Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin 2022
Thema: Demokratie und soziale Gerechtigkeit · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 · Philosophie, Grundkurs · PL GK HT 3
Materialgrundlage
Colin Crouch: Postdemokratie (2008). Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm. 14. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2020, S. 8–20. (Gekürzter Textausschnitt).
1 Die Demokratie kann nur dann gedeihen, wenn die Masse der normalen Bürger wirklich die
Gelegenheit hat, sich durch Diskussionen und im Rahmen unabhängiger Organisationen aktiv
an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen – und wenn sie diese Gelegenheiten
auch aktiv nutzt. Dieses Ideal basiert auf anspruchsvollen Vorannahmen: Es setzt voraus, daß
5 sich eine sehr große Zahl von Menschen lebhaft an ernsthaften politischen Debatten und an
der Gestaltung der politischen Agenda beteiligt und nicht allein passiv auf Meinungsumfragen
antwortet; daß diese Menschen ein gewisses Maß an politischem Sachverstand mitbringen
und sie sich mit den daraus folgenden politischen Ereignissen und Problemen beschäftigen.
Vielleicht wird dieses idealtypische Modell niemals vollständig verwirklicht werden, doch wie
10 alle utopischen Ideale gibt es uns zumindest einen wichtigen Maßstab an die Hand. Auch in
unserem Kontext ist es äußerst wichtig und hilfreich, die Frage zu stellen, wie unser Handeln
sich zu einem bestimmten Ideal verhält, denn nur so haben wir die Möglichkeit, in Zukunft
besser zu handeln. Es ist ganz entscheidend, daß wir so auch an das Thema Demokratie heran-
gehen; diese Methode ist der wesentlich verbreiteteren, bei der die Kriterien des Ideals so weit
15 heruntergeschraubt werden, bis wir sie ohne größere Anstrengungen erreichen können, ein-
deutig überlegen. Geht man den anderen, einfacheren Weg, drohen Selbstzufriedenheit und
Selbstgefälligkeit, und wir laufen Gefahr, blind zu werden für die Probleme, die unsere Demo-
kratien heute bedrohen.
Man fühlt sich hier an die Beiträge US-amerikanischer Politikwissenschaftler aus den fünf-
20 ziger und frühen sechziger Jahren erinnert, die lieber ihre Definition der Demokratie an die
politische Realität der USA und Großbritanniens anpaßten, als einzusehen, daß mit den politi-
schen Ordnungen dieser Länder irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. [...] Allerdings
gehen in der Gegenwart viele Autoren ganz ähnlich vor. Demokratie wird – wiederum unter
dem Einfluß der USA – zunehmend als liberale Demokratie definiert: eine historisch kontin-
25 gente Form, kein normativ wünschenswerter Zustand. Bei diesem Konzept der Demokratie
stehen folgende Aspekte im Vordergrund: die Wahlbeteiligung als wichtigster Modus der
Partizipation der Massen, große Spielräume für Lobbyisten – wobei darunter vor allem die
Lobbys der Wirtschaft verstanden werden – und eine Form der Politik, die auf Interventionen
in die kapitalistische Ökonomie möglichst weitgehend verzichtet. Für die wirkliche, umfas-
30 sende Beteiligung der Bürger und die Rolle von Organisationen außerhalb des Wirtschafts-
sektors interessieren sich die Befürworter dieses Modells allenfalls am Rande.
Die relativ niedrigen Anforderungen, die im Rahmen eines liberalen Demokratieverständnis-
ses an das Funktionieren des politischen Systems gestellt werden, führen zu einer Zufrieden-
heit, die uns blind machen kann für ein neuartiges Phänomen, das ich als »Postdemokratie«
35 bezeichnen möchte. Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor
Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, daß Regierungen ihren Abschied
nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die
öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen
Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die
40 Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schwei-
gende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im
Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen
gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft
vertreten. [...]
45 Meinem idealtypischen Modell der Demokratie am nächsten kommen Gesellschaften vermut-
lich in den ersten Jahren nach ihrer Einführung oder nach tiefen politischen Krisen; Zeiten, in
denen der Enthusiasmus für dieses politische System weitverbreitet ist; in denen sich gewöhn-
liche Menschen in vielen Gruppen und Organisationen an der Gestaltung einer politischen
Agenda beteiligen, die wirklich ihren Interessen entspricht; in Phasen, in denen jene mäch-
50 tigen Interessengruppen, die in undemokratischen Gesellschaften das Geschehen bestimmen,
auf dem falschen Fuß erwischt und in die Defensive gedrängt werden; und in Zeiten, in denen
sich das politische System noch nicht richtig auf die neuen Forderungen eingestellt hat und
nicht weiß, wie man diese manipulieren kann. [...]
Angesichts der Schwierigkeiten, die politische Realität dauerhaft dem oben skizzierten Ideal
55 anzunähern, müssen wir uns damit abfinden, daß die wahrhaft demokratischen Phasen be-
grenzt sind. Allerdings kann die Demokratie auf zwei Wegen wiederbelebt werden: Durch
Krisen und Veränderungen, die ein erneutes politisches Engagement hervorrufen; oder aber
(was in demokratischen Systemen mit universellem Wahlrecht wahrscheinlicher ist) durch
die Entstehung neuer kollektiver Identitäten, die die Form der Partizipation an Debatten und
60 Entscheidungen verändern.
Worterklärungen & Anmerkungen:
kontingent: zufällig, nicht notwendig · Partizipation: Teilhabe · Lobbyist: jemand, der Abgeordnete für seine Interessen zu gewinnen sucht · Intervention: Einmischung · Agenda: Zusammenstellung zukunftsweisender Themen · kollektive Identitäten: Gruppenbildung und Wir-Gefühl unter Bürgern mit gemeinsamen Interessen.
Zum Autor: Colin Crouch (geb. 1944) ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe.
Aufgabenstellung
1.
Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie den Verlauf seiner Argumentation. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen von Crouch mit Schumpeters Position. Stellen Sie dafür zuerst Schumpeters Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern „Eliten“ in einer Demokratie eine Rolle spielen sollten. [24 Punkte]
Hinweis: Weitere 20 Punkte entfallen auf die Darstellungsleistung gemäß den Kriterien des Ministeriums (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie den Verlauf seiner Argumentation. (26 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung zur Analyse von Colin Crouchs Textauszug aus 'Postdemokratie' gemäß den Vorgaben.
2. Vergleichen Sie die Aussagen von Crouch mit Schumpeters Position. Stellen Sie dafür zuerst Schumpeters Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)
Lösung: Darstellung von Schumpeters Demokratietheorie und differenzierter Vergleich mit Crouchs Position.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern „Eliten“ in einer Demokratie eine Rolle spielen sollten. (24 Punkte)
Lösung: Kritische Beurteilung der Positionen von Crouch und Schumpeter sowie begründete Stellungnahme zur Rolle von Eliten in der Demokratie.
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