Aufgabe HT 3 - 3: Dialog und Zusammenleben · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Ahmad Milad Karimi

Muhammad als „Siegel der Prophetie“

Im Koran ist nicht selten von Propheten die Rede, also von spirituell herausgehobenen

Menschen, die von Gott berufen sind, den Menschen seine Botschaft zu verkünden und

auch gegen Widerstände auf deren Einhaltung hinzuwirken. Die arabische Bezeichnung für

Prophet ist nabi [...], und im Koran kommt das Wort Prophet 75-mal vor. Besondere Er-

5 wähnung finden u. a. die Propheten Noah, Abraham, Mose, David, Salamo, Jesus und

schließlich Muhammad. Es gibt, insgesamt gesehen, keine Rangunterschiede unter diesen

Propheten, aber jeder Prophet findet im Koran eine je eigene Würdigung: Abraham als Ur-

vater des reinen Glaubens, Mose als derjenige, mit dem Gott spricht, Jesus als der Prophet,

den Gott durch seinen Geist erschafft, etc. Das „Siegel“ der Prophetie – im Sinne der

10 Letztgültigkeit – bezieht sich dabei auf die Figur der Propheten und ist keine Aussage über

das Prophetische an sich.

Wenn Muhammad sich selber als Prophet versteht, ist dieses Selbstverständnis aus dem

Verständnis des Korans zu deuten. Der Inhalt seiner Prophetie legt zudem nahe, dass

Muhammad in einer bestimmten Tradition steht. Die Prophetie erwächst nach dem korani-

15 schen Verständnis aus einer genealogischen Bestimmung heraus (vgl. u. a. Koran 29,27).

Gott erwählt also nicht einen Propheten und dann einen anderen Propheten, sondern er er-

wählt eine Kette von Propheten, die genealogisch miteinander verbunden sind. Im Koran

sind drei Gruppen in diesem Sinne als erwählt benannt: das Geschlecht Abrahams (das vor-

mosaische Judentum), die Kinder Israels (das mosaische Judentum) und das Geschlecht Im-

20 rans (das nachjesuanische Judentum und Judenchristentum).

Ein weiteres Charakteristikum der Prophetie besteht darin, dass es Gott ist, der durch seine

Wahl einen Menschen als Propheten auszeichnet. Daher verweist die Bezeichnung der

Muslime als „Mohammedaner“ auf ein Grundmissverständnis: als wäre Muhammad der

Begründer einer neuen religiösen Gemeinschaft. Muhammad sieht die ihm anvertraute Of-

25 fenbarung nämlich als Bestätigung und zugleich Reformulierung eines alten Bundes, der

jetzt neu ist, insofern er nun ein universaler Bund Gottes mit allen Menschen ist. Muham-

mad fühlte sich nicht nur mit den erwähnten anderen Propheten, sondern zugleich auch mit

deren Religionsgemeinschaften verbunden, insofern sie nicht die für ihn zentrale Wahrheit

der universalen Zuwendung und der absoluten Einheit Gottes einschränken. Dass er seine

30 ihm von Gott anvertraute Sendung als für die gesamte Menschheit bestimmt versteht, soll

dazu führen, dass die Religionen nun ihre Streitigkeiten hinter sich lassen. Denn in Wahr-

heit, so die Überzeugung Muhammads, kommt es nicht auf die Bezeichnung an, sondern

auf den reinen Glauben. So ist im Koran zu lesen: „Und sie sagen: ‚Seid ihr Juden oder

Christen, dann werdet ihr rechtgeleitet.‘ Sag: ‚Nein! Zum Glauben Abrahams! Der war rei-

35 nen Glaubens und nicht einer, der neben Gott Anderes stellte‘“ (Koran 2, 135). Das soll

heißen: Muhammad, verliere dich nicht in Bezeichnungen wie „Juden“ oder „Christen“ und

den damit zusammenhängenden Streitigkeiten, sondern wende dich dem reinen Glauben

Abrahams zu. Denn er (Abraham) ist derjenige, der zugleich auch der jüdischen und christ-

lichen Gemeinschaft als Urvater des Glaubens gilt.

40 Wenn Muhammad sich den vor ihm wirkenden Propheten zutiefst verbunden weiß, heißt

das: Er sieht sich wie diese in intimster Weise von Gott in eine Verpflichtung (arab. misak)

genommen. Prophetie ist ihm nicht nur Auszeichnung durch Gott, sondern gleichzeitig

auch Verantwortung. Zwei Charakteristika kennzeichnen sein Prophetentum: Erstens ist er

passiv: rein und empfänglich als Gefäß göttlicher Offenbarung. Zweitens ist er aktiv und

45 gestaltend, indem er die Botschaft Gottes in der Welt zu verwirklichen versucht. Ein weite-

res wesentliches Kennzeichen der koranischen Prophetie ist in dem schon erwähnten Ge-

danken enthalten, dass die Propheten nicht von ihrer Gemeinschaft gewählt, sondern von

Gott erwählt sind: Aus der Mitte einer Gemeinschaft erwählt Gott einen Propheten, wie es

auch im alttestamentlichen Buch Deuteronomium 1 heißt (18,15). Erwählt sind sie aber nicht

50 nur für ein bestimmtes Volk, sondern für alle Menschen.

Den Muslimen gilt der Prophet als das normative Vorbild, dem man nachstreben soll, aber

auch als eine Instanz, die uneinholbar bleibt. Es ist unmöglich, sich selbst zum Propheten

zu küren; allein Gott erwählt seine Propheten, sie sind seine Boten. In diesem Sinne gilt der

Prophet Muhammad für das islamische Selbstverständnis als „Gesandter Gottes und Siegel

55 der Propheten“ (arab. rasul Allah wa-hatam an-nabiyin). Der Koran schließt also aus, dass

nach dem Propheten Muhammad andere Propheten erwählt werden mit neuen Offenbarun-

gen und Wundertaten (vgl. Koran 33,40). [...]

Das islamische Verständnis von Prophetie hat auch einen ethischen Aspekt, der mit der

Vorstellung von der Veredlung des Charakters einhergeht. Dem Propheten wird demnach

60 die Aufgabe anvertraut, mit seinem edlen Charakter die Menschen zum Besten zu führen.

Von dem Propheten Muhammad ist die Aussage überliefert: „Ich bin entsandt worden, um

euren Charakter zu vervollkommnen.“ Prophetische Handlungen sind dort anzutreffen, wo

Menschen den Inhalt der Prophetie verinnerlicht haben. Hierfür sind Tugenden maßgebend,

die den inneren Kern der Prophetie Muhammads und der Person des Propheten kennzeich-

65 nen: Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Liebe, Demut, Mildtätigkeit, Geduld

und Mäßigung sind ihre markantesten Säulen. [...]

Trotz zahlreicher Bemühungen, aus Biografien, schriftlich festgehaltenen Zeugnissen und

historischen Berichten die Gestalt des historischen Muhammad so präzise wie nur möglich

herauszuarbeiten, ist die Person des Propheten schon früh spirituell gedeutet und ausgelegt

70 worden, insbesondere als Arzt (tabib) und Freund (habib). Der „Muhammad des Glaubens“,

gleichviel, ob es um seinen Namen, seine Geburt oder seine Charakterzüge geht, hat im Le-

ben der Gläubigen eine eigene Wirkmächtigkeit gewonnen. Der Türkische Mystiker Yunus

Emre schreibt: „Die Welt war ganz in Licht getaucht zur Nacht von Muhammads Geburt!“

Muhammad als Prophet hat eindeutig einen spirituellen Auftrag; es geht ihm um den Geist

75 und die Geistigkeit der Menschen. Für die Muslime gilt er nicht nur deswegen als normativ,

weil er den Koran als göttliche Botschaft verkündet hat, sondern auch wegen der Weise,

wie er selbst als der „lebende Koran“ aufgetreten ist, indem er den Koran ausgelegt hat und

sich – göttlich inspiriert – für ein Leben im Sinne des Islam eingesetzt hat. Dabei geht es

für die Muslime nicht darum, seine Taten in blinder Buchstabentreue nachzuahmen. Es geht

80 vielmehr um die Prinzipien, aus denen sich seine Taten begründet haben.

1 Deuteronomium: fünftes der sogenannten fünf Bücher Mose in der hebräischen Bibel

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Ahmad Milad Karimi ist Professor für Kalam, islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster.

3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, welche Chancen und Grenzen der interreligiöse Dialog angesichts der im Islam vorherrschenden Vorbildfunktion des Propheten Muhammad bietet, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - 3: Dialog und Zusammenleben · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, welche Chancen und Grenzen der interreligiöse Dialog angesichts der im Islam vorherrschenden Vorbildfunktion des Propheten Muhammad bietet, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.

Lösung: Differenzierte Erörterung mit konkreten Beispielen zu Möglichkeiten und Grenzen des interreligiösen Dialogs auf Basis der Vorbildfunktion Muhammads, abgerundet durch eine begründete persönliche Stellungnahme.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 2 - 2 und 3: Ethische Grundlegungen und Zusamm… · GK · Haupttermin 2022 · Aufgabe HT 4 - 3: Leid und Zusammenleben · GK · Haupttermin 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog