Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Demokratie und soziale Gerechtigkeit · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 · Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang. (26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie Crouchs Aussagen mit der Position von Schumpeter. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar. (30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern „Eliten“ in einer Demokratie eine Rolle spielen sollten. (24 Punkte)
Materialgrundlage
Colin Crouch: Postdemokratie. Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm. 14. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2020, S. 8 – 20.
(Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um einen gekürzten Textausschnitt, der einen zusammenhängenden Gedankengang ergibt. Die Schreibweise folgt der Vorlage.)
Colin Crouch: Postdemokratie (2008)
1 Die Demokratie kann nur dann gedeihen, wenn die Masse der normalen Bürger wirklich die Gelegenheit hat, sich durch Diskussionen und im Rahmen unabhängiger Organisationen aktiv an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen – und wenn sie diese Gelegenheiten auch aktiv nutzt. Dieses Ideal basiert auf anspruchsvollen Vorannahmen: Es setzt voraus, daß
5 sich eine sehr große Zahl von Menschen lebhaft an ernsthaften politischen Debatten und an der Gestaltung der politischen Agenda beteiligt und nicht allein passiv auf Meinungsumfragen antwortet; daß diese Menschen ein gewisses Maß an politischem Sachverstand mitbringen und sie sich mit den daraus folgenden politischen Ereignissen und Problemen beschäftigen.
10 Vielleicht wird dieses idealtypische Modell niemals vollständig verwirklicht werden, doch wie alle utopischen Ideale gibt es uns zumindest einen wichtigen Maßstab an die Hand. Auch in unserem Kontext ist es äußerst wichtig und hilfreich, die Frage zu stellen, wie unser Handeln sich zu einem bestimmten Ideal verhält, denn nur so haben wir die Möglichkeit, in Zukunft besser zu handeln. Es ist ganz entscheidend, daß wir so auch an das Thema Demokratie herangehen; diese Methode ist der wesentlich verbreiteteren, bei der die Kriterien des Ideals so weit
15 heruntergeschraubt werden, bis wir sie ohne größere Anstrengungen erreichen können, eindeutig überlegen. Geht man den anderen, einfacheren Weg, drohen Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit, und wir laufen Gefahr, blind zu werden für die Probleme, die unsere Demokratien heute bedrohen.
20 Man fühlt sich hier an die Beiträge US-amerikanischer Politikwissenschaftler aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren erinnert, die lieber ihre Definition der Demokratie an die politische Realität der USA und Großbritanniens anpaßten, als einzusehen, daß mit den politischen Ordnungen dieser Länder irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. [...] Allerdings gehen in der Gegenwart viele Autoren ganz ähnlich vor. Demokratie wird – wiederum unter dem Einfluß der USA – zunehmend als liberale Demokratie definiert: eine historisch kontin-
25 gente 1 Form, kein normativ wünschenswerter Zustand. Bei diesem Konzept der Demokratie stehen folgende Aspekte im Vordergrund: die Wahlbeteiligung als wichtigster Modus der Partizipation 2 der Massen, große Spielräume für Lobbyisten 3 – wobei darunter vor allem die Lobbys der Wirtschaft verstanden werden – und eine Form der Politik, die auf Interventionen 4 in die kapitalistische Ökonomie möglichst weitgehend verzichtet. Für die wirkliche, umfas-
30 sende Beteiligung der Bürger und die Rolle von Organisationen außerhalb des Wirtschaftssektors interessieren sich die Befürworter dieses Modells allenfalls am Rande.
35 Die relativ niedrigen Anforderungen, die im Rahmen eines liberalen Demokratieverständnisses an das Funktionieren des politischen Systems gestellt werden, führen zu einer Zufriedenheit, die uns blind machen kann für ein neuartiges Phänomen, das ich als »Postdemokratie« bezeichnen möchte. Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, daß Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die
40 Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten. [...]
45 Meinem idealtypischen Modell der Demokratie am nächsten kommen Gesellschaften vermutlich in den ersten Jahren nach ihrer Einführung oder nach tiefen politischen Krisen; Zeiten, in denen der Enthusiasmus für dieses politische System weitverbreitet ist; in denen sich gewöhnliche Menschen in vielen Gruppen und Organisationen an der Gestaltung einer politischen Agenda 5 beteiligen, die wirklich ihren Interessen entspricht; in Phasen, in denen jene mäch-
50 tigen Interessengruppen, die in undemokratischen Gesellschaften das Geschehen bestimmen, auf dem falschen Fuß erwischt und in die Defensive gedrängt werden; und in Zeiten, in denen sich das politische System noch nicht richtig auf die neuen Forderungen eingestellt hat und nicht weiß, wie man diese manipulieren kann. [...]
55 Angesichts der Schwierigkeiten, die politische Realität dauerhaft dem oben skizzierten Ideal anzunähern, müssen wir uns damit abfinden, daß die wahrhaft demokratischen Phasen begrenzt sind. Allerdings kann die Demokratie auf zwei Wegen wiederbelebt werden: Durch Krisen und Veränderungen, die ein erneutes politisches Engagement hervorrufen; oder aber (was in demokratischen Systemen mit universellem Wahlrecht wahrscheinlicher ist) durch die Entstehung neuer kollektiver Identitäten 6, die die Form der Partizipation an Debatten und
60 Entscheidungen verändern.
Zum Autor: Colin Crouch (geb. 1944) ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe, der an verschiedenen europäischen Hochschulen gelehrt hat und sich in seinen Schriften mit der Demokratie und der sogenannten Postdemokratie befasst.
1 kontingent: zufällig, nicht notwendig
2 Partizipation: Teilhabe
3 Lobbyist: jemand, der Abgeordnete für seine Interessen zu gewinnen sucht
4 Intervention: Einmischung
5 Agenda: Zusammenstellung zukunftsweisender Themen
6 kollektive Identitäten, hier: Gruppenbildung und Wir-Gefühl unter Bürgern mit gemeinsamen Interessen
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang. (26 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den inhaltlichen Kriterien der offiziellen Vorgaben: - Fragestellung: Welchen Kriterien muss eine „idealtypische“ Demokratie genügen bzw. welche Gefahren gehen von postdemokratischen Gesellschaften aus? - Zentrale These: Eine ideale Demokratie zeichnet sich durch den autonom organisierten Gestaltungswillen politisch interessierter Bürger aus bzw. der Gefahr einer von gewählten Regierungen und Wirtschafts-Eliten bestimmten Politik muss durch Reflexion auf ein normatives Ideal begegnet werden. - Gedankengang: Definition des demokratischen Gelingens; Notwendigkeit des Ideals als Maßstab; Kritik an der rein deskriptiv-liberalen Anpassung der Demokratietheorie; Analyse des Phänomens 'Postdemokratie' (Wahl als PR-Spektakel, Politik hinter verschlossenen Türen); historische Phasen gelebter Demokratie und Wege zur Wiederbelebung (Krisen, neue kollektive Identitäten).
2. Vergleichen Sie Crouchs Aussagen mit der Position von Schumpeter. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar. (30 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung zum Vergleich der beiden Demokratietheorien: - Darstellung Schumpeters (12 P.): Demokratie als Methode; Wahlen nicht zur Verwirklichung des 'Gemeinwillens', sondern als Verfahren zur Erlangung von Führungsbefugnis im Konkurrenzkampf um Wählerstimmen; Akzeptanz von Manipulation, Elitenherrschaft und politischer Apathie der Bürger. - Einordnung (2 P.): Schumpeter als 'realistische' bzw. 'nicht-normative' / empirische Demokratietheorie. - Gemeinsamkeiten (6 P.): Beide befassen sich mit den Kriterien demokratischer Ordnung; beide betonen freie Wahlen als unverzichtbar; beide konstatieren die tatsächliche Machtausübung durch Eliten in der repräsentativen Demokratie. - Unterschiede (10 P.): Normativ-kritisches Ideal (Crouch) vs. deskriptiv-funktionales Verfahren (Schumpeter); weite Bürgerbeteiligung als Wesenskern (Crouch) vs. reine Akklamation/Wahl von Führern (Schumpeter); Manipulation als pathologische Postdemokratie (Crouch) vs. unvermeidbares Begleitphänomen (Schumpeter).
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern „Eliten“ in einer Demokratie eine Rolle spielen sollten. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle argumentative Stellungnahme: - Beurteilung Crouch (8 P.): Stärke in der Kritik an Entpolitisierung, PR-Inszenierung und Lobbyherrschaft; Schwäche/Gefahr in der Instabilität durch Krisenbeschwörung und der eventuellen Lebensfremdheit des Ideals. - Beurteilung Schumpeter (8 P.): Stärke in der nüchternen Deskription realer Machtprozesse und stabiler Institutionen; Schwäche in der Legitimitätskrise bei reiner Elitenherrschaft und der Entmündigung der Wähler. - Stellungnahme zur Rolle von 'Eliten' (8 P.): Eigene Positionierung z. B. zu funktioneller Notwendigkeit von Expertise und Führung versus Erfordernis partizipativer Kontrolle, Transparenz und Einbindung der Bürger über Wahlen hinaus.
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