Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021

Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Ufuk Topkara

Die Verehrung des Propheten Muhammad in der islamischen Frömmigkeit

[...] Im Folgenden möchte ich mich aber auf die Essenz der islamischen Verehrung für den

Propheten konzentrieren.

Muhammad wird von den Muslimen zutiefst geliebt und verehrt. Es ist eine Liebe, die auf

einer Überzeugung, Reflektion und Einsicht in die Schönheit des prophetischen Charakters

5 ruht. Den Anfang für diese Verehrung und Liebe legt der Qur'an. In ihm wird die Bedeu-

tung des Propheten prägnant beschrieben. Muhammad ist eine Barmherzigkeit für die

Schöpfung (21:107), er hat einen tugendhaften Charakter (68:4), er ist ein schönes Vorbild

(33:21). Der Qur'an spricht davon, dass der Prophet für seine Gemeinde eine besondere

Liebe und Barmherzigkeit empfindet (9:128). Die Leiden seiner Gemeinde setzen ihm zu,

10 da er sich ihr uneigennützig und bedingungslos verbunden fühlt. Der Qur'an hält mit Blick

auf die Beziehung zu seiner Gemeinde fest, dass die Muslime sich selbstverständlich von

ihm abgewandt hätten, wenn er ihnen gegenüber kaltherzig und abweisend gewesen wäre

(3:159). Der Prophet ist in der Wahrnehmung der Muslime jemand, der in zwischen-

menschlichen Beziehungen stets dem Maßstab der Liebe, Zuneigung, und Rücksicht den

15 Vorrang gab, und dies zuerst in seinem eigenen Leben verwirklichte. Er vergab den Men-

schen, weil er sie liebte. Er betonte die Verantwortlichkeit des Menschen, achtete und

schützte aber dessen Würde und verteidigte dessen Freiheit. Dieses Vermächtnis ist es, das

es heute noch vermag, die Vorbildfunktion des Propheten immer wieder neu zu etablieren.

Die Qur'anstelle Sure 33 Vers 21 unterstreicht, welchem Zweck diese Vorbildfunktion

20 dient. Muhammad ist ein herausragendes Vorbild für alle, die nach Gott streben. Der Weg

zu Gott führt nach muslimischem Verständnis folglich über Muhammad (3:31). Es ist die-

ses Verständnis der Nähe Muhammads zu Gott, die die Muslime selber verwirklichen

möchten. Es ist die Verknüpfung von Gefolgschaft, Vertrauen, Zuneigung, Bewunderung,

die den Kern der muslimischen Bindung an den Propheten kennzeichnet.

25 Diese Bindung an den Propheten ist ihrem Wesen nach eine zutiefst emotionale, erfährt

aber ihre Rückkopplung in den Grundfesten des muslimischen Glaubens. Genährt wird

diese Bindung durch die Vergegenwärtigung der prophetischen Fürsorge für jeden einzel-

nen Gläubigen.

Die qur'anische Botschaft ist in ihrer Eindringlichkeit als eine Erinnerung formuliert wor-

30 den. Muslime werden im Qur'an immer wieder aufgefordert sich zu erinnern und zu besin-

nen (69:46; 73:19; 76:29). Die vom Qur'an vermittelte Kultur des Erinnerns trägt in ihrem

Wesen zugleich die Erinnerung an das Prophetentum als wiederkehrendes Motiv, durch die

die göttliche Botschaft in ihrer Vielfalt vermittelt wird (2:60; 14:35; 21:83; 38:17). Die

Teilhabe an dieser Kultur wird für die Adressaten des Qur'ans durch die Erinnerung an

35 Muhammad gewährleistet. Beide, der Qur'an wie der Prophet, sind daher unauflösbar mitei-

nander verbunden.

Wenn es darum geht, die Beziehung zwischen dem Propheten und dem Qur'an zu verste-

hen, ist es unabdingbar, das Verhältnis zwischen autoritativem 1 und autoritärem 2 Zugang zu

analysieren. Laut Qur'an ist es die Aufgabe des Propheten gewesen, die göttliche Botschaft

40 den Menschen zu überbringen (88:21). Die göttliche Botschaft und der in ihr enthaltene

göttliche Wille werden aber nicht auf autoritäre Weise vermittelt. Betrachten wir den

Qur'an, müsste uns sofort verständlich sein, was damit gemeint ist. Die systemische Offen-

heit des Qur'an ist ein eindeutiges Zeichen für die Pluralität der Zugänge zur göttlichen Of-

fenbarung und folgerichtig zu Gott. Unsere Suche nach Gott nimmt, nach muslimischem

45 Verständnis, in Form des Qur'an seinen Ausgangspunkt. Der Qur'an ist aber auch zugleich

ein Orientierungspunkt in der Suche. Von hier aus brechen die Muslime auf, um sich Gott

zu nähern. Dies geschieht aber wiederum unter dem Vorzeichen, dass es keine letztverbind-

liche, autoritäre Antwort auf unsere Suche gibt. Muslimische Gelehrte wie Hamid al-

Ghazali (gest. 1111), Fahr ad-Din ar-Razi (gest. 1210), oder Galal ad-Din al-Suyuti (gest.

50 1505) haben immer wieder betont, dass wenn Gott von uns eine letztverbindliche Antwort

erwartete, hätte er den Qur'an folgerichtig eindeutig formulieren müssen. Wir müssen viel-

mehr annehmen, dass der Qur'an eine autoritative Quelle darstellt, von dem ausgehend der

göttliche Wille gesucht und ergründet werden soll.

Die prophetische Botschaft ist konsequenterweise im Qur'an niedergelegt und wurde vom

55 Propheten in seiner Lebensphase umgesetzt. Sie handelt von Liebe, Gerechtigkeit, Fairness,

Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Mildtätigkeit usw. Uns Muslimen obliegt

nun die Aufgabe, diese Werte im Lichte des Qur'an zu ergründen und sie in unserem Leben

umzusetzen, genau wie der Prophet dies getan hat.

In der islamischen Tradition hat diese Suche ihren Niederschlag in der Unterscheidung zwi-

60 schen husn ( die Tugendhaftigkeit, die Schönheit oder das Schöne) und qubh ( das Verwerf-

liche, das Hässliche) gefunden. Das prophetische Beispiel lehrt uns der Tugendhaftigkeit,

der Schönheit nachzueifern und sich von dem Verwerflichen fern zu halten. Der Begriff des

Schönen ist ein Konzept der göttlichen Offenbarung. Der islamischen Tradition zufolge, hat

Muhammad Gott mit der Formel „Gott ist schön und liebt das Schöne“ beschrieben. Der

65 Prophet Muhammad hat diesen Anspruch in seinem Leben verwirklicht. Der Qur'an spricht

von ihm als einem, der der höchsten Tugend teilhaftig ist (68:4). Muhammad hat selber im-

mer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er seine Aufgabe in der Verwirklichung tugend-

haften Verhaltens sieht. Hierin liegt dann auch die große Sehnsucht der Muslime begründet.

Indem die Muslime dem prophetischen Beispiel folgen, möchten sie wie er der Tugend und

70 des Schönen teilhaftig werden. Der Prophet bekräftigt in einer Tradition, dass die Men-

schen mit denjenigen zusammen sein werden, die sie lieben. Einen Mann, der sich nach

dem Jenseits erkundigte, fragte der Prophet, was er seinerseits für das Jenseits vorbereitet

habe. Als der Fragende hierauf antwortete, dass er Gott und seinen Propheten aufrichtig

liebe, erwiderte der Prophet, dass er mit denen zusammen sein werde, die er liebt.

75 Hierin liegt auch die emotionale Nähe zum Propheten begründet. Der Prophet Muhammad

nimmt in der religiösen Wahrnehmung der Muslime eine singuläre Position ein. Nicht weil

er schlichtweg nach muslimischem Verständnis der letzte Gesandte Gottes ist, sondern weil

sein Leben und sein Wirken ein eindrucksvolles und unnachahmliches Beispiel für das

Streben nach dem Schönen, dem Göttlichen ist.

1 autoritativ: auf Ansehen beruhend

2 autoritär: unbedingten Gehorsam fordernd

(Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Ufuk Topkara ist islamischer Theologe.

2.

Entfalten Sie ethische Grundlegungen im Islam, die das Zusammenleben in den Blick nehmen, und setzen Sie diese mit der von Ufuk Topkara dargestellten Vorbildfunktion des Propheten Muhammad in Beziehung. [30 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter konkreter Beispiele, welche Möglichkeiten und Grenzen soziales Engagement aus islamischer Motivation in unserer Gesellschaft hat, und nehmen Sie begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie ethische Grundlegungen im Islam, die das Zusammenleben in den Blick nehmen, und setzen Sie diese mit der von Ufuk Topkara dargestellten Vorbildfunktion des Propheten Muhammad in Beziehung.

Lösung: Individuelle theologische Entfaltung und komparative Analyse gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.

3. Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter konkreter Beispiele, welche Möglichkeiten und Grenzen soziales Engagement aus islamischer Motivation in unserer Gesellschaft hat, und nehmen Sie begründet Stellung.

Lösung: Individuelle Erörterung und theologische Urteilsbildung gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.

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