Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Thema: Freiheit und Determinismus · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung 2

Materialgrundlage

Ulrich Pothast: Freies Handeln und Determinismus (1978)

Es gibt einen Bereich der Welt, in welchem die Ereignisse dadurch zustandekommen, daß Ursachen gegeben sind, aus denen sie hervorgehen. Es gibt einen anderen Bereich der Welt, in welchem Ereignisse dadurch zustandekommen, daß Gründe gegeben sind, die einen Handelnden veranlassen, ein bestimmtes Ereignis (= eine Handlung) zu erzeugen. Beide Bereiche unterscheiden sich wegen der Art, wie in ihnen Ereignisse entstehen, auch hinsichtlich der Frage, ob es Freiheit gibt: In dem Bereich, in dem das Modell der Kausalität zur Deutung von Ereignissen angewandt werden kann, gibt es keine Freiheit. Die Ereignisse sind so, wie ihre Ursachen sie bestimmen. In dem Bereich, in dem das Modell der Kausalität unanwendbar ist, ist wegen dieser Unanwendbarkeit Freiheit gewährleistet. Gründe, die ein Handelnder für eine Handlung hat, zwingen ihn nicht, sondern geben nur einen Gesichtspunkt an, unter dem die Handlung sinnvoll, geboten, richtig erscheint. Der Handelnde selbst ist, auch wenn es „starke“ Gründe für eine Handlung gibt, immer noch frei, ihnen zu folgen oder nicht. […]

Die Argumente, die zugunsten dieser These oder einer Variante von ihr aufgeführt werden, sind vielfältig. […] Die Begründung, mit der ein Handelnder sich eine bestimmte Handlung als angemessen, sinnvoll usw. vorstellt, muß Bezug nehmen auf diese Handlung (selbst wenn sie nur im Nennen einer Absicht besteht). Also gibt es einen logischen Zusammenhang zwischen Begründung und Handlung – kennt man die Begründung, so weiß man ohne zusätzliche Information, welche Handlung sie hervorzubringen tendiert. […]

Eine praktische Begründung, die eine Handlung z. B. als moralisch richtig darstellt, braucht nicht befolgt zu werden. Personen tun oft das Falsche und wissen es. Ursachen erzeugen aber ihre Wirkungen mit gesetzmäßiger Gleichförmigkeit. Also sind Gründe keine Ursachen.

Bei dieser Position hängt alles davon ab, ob es ihr gelingt, sich gegen zwei Gegner durchzusetzen: den psychologischen Determinismus, der behauptet, Gründe seien doch Ursachen, genauso wie alle anderen psychischen Ereignisse; und den physiologischen 1 Determinismus, der behauptet, Gründe seien weder Ursachen, noch hätten sie sonst irgendeinen Einfluß auf das Handeln einer Person. Nichts Bewußtseinshaftes habe einen solchen Einfluß, Handeln komme allein zustande als Resultat physiologischer Regelprozesse 2, und das Entscheidungserlebnis der Personen sei eine Täuschung.

Die Frage nach den Folgen für Verantwortlichkeit kann die Position 3 auf den ersten Blick zu ihren Gunsten wenden. Wenn jemand behauptet, Freiheit sei die Fähigkeit zum Handeln nach Gründen, dann liefert er damit ein gutes Kriterium für das Abgrenzen verantwortlicher Handlungen von solchen, für die man eine Person nicht verantwortlich machen wird. Die Person, die einer praktischen Begründung, mit der sie sich selbst (oder ein anderer ihr) eine Handlung als richtig darstellt, nicht Folge leisten kann, heißt zu Recht unfrei und wird nicht zur Verantwortung gezogen. Jemand, dessen Handeln nicht durch Gründe beeinflußt werden kann, die er sich selbst zu eigen macht, erlebt wahrscheinlich dieses Handeln als zwanghaft und mag sagen „Ich kann nicht anders“. Kann man dagegen zeigen, daß eine Person normalerweise einer bestimmten Art von Gründen zugänglich ist, kann man weiter zeigen, daß keine „außergewöhnlichen Umstände“ vorlagen, und kann man zeigen, daß die Person vor dem Zeitpunkt ihres Handelns auf diese Gründe aufmerksam wurde, dann hat man nach diesem Begriff von Freiheit eine Handhabe, sie zur Rechenschaft zu ziehen – denn man darf annehmen, daß sie fähig war, nach diesen Gründen zu handeln, und es aus eigenem Entschluß nicht tat.

1 physiologisch: körperlich

2 physiologische Regelprozesse: körperlich bedingte Prozesse, die sich weitgehend selbst regulieren, wie z. B. Stoffwechsel, Reflexe oder grundlegende Lebensfunktionen

3 Pothast meint hier seine eigene, im vorliegenden Text vorgestellte Position.

Ulrich Pothast: Seminar „Freies Handeln und Determinismus“. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978, S. 26–28 (Einleitung). Gekürzter Textausschnitt.

1.

Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes. [26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie die Aussagen Pothasts mit Sartres Position. Stellen Sie dafür zunächst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob eine Entscheidung nur dann selbstbestimmt genannt werden kann, wenn der Handelnde grundsätzlich für vernünftige Gründe erreichbar war. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes. (26 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den offiziellen Bewertungskriterien.

2. Vergleichen Sie die Aussagen Pothasts mit Sartres Position. Stellen Sie dafür zunächst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den offiziellen Bewertungskriterien.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob eine Entscheidung nur dann selbstbestimmt genannt werden kann, wenn der Handelnde grundsätzlich für vernünftige Gründe erreichbar war. (24 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den offiziellen Bewertungskriterien.

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