Aufgabe 3 - 3: Islamische Ethik · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2023

Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Begić, Esnaf: „Das soziale Handeln im Islam“, in: Perspektiven – Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft und muslimische Wohlfahrtspflege – Nr. 1 (2019), S. 9–27 (gekürzt).

Esnaf Begić

Das soziale Handeln im Islam

Aus der einschlägigen Literatur, die sich mit der Offenbarung des Korans beschäftigt, ist

grundsätzlich die Position zu vernehmen, dass die thematische Schwerpunktsetzung der

Koranverse in der mekkanischen Offenbarungsperiode auf den Glaubensinhalten liegt.

Hierbei nehmen vor allem die Aspekte der Existenz Gottes sowie Seiner Einzigkeit und

5 Einheit den zentralen Platz ein. Diese Tatsache erscheint nachvollziehbar, bedenkt man den

polytheistischen religiösen Charakter der mekkanischen Gesellschaft, in welcher die Offen-

barung des Korans ihre Realitätswerdung erfährt und welche in direktem Widerspruch zur

koranischen Botschaft des absoluten Monotheismus im islamischen Gottesverständnis

steht. Vor dem Hintergrund dieser Gegensätzlichkeit im religiösen Kontext in Mekka und

10 der Betonung der Glaubensinhalte scheint es, dass ein weiterer, angesichts der sozialen

Umstände in der mekkanischen Gesellschaft äußerst bedeutender Aspekt dieser Offenba-

rungsperiode des Korans etwas in den Hintergrund geraten ist und trotz seiner überzeitli-

chen Relevanz nicht entsprechend gewürdigt wird. Es ist nämlich für die Offenbarung des

Korans in Mekka ebenfalls bezeichnend, dass zahlreiche Verse die Fragen der sozialen Un-

15 gerechtigkeit und Ungleichheit, der Benachteiligung und Unterdrückung verschiedener ge-

sellschaftlicher Gruppen und Personenkreise thematisieren. Die erste Zuhörerschaft des Ko-

rans wird somit neben der Botschaft von der göttlichen Existenz gleichzeitig auch an die

Existenz der Armen, Bedürftigen, Bettler, Unbemittelten, Entrechteten, Sklaven, Kriegsge-

fangenen, Waisen, Unterdrückten, Blinden, Schwachen und Benachteiligten erinnert. 1

20 Für den Koran scheint es also schon in der Ursprungszeit seiner Offenbarung gleicherma-

ßen wichtig gewesen zu sein, die Glaubensinhalte der islamischen Religion zu vermitteln

und dabei insbesondere die Existenz des Einen und Einzigen Gottes zu betonen, aber auch

auf die Existenz solcher gesellschaftlichen Randgruppen hinzuweisen und zum fürsorgli-

chen Umgang mit ihnen zu ermahnen. Vor diesem Hintergrund ließe sich schlussfolgern,

25 dass die mekkanische Offenbarungsperiode das Bewusstsein über Gott auf dieselbe Stufe

wie die Sorge um die genannten Gesellschaftsgruppen stellt. Insofern ist die Offenbarung

des Korans nicht nur eine Erscheinung, die in das religiöse Selbstverständnis der mekkani-

schen Gesellschaft hineinwirkt und dieses in seinen religiösen Fundamenten erschüttert; sie

ist gleichzeitig auch ein sozialpolitischer Eingriff in die vorhandenen und etablierten sozia-

30 len Strukturen der damaligen Gesellschaft. Dieser Eingriff gestaltete sich nach der briti-

schen Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong in erster Linie darin, „[to] create a

society where the weak and vulnerable were treated with respect”. 2 Die Kernbotschaft der

ersten koranischen Offenbarungen besteht für sie nicht darin, den mekkanischen Arabern

neue Informationen über Gott zu vermitteln, vielmehr sind für sie die soziale Gerechtigkeit

35 und die Schaffung einer durch die praktische Hilfsbereitschaft und das soziale Handeln ge-

kennzeichneten und geprägten Gemeinschaft ( umma) der zentrale Wert des Islams.

Eine solche soziale Gemeinschaft kann durchaus als die Verwirklichung einer auf den

Grundlagen des Islams postulierten Sozialethik verstanden werden. Denn, generell betrach-

tet, ist die „Ethik eigentlich, realisierte oder praktische Religion, die in den zwischen-

40 menschlichen Beziehungen angewandt und praktiziert wird. Daher sind die Ethik und die

Moral unzertrennlicher Bestandteil jeder Religion. Das Wesen und der Kern der moralisch-

ethischen Lehre fassen sich auf die Lehre von Gut und Böse zusammen“. (Mustafa Spahić) 3

Hierzu heißt es im Koran folgendermaßen:

„Gott gebietet, Gerechtigkeit zu üben, Gutes zu tun und die Verwandten zu beschenken. Er

45 verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit. Er ermahnt euch, auf

daß ihr es bedenket“. (Koran 16:90)

Interessanterweise wird dieser Koranvers am Ende einer jeden Freitagspredigt rezitiert – als

eine unmissverständliche Ermahnung und Aufforderung zum guten Handeln des Einzelnen

und der Gemeinschaft. Darüber hinaus ist darauf zu verweisen, dass es im Koran kaum eine

50 Sure gibt, in welcher nicht als zentrale Botschaft die Aufforderung und der Ruf nach gutem

Handeln sowie das Verbot und die Ablehnung des Schlechten zu finden wäre.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die auf dieser Botschaft des Korans fußende Ethik und

insgesamt das soziale Handeln sind als ein Programm der moralischen Revolution des ein-

zelnen Menschen sowie der ganzen Gesellschaft zu verstehen.

55 In den bisherigen Ausführungen ist die Wichtigkeit des Glaubens im Gesamtverständnis

des Islams deutlich geworden. Aus seiner zentralen Rolle innerhalb der islamischen Reli-

gion heraus reflektiert er sich in vielfältiger Weise und umfasst unterschiedliche praktische

Aspekte des Daseins von Gläubigen in der Welt und der Realität. Wenn „der Glaube das

Verhältnis zu Gott […], sich selbst […], anderen Menschen […] und Natur“ (El-Gazali) 4

60 motiviert, qualifiziert und definiert, bezieht er sich nicht nur auf sich selbst und einzelne

Personen, sondern auch auf andere Menschen und die Gesellschaft, die Normen ihrer Funk-

tionalität sowie ihre Bewertung und Anwendung in der gesellschaftlichen Praxis. Indem er

neben dem Glauben auch das soziale Moment betont, versteht sich der Islam als die wirkli-

che und tatsächliche Lebensweise der Muslime. Er ist praktisch eine komplette Sicht auf

65 das Leben der Einzelnen und die ganze Gesellschaft: „‚Mit Gott sein, heißt mit den Men-

schen sein‘; den Glauben haben, heißt die Verantwortung eines sozialen Engagements tra-

gen“. (Tariq Ramadan) 5 Der Sinn des Gebets beispielsweise, als der zentralsten gottes-

dienstlichen Handlung und des praktischen Ausdrucks vom Glauben im Islam, besteht nicht

nur darin, die Beziehung zu Gott aufrechtzuerhalten, es muss darüber hinaus zum Guten all-

70 gemein anspornen – wovon zwangsläufig andere profitieren werden. Aus seinem Ethos her-

aus ist der Islam bestrebt, seine Lehren, Grundsätze und Normen zu bereichern um einen

Menschen zu schaffen, der nicht in sich selber verschlossen sein und nur eigenen Interessen

folgen wird, sondern sich auch um andere kümmern soll.

Vor diesem Hintergrund sei an dieser Stelle auf folgenden Koranvers verwiesen:

75 „Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Osten und Westen wendet.

Frömmigkeit besteht darin, daß man an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, das Buch und

die Propheten glaubt, daß man, aus Liebe zu Ihm, den Verwandten, den Waisen, den Be-

dürftigen, dem Reisenden und den Bettlern Geld zukommen läßt und (es) für den Loskauf

der Sklaven und Gefangenen (ausgibt), und daß man das Gebet verrichtet und die Abgabe

80 entrichtet. (Fromm sind auch) die, die ihre eingegangenen Verpflichtungen erfüllen, und

die, die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig

sind, und sie sind die Gottesfürchtigen“. (Koran 2:177)

Esnaf Begić ist ein in Bosnien und Herzegowina ausgebildeter Imam und islamischer Theologe.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Anmerkungen

1 vgl. u. a. folgende Koranstellen: 22:36, 70:25, 107:2 f., 4:75, 97 f., 127, 80:1 – 4, 81:8 f.

2 „[to] create a society where the weak and vulnerable were treated with respect”. Übersetzung: eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Schwachen und Verletzlichen mit Respekt behandelt werden.

3 Mustafa Spahić ist Professor für Islamische Geschichte und Soziologie.

4 El-Gazali (1055 – 1111) war ein persischer islamischer Theologe, Philosoph und Mystiker.

5 Tariq Ramadan ist ein Schweizer Islamwissenschaftler.

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern eine islamisch geprägte Sozialethik das Miteinander in unserer von kultureller Vielfalt bestimmten Gesellschaft beeinflussen kann, und nehmen Sie begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - 3: Islamische Ethik · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern eine islamisch geprägte Sozialethik das Miteinander in unserer von kultureller Vielfalt bestimmten Gesellschaft beeinflussen kann, und nehmen Sie begründet Stellung.

Lösung: Orientierung an den offiziellen Bewertungskriterien: - Entfaltung konkreter Beispiele für Auswirkungen einer islamisch geprägten Sozialethik in einer multikulturellen Gesellschaft (z. B. muslimische Wohlfahrtspflege, Nachbarschaftshilfe, interreligiöser Dialog). - Pro-Argumente (positive Auswirkungen): * Betonung des gesellschaftlichen Miteinanders. * Bewusstwerdung von Gemeinsamkeiten der Sozialethiken verschiedener Religionen und Weltanschauungen. * Stärkung einer ethisch begründeten Verantwortungsübernahme in Staat und Zivilgesellschaft. * Bereicherung karitativer Angebote durch islamische Einrichtungen. - Kontra-Argumente / Herausforderungen (Grenzen oder hemmende Faktoren): * Exklusivitätsanspruch durch exklusiven Offenbarungsbezug. * Gottesbezug im Spannungsfeld zu säkularen Begründungen einer Sozialethik. * Religiös begründete Distanz zur Verantwortungsübernahme im säkularen Staat. * Separierende Angebote nur für Muslime statt universeller Offenheit. - Zusammenfassendes, begründetes Fazit mit differenzierter Stellungnahme in zustimmender oder abgrenzender Auseinandersetzung mit Begić.

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