werte oder Normen beachtet
Teilaufgabe 1
Teilaufgabe 2
Teilaufgabe 3
Aufgabe 2 · Freiheit und Determinismus
Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung 2
Materialgrundlage
Ulrich Pothast: Freies Handeln und Determinismus (1978)
Es gibt einen Bereich der Welt, in welchem die Ereignisse dadurch zustandekommen, daß Ursachen gegeben sind, aus denen sie hervorgehen. Es gibt einen anderen Bereich der Welt, in welchem Ereignisse dadurch zustandekommen, daß Gründe gegeben sind, die einen Handelnden veranlassen, ein bestimmtes Ereignis (= eine Handlung) zu erzeugen. Beide Bereiche unterscheiden sich wegen der Art, wie in ihnen Ereignisse entstehen, auch hinsichtlich der Frage, ob es Freiheit gibt: In dem Bereich, in dem das Modell der Kausalität zur Deutung von Ereignissen angewandt werden kann, gibt es keine Freiheit. Die Ereignisse sind so, wie ihre Ursachen sie bestimmen. In dem Bereich, in dem das Modell der Kausalität unanwendbar ist, ist wegen dieser Unanwendbarkeit Freiheit gewährleistet. Gründe, die ein Handelnder für eine Handlung hat, zwingen ihn nicht, sondern geben nur einen Gesichtspunkt an, unter dem die Handlung sinnvoll, geboten, richtig erscheint. Der Handelnde selbst ist, auch wenn es „starke“ Gründe für eine Handlung gibt, immer noch frei, ihnen zu folgen oder nicht. […]
Die Argumente, die zugunsten dieser These oder einer Variante von ihr aufgeführt werden, sind vielfältig. […] Die Begründung, mit der ein Handelnder sich eine bestimmte Handlung als angemessen, sinnvoll usw. vorstellt, muß Bezug nehmen auf diese Handlung (selbst wenn sie nur im Nennen einer Absicht besteht). Also gibt es einen logischen Zusammenhang zwischen Begründung und Handlung – kennt man die Begründung, so weiß man ohne zusätzliche Information, welche Handlung sie hervorzubringen tendiert. […]
Eine praktische Begründung, die eine Handlung z. B. als moralisch richtig darstellt, braucht nicht befolgt zu werden. Personen tun oft das Falsche und wissen es. Ursachen erzeugen aber ihre Wirkungen mit gesetzmäßiger Gleichförmigkeit. Also sind Gründe keine Ursachen.
Bei dieser Position hängt alles davon ab, ob es ihr gelingt, sich gegen zwei Gegner durchzusetzen: den psychologischen Determinismus, der behauptet, Gründe seien doch Ursachen, genauso wie alle anderen psychischen Ereignisse; und den physiologischen 1 Determinismus, der behauptet, Gründe seien weder Ursachen, noch hätten sie sonst irgendeinen Einfluß auf das Handeln einer Person. Nichts Bewußtseinshaftes habe einen solchen Einfluß, Handeln komme allein zustande als Resultat physiologischer Regelprozesse 2, und das Entscheidungserlebnis der Personen sei eine Täuschung.
Die Frage nach den Folgen für Verantwortlichkeit kann die Position 3 auf den ersten Blick zu ihren Gunsten wenden. Wenn jemand behauptet, Freiheit sei die Fähigkeit zum Handeln nach Gründen, dann liefert er damit ein gutes Kriterium für das Abgrenzen verantwortlicher Handlungen von solchen, für die man eine Person nicht verantwortlich machen wird. Die Person, die einer praktischen Begründung, mit der sie sich selbst (oder ein anderer ihr) eine Handlung als richtig darstellt, nicht Folge leisten kann, heißt zu Recht unfrei und wird nicht zur Verantwortung gezogen. Jemand, dessen Handeln nicht durch Gründe beeinflußt werden kann, die er sich selbst zu eigen macht, erlebt wahrscheinlich dieses Handeln als zwanghaft und mag sagen „Ich kann nicht anders“. Kann man dagegen zeigen, daß eine Person normalerweise einer bestimmten Art von Gründen zugänglich ist, kann man weiter zeigen, daß keine „außergewöhnlichen Umstände“ vorlagen, und kann man zeigen, daß die Person vor dem Zeitpunkt ihres Handelns auf diese Gründe aufmerksam wurde, dann hat man nach diesem Begriff von Freiheit eine Handhabe, sie zur Rechenschaft zu ziehen – denn man darf annehmen, daß sie fähig war, nach diesen Gründen zu handeln, und es aus eigenem Entschluß nicht tat.
1 physiologisch: körperlich
2 physiologische Regelprozesse: körperlich bedingte Prozesse, die sich weitgehend selbst regulieren, wie z. B. Stoffwechsel, Reflexe oder grundlegende Lebensfunktionen
3 Pothast meint hier seine eigene, im vorliegenden Text vorgestellte Position.
Ulrich Pothast: Seminar „Freies Handeln und Determinismus“. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978, S. 26–28 (Einleitung). Gekürzter Textausschnitt.
1.
Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Pothasts mit Sartres Position. Stellen Sie dafür zunächst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob eine Entscheidung nur dann selbstbestimmt genannt werden kann, wenn der Handelnde grundsätzlich für vernünftige Gründe erreichbar war. [24 Punkte]
Aufgabe 3 · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles)
Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung 3: Arthur Schopenhauer – Über das intellektuelle Leben
Textgrundlage: Arthur Schopenhauer: Über das intellektuelle Leben (1851)
1 [...] jeder steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen. [...] Weil nämlich alles, was für den Menschen daist¹ und vorgeht, unmittelbar immer nur in seinem Bewußtsein daist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewußtseins selbst das zunächst Wesentli-
5 che, und auf dieselbe kommt in den meisten Fällen mehr an als auf die Gestalten, die darin sich darstellen. [...] Aus seiner Individualität kann keiner heraus. Und wie das Tier unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu beglücken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins stets innerhalb
10 enger Schranken sich halten müssen – so ist es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für allemal festgestellt. [...] Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, alles, was Menschen, alles, was das Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen halbtierischen
15 Menschenglücks und Behagens hinauszuführen: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen; sogar die Bildung vermag im ganzen zur Erweiterung jenes Kreises nicht gar viel, wenngleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen, wie sehr auch wir in der Jugend uns darüber täuschen mögen; [...]
20 Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen² die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten³ die marternde⁴ Langeweile nicht abzuwehren vermag. [...] Der Mensch von überwiegenden Geisteskräften hingegen ist der lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege bloßer Erkenntnis ohne alle Einmischung
25 des Willens ⁵ fähig, ja bedürftig. Diese Teilnahme aber versetzt ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich fremd ist, gleichsam in die Atmosphäre der leicht lebenden Götter [...]. Während demnach das Leben der übrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten und Trachten gänzlich auf die kleinlichen Interessen der persönlichen Wohlfahrt⁶ und dadurch auf Miseren⁷ aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche Langeweile sie befällt,
30 sobald die Beschäftigung mit jenen Zwecken stockt und sie auf sich selbst zurückgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer der Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen vermag; so hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete Mensch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein: würdige und interessante Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich ihnen überlassen darf, und in sich selbst trägt er
35 eine Quelle der edelsten Genüsse. [...] Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der Glücklichste; so gewiß das Subjektive uns näher liegt als das Objektive, dessen Wirkung, welcher Art sie auch sei, immer erst durch jenes vermittelt, also nur sekundär ist. [...] Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter als eines negativen Geschenks, nämlich freier Muße⁸, um seine
40 geistigen Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum genießen zu können, also eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes Leben hindurch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen.
¹ daist: da ist (im Sinne von Dasein) · ² Stumpfer: stumpfer, geistloser Mensch · ³ Lustbarkeiten: Vergnügungen · ⁴ martern: quälen · ⁵ Wille, hier im Sinne von: auf die Erfüllung sinnlicher, nicht geistiger Bedürfnisse gerichtetes Interesse · ⁶ Wohlfahrt: Wohlergehen · ⁷ Miseren: Missstände, Widrigkeiten · ⁸ Muße: Zeit für das Verfolgen eigener Interessen
1.
Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte, die er verfolgt. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Schopenhauers mit vergleichbaren Gedanken von Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur These des österreichischen Psychologen Sigmund Freud (1856 – 1939): „[...] man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“ [24 Punkte]
Aufgabe 4 · Kants Pflichtethik im Textvergleich
Aufgabenstellung:
1. Stellen Sie dar, worum es Kolakowski in dem vorliegenden Text geht und welche zentrale These er vertritt, und erarbeiten Sie die Argumentationsabfolge. (26 Punkte)
2. Vergleichen Sie Kolakowskis Gedanken mit der Ethik Kants. Stellen Sie hierfür zuerst die Grundzüge der Kantischen Ethik dar. (30 Punkte)
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern es „gute Lügen“ geben kann. (24 Punkte)
Materialgrundlage:
Leszek Kolakowski: Von der Lüge (2000)
Mini-Traktate über Maxi-Themen. Leipzig: Reclam 2000, S. 27 – 33 (angepasst an die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung).
1 Die Übermittlung falscher Nachrichten liegt sozusagen in der Ordnung der Natur. Der
Schmetterling sagt zum Vogel: „Aber ich bin kein Schmetterling, sondern ein welkes Blatt.“
Die Wespe sagt zur Biene, die ihren Stock bewacht: „Aber ich bin keine Wespe, sondern
eine Biene. Wovon du dich überzeugen kannst“, fügt sie gelehrt hinzu, „wenn du deine
5 olfaktorischen 1 Sensoren einsetzt.“ (Angeblich verfahren einige Wespenarten so.) Sofort
bemerken wir den Unterschied zwischen den beiden Lügen. Wir loben den Falter, der ein
Blatt darstellt und damit sein Leben vor dem Raubvogel rettet, der ihn fressen will. Und wir
tadeln die Wespe, die sich verstellt, um in den Bienenstock zu gelangen und die Nahrung
zu stehlen, die fleißige Bienchen gesammelt haben.
10 Ähnlich verhält es sich mit den Lügen der Menschen, die wir moralisch werten: Die einen
erregen Anstoß, die anderen gelten als statthaft. [...]
Die Anhänger eines rigorosen Verbots der Lüge sagen: Wenn jeder lügen würde, wann es
ihm gefällt oder wann es ihm passt, dann wäre das Vertrauen zu den Mitmenschen völlig
zerstört, Vertrauen aber ist eine unverzichtbare Bedingung für jederart Ordnung und Gemein-
15 schaft; auf diese Weise, so fügen sie hinzu, würde sich die Lüge gegen die Lügner wenden,
weil keiner mehr dem anderen glauben könnte.
Dieses Argument ist nicht unvernünftig, doch es ist nicht überzeugend, sofern es als Grund
für ein absolutes Verbot der Lüge dienen soll. Könnten wir nie an die Wahrheitsliebe der
anderen glauben, wäre das Leben in der Tat unerträglich. Ein völliger Verlust gegenseitigen
20 Vertrauens droht uns jedoch nicht. Im Allgemeinen wissen wir, wann wir uns auf die emp-
fangene Information verlassen können und wann wir aufpassen müssen, weil wir argwöhnen,
dass unser Gegenüber ein Interesse hegt, uns in die Irre zu führen. [...]
Aus der Tatsache, dass Lüge zulässig ist und man für eine gute Sache lügen kann, darf jedoch
nicht geschlossen werden, dass die Formel laute: „Lüge ist manchmal gut und manchmal
25 schlecht.“ Diese Formel ist so nebulös, dass sie praktisch alle Lügen rechtfertigt. Kinder darf
man nicht von Anfang an in diesem Geist erziehen. Sicherer ist es, sie zu belehren, dass
Lügen ausnahmslos verwerflich ist, um ihnen so den Reflex einzuimpfen, kraft dessen ihnen
die Lüge zumindest Unbehagen bereitet. Den Rest lernen sie selbst – schnell, leicht und ohne
die Hilfe Erwachsener.
30 Wenn aber das absolute Verbot der Lüge wirkungslos ist und manchmal im Gegensatz zu
anderen, wichtigeren Geboten steht, wo steckt dann das allgemeine Prinzip für die Berech-
tigung der Lüge? Ein allgemeines Prinzip, das jeden Einzelfall unfehlbar entscheidet, ich
wiederhole, das gibt es nicht. Man kann lediglich bestimmte Lehren ziehen, die vielleicht
hilfreich sind.
35 Die erste Lehre ist, dass man alles tun soll, um sich nicht selbst zu belügen, das heißt, man
soll sich einer Lüge auch bewusst sein. Selbstbetrug ist ein Thema für sich, das hier außer
acht bleiben muss. Wenn wir lügen und glauben, dass es einer guten Sache dient, dann sollten
wir ganz sicher sein, dass dem so ist. Zweitens sollten wir bedenken, dass unsere Selbstrecht-
fertigungen und unsere Vorstellungen von der »guten Sache«, welche die Lüge veredeln
40 kann, stets verdächtig sind, wenn die »gute Sache« mit unserem privaten Interesse identisch
ist. Drittens sollten wir beachten, dass eine Lüge auch dann unmoralisch ist, wenn sie lässlich 2
oder im Namen höherer Güter geradezu geboten erscheint. Viertens wäre es gut zu wissen,
dass eine Lüge oft anderen schadet, aber noch häufiger schadet sie dem Lügner selbst, weil
sie ihn innerlich aushöhlt.
45 Die Einhaltung dieser Regeln führt nicht dazu, dass wir oder die Mehrheit von uns heilig
und von Sünden frei werden, sie schafft auch die Lüge nicht aus der Welt. Doch sie kann uns
Vorsicht lehren im Umgang mit der Lüge als Waffe, selbst wenn wir sie einmal anwenden
müssen.
1 olfaktorisch (lat.): den Riechnerv betreffend
2 lässlich: nicht so sehr ins Gewicht fallend
Zum Autor:
Leszek Kolakowski (1927 – 2009) ist der prominenteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind stark vom Marxismus beeinflusst, mit dem er sich kritisch auseinandersetzt.
1.
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