Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Thema: Kants Pflichtethik im Textvergleich · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

1. Stellen Sie dar, worum es Kolakowski in dem vorliegenden Text geht und welche zentrale These er vertritt, und erarbeiten Sie die Argumentationsabfolge. (26 Punkte)

2. Vergleichen Sie Kolakowskis Gedanken mit der Ethik Kants. Stellen Sie hierfür zuerst die Grundzüge der Kantischen Ethik dar. (30 Punkte)

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern es „gute Lügen“ geben kann. (24 Punkte)

Materialgrundlage:

Leszek Kolakowski: Von der Lüge (2000)

Mini-Traktate über Maxi-Themen. Leipzig: Reclam 2000, S. 27 – 33 (angepasst an die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung).

1 Die Übermittlung falscher Nachrichten liegt sozusagen in der Ordnung der Natur. Der

Schmetterling sagt zum Vogel: „Aber ich bin kein Schmetterling, sondern ein welkes Blatt.“

Die Wespe sagt zur Biene, die ihren Stock bewacht: „Aber ich bin keine Wespe, sondern

eine Biene. Wovon du dich überzeugen kannst“, fügt sie gelehrt hinzu, „wenn du deine

5 olfaktorischen 1 Sensoren einsetzt.“ (Angeblich verfahren einige Wespenarten so.) Sofort

bemerken wir den Unterschied zwischen den beiden Lügen. Wir loben den Falter, der ein

Blatt darstellt und damit sein Leben vor dem Raubvogel rettet, der ihn fressen will. Und wir

tadeln die Wespe, die sich verstellt, um in den Bienenstock zu gelangen und die Nahrung

zu stehlen, die fleißige Bienchen gesammelt haben.

10 Ähnlich verhält es sich mit den Lügen der Menschen, die wir moralisch werten: Die einen

erregen Anstoß, die anderen gelten als statthaft. [...]

Die Anhänger eines rigorosen Verbots der Lüge sagen: Wenn jeder lügen würde, wann es

ihm gefällt oder wann es ihm passt, dann wäre das Vertrauen zu den Mitmenschen völlig

zerstört, Vertrauen aber ist eine unverzichtbare Bedingung für jederart Ordnung und Gemein-

15 schaft; auf diese Weise, so fügen sie hinzu, würde sich die Lüge gegen die Lügner wenden,

weil keiner mehr dem anderen glauben könnte.

Dieses Argument ist nicht unvernünftig, doch es ist nicht überzeugend, sofern es als Grund

für ein absolutes Verbot der Lüge dienen soll. Könnten wir nie an die Wahrheitsliebe der

anderen glauben, wäre das Leben in der Tat unerträglich. Ein völliger Verlust gegenseitigen

20 Vertrauens droht uns jedoch nicht. Im Allgemeinen wissen wir, wann wir uns auf die emp-

fangene Information verlassen können und wann wir aufpassen müssen, weil wir argwöhnen,

dass unser Gegenüber ein Interesse hegt, uns in die Irre zu führen. [...]

Aus der Tatsache, dass Lüge zulässig ist und man für eine gute Sache lügen kann, darf jedoch

nicht geschlossen werden, dass die Formel laute: „Lüge ist manchmal gut und manchmal

25 schlecht.“ Diese Formel ist so nebulös, dass sie praktisch alle Lügen rechtfertigt. Kinder darf

man nicht von Anfang an in diesem Geist erziehen. Sicherer ist es, sie zu belehren, dass

Lügen ausnahmslos verwerflich ist, um ihnen so den Reflex einzuimpfen, kraft dessen ihnen

die Lüge zumindest Unbehagen bereitet. Den Rest lernen sie selbst – schnell, leicht und ohne

die Hilfe Erwachsener.

30 Wenn aber das absolute Verbot der Lüge wirkungslos ist und manchmal im Gegensatz zu

anderen, wichtigeren Geboten steht, wo steckt dann das allgemeine Prinzip für die Berech-

tigung der Lüge? Ein allgemeines Prinzip, das jeden Einzelfall unfehlbar entscheidet, ich

wiederhole, das gibt es nicht. Man kann lediglich bestimmte Lehren ziehen, die vielleicht

hilfreich sind.

35 Die erste Lehre ist, dass man alles tun soll, um sich nicht selbst zu belügen, das heißt, man

soll sich einer Lüge auch bewusst sein. Selbstbetrug ist ein Thema für sich, das hier außer

acht bleiben muss. Wenn wir lügen und glauben, dass es einer guten Sache dient, dann sollten

wir ganz sicher sein, dass dem so ist. Zweitens sollten wir bedenken, dass unsere Selbstrecht-

fertigungen und unsere Vorstellungen von der »guten Sache«, welche die Lüge veredeln

40 kann, stets verdächtig sind, wenn die »gute Sache« mit unserem privaten Interesse identisch

ist. Drittens sollten wir beachten, dass eine Lüge auch dann unmoralisch ist, wenn sie lässlich 2

oder im Namen höherer Güter geradezu geboten erscheint. Viertens wäre es gut zu wissen,

dass eine Lüge oft anderen schadet, aber noch häufiger schadet sie dem Lügner selbst, weil

sie ihn innerlich aushöhlt.

45 Die Einhaltung dieser Regeln führt nicht dazu, dass wir oder die Mehrheit von uns heilig

und von Sünden frei werden, sie schafft auch die Lüge nicht aus der Welt. Doch sie kann uns

Vorsicht lehren im Umgang mit der Lüge als Waffe, selbst wenn wir sie einmal anwenden

müssen.

1 olfaktorisch (lat.): den Riechnerv betreffend

2 lässlich: nicht so sehr ins Gewicht fallend

Zum Autor:

Leszek Kolakowski (1927 – 2009) ist der prominenteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind stark vom Marxismus beeinflusst, mit dem er sich kritisch auseinandersetzt.

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Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, worum es Kolakowski in dem vorliegenden Text geht und welche zentrale These er vertritt, und erarbeiten Sie die Argumentationsabfolge.

Lösung: Ausführliche Textanalyse zu Kolakowski gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

2. Vergleichen Sie Kolakowskis Gedanken mit der Ethik Kants. Stellen Sie hierfür zuerst die Grundzüge der Kantischen Ethik dar.

Lösung: Darstellung der kantischen Ethik und strukturierter Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) mit Kolakowski.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern es „gute Lügen“ geben kann.

Lösung: Kritische Beurteilung beider Positionen und begründete persönliche Stellungnahme zur Existenz „guter Lügen“.

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