Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Demokratie und soziale Gerechtigkeit · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und welche zentrale These Hofstetter vertritt, und erarbeiten Sie deren Gedankengang. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie Hofstetters Position mit der von Schumpeter. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern das Internet in einer Demokratie ein sinnvolles Mittel der Meinungsbildung und der politischen Partizipation darstellt. [24 Punkte]
Materialgrundlage
Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt. München 2018, S. 402, 408 und 412–414.
(Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um einen gekürzten Textausschnitt, der einen zusammenhängenden Gedankengang ergibt. Die Schreibweise folgt der Vorlage.)
Yvonne Hofstetter: Gefährdete Demokratie (2018)
1 Jüngere Generationen, die in eine digitale Welt hineinwachsen, und generell alle Menschen,
2 die die Digitalisierung für sich entdeckt und einige Medienkompetenz entwickelt haben, wer-
3 den es nicht gerne hören: Die Digitalisierung ist kein Spielzeug, dem man mit verantwortungs-
4 vollem Umgang schon Herr werden könnte. […] Die neuen digitalen Technologien und Ge-
5 schäftsmodelle gefährden die demokratische Gesellschaft. […]
6 Nach der Erschöpfung der drei […] Güter des klassischen Kapitalismus – Arbeit, Boden,
7 Geld – […] ist die Einführung eines neuen fiktiven Gutes – Daten – neuer Hoffnungsträger.
8 Daten verwickeln Menschen rund um den Globus in den Informationskapitalismus, die neueste
9 Form der Ökonomie. Neu ist sein Mangel an Stofflichkeit. Neu für die Mehrheit der Men-
10 schen ist auch, dass sie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte nicht nur mit ihrer
11 menschlichen Arbeit, sondern auch mit ihren persönlichen Daten am Wirtschaften teilnehmen,
12 auch wenn sich die Teilhabe am Informationskapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts auf
13 die Ausbeutung persönlicher Daten ohne Gegenleistung beschränkt.
14 Doch ganz langsam regt sich ein diffuses Gefühl des Unbehagens. Anwender nehmen wahr,
15 dass sie „Produkt und nicht Kunde“ der Informationsökonomie geworden und so einem Pro-
16 zess der Depersonalisierung unterworfen sind. […]
17 Die demokratische Gesellschaft, erklärt Hannah Arendt in ihrem Lebenswerk Human Condition
18 1958, braucht öffentliche Räume. Im öffentlichen Raum kann eine neue Welt entstehen, in
19 der man wie in einem Weltmodell erfahren kann, wie die Welt funktioniert. Im öffentlichen
20 Raum sind die Mittel des Verstehens nicht Variablen und ihre Zusammenhänge wie in einem
21 Weltmodell, sondern die Menschen selbst. Sie treten zueinander in Beziehung, verbinden sich,
22 werden gemeinsam kreativ und politisch tätig, um die Gesellschaft mitzugestalten. Dazu ge-
23 hören aufmerksames Zuhören, der Respekt vor der anderen Meinung, die erst die Pluralität
24 einer Gesellschaft ausmacht, und das empathische Mitfühlen der anderen Auffassung.
25 In der Öffentlichkeit können Individuen Identifikation und Solidarität herstellen, und zwar
26 „von unten her“, bottom up, etwa so wie es bei Demonstrationen der Fall ist. Jede Blockupy-
27 Veranstaltung, jede Straßenblockade junger Hongkong-Chinesen, die für mehr Demokratie
28 plädieren, schafft einen solchen öffentlichen Raum.
29 Wenn es um das Sichverbinden und um Kreativität geht, könnte die wichtigste Infrastruktur
30 digitaler Kommunikation, das Internet, öffentlicher Raum par excellence sein. Öffentlicher
31 Raum besteht nicht wie ein Wohnzimmer, das Menschen betreten, um sich zu treffen und aus-
32 zutauschen. Es verhält sich umgekehrt: Menschen verbinden sich miteinander und schaffen
33 so einen öffentlichen Raum. Im öffentlichen Raum gestalten sie die Gesellschaft und werden
34 politisch aktiv.
35 Doch der Raum des Internets ist nicht frei. […] Denn der im frühen Informationskapitalismus
36 entstandene digitale Raum wird von kommerziellen Einrichtungen dominiert. Deshalb ist es
37 auch die marktbeherrschende Stellung der Internetgiganten, die „Gestaltung und Nutzung“
38 des digitalen Raums wesentlich bestimmt. Deshalb glauben GAFAM, das Internet „gehöre“
39 ihnen. Ihre Marktmacht allein genügt, den digitalen Raum zu korrumpieren und die Anwen-
40 der politisch zu entmachten. Wo freier, ungestörter Zugang zu Information herrschen sollte,
41 bestimmen algorithmische Filter und maschinell erstellte Anwenderprofile, was zu lesen, zu
42 denken, zu fühlen und zu debattieren ist. Beziehungen zwischen Individuen, die Grundlage
43 des öffentlichen Raums, sind nicht mehr fundiert, wenn es sich um „Freundschaften“ in sozia-
44 len Netzwerken handelt.
45 Algorithmische Filter und Profile fragmentieren die Gesellschaft und hindern sie daran, […]
46 das Internet auch als öffentlichen Raum für sich zu reklamieren und seine Freiheit einzufor-
47 dern. Das Internet könnte öffentlicher Raum sein und ist es dennoch nicht, weil die Voraus-
48 setzungen hierzu nicht gegeben sind – und das bei gleichzeitiger Überwachung durch staat-
49 liche Geheimdienste und Verhaltenskontrolle durch private Wirtschaftsgiganten.
50 Das Internet oder wenigstens einen Teil davon als freien öffentlichen Raum herzustellen, wäre
51 vordringliche Aufgabe der Politik. Die Marktmacht der Internetgiganten und der Raum des
52 Internets müssen entkoppelt werden. Entweder sind die Internetgiganten zu entmachten – oder
53 man schafft sich einen zweiten unabhängigen digitalen Raum, jetzt primär aus politischem
54 Willen statt aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen. […]
55 Die diffuse Beunruhigung der Menschen über ihre Depersonalisierung müsste dazu führen,
56 ein öffentliches Internet einzufordern, weniger aufgrund abstrakter Überlegungen zur Freiheit
57 oder zu sonstigen verfassungsrechtlichen Garantien. Was sie bewegen sollte, ist die Frage
58 nach einem „guten Leben“ in digitalen Zeiten. Wie sieht das Narrativ für das 21. Jahrhundert
59 aus? Wollen Menschen ohne Angst vor Totalkontrolle durch den Staat oder durch Private
60 leben? Wollen sie Chancen auf Bildung und Wohlstand wahrnehmen können, ohne dass sie
61 dafür ein bestimmtes Profil oder digitales Punktekonto nachweisen müssen? Wollen sie, dass
62 ihre Leistungen und Bedürfnisse von Menschen statt Maschinen beurteilt werden? Wollen
63 sie die soziale Vielfalt schützen, die Pluralität von Individuen und Meinungen?
Anmerkungen zum Text:
1 Depersonalisierung, hier: nicht als aktiv entscheidungsfähige Person behandelt werden.
2 Die Blockupy-Bewegung setzte sich nach Beginn der Bankenkrise in öffentlichen Aktionen gegen die wirtschaftliche Macht und die staatliche Rettung von Banken ein, die aus ihrer Sicht private Gewinne auf Kosten der Gesamtgesellschaft für sich in Anspruch nahmen.
3 par excellence, hier: am besten geeignet
4 GAFAM: Akronym für die auch Big Five genannten US-amerikanischen Technologie-Unternehmen Google (Alphabet), Amazon, Facebook, Apple und Microsoft.
5 Narrativ: sinnstiftende Erzählung, die Einfluss darauf hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird.
Zur Autorin: Yvonne Hofstetter (*1966) ist eine deutsche Essayistin und Sachbuchautorin.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und welche zentrale These Hofstetter vertritt, und erarbeiten Sie deren Gedankengang.
Lösung: Ausarbeitung zu Fragestellung, zentraler These, Gedankengang und argumentativem Aufbau gemäß amtlichem Kriterienkatalog (Teilaufgabe 1).
2. Vergleichen Sie Hofstetters Position mit der von Schumpeter. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar.
Lösung: Ausarbeitung zu Schumpeters Demokratietheorie sowie Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Vergleich zu Hofstetter gemäß amtlichem Kriterienkatalog (Teilaufgabe 2).
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern das Internet in einer Demokratie ein sinnvolles Mittel der Meinungsbildung und der politischen Partizipation darstellt.
Lösung: Ausarbeitung zur kritischen Beurteilung beider Ansätze und begründete Stellungnahme zur demokratischen Rolle des Internets (Teilaufgabe 3) sowie Darstellungsleistung.
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