Aufgabe HT 1 - Aufgabe I · Abitur NRW Latein LK · Haupttermin · fortgeführt 2022

Thema: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca, Livius, Augustinus) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2022)

Aufgabenstellung

Text:

Augustinus setzt sich mit der Frage nach dem glücklichen Leben auseinander. Dabei orientiert er sich an der biblischen Vorstellung vom Paradies in der Urzeit und entnimmt ihr wesentliche Voraussetzungen und Kennzeichen eines glücklichen menschlichen Lebens:

1 Non enim beatus est, a quo ipsa beata vita non amatur, ut digna est. Fieri non

2 potest, ut eam, qui sic amat, non aeternam velit. Tunc igitur beata erit, quando

3 aeterna erit. Vivebat itaque homo in paradiso sic, ut volebat, quamdiu hoc

4 volebat, quod Deus iusserat. Vivebat fruens Deo. Ex quo bono erat bonus.

5 Vivebat sine ulla egestate, ita semper vivere habens in potestate. Cibus aderat, ne

6 esuriret, potus, ne sitiret, lignum vitae, ne illum senecta dissolveret. Nihil

7 corruptionis in corpore vel ex corpore ullas molestias ullis eius sensibus

8 ingerebat. Nullus intrinsecus morbus, nullus ictus metuebatur extrinsecus.

9 Summa in carne sanitas, in animo tota tranquillitas. Sic ut in paradiso nullus

10 aestus aut frigus, sic in eius habitatore nulla ex cupiditate vel timore accidebat

11 bonae voluntatis offensio. Nihil omnino triste, nihil erat inaniter laetum.

12 Gaudium verum perpetuabatur ex Deo; in quem flagrabat caritas de corde puro et

13 conscientia bona et fide non ficta. Atque inter se coniugum fida ex honesto amore

14 societas, concors mentis corporisque vigilia et mandati sine labore custodia.

Übersetzungshilfen:

Z. 1 ·... beatus est, a quo... · Ergänzen Sie:... beatus est is, a quo...

Z. 2 ·... ut eam, qui sic amat, non aeternam velit. · Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende geänderte und erweiterte Textfassung zugrunde:

... ut is, qui eam vitam sic amat, eam vitam non aeternam velit.

· tunc..., quando · dann..., wenn...

Z. 3 · quamdiu · hier: so lange wie

Z. 4 ·... fruens Deo. ·... und erfreute sich an der Gegenwart Gottes.

Z. 5 · habens in potestate · = potuisset

Z. 6 · potus,..., lignum vitae,... · Nehmen Sie aderat aus Z. 5 jeweils wieder auf.

· lignum vitae, ligni vitae n. · Baum des ewigen Lebens

· senecta, -ae f. · = senectus, senectutis f.

· dissolvere, dissolvo, dissolvi, dissolutum · zerstören

Z. 7/8 · molestias ingerere ( mit Dat.)

ingerere, ingero, ingessi, ingestum · für etwas Beschwerden verursachen

Z. 7 · sensus, sensus m. · der Sinn

Z. 9 · caro, carnis f. · hier: = corpus, corporis n.

· totus, -a, -um · hier: vollkommen

Z. 9/10 ·... nullus aestus aut frigus · Ergänzen Sie erat.

Z. 10 · accidere in ( mit Abl.)

accidere, accido, accidi, – · jemandem widerfahren

Z. 11 · bonae voluntatis offensio

offensio, offensionis f. · hier: Beeinträchtigung des guten Willens

· inaniter ( Adv.) · ohne Grund

Z. 12 · perpetuari, perpetuor, – · ununterbrochen strömen

· flagrare, flagro, flagravi, flagratum in ( mit Akk.) · lodern zu jemandem oder etwas

· caritas, caritatis f. · hier: Liebe

Z. 13/14 · Atque inter se... sine labore custodia. · Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende geänderte und erweiterte Textfassung zugrunde:

Atque societas inter se coniugum ex honesto amore fida erat, vigilia mentis corporisque concors erat et custodia coniugis mandati sine labore erat.

Z. 14 · concors, concordis · einträchtig

· vigilia, -ae f. · hier: die Fürsorge

Zusatzmaterial 1: Die erste, „goldene Zeit“ in Ovids Metamorphosen

I. Übersetzungsaufgabe

Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text ins Deutsche.

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe I · Abitur NRW Latein LK · Haupttermin · fortgeführt 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

I. Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text ins Deutsche.

Lösung: Denn derjenige ist nicht glücklich, von dem das glückliche Leben selbst nicht geliebt wird, wie es dies verdient. Es kann nicht geschehen, dass derjenige, der dieses Leben auf diese Weise liebt, dieses Leben nicht als ewiges will. Es wird also dann glücklich sein, wenn es ewig ist. Deshalb lebte der Mensch im Paradies so, wie er wollte, so lange er das wollte, was Gott befohlen hatte. Er lebte und erfreute sich an der Gegenwart Gottes. Aus diesem Gut heraus war er gut. Er lebte ohne irgendeinen Mangel und hätte immer so leben können. Nahrung war da, damit er nicht hungerte, Trank, damit er nicht dürstete, der Baum des ewigen Lebens, damit das Alter ihn nicht zerstörte. Nichts an Verderbnis im Körper oder aus dem Körper verursachte irgendwelche Beschwerlichkeiten für irgendwelche Sinne dieses Menschen. Keine Krankheit im Innern, kein Schlag von außen wurde gefürchtet. Völlige Gesundheit gab es im Körper, in der Seele vollkommene Ruhe. So wie es im Paradies keine Hitze oder Kälte gab, so widerfuhr seinem Bewohner keine Beeinträchtigung des guten Willens aus Begierde oder Furcht. Überhaupt nichts war traurig, nichts war ohne Grund fröhlich. Wahre Freude strömte ununterbrochen aus Gott heraus; zu ihm loderte die Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und nicht verstelltem Glauben. Und der Bund der Gatten untereinander war aus aufrichtiger Liebe heraus treu, die Fürsorge für Geist und Körper war einträchtig und die Bewahrung des anvertrauten Gatten war mühelos.

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