Aufgabe 1 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2023

Thema: Programmmusik und absolute Musik · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 · Musik, Leistungskurs

Aufgabe 1: Analyse und Interpretation von Johannes Brahms' Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1

Zwar gelten in der Debatte des 19. Jahrhunderts um „absolute“ und „programmatische“ Musik der Komponist Johannes Brahms (1833 – 1897) und der Musikkritiker Eduard Hanslick (1825 – 1904) als Verfechter des Ideals einer Musik, die ohne Bezug auf ein außermusikalisches Programm aus sich heraus verständlich ist. Doch war ihnen die Rolle poetischer Anregungen für die Entstehung sowie den Nachvollzug musikalischer Kompositionen bewusst. So gab Brahms im Untertitel seiner Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1 für Klavier den Hinweis, das Stück sei „Nach der schottischen Ballade ‚Edward‘“ komponiert worden. Eduard Hanslick stellte fest:

„Die Musik wird zwar nimmermehr im Stande sein, das bestimmte Object auszudrücken oder dessen wesentliche Merkmale so darzustellen, daß man sie ohne die Überschrift erkenne, – allein sie mag immerhin die Grundstimmung davon nehmen und mit der deutlichen Benennung an der Stirne wenigstens anspielend, wenn auch nicht darstellend wirken. Die Hauptbedingung wird immer bleiben, daß die Musik allem Titel und Programm zutrotz doch immer auf ihren eigenen Gesetzen ruhe, so daß sie auch ohne Programm einen in sich klaren selbstständigen Eindruck mache.“

Ihnen liegen vor:

der Text der schottischen Ballade Edward,

die Übersetzung der Spielanweisungen,

der Notentext der Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1 von Johannes Brahms,

die Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1 als Hörbeispiel.

Traditionell (schottisch): Edward (übersetzt und herausgegeben von Johann Gottfried Herder)

»Dein Schwert, wie ist’s von Blut so roth,

Edward, Edward?

Dein Schwert, wie ist’st von Blut so roth

Und gehst so traurig her? — O!«

»O, ich hab’ geschlagen meinen Geier todt,

Mutter, Mutter!

O, Ich hab’ geschlagen meinen Geier todt,

Und keinen hab’ ich wie er — O!«

»Dein’s Geiers Blut ist nicht so roth,

Edward, Edward!

Dein’s Geiers Blut ist nicht so roth,

Mein Sohn, bekenn’ mir frei — O!«

»O, ich hab’ geschlagen mein Rothroß todt,

Mutter, Mutter!

O, Ich hab’ geschlagen mein Rothroß todt,

Und ’s war so stolz und treu — O!«

»Dein Roß war alt, und hast’s nicht’ noth,

Edward, Edward!

Dein Roß war alt und hast’s nicht noth,

Dich drückt ein andrer Schmerz — O!«

»O, ich hab’ geschlagen meinen Vater todt!

Mutter, Mutter!

O, ich hab’ geschlagen meinen Vater todt,

Und weh, weh ist mein Herz! — O!«

»Und was für Buße willt Du nun thun,

Edward, Edward?

Und was für Buße willt Du nun thun?

Mein Sohn, bekenn’ mir mehr — O!

»Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,

Mutter, Mutter!

Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,

Will gehn fern übers Meer! — O!«

»Und was soll werden Dein Hof und Hall?

Edward, Edward!

Und was soll werden Dein Hof und Hall?

So herrlich sonst und schön? — O!«

»Ich laß es stehn, bis es sink’ und fall’,

Mutter, Mutter!

Ich laß es stehn, bis es sink’ und fall’,

Mag nie es wiedersehn! — O!«

»Und was soll werden Dein Weib und Kind,

Edward, Edward?

Und was soll werden Dein Weib und Kind,

Wann du gehst über Meer? — O!«

»Die Welt ist groß, laß sie betteln drin,

Mutter, Mutter!

Die Welt ist groß, laß sie betteln drin,

Ich seh’ sie nimmermehr! — O!«

»Und was willt Du lassen Deiner Mutter theu’r,

Edward, Edward?

Und was willt Du lassen Deiner Mutter theu’r?

Mein Sohn, das sage mir? — O!«

»Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feu’r,

Mutter, Mutter!

Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feu’r,

Denn Ihr, Ihr riethet’s mir! — O!«

Übersetzung der Spielanweisungen

Andante · gehend, in mäßig langsamem Tempo

dimin(uendo) · verschwindend, ersterbend, leiser werdend

Poco più mosso · ein wenig bewegter/schneller

Tempo I. (Tempo primo) · im Anfangstempo

sostenuto · getragen, bedeutungsvoll

Allegro. (ma non troppo) · schnell (aber nicht zu sehr)

col espr.(essivo) Ped(ale) · ausdrucksvoll mit (Forte-)Pedal (= Aufhebung der Saitendämpfung, sodass die Saiten nach Loslassen der Taste weiterklingen)

ben tenuto · (Töne) gut aus-/durchgehalten

m(ain) d(roite) · rechte Hand

sempre · immer

grandioso · großartig, erhaben

pesante · wuchtig, pathetisch

marc(ato) · markiert, hervorgehoben zu spielen

poco a poco riten(uto) e dimin(uendo) · allmählich langsamer und leiser werden

sotto voce · gedämpft zu spielen

stacc(ato) e p(iano) · staccato (wie gezupft) und leise zu spielen

dim(inuendo) ma sempre in tempo · verschwindend/sich auflösend, aber immer im Tempo bleibend

1.

Beschreiben Sie, wie Sie die Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1 von Johannes Brahms beim Hören wahrgenommen haben. Geben Sie wieder, wie Sie Inhalt und Form der schottischen Ballade Edward verstehen. Fassen Sie die Äußerungen Eduard Hanslicks zusammen. [20 Punkte]

2.

Analysieren Sie die Komposition von Brahms, indem Sie die Form des Stücks darstellen,

die einzelnen Formteile hinsichtlich der Gestaltung der Themen, der Satztechnik, der Tonalität, der dynamischen Abläufe und des Tempos sowie der daraus jeweils resultierenden „Grundstimmung“ charakterisieren,

anhand der Takte 1 m. A. bis 2³ (Oberstimme), Takte 9 m. A. bis 11¹ (Oberstimme und Bassstimme) sowie Takte 27 m. A. bis 27³ (Bassstimme) motivisch-thematische Zusammenhänge zwischen den Formteilen herausarbeiten,

die folgenden Stellen des Musikstücks im Hinblick auf mögliche rhythmisch-metrische und rhetorische Bezüge zwischen Musik und Balladentext überprüfen: Takte 1 m. A. bis 3³ unter Berücksichtigung der Verse 1 und 2,

Takte 9 m. A. bis 11¹ unter Berücksichtigung von Vers 5 (und Parallelversen in den Strophen 2 und 3).

[40 Punkte]

3.

Interpretieren Sie das Klavierstück von Brahms im Hinblick auf seine Bezüge zur Ballade Edward und beziehen Sie dabei Ihren Wahrnehmungseindruck und Ihre Analyseergebnisse ein. Diskutieren Sie davon ausgehend, inwieweit die Komposition gegenüber dem Gedicht eher „anspielend“ oder „darstellend“ wirkt (vgl. Hanslick, Z. 4 f.). Nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob die Komposition auch unabhängig von diesen Bezügen „einen in sich klaren selbstständigen Eindruck“ (Hanslick, Z. 7 f.) hinterlässt. [27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung = 40 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Beschreiben Sie, wie Sie die Ballade d-Moll op. 10 Nr. 1 von Johannes Brahms beim Hören wahrgenommen haben. Geben Sie wieder, wie Sie Inhalt und Form der schottischen Ballade Edward verstehen. Fassen Sie die Äußerungen Eduard Hanslicks zusammen. [20 Punkte]

Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Schwerpunkten gemäß Vorgaben: 1. Wahrnehmungseindruck (7 Punkte): - teils düsterer, teils erregt-bedrängender Ausdruck, - anfangs stockend, kleingliedrig, im Mittelteil einheitlicher, gegen Ende wieder stockend, erstarrend, - monoton-insistierender, in sich kreisender Charakter, - am Anfang und Ende langsam und leise, im Mittelteil große, dramatische Steigerung. 2. Verständnis von Inhalt und Form der Ballade Edward (7 Punkte): - Inhalt: Gespräch zwischen Mutter und Sohn Edward; ausgelöst durch das blutige Schwert versucht die Mutter herauszufinden, wessen Blut vergossen wurde; nach Ausflüchten (Geier, Rothroß) gesteht Edward den Mord am Vater; Edward will zur Sühne übers Meer fliehen und verflucht am Ende die Mutter, da sie ihn zum Mord angestiftet hat. - Form: Vollständig dialogisch in direkter Rede; sieben parallele achtzeilige Strophen (je 4 Verse Frage der Mutter, 4 Verse Antwort Edwards); Refrainstrukturen („Edward, Edward?“, „Mutter, Mutter!“); Symmetrie: Strophen 1–3 drängende Fragen bis zum Geständnis, Strophe 4 Frage nach Buße, Strophen 5–7 Steigerung bis zum Fluch über die Mutter. 3. Aussagen von Eduard Hanslick (6 Punkte): - Musik kann niemals ohne Unterstützung von Titeln einen bestimmten Gegenstand/Inhalt konkret darstellen (Z. 1–3). - Sie kann aber – unterstützt durch einen Titel oder ein Programm – auf die Grundstimmung eines solchen Gegenstandes hindeuten („anspielend wirken“, Z. 3–5). - Die Hauptbedingung bleibt, dass Musik auf ihren eigenen Gesetzen ruht und auch ohne Programm aus sich heraus verständlich ist (Z. 5–8).

2. Analysieren Sie die Komposition von Brahms, indem Sie die Form des Stücks darstellen, die einzelnen Formteile charakterisieren, motivisch-thematische Zusammenhänge herausarbeiten und rhythmisch-metrische sowie rhetorische Bezüge zum Text überprüfen. [40 Punkte]

Lösung: Ausarbeitung zur Analyse: 1. Form des Stücks (5 Punkte): - Übergeordnete Dreiteiligkeit / Bogenform A – B – A': * A-Teil: T. 1 m. A. – 26³, d-Moll, Andante, pp/p * B-Teil: T. 27 m. A. – 59³, D-Dur/d-Moll, Allegro (ma non troppo), p < ff > pp * A'-Teil: T. 60 m. A. – 71, d-Moll, Tempo I., p/pp - Binnengliederung: A-Teil alterniert zweifach zwischen zwei Themen a und b; B-Teil zweigeteilt (Steigerung und Beruhigung); A'-Teil verkürzt (nur Thema a). 2. Charakterisierung der Formteile (22 Punkte): - Teil A (8 Punkte): Satz weitgehend akkordisch, piano-Dynamik, schreitende Viertel. Wechsel zwischen Thema a (T. 1 m. A. – 8³, T. 14 m. A. – 21³, Andante/Tempo I.) und Thema b (T. 9 m. A. – 13³, T. 22 m. A. – 26³, Poco più mosso). Thema a: offener, fragender Schluss auf Dominante a (Quinte/Oktave d/A/G im Bass, melodische Seufzer cis-d, gis-a). Thema b: choralartiger, viertelschrittiger Satz in Gegenbewegung, zunächst gefestigt-beruhigend. Dialogischer Charakter (Frage/Antwort). - Teil B (8 Punkte): Allegro (ma non troppo), triolische Achtelrepetitionen, unruhig-bewegte, aufgewühlte Grundstimmung. Aufwärtssteigendes Fünftonmotiv (aus T. 27). Ab T. 35 dynamische Steigerung mit Crescendo-Schüben ins fortissimo; Diskant und Bass streben auseinander. Höhepunkt ab T. 44 (Thema b im ff, Rückkehr zu d-Moll). Anschließend Beruhigungsprozess (poco a poco ritenuto e diminuendo, Wegfall der Triolen). - Teil A' (6 Punkte): Tempo I., p; Thema a führt nun nicht mehr offen, sondern in ausführliche Festigung des Grundtons d (T. 67–71). Weiterwirken der Erregung durch pausendurchsetzte Triolenfiguren in der Begleitung (T. 60–69). 3. Motivisch-thematische Zusammenhänge (7 Punkte): - Themenköpfe von Thema a (T. 1 m. A. – 2³, Oberstimme) und Thema b (T. 9 m. A. – 11¹, Oberstimme) sind rhythmisch identisch (Viertel, Viertel, zwei Achtel, Viertel, Viertel) und abwärtsgerichtet. - Bassstimme in T. 9 m. A. – 11¹ ist freie Umkehrung von b (U-b'). - Hauptmotiv des B-Teils (T. 27 m. A. – 27³, Bass) ist Verkürzung von U-b' (rhythmisch identisch mit den ersten 5 Tönen). 4. Rhythmisch-metrische und rhetorische Bezüge (6 Punkte): - T. 1 m. A. – 3³ (Thema a) entspricht den 13 Silben der Verse 1 und 2 („Dein Schwert, wie ist’s von Blut so rot, Edward, Edward?“); Vorschlag betont „Schwert“; absteigende Quintsprünge rufen den Namen „Edward“; offener Halbschluss entspricht dem Fragegestus. - T. 9 m. A. – 11¹ (Thema b) entspricht den 11 Silben von Vers 5 („O, ich hab' geschlagen meinen Geier todt“ bzw. Rothroß/Vater); Auftakt-Ausruf „O“ auf höchstem Melodieton; pathetische Punktierung hebt das Opfer hervor.

3. Interpretieren Sie das Klavierstück von Brahms im Hinblick auf seine Bezüge zur Ballade Edward und beziehen Sie dabei Ihren Wahrnehmungseindruck und Ihre Analyseergebnisse ein. Diskutieren Sie davon ausgehend, inwieweit die Komposition gegenüber dem Gedicht eher „anspielend“ oder „darstellend“ wirkt. Nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob die Komposition auch unabhängig von diesen Bezügen „einen in sich klaren selbstständigen Eindruck“ hinterlässt. [27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung = 40 Punkte]

Lösung: Ausarbeitung zur Interpretation und Stellungnahme: 1. Interpretation der Bezüge zur Ballade (9 Punkte): - Formale und klangliche Umsetzung der dramatischen Grundstimmung (Kontrast A/B). - Dialog zwischen Mutter (Thema a) und Sohn (Thema b) wird im A-Teil instrumental inszeniert. - Die Verse des Gedichts sind als instrumentale Textierung direkt nachvollziehbar. - Steigerung im B-Teil entspricht der wachsenden Erregung bis hin zum Höhepunkt beim Geständnis des Vatermords (Thema b im ff bei T. 44). - Das Fortwirken der Triolen in A' symbolisiert die Unumkehrbarkeit des Geschehens nach dem Geständnis. 2. Diskussion: „anspielend“ vs. „darstellend“ (9 Punkte): - Für „darstellend“: Konkrete Übernahme der dialogischen Struktur; rhythmische Deckungsgleichheit mit Gedichtversen; Instrumentalvertonung von Kernversen; der dramatische Höhepunkt fällt mit dem Geständniszitat zusammen; thematische Verwandtschaft spiegelt die schuldhafte Verstrickung beider Figuren. - Für „anspielend“: Brahms verzichtet auf eine lückenlose Nacherzählung des 7-strophigen Textes zugunsten einer autonomen dreiteiligen Klavierform (Bogenform A-B-A'); der zweite Teil der Ballade (Fluch über die Mutter, Auswanderung) wird nicht mehr narrativ abgebildet, sondern A' führt zurück zum Ausgangszustand. - Synthese: Brahms verbindet beide Dimensionen; die Züge durchdringen sich gegenseitig. 3. Stellungnahme: „in sich klarer selbstständiger Eindruck“ (9 Punkte): - Das Werk besitzt auch ohne Kenntnis des Textes vollständige innermusikalische Logik und Stringenz. - Formale Geschlossenheit der ABA'-Rahmenform bildet ein organisches Gegengewicht zu den Kontrasten. - Motivisch-thematische Dichte (Ökonomie des thematischen Materials, Ableitung des Mittelteils aus U-b') stiftet autonome Einheit im Sinne Hanslicks Forderung nach Musik, die auf eigenen Gesetzen ruht. 4. Darstellungsleistung (13 Punkte): - Schlüssige und gedanklich klare Gliederung (4 Punkte), - Präzise Fachterminologie (3 Punkte), - Korrekte Zitationspraxis und Belegstellenbezug (3 Punkte), - Stringente Rückbindung an die Analyseergebnisse (3 Punkte).

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 2 · GK · Haupttermin 2023 · Aufgabe 1 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023 ›

Mehr Aufgaben zu Programmmusik und absolute Musik