Aufgabe HT 2 - Aufgabe I · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2021
Thema: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca, Livius, Augustinus) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2021)
Aufgabenstellung
Marcus Atilius Regulus, ein römischer Feldherr, wurde im Ersten Punischen Krieg von den Karthagern gefangen genommen. Die Karthager schickten ihn nach Rom, damit er sich dort für einen Austausch der Gefangenen einsetze; zuvor musste er jedoch einen Eid leisten, nach Karthago zurückzukehren und nicht als freier Mann in Rom zu bleiben. Augustinus berichtet, Regulus sei in Rom folgendermaßen vorgegangen:
1 Perrexit ille atque in senatu contraria persuasit, quoniam non arbitrabatur utile
2 esse Romanae rei publicae mutare captivos. Nec post hanc persuasionem a suis
3 ad hostes redire compulsus est. Sed, quia iuraverat, id sponte complevit. At illi
4 eum excogitatis atque horrendis cruciatibus necaverunt:
Augustinus hat die Foltern zuvor genau beschrieben; anschließend deutet er das Beispiel des Regulus ausführlich:
5 Deos certe ille sic coluit, ut propter iuris iurandi fidem non remaneret in patria
6 nec inde quolibet ire, sed ad suos acerrimos inimicos redire minime dubitaret.
7 Hoc si huic vitae utile existimabat, cuius tam horrendum exitum meruit, procul
8 dubio fallebatur. Suo quippe docuit exemplo nihil deos ad istam temporalem
9 felicitatem suis prodesse cultoribus. Quando quidem ille eorum deditus cultui et
10 victus et captivus abductus. Et quia noluit aliter, quam per eos iuraverat, facere,
11 novo ac prius inaudito nimiumque horribili supplicii genere cruciatus, extinctus
12 est.
Übersetzungshilfen:
Z. 1
pergere, pergo, perrexi, perrectum
hier: sich nach Rom aufmachen
ille
Gemeint ist hier Marcus Atilius Regulus.
contraria persuadere
persuadere, persuadeo, persuasi, persuasum
hier: einen dem Willen der Karthager entgegengesetzten Beschluss erwirken
Z. 2
mutare, muto, mutavi, mutatum
hier: austauschen
post hanc persuasionem
= postquam senatoribus id persuasit
a suis
= a suis civibus
Z. 3
... id...
Gemeint ist inhaltlich der Eid ad hostem redire.
sponte
= sua sponte
illi
Gemeint sind hier die Einwohner von Karthago.
Z. 4
excogitatus, -a, -um
ausgesucht
Z. 6
... nec... dubitaret.
Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende veränderte und ergänzte Textfassung zugrunde:
... et minime dubitaret inde non quolibet ire, sed ad suos acerrimos inimicos redire.
Z. 7
... huic vitae..., cuius...
Gemeint ist hier das irdische Leben.
existimare ( mit doppeltem Akk.)
existimare, existimo, existimavi, existimatum
etwas für etwas halten
Z. 7/8
procul dubio
= sine dubio
Z. 8
temporalis, -is, -e
hier: irdisch
Z. 8/9
docuit... nihil deos... prodesse...
= docuit... deos... nihil prodesse...
Z. 9/10
Quando quidem... abductus.
Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende veränderte und ergänzte Textfassung zugrunde:
Quamquam Regulus cultui deorum deditus est, victus est et captivus abductus est.
Zusatzmaterial für Aufgabe 3 c):
Auch Cicero greift in seiner philosophischen Schrift de officiis auf das exemplum des Feldherrn Regulus zurück. In einer Art Selbstgespräch lässt er Regulus Vor- und Nachteile einer Rückkehr in die Gefangenschaft nach Karthago bzw. eines Verbleibs in Rom gegeneinander abwägen und begründet so dessen Entschluss:
A
Manere in patria, esse domui suae cum
In der Heimat zu bleiben, bei sich zu Hause mit
B
uxore, cum liberis, quam calamitatem ac-
seiner Frau und seinen Kindern zu leben, das
C
cepisset in bello communem fortunae bel-
Missgeschick, das ihm im Krieg zustieß, für ein
D
licae iudicantem tenere consularis dignita-
Unglück zu halten, das jeden im Krieg treffen
E
tis gradum. Quis haec negat esse utilia?
kann, und die Würde seines konsularischen Ranges weiter zu genießen. Wer bestreitet, dass dies nützlich ist? Wer wohl? Innere Größe ( magnitudo animi) und Tapferkeit ( fortitudo) stehen dagegen. Es ist doch das Wesen dieser Tugenden, vor nichts Angst zu bekommen und nichts, was dem Menschen passieren kann, für unerträglich zu halten.
F
Quem censes? Magnitudo animi et forti-
G
tudo negat. Harum enim est virtutum pro-
H
prium nihil extimescere, omnia humana de-
I
spicere, nihil quod homini accidere possit
J
intolerandum putare.
(Cicero, de officiis 3, 99 – 100; Übersetzung von Rainer Nickel, S. 287)
I. Übersetzungsaufgabe
Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text in die deutsche Sprache.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text in die deutsche Sprache.
Lösung: Jener machte sich nach Rom auf und erwirkte im Senat einen dem Willen der Karthager entgegengesetzten Beschluss, weil er nicht glaubte, dass es nützlich für das römische Gemeinwesen sei, die Gefangenen auszutauschen. Nach dieser Überzeugung der Senatoren (= Nachdem er die Senatoren davon überzeugt hatte,) wurde er von seinen Mitbürgern nicht gezwungen, zu den Feinden zurückzukehren. Aber, weil er geschworen hatte, tat er dies freiwillig. Jene jedoch töteten ihn unter ausgesuchten und schrecklichen Martern: Nachdem Augustinus detailliert die Foltermaßnahmen geschildert hat, kommentiert er im Folgenden das Beispiel des Regulus ausführlich: Jener verehrte die Götter gewiss so, dass er wegen der Treue zu seinem Eid nicht in der Heimat zurückblieb und nicht im geringsten zweifelte, von dort nicht an einen beliebigen Ort zu gehen, sondern zu seinen ärgsten Feinden zurückzugehen. Wenn er dieses für sein irdisches Leben für nützlich hielt, dessen so schreckliches Ende er (sich wohl) verdient hat, täuschte er sich ohne jeden Zweifel. Er hat freilich mit seinem Beispiel gezeigt, dass die Götter ihren Verehrern zu dem irdischen Glück nichts nützen. Obwohl er der Verehrung der Götter ergeben gewesen ist, ist er besiegt und gefangen genommen worden. Und weil er nichts Anderes tun wollte, als das, was er bei diesen geschworen hatte, ist er auf eine neue und vorher ungehörte und allzu schreckliche Art der Bestrafung gefoltert, ausgelöscht worden.
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