Aufgabe 2 - 3: Islamische Ethik · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2023
Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Abdoljavad Falaturi
Wie ist menschliche Gotteserfahrung trotz des strengen islamischen Monotheismus möglich?
Eine menschliche Gotteserfahrung im Islam ist deshalb ein Problem, weil im allgemeinen
die islamischen philosophischen und theologischen Bücher den islamischen Gott in seiner
absoluten Einheit und Einzigkeit so über alle möglichen Seinskategorien hinausdenken und
ihn so von den Menschen trennen, daß nur einem philosophisch geschulten Menschen bes-
5 tenfalls eine abstrakte, rationale Gotteserfahrung ermöglicht wird, eine Art Erfahrung aber,
die jederzeit durch Erschütterung der Prämissen zusammenbrechen kann. [...]
[Ein] Problem ist schließlich die Gotteserfahrung auch deshalb, weil die Bezeichnung des
Islam als eine Gesetzesreligion den Menschen als dem Buchstaben des Gesetzes Unterwor-
fenen und Gott bestenfalls als einen gerechten und in diesem Sinne herzlosen, allgewalti-
10 gen, bezwingenden, zornigen, rachsüchtigen, von einer unberechenbaren Willkür geleiteten
Herrscher – als furchterregendes Ungeheuer – hinstellt, der auf die Ankunft des Jüngsten
Tages wartet, wo er endlich den Menschen zeigt, was er kann: Hölle für dich, du Abtrünni-
ger, und Paradies für dich, du Guter, du Braver. [...]
Eine Beschäftigung mit dem Koran zeigt, daß die Frage: „Wie ist menschliche Gotteserfah-
15 rung trotz des strengen islamischen Monotheismus möglich?“ nicht nur das Problem, son-
dern auch die Antwort darauf involviert: Eine menschliche Gotteserfahrung ist gerade des-
halb gewährleistet, weil es sich nach Muhammad um einen strengen Monotheismus, d. h.
um die Ausschaltung jeder Art von Mittler (Mensch, Natur, Prinzip usw.) zwischen Gott
und den Menschen handelt.
20 Wie ist dies zu verstehen?
Eine Erläuterung dafür ist möglich, wenn wir uns der Analyse der drei Begriffe zuwenden,
die der Ausdruck „menschliche Gotteserfahrung“ enthält: nämlich Gott, Mensch und Got-
teserfahrung. [...]
Die Aussage, Gott ist Licht von Himmel und Erde (des Weltalls) [...] [lässt] keinen Zweifel
25 darüber, daß es sich hier nicht um irgendeine Art Pantheismus handelt. Es ist auch nicht
etwa an eine weltimmanente Physis zu denken. Gott ist von der Welt getrennt und doch mit
ihr verbunden [...]. Darüber, wie diese Verbindung im einzelnen aussieht, geben Hunderte
von Koranversen Auskunft. Sie drücken aus, daß er der einzige Schöpfer von Himmel und
Erde und allem, was sich dazwischen befindet, ist. Er ist nicht nur Schöpfer von allem, was
30 existiert, er bringt darüber hinaus auch alle Geschehnisse, alle Ereignisse und alle Erschei-
nungen, die man sonst Menschen, Tieren, Pflanzen, Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wolken,
Wind, Regen, Tag, Nacht und mit einem Wort allen anderen Seienden zuschreibt, unmittel-
bar hervor. Alles geht auf seine Handlung und seine Wirkung zurück. Er ist also Licht von
alldem, was es außer ihm gibt, alles tritt durch sein Licht in Erscheinung. Er ist nicht die
35 Welt. Das gesamte Weltall ist aber mit allem, was sich darin befindet und ereignet, von ihm
durchdrungen. Er ist überall ohne räumlich zu sein. Er ist immer gegenwärtig, ohne zeitlich
zu sein (wenn man ihn und seine Handlung mit einer sukzessiven vergänglichen Zeit in Be-
ziehung setzt, so macht man sein Licht vergänglich).
Der Mensch als ein Teil des Weltalls ist ebenso ein Werk Gottes. Seine Zeugung, Geburt,
40 Kindheit, Jugend, sein Alter, Erwachen, Schlafen und alle seine anderen Handlungen gehen
auf Gott zurück. [...] Das bedeutet, daß auch der Mensch und seine Handlungen als ein Teil
des Weltalls nur durch das Licht, durch den immer gegenwärtigen, allein wirkenden Gott
zur Erscheinung kommen. [...]
Somit ist die Bezeichnung: abd (Diener) als Träger des Lichts, des Islam, und als Vollzie-
45 her desselben, die wichtigste koranische Bezeichnung für den Menschen, nicht für den
Menschen, wie er ist, sondern wie er nach dem göttlichen Erschaffungsplan sein soll.
Adam, Abraham, Moses, David, Salomon, Jesus und Muhammad waren alle abd (Diener),
aber ein richtiger abd. Sie gehörten zu denjenigen, die den Islam, die Hingabe, voll und
ganz verwirklicht haben. Die Verwirklichung dieser Hingabe geschieht aber nicht durch
50 leblose Handlungen wie Beten, Fasten, Almosengabe usw. und auch nicht dadurch, daß
man diesen oder jenen moralischen Wert verwirklicht; ein Vollzug der Hingabe ist viel-
mehr dann gewährleistet, wenn der Inhalt des von Gott herabgesandten Lichts nur in einer
auf Gott gerichteten reinen Absicht und Aufrichtigkeit (ihlas) verwirklicht wird.
Sich aufrichtig auf Gott einzustellen erstreckt sich nicht nur auf die rituellen Handlungen,
55 sondern auch auf alle menschlichen Handlungen (die man für eine bloße Befolgung der
Buchstaben des Gesetzes hält). Selbst Trinken, Essen, Schlafen, Gehen, Kaufen und alles,
was ein abd vollbringt, fallen darunter. Ein richtiger abd, der alles in einer auf Gott gerich-
teten Aufrichtigkeit vollbringt, steht damit nicht nur in einem direkten aktiven Kontakt (ei-
ner dementsprechenden Erfahrung) mit Gott, dem er seiner Entstehung und seinem Dasein
60 nach schicksalhaft verbunden ist, ein richtiger abd lebt darüber hinaus mit ihm (mit Gott).
Er strebt danach, in einem so nahen Kontakt – Wir „sind ihm (dem Menschen) näher als die
Halsschlagader“ – Gottes Wohlgefallen zu erwerben, dies als Ausdruck eines Dankes, den
nur der Mensch unter allen Seienden, als ein neben Gott allein handelnder und wirkender,
Gott entgegenbringen kann.
65 Nicht der Körper des Menschen, sondern seine Seele, davon aber nicht die ratio, sondern
das Herz ist es, welches die Stätte einer solchen ständigen Mensch-Gott-Beziehung, einer
Begegnung mit Gott als einer Gotteserfahrung ist; einer Gotteserfahrung, die weder als rati-
onal noch empirisch (z. B. in der Begegnung mit einer Person) zu bezeichnen ist. [...]
Das bedeutet: Das Dienen, die Verwirklichung des Islam, des Lichts, die in der Gotteser-
70 fahrung begründet ist, ist keine Erlösung von einem existentiellen schicksalhaften Übel.
Das ist vielmehr die Entfaltung dessen, was dem Menschen vom Schöpfer mitgegeben ist,
nämlich die Entfaltung des eigentlichen Kerns seines Daseins, d. h. die Entfaltung des in
ihm versteckten, verborgenen Beisammenseins mit Gott, die Entfaltung des Islam, die Ent-
faltung der Hingabe an einen einzigen Gott; eine Entfaltung, die in allen ihren Phasen eine
75 vollwertige Gotteserfahrung ist. [...]
Betrachtet man unter diesem Aspekt die Namen, Eigenschaften und Tätigkeiten, die der
Koran Gott zuschreibt, und die Beschaffenheiten, durch die der Mensch charakterisiert
wird, so sieht man, daß diese alle die wechselseitige Beziehung zwischen Gott und Mensch,
dem einzigen Geschöpf, dem die göttliche Liebe gilt, markieren: Liebe, Zorn, Lohn, Strafe,
80 Gnade usw. seitens des Schöpfers und Glaube, Unglaube, Gehorsam, Ungehorsam, Gutes,
Böses, Reue usw. seitens des Menschen. So oder so kann sich der Mensch nicht davon be-
freien, sich bejahend oder verneinend in einem Zustand ständiger Gotteserfahrung zu befin-
den, auch wenn er theoretisch oder praktisch Gott ablehnt. [...]
Abdoljavad Falaturi (1926 – 1996) war ein iranisch-deutscher Islamwissenschaftler.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Falaturi, Abdoljavad: Der Islam im Dialog, Köln 1985, S. 36 – 45.
Aufgabenstellung:
3.
Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Erarbeitungen und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern sich das Gottesbild des Islam auf den Dialog mit anderen Religionen oder Weltanschauungen auswirken kann, und nehmen Sie am Ende begründet Stellung. [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Erarbeitungen und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern sich das Gottesbild des Islam auf den Dialog mit anderen Religionen oder Weltanschauungen auswirken kann, und nehmen Sie am Ende begründet Stellung.
Lösung: Erwartet wird eine differenzierte Erörterung mit konkreten Beispielen zu Chancen und Grenzen des interreligiösen Dialogs sowie ein begründetes eigenes Urteil.
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