Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Thema: Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung 3: Arthur Schopenhauer – Über das intellektuelle Leben

Textgrundlage: Arthur Schopenhauer: Über das intellektuelle Leben (1851)

1 [...] jeder steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen. [...] Weil nämlich alles, was für den Menschen daist¹ und vorgeht, unmittelbar immer nur in seinem Bewußtsein daist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewußtseins selbst das zunächst Wesentli-

5 che, und auf dieselbe kommt in den meisten Fällen mehr an als auf die Gestalten, die darin sich darstellen. [...] Aus seiner Individualität kann keiner heraus. Und wie das Tier unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu beglücken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins stets innerhalb

10 enger Schranken sich halten müssen – so ist es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für allemal festgestellt. [...] Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, alles, was Menschen, alles, was das Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen halbtierischen

15 Menschenglücks und Behagens hinauszuführen: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen; sogar die Bildung vermag im ganzen zur Erweiterung jenes Kreises nicht gar viel, wenngleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen, wie sehr auch wir in der Jugend uns darüber täuschen mögen; [...]

20 Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen² die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten³ die marternde⁴ Langeweile nicht abzuwehren vermag. [...] Der Mensch von überwiegenden Geisteskräften hingegen ist der lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege bloßer Erkenntnis ohne alle Einmischung

25 des Willens ⁵ fähig, ja bedürftig. Diese Teilnahme aber versetzt ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich fremd ist, gleichsam in die Atmosphäre der leicht lebenden Götter [...]. Während demnach das Leben der übrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten und Trachten gänzlich auf die kleinlichen Interessen der persönlichen Wohlfahrt⁶ und dadurch auf Miseren⁷ aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche Langeweile sie befällt,

30 sobald die Beschäftigung mit jenen Zwecken stockt und sie auf sich selbst zurückgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer der Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen vermag; so hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete Mensch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein: würdige und interessante Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich ihnen überlassen darf, und in sich selbst trägt er

35 eine Quelle der edelsten Genüsse. [...] Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der Glücklichste; so gewiß das Subjektive uns näher liegt als das Objektive, dessen Wirkung, welcher Art sie auch sei, immer erst durch jenes vermittelt, also nur sekundär ist. [...] Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter als eines negativen Geschenks, nämlich freier Muße⁸, um seine

40 geistigen Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum genießen zu können, also eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes Leben hindurch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen.

¹ daist: da ist (im Sinne von Dasein) · ² Stumpfer: stumpfer, geistloser Mensch · ³ Lustbarkeiten: Vergnügungen · ⁴ martern: quälen · ⁵ Wille, hier im Sinne von: auf die Erfüllung sinnlicher, nicht geistiger Bedürfnisse gerichtetes Interesse · ⁶ Wohlfahrt: Wohlergehen · ⁷ Miseren: Missstände, Widrigkeiten · ⁸ Muße: Zeit für das Verfolgen eigener Interessen

1.

Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte, die er verfolgt. [26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie die Aussagen Schopenhauers mit vergleichbaren Gedanken von Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur These des österreichischen Psychologen Sigmund Freud (1856 – 1939): „[...] man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“ [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte, die er verfolgt.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Analyse des Schopenhauer-Textes (Fragestellung, zentrale These, Gedankengang und sprachlich-gedanklicher Aufbau).

2. Vergleichen Sie die Aussagen Schopenhauers mit vergleichbaren Gedanken von Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Darstellung der Ethik des Aristoteles und zum systematischen Vergleich mit Schopenhauer (Gemeinsamkeiten und Unterschiede).

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur These des österreichischen Psychologen Sigmund Freud (1856 – 1939): „[...] man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Beurteilung beider Positionen sowie begründete Stellungnahme zum Freud-Zitat.

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