Abitur NRW Philosophie 2022 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Philosophie in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Freiheit und Determinismus. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Freiheit und Determinismus · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Ethische Fallerörterung: Utilitarismus und Kant · Demokratie und soziale Gerechtigkeit

Aufgabe 1 · Freiheit und Determinismus

Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabe 1

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These von Wuketits lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte des Autors. (26 Punkte)

2.

Vergleichen Sie die Aussagen von Wuketits mit den entsprechenden Gedanken Sartres. Stellen Sie hierfür zuerst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Behauptung, die Wuketits an späterer Stelle des Textes aufstellt:

„ Was einen Menschen als Person definiert, hängt von seinem Gehirn ab […], jenem Organ […], das schließlich unsere Gattung zu dem gemacht hat, was sie heute ist – ein Wesen mit der Fähigkeit, über sich selbst, seine Vergangenheit und mögliche Zukunft nachzudenken und sich sogar autonom und frei zu wähnen. Diese Erkenntnis braucht uns nicht zu kränken, ist doch unser Gehirn ein Teil von uns und nicht etwa irgendeine Kraft, die uns von außen beeinflusst. “ (24 Punkte)

Materialgrundlage

Franz M. Wuketits: Die Illusion des freien Willens (2008)

Wie lebt es sich mit dem Bewusstsein, dass Willensfreiheit nur eine Illusion ist? […]

1 Vor einigen Jahren vergaß ein junger Amerikaner seine kleine Tochter im Auto. Statt sie, wie

täglich auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, im Kinderhort abzuliefern, hatte er sie mitge-

nommen und im Auto gelassen. Der Säugling erstickte im geschlossenen Wagen, der den

ganzen Tag bei gleißender Hitze auf einem Parkplatz stand. Das ist eine schreckliche Bege-

5 benheit. Natürlich wird man den Mann als verantwortungslosen Vater verachten, aber er hat

auch Mitleid verdient. Nehmen wir an, dass er kein schlechter Mensch ist und seinem Kind

die übliche väterliche Zuneigung entgegenbrachte, dann ist er durch dieses furchtbare Ereignis

für den Rest seines Lebens bestraft.

9 Was war geschehen? Aus irgendwelchen Gründen muss der Mann an jenem Tag geistesabwe-

10 send, mit etwas gedanklich so stark beschäftigt gewesen sein, dass alles andere – selbst sein

kleines Kind – vorübergehend aus seinem Kopf verschwand. Er hatte gewiss nicht die Ab-

sicht, seine Tochter zu gefährden, war aber auch nicht im Stande, so zu handeln, dass das

Kind unversehrt blieb. Von freiem Willen wird man dabei jedenfalls nicht reden können.

Möglicherweise wäre es dem Mann ein – sehr schwacher – Trost, zu wissen, dass er nicht

15 „frei“ gehandelt hat.

16 Wohl jeder kennt andere, viel harmlosere Beispiele, die ebenfalls Zweifel daran aufkommen

lassen, dass der Mensch kraft seines freien Willens handelt. Freilich, die meisten bekamen

schon in der Schule zu hören, dass der Mensch mit Verstand und einem freien Willen ausge-

stattet sei, was ihn unter allen Lebewesen auszeichne. Und im Allgemeinen glauben wir auch,

20 dass wir uns frei entscheiden, zwischen Alternativen frei wählen können. Aber können wir

das wirklich? Viele Hirnforscher verneinen das. Jeder Mensch sei, meint zum Beispiel Wolf

Singer, wie er eben ist, und kann nicht anders sein. Das Gehirn gebe den Ton an, der Mensch

führe nur aus, was sein Hirn ihm sagt. Aus Sicht der Evolutionsbiologie sieht die Sache ähn-

lich aus. Natürlich ist das Gehirn nicht eine vom Rest unserer physischen Existenz losgelöste

25 Instanz, aber es ist das Steuerungszentrum unserer Wahrnehmungen, unseres Denkens, Han-

delns und Wollens. […]

27 Von der Evolution wurden wir mit Dispositionen 1 ausgestattet, gegen die wir uns im Sinne des

Überlebens nicht entscheiden können, die aber umgekehrt sehr wohl unsere Entscheidungen

beeinflussen und unser Handeln steuern – oft in stärkerem Maße als uns angenehm ist. So kön-

30 nen wir uns beispielsweise nicht gegen den Schlaf entscheiden. Zwar können wir vorüberge-

hend gegen Schläfrigkeit ankämpfen, aber irgendwann fallen wir buchstäblich um.

32 Entscheidungen zu treffen ist immer eine Frage der Rahmenbedingungen. Äußere Faktoren

spielen eine große Rolle, vor allem, wenn es um die Sicherung von Nahrungsressourcen geht.

In der Not frisst der Teufel auch Fliegen, weiß der Volksmund; und in der Tat haben wir bei

35 knappen Ressourcen keinen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsspielraum, sondern

nehmen, was wir zwischen die Zähne kriegen. Sitzen wir an einer mit Köstlichkeiten gedeck-

ten Tafel, ist es anders – aber ob wir uns lieber am Kalbsbraten, am gedünsteten Lachs oder

an gebackenem Gemüse delektieren 2, hängt wiederum von einer Reihe „Vorentscheidungen“

ab, die unser Gehirn trifft und die uns nicht bewusst sind.

40 Wir sind nämlich nicht nur als Gattung – evolutionär – bebürdet 3, sondern auch von unserer

jeweils eigenen Biografie. Jede und jeder von uns ist beladen mit einer Fülle an Wahrnehmun-

gen, Erlebnissen, Eindrücken und Erinnerungen, die mit zunehmendem Alter naturgemäß

immer mehr werden, die wir zum Teil verdrängen – sonst wäre es nicht auszuhalten –, aber

nicht auslöschen können. In einer entsprechenden Situation dringt, ob wir wollen oder nicht,

45 gar manches wieder an die Oberfläche. Frühe Prägungen beeinflussen unsere Entscheidungen

und unser Handeln erheblich. […] Die Vorliebe für bestimmte Speisen, die Angst vor Schlan-

gen, die Abneigung gegen rote Socken […], die Lust am Kartenspiel – nichts kommt von

ungefähr, doch alles, was wir je erlebt und gelernt haben, beeinflusst unser Denken, unser

Handeln und unsere Entscheidungen. So, wie wir als Spezies den Affen in uns nicht abstrei-

50 fen können, können wir auch die uns individuell prägenden Erfahrungen und Erlebnisse nicht

„vergessen“. Sie sind unsere ständigen Begleiter; manchmal halten sie sich im Verborgenen,

manchmal aber treten sie in geradezu unangenehmer Manier hervor und können uns in gesell-

schaftliche Kalamitäten 4 bringen.

54 […] Ich möchte festhalten, dass der freie Wille in der Tat bloß eine Illusion ist, wenn auch

55 eine nützliche. Sicher, niemand kann leugnen, dass wir einen Willen haben (den wir im Übri-

gen ebenso auch anderen Primaten, sowie Hunden, Katzen und noch verschiedenen Tieren

einräumen dürfen), doch ist dieser Wille nicht frei, sondern eingebunden in einen Komplex

psychischer Phänomene, die ihre ebenso komplexe Geschichte haben. Warum aber soll die

Illusion des freien Willens nützlich sein? Die Vorstellung, etwas sozusagen aus sich heraus,

60 allein und autonom bewirkt zu haben, vermittelt uns im Allgemeinen positive Gefühle. Schon

ein prähistorischer Mensch, der mit einem einfachen Steinwerkzeug einen Ziegenbock er-

schlug – und damit sich und den Seinen eine Mahlzeit sicherte –, wird von dem befriedigen-

den Gefühl „Das war ich!“ ergriffen worden sein.

64 „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“, sagt man gemeinhin. Das ist sicher nicht ganz falsch,

65 denn der Wille kann vieles bewirken. Fragt man aber, warum jemand dieses oder jenes will,

dann kommt man wiederum zu jenem Komplex unbewusst wirkender Faktoren, die den Wil-

len kontrollieren. Wie der Philosoph Peter Bieri bemerkt: „Unser Wille entsteht nicht im luft-

leeren Raum. Was wir wünschen und welche unserer Wünsche handlungswirksam werden,

hängt von vielen Dingen ab, die nicht in unserer Verfügungsgewalt liegen.“ Und selbstver-

70 ständlich wissen wir, dass manches, was wir wollen, nicht realisierbar ist. Gelegentlich aber

staunen wir darüber, was uns so alles gelingt.

1 Dispositionen, hier: Veranlagungen

2 delektieren: sich an einer Sache erfreuen, sich ergötzen, sich gütlich tun

3 bebürdet, hier: belastet

4 Kalamitäten, hier: Konflikt(lage), Reibereien

Zum Autor: Franz M. Wuketits (1955–2018) war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Seine Forschungsgebiete waren u. a. Evolutionstheorie und evolutionäre Ethik und Erkenntnistheorie.

Aufgabe 2 · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles)

Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie seinen Gedankengang. [26 Punkte]

2. Vergleichen Sie die Aussagen Ciceros mit vergleichbaren Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie zu der Frage Stellung, ob bzw. inwiefern Vernunft und Selbstbeherrschung bedeutsame Bedingungen für ein glückliches Leben darstellen. [24 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage:

Cicero: Gespräche in Tusculum (45 v. Chr.)

1 [D]aß Du auch Herr über Dich seiest […] [,] tönt allerdings sonderbar, als ob wir zwei Wesen seien, von denen das eine regiert und das andere gehorcht. Dennoch sagt man dies nicht unüberlegt. Denn die Seele ist in zwei Teile geteilt, deren einer vernunftbegabt ist, der andere vernunftlos. Wenn uns also befohlen wird, uns selbst zu beherrschen, so wird befohlen, daß

5 die Vernunft die Leidenschaft beherrsche. In der Seele aller Wesen gibt es von Natur etwas Weiches, Nachgiebiges, Niedriges, gewissermaßen Gelähmtes und Mattes. Wenn es nichts anderes gäbe, gäbe es nichts Mißgestalteteres als den Menschen. Aber es gibt auch die Herrin und Königin über Alles, die Vernunft, die in sich gesammelt und entwickelt zur vollkommenen Tugend wird. Daß sie jenen Seelenteil regiere, der dienen soll, dafür zu sorgen ist die Auf-

10 gabe des Mannes. […] Bei ihm gehorcht der weichere Seelenteil so der Vernunft wie einem strengen Feldherrn ein Soldat mit Ehrgefühl.

Wer aber die vollkommene Weisheit besitzt – so jemanden haben wir bis jetzt noch nicht erlebt; aber in den Lehren der Philosophen wird gezeigt, wie ein solcher sein wird, wenn es ihn einmal geben sollte –, dieser also, oder die Vernunft, die als eine vollkommene und abge-

15 schlossene in ihm sein wird, wird derart dem untergeordneten Teile befehlen wie ein gerechter Vater tüchtigen Söhnen: mit einem Wink wird er erreichen, was er will, ohne Mühe, ohne Umstände. […]

Wenn nun, wie wir an anderer Stelle von der Tugend gesagt haben und öfters wiederholen werden (denn die meisten Fragen, die sich auf Leben und Handeln beziehen, haben ihren Ur-

20 sprung in der Tugend), wenn also die Tugend eine beständige und angemessene Verfassung der Seele ist, und jene lobwürdig macht, bei denen sie ist, und selbst lobenswert ist, auch wenn man sie vom Nutzen trennt und für sich betrachtet, so entstehen aus ihr der tugendhafte Wille, die Gesinnung, das Handeln und jede rechte Einsicht, auch wenn die Tugend selbst mit einem Wort als rechte Einsicht bezeichnet werden kann. Dieser Tugend entgegengesetzt ist die Las-

25 terhaftigkeit […]. Aus ihr erregen sich die Leidenschaften, die, wie wir kurz zuvor gesagt haben, wirre und erregte Bewegungen der Seele sind, der Einsicht abgewandt und dem Geiste und dem ruhigen Leben so feindlich als möglich. Denn sie bringen angstvolle und bittere Sorgen heran, drücken die Seele und schwächen sie durch die Furcht. Ebenso entflammen sie durch allzu heftiges Begehren, was wir bald Begierde, bald Genußsucht nennen, eine Unbe-

30 herrschtheit der Seele, die zur Mäßigung und Bescheidenheit im äußersten Gegensatz steht. […] Diese Übel also sind allein durch die Tugend heilbar. […]

Wer nun immer in Bescheidenheit und Ruhe friedlichen Geistes ist und mit sich selbst einig, so daß er weder durch Ärger verzehrt wird noch durch Angst gebrochen, noch dürstend etwas erstrebt und von Sehnsucht brennt, noch sich in nichtiger ausgelassener Lustigkeit auflöst, der

35 ist der Weise, den wir suchen, und der Glückselige, dem nichts Menschliches so unerträglich zu sein scheint, daß er in seiner Seele verzweifelt, noch auch so vergnüglich, daß es ihn zur Ausgelassenheit triebe.

Denn was kann dem an menschlichen Dingen groß erscheinen, dem die ganze Ewigkeit und die Größe des ganzen Kosmos bekannt ist? Was kann bei den menschlichen Bemühungen

40 und in der Kürze des Lebens dem Weisen groß erscheinen, der in seinem Geist stets so wach ist, daß ihm nichts Unerwartetes geschehen kann, nichts Unvermeintes 1, nichts überhaupt Neues?

Er richtet die Schärfe seines Blickes derart auf alle Richtungen, daß er immer einen Ort erblickt, wo er ohne Ärger und Angst sich wird aufhalten und die zufällige Lage, wie immer

45 sie ihm das Schicksal zubereitet, angemessen und ruhig wird ertragen können. Wer dies tut, wird nicht nur frei von Kummer sein, sondern auch von allen übrigen Leidenschaften. Ein Geist, der von diesen frei ist, führt zur vollkommenen und unbedingten Glückseligkeit. Wird er aber aufgehetzt und weggerissen von der unverletzten und sichern Einsicht, so verliert er nicht nur seine Beständigkeit, sondern auch seine Gesundheit.

50 Darum muß man die Lehre und die Bücher [derer] für weichlich und entnervt halten, die behaupten, die Seele werde notwendigerweise von Leidenschaften erfaßt, doch solle ein gewisses Maß festgehalten werden, über das man nicht hinausgehen dürfe. Willst Du bei einem Laster von Maß reden? […]

Wer also im Fehler ein Maß sucht, tut Ähnliches, wie wenn er meinte, einer, der sich vom

55 Leukadischen Felsen 2 hinunterstürzt, könne sich im Falle aufhalten, wann er wolle. Wie er nun dies nicht kann, so kann auch ein durch Leidenschaft aufgehetzter Geist sich nicht mehr zurückhalten und nicht stehen bleiben, wo er will, und überhaupt: was gefährlich ist, wenn es herangewachsen ist, das ist schon schädlich, wenn es entsteht. Kummer und die übrigen Leidenschaften sind, wenn sie groß geworden sind, sicherlich verderblich. Also bergen sie

60 schon einen großen Teil ihrer Gefährlichkeit, sobald sie entstanden sind. Sie treiben sich nämlich selbst an, sobald man einmal die Vernunft preisgegeben hat; die Schwäche gibt sich selbst nach, gleitet unversehens ab zur Tiefe und findet keinen Ort mehr, wo sie standhalten kann. Darum macht es keinen Unterschied, ob man nun maßvolle Leidenschaften billigt oder maßvolle Ungerechtigkeit, maßvolle Feigheit oder maßvolle Zügellosigkeit. Wer nämlich den

65 Fehlern ein Maß zugibt, der nimmt einen Teil von ihnen an.

1 Unvermeintes: Unvermutetes

2 Leukadischer Felsen: weißer Felsen auf der Insel Leukas, von dem sich die griechische Sängerin Sappho aus unerwiderter Liebe zu einem schönen Jüngling in den Tod gestürzt haben soll.

Cicero: Gespräche in Tusculum. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterung versehen von Olof Gigon. Zürich und München 1984, S. 129 f., 188 – 192

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Demokratie und soziale Gerechtigkeit

Abiturprüfung 2022 · Philosophie, Grundkurs · PL GK HT 3

Materialgrundlage

Colin Crouch: Postdemokratie (2008). Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm. 14. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2020, S. 8–20. (Gekürzter Textausschnitt).

1 Die Demokratie kann nur dann gedeihen, wenn die Masse der normalen Bürger wirklich die

Gelegenheit hat, sich durch Diskussionen und im Rahmen unabhängiger Organisationen aktiv

an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen – und wenn sie diese Gelegenheiten

auch aktiv nutzt. Dieses Ideal basiert auf anspruchsvollen Vorannahmen: Es setzt voraus, daß

5 sich eine sehr große Zahl von Menschen lebhaft an ernsthaften politischen Debatten und an

der Gestaltung der politischen Agenda beteiligt und nicht allein passiv auf Meinungsumfragen

antwortet; daß diese Menschen ein gewisses Maß an politischem Sachverstand mitbringen

und sie sich mit den daraus folgenden politischen Ereignissen und Problemen beschäftigen.

Vielleicht wird dieses idealtypische Modell niemals vollständig verwirklicht werden, doch wie

10 alle utopischen Ideale gibt es uns zumindest einen wichtigen Maßstab an die Hand. Auch in

unserem Kontext ist es äußerst wichtig und hilfreich, die Frage zu stellen, wie unser Handeln

sich zu einem bestimmten Ideal verhält, denn nur so haben wir die Möglichkeit, in Zukunft

besser zu handeln. Es ist ganz entscheidend, daß wir so auch an das Thema Demokratie heran-

gehen; diese Methode ist der wesentlich verbreiteteren, bei der die Kriterien des Ideals so weit

15 heruntergeschraubt werden, bis wir sie ohne größere Anstrengungen erreichen können, ein-

deutig überlegen. Geht man den anderen, einfacheren Weg, drohen Selbstzufriedenheit und

Selbstgefälligkeit, und wir laufen Gefahr, blind zu werden für die Probleme, die unsere Demo-

kratien heute bedrohen.

Man fühlt sich hier an die Beiträge US-amerikanischer Politikwissenschaftler aus den fünf-

20 ziger und frühen sechziger Jahren erinnert, die lieber ihre Definition der Demokratie an die

politische Realität der USA und Großbritanniens anpaßten, als einzusehen, daß mit den politi-

schen Ordnungen dieser Länder irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. [...] Allerdings

gehen in der Gegenwart viele Autoren ganz ähnlich vor. Demokratie wird – wiederum unter

dem Einfluß der USA – zunehmend als liberale Demokratie definiert: eine historisch kontin-

25 gente Form, kein normativ wünschenswerter Zustand. Bei diesem Konzept der Demokratie

stehen folgende Aspekte im Vordergrund: die Wahlbeteiligung als wichtigster Modus der

Partizipation der Massen, große Spielräume für Lobbyisten – wobei darunter vor allem die

Lobbys der Wirtschaft verstanden werden – und eine Form der Politik, die auf Interventionen

in die kapitalistische Ökonomie möglichst weitgehend verzichtet. Für die wirkliche, umfas-

30 sende Beteiligung der Bürger und die Rolle von Organisationen außerhalb des Wirtschafts-

sektors interessieren sich die Befürworter dieses Modells allenfalls am Rande.

Die relativ niedrigen Anforderungen, die im Rahmen eines liberalen Demokratieverständnis-

ses an das Funktionieren des politischen Systems gestellt werden, führen zu einer Zufrieden-

heit, die uns blind machen kann für ein neuartiges Phänomen, das ich als »Postdemokratie«

35 bezeichnen möchte. Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor

Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, daß Regierungen ihren Abschied

nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die

öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen

Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die

40 Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schwei-

gende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im

Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen

gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft

vertreten. [...]

45 Meinem idealtypischen Modell der Demokratie am nächsten kommen Gesellschaften vermut-

lich in den ersten Jahren nach ihrer Einführung oder nach tiefen politischen Krisen; Zeiten, in

denen der Enthusiasmus für dieses politische System weitverbreitet ist; in denen sich gewöhn-

liche Menschen in vielen Gruppen und Organisationen an der Gestaltung einer politischen

Agenda beteiligen, die wirklich ihren Interessen entspricht; in Phasen, in denen jene mäch-

50 tigen Interessengruppen, die in undemokratischen Gesellschaften das Geschehen bestimmen,

auf dem falschen Fuß erwischt und in die Defensive gedrängt werden; und in Zeiten, in denen

sich das politische System noch nicht richtig auf die neuen Forderungen eingestellt hat und

nicht weiß, wie man diese manipulieren kann. [...]

Angesichts der Schwierigkeiten, die politische Realität dauerhaft dem oben skizzierten Ideal

55 anzunähern, müssen wir uns damit abfinden, daß die wahrhaft demokratischen Phasen be-

grenzt sind. Allerdings kann die Demokratie auf zwei Wegen wiederbelebt werden: Durch

Krisen und Veränderungen, die ein erneutes politisches Engagement hervorrufen; oder aber

(was in demokratischen Systemen mit universellem Wahlrecht wahrscheinlicher ist) durch

die Entstehung neuer kollektiver Identitäten, die die Form der Partizipation an Debatten und

60 Entscheidungen verändern.

Worterklärungen & Anmerkungen:

kontingent: zufällig, nicht notwendig · Partizipation: Teilhabe · Lobbyist: jemand, der Abgeordnete für seine Interessen zu gewinnen sucht · Intervention: Einmischung · Agenda: Zusammenstellung zukunftsweisender Themen · kollektive Identitäten: Gruppenbildung und Wir-Gefühl unter Bürgern mit gemeinsamen Interessen.

Zum Autor: Colin Crouch (geb. 1944) ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe.

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie den Verlauf seiner Argumentation. [26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie die Aussagen von Crouch mit Schumpeters Position. Stellen Sie dafür zuerst Schumpeters Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern „Eliten“ in einer Demokratie eine Rolle spielen sollten. [24 Punkte]

Hinweis: Weitere 20 Punkte entfallen auf die Darstellungsleistung gemäß den Kriterien des Ministeriums (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabe 4 · Ethische Fallerörterung: Utilitarismus und Kant

Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung

Erörtern Sie das philosophische Problem, das im Fallbeispiel sichtbar wird, indem Sie

Triage¹: Wie wird über die Intensivbettenvergabe entschieden?

„Mit der steigenden Zahl von Corona-Patienten steigt auch der Anteil der schweren Krankheitsverläufe. Wer einen Platz auf der Intensivstation bekommt, wird im Zweifel nach dem Triage-Prinzip entschieden. […]

Wenn man auf der Intensivstation einen älteren, an Covid-19 erkrankten Patienten habe, der beatmet werde […] und […] nur eine Überlebenschance von 30 bis 50 Prozent habe und dann komme ein 35-jähriger Corona-Patient mit einem schweren Verlauf, der kleine Kinder hat, müssten Ärzte eine Entscheidung treffen, so Drosten². Das gelte vor allem, weil der 35-Jährige aufgrund seines Verlaufs innerhalb kurzer Zeit sterben würde, wenn er nicht beatmet wird.“

¹ Triage (franz.): Auswahl, Sichtung; im medizinischen Kontext ein Verfahren, das eine schnelle und orientierende Einteilung der Betroffenen in unterschiedliche Kategorien vornimmt und im Falle begrenzter medizinischer Ressourcen über die Gewährung erforderlicher Behandlungen entscheidet.

² Christian Drosten: Professor und Institutsdirektor an der Berliner Charité; Leiter des Fachbereichs Virologie

1.

das ethische Problem, das sich den Ärzten im Fallbeispiel bei ihrer Entscheidung stellt, benennen und seine zentralen Aspekte analysieren. (16 Punkte)

2.

das ethische Problem der im Fallbeispiel zu treffenden Entscheidung aus der Perspektive der utilitaristischen und der Kantischen Ethik erläutern und beurteilen sowie dabei die maßgeblichen Grundsätze dieser beiden Positionen darstellen. (48 Punkte)

3.

abwägend zu der Frage Stellung nehmen, ob für die Triage in Pandemiesituationen verbindliche Kriterien festgelegt werden sollten. (16 Punkte)

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