Aufgabe HT 1 - 3: Dialog und Zusammenleben · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Johanna Pink

Maria statt Maryam

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit tiefgreifender Umwälzungen – nicht nur, aber auch in der

islamischen Welt. Sie geriet zu immer größeren Teilen direkt oder indirekt unter europäi-

schen Einfluss oder wurde zum Schauplatz christlicher Mission. Die Missionare nutzten ne-

ben Bibel- auch Koranübersetzungen, um für den Disput mit Muslimen gewappnet zu sein,

5 was viele muslimische Intellektuelle alarmierte.

Es waren nicht zuletzt diese Dispute, die zum Aufkommen eines neuen Umgangs mit dem

Koran beitrugen: Wie Protestanten die Bibel als direkte Referenz nutzten, so forderten auch

immer mehr muslimische Reformer, den Koran als unmittelbare Anleitung für die Gläubi-

gen zu verstehen. Um aber die Mehrheit dieser Gläubigen erreichen zu können, musste er

10 übersetzt werden, denn die klassische islamische Erziehung, die auf dem Erlernen der ara-

bischen Schrift und dem Auswendiglernen des Korans beruhte, geriet immer mehr ins Hin-

tertreffen gegenüber neuen Bildungsinstitutionen, die europäischen Vorbildern folgten. So

kam es, dass 1935 eine niederländische Koranübersetzung, die der javanische Muslim Soe-

dowo vorlegte, von Intellektuellen in Niederländisch-Indien¹ begierig aufgenommen wurde.

15 [...]

Soedowos Übersetzung war erfolgreich, aber auch umstritten. Denn sie ging auf eine engli-

sche Vorlage aus der Feder Muhammad Alis zurück, eines der fÿhrenden Köpfe der

Ahmadiyya-Bewegung. Diese Bewegung war um die Wende zum 20. Jahrhundert im kolo-

nialen Britisch-Indien entstanden und wurde von den meisten sunnitischen und schiitischen

20 Muslimen mit Misstrauen betrachtet, oft sogar als häretisch² eingestuft. Gleichzeitig war

Neid im Spiel, denn die Ahmadiyya war die erste muslimische Gruppierung, die in großem

Stil und mit gewissem Erfolg den Versuch unternahm, in der westlichen Welt Mission zu

betreiben.

[...] Die Koranübersetzung von Muhammad Ali, erstmals veröffentlicht 1917, wandte sich

25 an ein britisches Publikum und folgte bewusst europäischen Konventionen des Textsatzes.

Sie war zwar zweisprachig Arabisch-Englisch gehalten, präsentierte die Übersetzung aber

in einer eigenen Spalte als zusammenhängenden Text, der ohne Kenntnis des Arabischen

gelesen und verstanden werden konnte: mit Kopfzeilen, Versnummern, die Orientierung

boten, und Fußnoten, die die Kommentare des Übersetzers klar von der eigentlichen Über-

30 setzung trennten.

Angesichts der rasant wachsenden muslimischen Nachfrage nach Koranübersetzungen die-

ses neuen Typs war der Erfolg von Muhammad Alis Übersetzung und ihren Übertragungen

in andere Sprachen – darunter auch Soedowos niederländische Version – nicht verwunder-

lich. Sie fand zudem viele Nachahmer in anderen Strömungen des Islams. [...]

35 Dank des Erfolgs dieses Genres können nun also Muslime ohne jegliche religiöse Bildung

selbst „den Koran“ lesen, ohne den mÿhseligen und selten von Erfolg gekrönten Versuch

unternehmen zu müssen, sich das arabische Original zu erschließen. Aber ist es wirklich der

Koran, den sie lesen, oder lediglich die Meinung eines einzelnen Übersetzers, der die Viel-

falt von Deutungsmöglichkeiten, die die klassische Kommentartradition anbietet, auf eine

40 einzige verengt?

Dies war nur einer von vielen Kritikpunkten, die in den heftigen Debatten im ersten Drittel

des 20. Jahrhundert geäußert wurden. Religionsgelehrte sahen allerdings Koranübersetzun-

gen nicht nur deswegen als Bedrohung an, weil sie fürchteten, „Fehlinterpretationen“ – wie

etwa die weithin abgelehnten religiösen Ansichten der Ahmadiyya – könnten um sich grei-

45 fen. Sie spürten auch, dass diese neue Form religiösen Schrifttums zu dem beispiellosen

Verlust an Einfluss beitrug, den ihr Berufsstand erlebte. [...]

Der türkischstämmige deutsche Muslim Hakan Turan berichtet auf seinem Blog, dass ihn in

seiner Kindheit ein Bekannter der Familie mit der verstörenden Aussage konfrontierte, der

Koran verbiete ihm die Freundschaft mit Nichtmuslimen – und dies, obwohl alle seine Lud-

50 wigsburger Freunde Nichtmuslime waren. Dies bewog ihn dazu, als Erwachsener über neue

Möglichkeiten der Deutung des Verses nachzudenken.

Solche Versuche der Neudeutung sind in der muslimischen Koranexegese von wachsender

Bedeutung und lassen auch das Feld der Koranübersetzung nicht unberÿhrt. [...] Neu ist da-

ran nicht unbedingt der Einsatz exegetischer Methoden, um den Koran in Übereinstimmung

55 mit außerkoranischen Umständen oder Doktrinen³ zu bringen. Schon frÿh in der islami-

schen Geschichte war etwa die Interpretation anthropomorpher Aussagen des Korans – also

solcher Aussagen, die Gott menschliche Eigenschaften wie einen Körper oder eine Position

im Raum zuschreiben – zutiefst umstritten. Das fÿhrte dazu, dass semantisch⁴ eigentlich

eindeutige Aussagen des Korans über Gottes Antlitz, Gottes Hand oder Gottes Thron oft

60 metaphorisch interpretiert wurden, weil sie sonst dogmatisch inakzeptabel gewesen wären.

Nicht grundsätzlich problematisiert, sondern allenfalls in Details diskutiert wurden hinge-

gen koranische Aussagen zu ethisch-rechtlichen Themenkomplexen wie der Polygamie, der

Sklaverei oder der Ungleichbehandlung von Frauen mit Bezug auf Ehe und Ehescheidung.

[...]

65 Die Mehrheit der heute verfügbaren Koranübersetzungen orientiert sich jedoch nach wie

vor an den Deutungsangeboten der vormodernen exegetischen Tradition. Dies gilt übrigens

auch für viele Übersetzungen aus der Feder nichtmuslimischer Orientalisten. Trotzdem sind

diese in deutschen Moscheen kaum zu finden [...]

Anders als etwa das Türkische, Persische oder Bengalische hat das Deutsche keine weit zu-

70 rückreichende muslimische Tradition des Redens über den Islam. Sein religiöses Vokabular

ist primär christlich geprägt und arm an arabischen Lehnwörtern. Heißt das, dass das arabi-

sche Wort Allah mit „Gott“ übersetzt werden sollte? Ist es angemessen, die Namen und Be-

nennungen von Bibelübersetzungen zu verwenden, also etwa Maria statt Maryam oder Midian

statt Madyan zu schreiben? Sollte man salat als „Gebet“ übersetzen, obwohl nichtmuslimi-

75 sche Deutsche damit eher ein Bitt- oder Dankgebet assoziieren dürften als ein rituelles

Pflichtgebet?

Diese Fragen – gerade diejenige nach dem Gottesnamen – stellen sich zum Teil auch in

mehrheitlich von Muslimen gesprochenen Sprachen, doch in einem nichtmuslimischen

Kontext gewinnen sie eine andere Bedeutung. Sie werfen Fragen nach Identität, Abgren-

80 zung und Anpassung auf, nach der Aneignung des Erbes der europäischen Orientalistik oder

dessen Ablehnung. Wo Orientalisten von Gott, Moses und Mekka schreiben, wählen die al-

lermeisten muslimischen Übersetzer die arabischen Termini Allah, Musa und Makkah. [...]

Koranübersetzungen haben im vergangenen Jahrhundert eine immense Aufwertung erfah-

ren als Medien, durch die zahllose Muslime unmittelbaren Zugang zum Wort Gottes erhal-

85 ten. Der Koran ist immer noch ein arabischer Text, aber im 20. und 21. Jahrhundert ist er

zugleich vielsprachig geworden.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Johanna Pink ist Islamwissenschaftlerin.

¹ Niederländisch-Indien: gemeint ist das heutige Indonesien

² häretisch (Adjektiv zu Häresie): von der offiziellen theologischen Meinung abweichend

³ Doktrin: Aussage mit dem Anspruch der Allgemeingÿltigkeit

⁴ semantisch (Adjektiv zu Semantik): Bedeutung, Inhalt (eines Wortes, Satzes oder Textes)

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung eigener konkreter Beispiele und auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern Koranübersetzungen gegenwärtig einen positiven Einfluss auf den intra- und interreligiösen Dialog haben können, und nehmen Sie dazu mit Begründung Stellung. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - 3: Dialog und Zusammenleben · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung eigener konkreter Beispiele und auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern Koranübersetzungen gegenwärtig einen positiven Einfluss auf den intra- und interreligiösen Dialog haben können, und nehmen Sie dazu mit Begründung Stellung.

Lösung: Individuelle Erörterung und begründete Stellungnahme gemäß den amtlichen Kriterien.

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